Molkereien & Fleischkonzerne gegen die Klimapolitik

Atlas

Fleisch- und Molkereikonzerne kämpfen mit ähnlichen Mitteln wie die Fossilindustrie gegen Klimapolitik. Ihre Lobbyarbeit und der politische Backlash blockieren den Versuch zahlreicher Staaten, die Konzerne für ihr klimaschädliches Geschäftsmodell in die Verantwortung zu nehmen.

Weltkarte mit den größten Fleisch- und Milchkonzernen nach Umsatz im Jahr 2024. Große Kreise zeigen Umsätze in Milliarden US-Dollar, dunkle Wolken die Emissionen in Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Besonders hohe Emissionen und Umsätze weisen Konzerne wie JBS, Cargill und Nestlé auf.
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Eine Milliarde Tonnen Treibhausgase pro Jahr: Wären die 45 größten Fleisch- und Molkereikonzerne ein Staat, wären sie der neuntgrößte Emittent weltweit

Wegen ihrer Marktmacht werden die mächtigsten Fleisch- und Molkereikonzerne der Welt oft Big Meat und Big Dairy genannt. Gemeinsam stoßen die fünf größten so viele Emissionen aus wie die fossilen Energieriesen BP oder Shell. Häufig stehlen sie sich dafür aus der Verantwortung: Genau wie Big Oil üben Big Meat und Big Dairy erheblichen politischen Einfluss aus. Studien konnten nachweisen, wie Fleisch- und Molkereikonzerne Millionensummen für Lobbyarbeit gegen Klimagesetze ausgeben und durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit den Beitrag der Tierhaltung zur Klimakrise herunterspielen.

In der Europäischen Union (EU) lobbyieren die Branchen vor allem bei den konservativen und rechten Fraktionen im EU-Parlament mit ihrer Forderung nach Bürokratieabbau. Dahinter verbirgt sich häufig der Versuch, Umweltauflagen abzuwehren. Damit ist die Lobby erfolgreich: Gesetze, die eigentlich den Weg zu einem nachhaltigeren Ernährungssystem ebnen sollten, werden blockiert. Und bei der neuen EU-Reform der Richtlinie über Industrieemissionen wurde die Massentierhaltung von Rindern ausgenommen, für die strengere Auflagen nun nicht gelten sollen. Die Lobbyverbände der Agrarindustrie verlangen außerdem noch mehr Subventionen, obwohl bereits über 80 Prozent der EU-Agrarzuschüsse in Viehhaltung oder Futtermittel fließen. Diese Sektoren verursachen 84 Prozent der lebensmittelbedingten Treibhausgasemissionen in der EU. Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen fordern daher schon lange, dass die Subventionen im Sinne des Gemeinwohls umverteilt werden und die EU neue Regeln für faire Preise aufstellt. Ein Vorbild dafür kann Spanien sein. Dort sind Schlachthöfe und Molkereien seit Kurzem verpflichtet, kostendeckende Erzeugerpreise zu zahlen. Dadurch haben Landwirt*innen mehr Spielraum, um in Tierwohl zu investieren und faire Arbeitsbedingungen zu ermöglichen.

Balkendiagramm zu Treibhausgasemissionen verschiedener Lebensmittel pro Kilogramm. Pflanzliche Produkte wie Kartoffeln und Tofu verursachen sehr geringe Emissionen, während Rind-, Lamm- und Ziegenfleisch die höchsten Emissionen aufweisen, vor allem durch Methan aus der Tierhaltung.
Methan wird als Treiber der Klimakrise oft übersehen: Nur 2 Prozent der weltweiten Gelder für Klimaschutz dienen dazu, Methanemissionen zu reduzieren

In Deutschland verursacht die landwirtschaftliche Tierhaltung rund 70 Prozent der Treibhausgasemissionen des Agrarsektors. In den 2000er-Jahren konnte die hiesige Fleischindustrie ein starkes Wachstum verzeichnen, nachdem Bund und Länder Umweltgesetze aufgeweicht, Kontrollen reduziert und Milliarden an Subventionen in neue Ställe gelenkt hatten. Recherchen legen nahe, dass deutsche Fleischkonzerne wie Tönnies, Westfleisch und Rothkötter möglicherweise das Lieferkettengesetz missachten. Der Vorwurf: Sie geben ihren Tieren Futter aus Soja, das in Verbindung steht mit Menschenrechtsverletzungen und Landkonflikten in der brasilianischen Cerrado-Region – der artenreichsten Savanne der Welt.

Den großen Fleisch- und Molkereikonzernen kommt zugute, dass sie nicht lückenlos veröffentlichen müssen, wie viele Emissionen sie verursachen. Fehlende Standardisierung beim Berichtswesen ist ein zentrales Hindernis für Transparenz: Ohne konsistente Daten ist es kaum möglich, die Klimabilanz von Konzernen zu überprüfen. Informationen liegen oft nur verstreut vor. Sie beruhen häufig auf freiwilligen Angaben und unterscheiden sich stark je nach Konzern und Messmethode.

Weltweit suchen die Konzerne nach Wegen, Kapital einzuwerben und gleichzeitig Transparenzregeln zu umgehen. Ein Beispiel ist der brasilianische Fleischgigant JBS. Fast zehn Jahre lang blockierte die US-Börsenaufsicht den Börsengang von JBS in New York, unter anderem wegen Verstößen gegen Arbeitsschutzgesetze und der Rolle des Konzerns in verschiedenen Korruptionsskandalen. Hochrangige Manager von JBS wurden in den letzten Jahren zu Haftstrafen verurteilt. JBS hält seinen politischen Einfluss trotzdem aufrecht. Pilgrim’s Pride, ein US-amerikanisches Tochterunternehmen von JBS, spendete 5 Millionen US-Dollar zur Amtseinführung von Donald Trump 2025 – mehr als zahlreiche große Tech-Konzerne zusammen. Kurz darauf wurde JBS an der Börse gelistet.

Die Europäische Kommission und die Regierungen zahlreicher Länder haben mittlerweile begonnen, die Transparenzlücken mit Berichtspflichten zu schließen. Viele der Regelungen klammern jedoch indirekte Emissionen entlang der Lieferkette aus. Diese sogenannten Scope-3-Emissionen umfassen alle Treibhausgase über den Lebenszyklus eines Produkts, von der Futtermittelproduktion bis zum Transport, und machen den größten Anteil der Gesamtemissionen aus.

Auch durch den politischen Backlash wird es immer schwieriger, Konzerne in die Verantwortung zu nehmen. Die USA haben nach der Amtsübernahme von Präsident Trump Klimavorgaben für Konzerne außer Kraft gesetzt. Und die EU arbeitet aktuell an einer Entschärfung der Berichtspflichten. Einige Fleisch- und Molkereikonzerne veröffentlichen inzwischen zwar mehr Emissionsdaten als früher, doch es bleiben große Lücken. Während Emissionen durch Stromverbrauch oder Verarbeitung meist offengelegt werden, hinkt die Offenlegung der deutlich größeren Emissionen aus der Fleisch- und Milchproduktion weit hinterher. Manche Unternehmen haben bis heute keine Daten veröffentlicht oder ihre Berichtsprogramme kürzlich eingestellt.

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