Begegnungsreise 2012 nach Thailand und Kambodscha

Etwa 20 Personen stehen dicht beisammen vor einer niedrigen Mauer mit Bäumen im Hintergrund und posieren für ein Gruppenfoto.
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Begegnungsreise nach Thailand und Kambodscha vom 3. bis 18.11.2012

Ex oriente lux

Text: Ekkehard Launer 

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US-Präsident Obama kam nur wenige Tage nach uns dort an: in Südostasien. Die HeinrichBöll-Stiftung unterhält in dieser Region zwei Büros: eines in Bangkok (Jost Pachaly und Team) und eines in Phnom Penh (Manfred Hornung und Team). Thailand und Kambodscha waren Ziel der diesjährigen politischen Begegnungsreise der Freundinnen und Freunde der Stiftung. Vier Tage Bangkok, zehn Tage Kambodscha – Eindrücke und Erfahrungen aus einem intensiven asiatischen Crash-Kurs. 

Aufschwung 

Wer aus Berlin kommt, schaut am Flughafen Bangkok (wörtlich übersetzt: „Dorf im Pflaumenhain“, bekannter als „Stadt der Engel“) etwas betreten drein. Auf dem SuvarnabhumiFlughafen ahnt man die Dimensionen des asiatischen Aufschwungs. Bis zu 76 Starts und Landungen in der Stunde, 45 Millionen Passagiere im Jahr, ein Ausbau auf 100 Millionen Fluggäste bereits in Planung (Tegel fertigt im Jahr gerade mal 17 Millionen Passagiere ab). Suvarnabhumi, das heißt „Goldenes Land“. Wachstumsregion Südostasien. Zum Auftakt führt uns Jost Pachaly in die politische Landschaft Thailands und die Schwerpunkte des HBS-Büros in Bangkok ein. Klima, Medien, Myanmar – das sind die großen Themen des Regionalbüros in der Boomtown Bangkok. 

Myanmar

HBS Bangkok ist wirklich ein Regionalbüro, arbeitet also nicht nur in Thailand. Nach Myanmar wollen gerade alle Entwicklungsorganisationen, in Rangun zahlt man bereits astronomische Büromieten; niemand will als letzter ankommen. Rainer Einzenberger ist bei HBS Bangkok der Myanmar-Experte und informiert uns sachkundig über die dortigen Aktivitäten. 

Die Menschen in Myanmar sind arm, viele suchen ihr Glück im Ausland. In Thailand arbeiten schätzungsweise drei Millionen Birmaner. Im früheren Birma (englisch Burma) werden nur 25 % der Menschen vom Stromnetz erreicht. Manchmal aber hat das auch politische Gründe: Eine birmanische Studentin, die von HBS mit einem Stipendium für Bangkok gefördert wird, erzählt uns, dass ihre Universität in Rangun weit vor die Tore der Stadt verlegt worden ist, ohne Strom - offenbar um Unruhen zu verhindern. Ihren Bachelor haben alle Stipendiaten dort irgendwie abgeschlossen, und jetzt ackern sie mit großem Einsatz in Bangkok, um international Anschluss zu finden. Und alle wollen sie voller Enthusiasmus wieder zurück nach Hause, das Land aufbauen. („Myanmar starts opening up, we are closing down“, wird eine Oppositionspolitikerin in Phnom Penh einige Tage später seufzen.)

Klima/Umwelt 

Umweltschutz ist natürlich auch ein länderübergreifendes Thema. Auf einem Symposion der HBS im September wird dies deutlich: Auswirkungen des Klimawandels spüren vietnamesische Fischer am Mekong-Fluss, thailändische Bauern müssen ihre Anbaumethoden an unvorhergesehene Regenfälle anpassen, in Myanmar richten Stürme verheerende Schäden an, der Anstieg des Meeresspiegels erschwert die Reisernte in Indonesien, und in Kambodscha verlieren Bauern durch vorher unbekannte Dürren große Teile ihrer Ernte.

Ein atomarer Fallout lässt sich durch Landesgrenzen ebenfalls nicht aufhalten. Obwohl Japan so nah liegt, hat der Atomunfall von Fukushima den Kernkraftgegnern in Thailand aber kaum Auftrieb gegeben. Vor Fukushima hatte Thailand fünf Atomreaktoren geplant, jetzt sind es immer noch vier. 

Von Umweltschützern wie Srisuwan Kuankachorn von TERRA (Towards Ecological Recovery and Regional Alliance), der ins HBS-Büro gekommen ist, werden viele Damm-Projekte, die auch länderübergreifend sind, heftig kritisiert: Laos sieht sich als „Batterie von Asien“ und will seinen dadurch gewonnenen Strom weitgehend exportieren; Thailand wird dann Hauptnutznießer sein. Der Xayaburi-Damm in Laos - die Bauarbeiten haben in diesem November begonnen - und elf weitere geplante Dämme am Mekong werden sich staatenübergreifend auf die Lebensumstände von 60 Millionen Menschen auswirken. Fischer und Reisbauern unterhalb der Dämme fürchten um ihre Lebensgrundlage; ihre Proteste sind bisher ungehört verhallt. Jeder Staat verfolgt hier seine eigenen Interessen; die Zusammenarbeit der Anrainerstaaten über die Mekong River Commission steckt noch in den Anfängen. 

Wichtigste Energiequelle Thailands (76 %) ist Gas, erneuerbare Energien machen bislang nur fünf Prozent der Energiegewinnung aus. Umwelt-Aktivisten sind ziemlich enttäuscht, Jost Pachaly verweist aber darauf, dass Thailand bereits ein Energieeinspeisungsgesetz hat und die Regierung offen für Beratung ist. 

Umweltschützer wie Kuankachorn sind da deutlich skeptischer. Im HBS-Büro zieht er desillusioniert Bilanz. 45 % der Energie wird in Bangkok verbraucht, da verhalte man sich so unvernünftig wie New York. 80.000 Fabriken gibt es in der Hauptstadt-Region, und an die – ganz guten – Abwasser-Vorschriften dürften sich, so schätzt er, gerade einmal zehn Prozent halten. Bangkok ohne Korruption – unvorstellbar. Und Aufklärung durch Medien? Hoffnungslos. 

Dann – es ist Mittwoch, 11.30 Uhr Ortszeit in Bangkok - wird in Washington Obamas Sieg verkündet. Der Tag ist gelaufen, unsere Reisegruppe kann sich wieder auf Südostasien konzentrieren.

Stadtplanung & Architektur 

„Eine Stadtplanung gibt es hier nicht“, stöhnen Experten in Bangkok. Die Stadt wuchert vor sich hin, in der Metropolregion leben mehr als 14 Millionen Menschen – soviel wie in ganz Kambodscha. Der innerhalb von einem Jahrzehnt aus dem Boden gestampfte Skytrain, eine Stadtbahn auf Stelzen, und die U-Bahn kommen mittlerweile auf ein Streckennetz von 28 bzw. 21 Kilometer, immerhin ein Anfang für den öffentlichen Nahverkehr; das Verkehrschaos auf den Straßen aber kann das nicht verhindern. 

Was Planung und angepasste Architektur in den Tropen heißt, bekommen wir Tage später bei einem Architekturrundgang in Phnom Penh gezeigt. Yam Sokly, ein junger Architekt, führt uns dort zu Gebäuden im Bauhaus-Stil des heute vergessenen kambodschanischen Architekten Vann Molyvann, der in Paris bei Le Corbusier studiert hatte und vor einem halben Jahrhundert in der Hauptstadt fast 100 Bauprojekte verwirklichen konnte. Unter ihnen ist der imposante National Sports Complex (das Stadion hat 84.000 Plätze!). Bei der Qualifikation zur FußballWeltmeisterschaft 1966 spielte hier Australien gegen Nordkorea, weil sich die Länder wegen der Isolierung Nordkoreas auf den neutralen Austragungsort Kambodscha geeinigt hatten – und Präsident Sihanouk organisierte, dass die eine Hälfte der Zuschauer für Australien und die andere für Nordkorea jubelte. Und im selben Jahr forderte der französische Staatspräsident de Gaulle hier die USA auf, sich aus Vietnam zurückzuziehen (http://www.youtube.com/watch?v=IBaAo754d5c). Vanns früheres Teachers Training College - heute Institute of Languages – kam ohne Aircondition aus, nutzte Freiflächen zur Belüftung und Bepflanzung zur Kühlung. Vieles ist durch Anbauten heute zunichte gemacht, und das alles lernen junge Architekturstudenten nicht mehr, bedauert Yam Sokly. Die „Khmer Architecture Tours“ gibt es seit 2003 – eine Privatinitiative, damit die kambodschanische Architektur nicht in Vergessenheit gerät. Der 1926 geborene Vann lebt übrigens seit 1993 wieder in Phnom Penh und ist Ehrenvorsitzender der „Khmer Architecture Tours“. Eine inspirierende Führung! (http://www.ka-tours.org

Repression 

Die Zeit der Roten Khmer verbrachte Vann Mollyvann im Exil in der Schweiz. „Drei Jahre, acht Monate und 21 Tage“ - viele in Kambodscha wissen noch genau, wie lange die Terrorherrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 währte. Geredet darüber wird nicht viel, das Land ist von dieser Schreckenszeit aber immer noch geprägt. 

Mitten in Phnom Penh liegt Tuol Sleng, eine alte Schule, die den Roten Khmer als Foltergefängnis diente. Heute ist das Gefängnis S21 ein Museum, das vor allem Ausländer wie wir besuchen. Hier wurden absurde Geständnisse erpresst und mehr als 12.000 Menschen ermordet, nur sieben Menschen haben die Gefängnis-Torturen überlebt. Für die Opfer der Roten Khmer ist bislang wenig bis nichts getan worden. Über die eigene Geschichte wird viel geschwiegen unter Ministerpräsident Hun Sen, der seit 1985 regiert und früher selbst einmal Kommandeur der Roten Khmer war. Das seit 2006 arbeitende Khmer-Rouge-Tribunal (offiziell Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia, ein hybrider Strafgerichtshof aus kambodschanischen und internationalen Richtern) hat dies nur wenig geändert; es wird von der Regierung Hun Sen immer wieder ausgebremst. Bislang ist nur der Prozess gegen den Leiter von S21 abgeschlossen, ein zweiter – vermutlich der letzte – dümpelt vor sich hin (vgl. die bittere Bilanz von Stéphanie Giry in der „New York Review of Books“: „Necessary Scapegoats? The Making of the Khmer Rouge Tribunal“; http://www.nybooks.com/blogs/nyrblog/2012/jul/23/necessaryscapegoats-khmer-rouge-tribunal/).

Unser Reiseführer 

Wat war 15, als Phnom Penh von den Roten Khmer eingenommen wurde. Am Schluss der Reise erzählt er von seinen Erlebnissen. Wats Vater war Lehrer; er meldete sich, als die neuen Machthaber Lehrer suchten. Es war sein Todesurteil: Der neue Bauernstaat wollte die alten Intellektuellen ausrotten. Phnom Penh war binnen weniger Tage menschenleer, Wat und seine Mutter wurden aufs Land verbannt. Im Lager herrschte bald Hunger, man dachte immer nur ans Essen, sagt Wat. Eines Tages sah er die Leiche eines kleinen Mädchens im Fluss vorbeitreiben; in den gefesselten Händen hielt es eine Mango - die Mango, die sie zu stehlen versucht hatte. Ein Bild, das Wat nicht vergessen wird. Aus seinem Dorf überleben nur vier Menschen die Zeit der Roten Khmer. Was muss das für ein Gefühl für die Opfer sein, RoteKhmer-Mitglieder weiter in der Regierung sehen? „Ich hasse die Roten Khmer“, sagt Wat unvermittelt – ein seltener Gefühlsausbruch bei den immer so freundlichen Kambodschanern. 

Sklaverei 

Eine andere Form der Repression, die für uns Geschichte ist und in Asien doch immer noch zum Alltag gehört, erfahren wir nebenbei im HBS-Büro von Manfred Hornung in Phnom Penh: die Geschichte von Prum Vannak, die der junge Kambodschaner selbst als Cartoon aufgezeichnet hat (http://www.rfa.org/english/news/special/HumanTrafficking/vannak.html). 

Um Geld für die anstehende Geburt seines Kindes zu verdienen, verlässt Vannak seine hochschwangere Frau, um in der Nähe der Grenze Arbeit in der Landwirtschaft zu finden. Er wird jedoch über die Grenze nach Thailand geschmuggelt und dort als Sklave an ein Fischerboot verkauft. Wer an Bord aufmuckt, wird umgebracht. Vor Malaysia gelingt es Vannak, zu fliehen. Er meldet sich bei der Polizei, will zurück nach Kambodscha – aber ein korrupter Polizist verkauft ihn weiter an einen Chinesen, zur Arbeit auf einer Palmölplantage. Als er dort bei einer Messerstecherei verletzt wird, kommt er ins Gefängnis, wo Manfred Hornung ihn entdeckt. Manfred arbeitet damals für LICADHO, eine kambodschanische Menschenrechtsorganisation, und bekommt Vannak im Mai 2010 frei. Vier Jahre war Vannak versklavt, für einen Fernsehbericht erzählt er seine Geschichte (http://www.rfa.org/english/video?param=value&storyId=HT6-BeyondBorders). Vannak ist kein Einzelfall: Experten schätzen, dass sich jedes Jahr weit mehr als Hunderttausend Kambodschaner aus den armen Regionen auf der Suche nach Arbeit in die Nachbarländer aufmachen. Landkonzessionen In der Hauptstadt dagegen spüren wir ein wenig Goldgräber-Stimmung. Es wird viel gebaut, Ausländer sind schon am frühen Morgen in der Hotellobby geschäftig, Touristen haben das Land entdeckt. Kambodscha kann jedes Jahr ein solides Wirtschaftswachstum vorweisen, Investoren aus Asien suchen von dem kleinen Boom zu profitieren. Ob viel von den Gewinnen im Land bleibt, darf bezweifelt werden, und die Bevölkerung scheint die Regierung Hun Sen bei der Ausbeutung der Ressourcen eher zu stören. Sie hat privaten Konzessionären große Gebiete zur wirtschaftlichen Entwicklung übertragen – NGO-Organisationen schätzen, dass mehr als 400.000 Kambodschaner davon betroffen sind. Sie werden in der Regel vertrieben oder umgesiedelt. Mittlerweile umfasst das Konzessionsgebiet nach Berechnungen der Menschenrechtsorganisation LICADHO mehr als zwei Millionen Hektar Land – das ist mehr als die Hälfte der gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Kambodschas. Die „hohen menschlichen Kosten“ dieser Politik hat im Sommer auch der UN-Sonderberichterstatter zur Situation der Menschenrechte in Kambodscha, Subedi, in einem umfangreichen Bericht kritisiert (http://www.ohchr.org/Documents/HRBodies/HRCouncil/RegularSession/Sessio…). Ein Beispiel aus der Hauptstadt erleben wir hautnah. Auf der Landkarte, die die Deutsche Botschaft uns gegeben hat, ist der Boeung Kak-See noch eingezeichnet: ein rund 90 Hektar großes Erholungsgebiet in der Nähe des Stadtzentrums, beliebt nicht nur bei Kambodschanern, sondern auch bei den Rucksacktouristen, die dort billige Quartiere vorfinden. Heute ist dieser See fast ganz verschwunden, mit Sand zugeschüttet. Die schmächtige und zunächst sehr schüchtern wirkende Tap Vanuy wird lebhaft, als sie uns bei einem Rundgang durch die Sandwüste vom Schicksal ihres Dorfes und des Sees erzählt. 4.000 Familien lebten in diesem Gebiet. 2007 verkaufte die Regierung die Landrechte an die Firma Shukaku. Sie gehört chinesischen Investoren und einem Senator mit exzellenten politischen Verbindungen und will dort Luxuswohnungen, Büros und Geschäfte bauen; Shukaku verspricht Entwicklung und Fortschritt. Der See und die Menschen rundherum sind dabei im Weg. Heute ist der See bereits zugeschüttet, mehr als 3.000 Familien sind bereits vertrieben, umgesiedelt.


Die Begegnungsreise 2012 führte die Freundinnen und Freunde bis nach Asien, wo die Gruppe durch das Regionalbüro Südostasien und das Länderbüro Kambodscha in ihre Arbeit eingeführt wurde. 

In vier äußerst intensiven Tagen in Bangkok und zehn in Kambodscha traf die Gruppe mit Aktivist/innen, Politiker/innen, Botschaftern und Botschaftsangehörigen, Partner/innen der Heinrich-Böll-Stiftung und ihren Mitarbeiter/innen zusammen, die vielfältige Einblicke in die komplexen Strukturen Thailands, Myanmars und Kambodschas und in aktuelle Probleme der Region ermöglicht haben: von Umweltschutz und Verteilungsfragen in der Mekong-Region angefangen, bis hin zu den hochaktuellen und bestürzenden Problemen mit Landgrabbing in Kambodscha. 

Neben der thailändischen Hauptstadt besuchte die Gruppe Phnom Penh, bereiste den Nordosten Kambodschas mit Stationen in der Provinz Mondulkiri und Kratie sowie zum Abschluss Siem Reap mit den Tempelanlagen von Angkor.

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