Pestizide: In der EU verboten, von Konzernen exportiert

Deutsche Konzerne exportieren in der EU nicht zugelassene Pestizide dorthin, wo es an Schutz für Gesundheit und Umwelt mangelt. Für Bayer, BASF, Alzchem & Co ist das ein lukratives Geschäft – und für viele Menschen im Globalen Süden hat es dramatische Folgen.

Weltkarte zu genehmigten Exporten von in der EU verbotenen Pestiziden durch deutsche Konzerne im Jahr 2024. Die größten Mengen gehen nach Nord- und Südamerika sowie nach Asien. Hauptakteure sind BASF, Bayer und Alzchem, mit besonders hohen Exportmengen von BASF.
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Rund 60 Prozent der 2024 aus der EU exportierten 122.000 Tonnen Pestizide, die in Europa verboten sind, gehen in Länder mit geringem Einkommen

Pestizide werden auf der ganzen Welt gehandelt. Ihre Regulierung endet jedoch häufig an nationalen Grenzen: Von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent unterscheiden sich die Gesetze für Zulassung, Verkauf, Anwendung sowie maximal zulässige Rückstandskonzentrationen. Konzerne nutzen daher immer wieder abweichende Schutzstandards sowie gesetzliche und regulatorische Lücken, um ihr Milliardengeschäft aufrechtzuerhalten.

Ein Beispiel für solche Lücken: die Pestizidverordnung der Europäischen Union (EU). Sie verlangt für jedes Pestizid eine regelmäßige Risikoprüfung. Was besonders gefährlich ist und Föten schädigen, Krebs verursachen oder Gewässer sehr stark belasten könnte, darf hier nicht mehr auf dem Feld landen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Substanz damit aus dem Verkehr gezogen wäre. Denn auch wenn Pestizide in der EU nicht zugelassen oder vom Markt genommen wurden, dürfen die Konzerne sie weiterhin hier produzieren – und in Länder außerhalb Europas verkaufen. Im Jahr 2024 hat die EU den Export von 122.000 Tonnen Pestizide erlaubt, die als so problematisch für die Gesundheit oder Umwelt gelten, dass sie innerhalb der EU verboten sind. Zwischen 2018 und 2024 hat sich die Ausfuhr verbotener Pestizide aus der EU mehr als verdoppelt. Wie ein Bumerang landen viele der hochgefährlichen Pestizide wieder auf europäischen Tellern – als Rückstände auf importierten Lebensmitteln.

Balkendiagramm zum Anteil von 2023 in die EU importierten Produkten mit Spuren verbotener Pestizide. Am häufigsten betroffen sind Papayas (55 %), Bananen (44 %) und Teegetränke (41 %), gefolgt von Gewürzen, Sojaöl, Reis und Kräutern mit rund 30 bis 40 Prozent.
Nahezu jede zehnte EU-Lebensmittelprobe enthält verbotene Pestizide. Manche Substanz steht im Verdacht, Krebs oder Unfruchtbarkeit zu verursachen

Die Vereinten Nationen (UNO) kritisieren, dass Pestizide in Ländern des Globalen Südens für Arbeiter*innen, Verbraucher*innen und die Umwelt sogar noch deutlich problematischer sein können, als sie es in der EU wären. Oft fehlen dort Gesetze, die zum Beispiel Rückstandshöchstmengen regeln. Behörden informieren die Bevölkerung kaum über die Risiken der Wirkstoffe. Bäuer*innen und Arbeiter*innen werden durch Pestizidkonzerne und Vorgesetzte schlecht oder gar nicht geschult – und verfügen selten über vorgeschriebene Schutzkleidung. In manchen Fällen werden gefährliche Substanzen vor dem Verkauf umgefüllt, neu etikettiert oder sind nur mit Warnhinweisen in einer Sprache versehen, die die Anwender*innen kaum oder gar nicht verstehen.

Deutsche Konzerne haben im Jahr 2024 fast 50.000 Tonnen verbotener Substanzen exportiert. Zielländer waren: Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru, Russland, Südafrika, Ukraine und die USA.

Bayer exportiert das bereits in geringer Dosierung akut toxisch wirkende Insektizid Cyfluthrin, BASF das fruchtbarkeitsschädigende Fungizid Epoxiconazol und Alzchem den unter anderem als krebserregend eingestuften Wachstumsregulator Cyanamid. Diesem Wirkstoff entzog die EU bereits im Jahr 2008 die Genehmigung, nachdem zahlreiche Anwender*innen in Italien Vergiftungen erlitten hatten. Das Urteil der zuständigen EU-Behörde lautete: Trotz umfassender persönlicher Schutzausrüstung liegt die Belastung für Anwender*innen mehr als 60-fach über dem gesetzlich erlaubten Höchstwert. Seit Alzchem sein Cyanamid, das als Wirkstoff im Pestizid Dormex enthalten ist, nicht mehr regulär in Europa verkaufen darf, hat sich der Verkauf auf Märkte wie Südafrika verlagert. Dort kommen besonders in der Obst- und Weinproduktion arbeitende Frauen ohne ausreichenden Schutz mit dem Pestizid in Kontakt.

Alzchem verstößt nicht nur gegen ethische Grundsätze, sondern widerspricht auch internationalen Leitlinien der Vereinten Nationen. Sie verpflichten Unternehmen, Menschenrechtsverletzungen, die sich auf ihr Produkt zurückführen lassen, vorzubeugen oder abzuschwächen. Offiziell bekennt sich Alzchem zwar zu diesen Leitlinien – und trotzdem exportiert der Konzern ungehindert weiter Dormex in Länder mit schwachen Schutzstrukturen.

Vergleich von Warnhinweisen auf dem BASF-Pestizid Orvego: In Südafrika sind weniger Gefahrenhinweise abgedruckt als in Großbritannien und der Ukraine, wo zusätzlich Warnungen zu Fruchtbarkeitsschäden und Risiken für ungeborene Kinder erscheinen.
Menschenrechtsorganisationen werfen Konzernen vor, Umwelt und Gesundheit der Menschen im Globalen Süden für weniger schützenswert zu halten

Seit vielen Jahren setzen sich auf der ganzen Welt zivilgesellschaftliche Organisationen wie das südafrikanische Women on Farms Project dafür ein, dass gesundheitsschädliche Pestizide nicht länger verwendet werden dürfen. Ihr Engagement hat mittlerweile in vielen Ländern zum Umdenken beigetragen: Kenia, Südafrika und Nigeria haben angekündigt, gegen bestimmte hochgefährliche Pestizide vorzugehen. So hat etwa die kenianische Regierung im Jahr 2024 bereits hochgefährlichen Wirkstoffen die Zulassung entzogen und zum Beispiel im Juni 2025 angekündigt, weitere 77 Pestizide vom Markt zu nehmen.

Viele Konzerne reagieren auf solche Maßnahmen mit Widerstand. Sie beantragen Ausnahmeregelungen, fechten geplante Verbote rechtlich an oder beeinflussen gezielt die Gefahreneinstufung ihrer Wirkstoffe. Die Industrie zeigt sich bereit, ihre Interessen systematisch gegen Gesundheits- und Umweltschutz durchzusetzen – vor allem im Globalen Süden, wo Arbeiter*innen und die Natur oft besonders vulnerabel sind. Deshalb ist es höchste Zeit für einen europaweiten Exportstopp für bereits verbotene Substanzen.

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