Viele Konzerne vermarkten ihre hochverarbeiteten Bonbons, Kekse und Schokoladen gezielt an Kinder. Das bringt ihnen schnelles Geld – und den Kindern langfristige Folgen für ihre Gesundheit. In Deutschland bleibt die Politik bislang tatenlos, während viele andere Länder längst strengere Regeln für die Industrie eingeführt haben.
Was auf unseren Tellern liegt, ist oft nicht das, was wissenschaftlich als gesunde Nahrung gilt. So sollten Erwachsene nach den aktuellen Empfehlungen höchstens ein Drittel so viel Fleisch essen, wie sie es derzeit im Durchschnitt tun. Kinder verzehren nur halb so viel Obst und Gemüse wie empfohlen und essen doppelt so viele Süßigkeiten wie maximal ratsam. Das ist deshalb besonders problematisch, weil wir in jungen Jahren unsere Essgewohnheiten entwickeln. Wer früh zu viel Zucker und ungesunde Fette konsumiert, behält diese Vorliebe oft ein Leben lang, mit entsprechenden Folgen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) führt jeden siebten Todesfall in Deutschland auf ungesunde Ernährung zurück. Pro Jahr betragen die gesellschaftlichen Folgekosten allein für Adipositas, die durch ein Zusammenspiel von Ernährung und anderen Faktoren entstehen kann, mehr als 60 Milliarden Euro.
Trotzdem oder gerade deswegen: Das Bewusstsein für gesunde Ernährung steigt seit Jahren. Sie genießt in der Bevölkerung einen immer größeren Stellenwert. Dass sich das nicht immer auf unseren Tellern widerspiegelt, ist im Interesse der Industrie. Studien zeigen: Vor allem Konzerne, die hochverarbeitete Produkte wie Süßwaren herstellen, sind hochgradig finanzialisiert, also stark darauf ausgerichtet, kurzfristig hohe Gewinne für Investoren zu generieren, statt langfristig eine nachhaltige Produktion zu gewährleisten. Im Verhältnis zu ihren Gesamteinnahmen schütten sie daher deutlich mehr Geld an Aktionär*innen aus als andere Konzerne der Lebensmittelbranche. Das Geschäft mit dem Zucker eignet sich besonders gut, um kurzfristige Gewinne und hohe Dividenden zu erzielen – Süßigkeiten lassen sich billig produzieren und teuer verkaufen. Entsprechend große Summen investieren die Konzerne in Werbung. Sie wenden sich auch an Kinder, die am leichtesten zu beeinflussende Gruppe. Metastudien belegen, dass Kinder, die solcher Werbung ausgesetzt waren, mehr dieser Lebensmittel zu sich nehmen, sich insgesamt weniger ausgewogen ernähren und ein höheres Risiko haben, an Adipositas zu erkranken. Aktuell sind 15 Prozent der Kinder zwischen 3 und 17 Jahren in Deutschland übergewichtig, knapp ein Drittel davon gilt als adipös.
In Deutschland wird seit Jahren diskutiert, wie Kinder und Jugendliche vor Produkten mit zu viel Fett, Salz und Zucker geschützt werden können. Im Jahr 2023 brachte die damalige Bundesregierung ein Gesetzesvorhaben auf den Weg, das Werbung für ungesunde Produkte stärker regulieren sollte. Es scheiterte letztlich am Widerstand der FDP und am Lobbydruck der Industrie. Die aktuelle Bundesregierung setzt bislang ausschließlich auf den guten Willen der Konzerne.
Ein Beispiel dafür ist die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie: Sie wurde bereits 2018 mit dem Ziel verkündet, Zucker-, Salz- und Fettgehalt in Fertigprodukten durch freiwillige Verpflichtungen zu senken, vor allem bei Produkten, die gezielt Kinder ansprechen. Wirkung gezeigt hat die Strategie bislang kaum. Ein anderes Beispiel ist der Deutsche Werberat. Als Selbstkontrollorgan der Werbebranche formuliert er zum Beispiel Grundsätze für Werbung, die sich an Kinder richtet. Er wird nur auf Beschwerden hin aktiv und spricht lediglich Rügen aus, die häufig folgenlos bleiben. Und auf Ebene der Europäischen Union (EU) haben sich Lebensmittelunternehmen zu einer Initiative zusammengeschlossen, dem sogenannten EU-Pledge: Produkte, die gezielt an Kinder vermarktet werden, sollen bestimmte Nährwertkriterien erfüllen. Auch hier lassen sich größere Erfolge bislang nicht erkennen – die Empfehlungen des EU-Pledge sind unverbindlich und außerdem weniger streng als etwa jene der Weltgesundheitsorganisation WHO.
Die Tatenlosigkeit der Politik ist auch deshalb erstaunlich, weil längst eine Mehrheit der Bevölkerung hinter der Forderung nach strengeren Regeln für die Industrie steht. Laut einer Umfrage der Verbraucherzentrale sprechen sich neun von zehn Menschen in Deutschland für strengere Werbebeschränkungen für an Kinder gerichtete Produkte mit hohem Zucker-, Fett- oder Salzgehalt aus. Und 79 Prozent befürworten eine Abgabe auf stark zuckerhaltige Getränke, um Hersteller zu motivieren, den Zuckergehalt zu reduzieren.
Die Bundesregierung steht nun in der Pflicht, mit einer gestaltenden Ernährungspolitik dazu beizutragen, dass die gesunde Wahl, die weite Teile der Bevölkerung begrüßen, auch die einfache Wahl wird. Großbritannien macht vor, wie das geht: Dort hat eine Süßgetränke-Abgabe den Zuckergehalt von Softdrinks um 30 Prozent senken können. Die Liste der Staaten weltweit wird immer länger, die an Kinder gerichtete Vermarktung für ungesunde Produkte stark einschränken und verbindliche Qualitätsstandards für die Kita- und Schulverpflegung einführen. Und auch auf EU-Ebene ist mittlerweile Bewegung zu beobachten: Im Oktober 2025 hat der Gesundheitskommissar seine Offenheit für die Besteuerung hochverarbeiteter Lebensmittel signalisiert.