Gesamtverteidigung in Singapur: Die Nation in Krisenzeiten mobilisieren

Analyse

Gesamtverteidigung ist ein zentraler Pfeiler der nationalen Sicherheitsstrategie und -praxis Singapurs. Als ein „Whole-of-Nation“-Ansatz entwickelt sich dieser kontinuierlich weiter, um zunehmend komplexen Risiken und Herausforderungen zu begegnen.

Drei Hubschrauber fliegen über Skyline, einer trägt die Flagge von Singapur, unten Wasser und Hochhäuser bei Tageslicht.
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Generalprobe zur National Day Parade vor der Skyline von Singapur.

Gesamtverteidigung wurde 1984 in Singapur als „Konzept zur nationalen Verteidigung“ eingeführt, um das Land gegenüber äußerer militärischer Aggression zu stärken. Bis heute gehört Singapur zu den wenigen nicht-westlichen Staaten, die Gesamtverteidigung als umfassende Verteidigungsstrategie übernommen haben. Das Konzept wurde über mehr als vier Jahrzehnte hinweg konsequent weiterentwickelt und immer wieder neu angepasst. Aufbauend auf den Gesamtverteidigungskonzepten der Schweiz und Schwedens lag der Schwerpunkt in den Anfangsjahren (1980er bis 1990er Jahre) vor allem auf der Mobilisierung der Nation und ihrer Ressourcen zur Unterstützung der Singapore Armed Forces (SAF) im Falle eines konventionellen Angriffs – unter anderem durch den sogenannten „Nationalen Dienst“, einen zweijährigen verpflichtenden Militär- oder Zivilschutzdienst.

Ab den 2000er Jahren setzte sich jedoch zunehmend die Erkenntnis durch, dass gesellschaftliche Faktoren – insbesondere die Entschlossenheit der Bevölkerung, die eigene Lebensweise zu schützen – für Gesamtverteidigung ebenso entscheidend sind. Diese Wechselbeziehung zwischen Nationalem Dienst, Gesamtverteidigung und dem Schutz der singapurischen Lebensweise wurde von dem damaligen Premierminister Lee Hsien Loong in seiner NS45-Gedenkrede im Jahr 2012 hervorgehoben. Darin betonte er, dass jeder Bürger „zur Verteidigung Singapurs beitragen müsse – sei es in der militärischen, zivilen, wirtschaftlichen, sozialen oder psychologischen Verteidigung“.

Im Jahr 2019 wurde das Gesamtverteidigungskonzept um eine sechste Säule erweitert: die digitale Verteidigung. 

Zu Beginn bestand Gesamtverteidigung aus fünf Säulen: (1) Militärische Verteidigung, die auf einer starken und glaubwürdigen SAF beruht, um Aggressionen abzuschrecken und das Land zu schützen. (2) Zivile Verteidigung, die darauf abzielt, die Bevölkerung auf Notfälle vorzubereiten und sie in die Lage zu versetzen, im Krisenfall wirksam als Ersthelfer zu agieren. (3) Wirtschaftliche Verteidigung, die die Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität der singapurischen Wirtschaft stärkt und damit eine grundlegende Voraussetzung für das Überleben und den langfristigen Erfolg des Landes darstellt. (4) Soziale Verteidigung, die Vertrauen und gegenseitiges Verständnis zwischen Bürgerinnen und Bürgern aller ethnischen Gruppen fördert. (5) Psychologische Verteidigung, die auf einer gemeinsamen Identität aller Singapurerinnen und Singapurer sowie auf dem Willen beruht, die eigene Lebensweise zu verteidigen, und auf den Aufbau eines gesellschaftlichen Zusammenhalts abzielt, auf dessen Grundlage Krisen gemeinsam bewältigt werden können.

Im Jahr 2019 wurde das Gesamtverteidigungskonzept um eine sechste Säule erweitert: die digitale Verteidigung. Mit der Jahrtausendwende entwickelte sich Gesamtverteidigung von einem primär auf nationale Verteidigung ausgerichteten Rahmen hin zu einem umfassenden Ansatz, der nicht nur die staatliche Souveränität sichern, sondern auch die Fähigkeit des Landes stärken soll, Schocks zu absorbieren und sich von Krisen und Notlagen zu erholen. Zudem setzte sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass sich die Auswirkungen nationaler Sicherheitsherausforderungen immer stärker im sozioökonomischen Bereich niederschlagen und daher eine ganzheitlichere Reaktion sowie die Anpassung bestehender Strukturen wie der Gesamtverteidigung erforderlich machen. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich Gesamtverteidigung somit kontinuierlich weiterentwickelt und ist heute in der Lage, konventionellen als auch nicht-konventionellen sowie neuartigen Bedrohungen entgegenzuwirken.

Von der nationalen Verteidigung zur gesamtgesellschaftlichen Resilienz

Der diffuse Charakter von transnationalem Terrorismus, Cyberangriffen und hybriden Bedrohungen – einschließlich Kampagnen ausländischer Einflussnahme und kognitiver Kriegsführung – sowie die tiefgreifenden Auswirkungen der COVID-19 Pandemie haben die wiederholte Anpassung der Gesamtverteidigungsstrategie erforderlich gemacht. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Konzept schrittweise von einem verteidigungszentrierten Ansatz zu einem gesamtgesellschaftlichen Rahmen fort. In den letzten Jahren wurde zudem ein besonderer Schwerpunkt auf psychologische Verteidigung, sozialen Zusammenhalt und die Aufrechterhaltung von Vertrauen in gesellschaftliche und staatliche Institutionen gelegt – nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer zunehmenden Polarisierung, die viele demokratische Gesellschaften aktuell vor Herausforderungen stellt. 

Die Multikulturalität Singapurs, seine offene Volkswirtschaft und seine starke globale Vernetzung machen das Land besonders anfällig für hybride Angriffe. Bereits 2015 machte Singapurs Verteidigungsminister Dr. Ng Eng Hen auf den Begriff der hybriden Kriegsführung aufmerksam, den er als „eine orchestrierte Kampagne zur Spaltung der Solidarität eines Staates durch die Unterwanderung seiner zivilen, wirtschaftlichen, sozialen, psychologischen und militärischen Verteidigungsfähigkeiten“ beschrieb. Diese Bedrohungen zielen darauf ab, wahrgenommene Verwundbarkeiten und Bruchlinien in Politik und Gesellschaft ebenso wie den kognitiven Bereich des Einzelnen auszunutzen, der dabei als besonders schwer zu schützen gilt. Singapur ist daher mit feindseligen Informationskampagnen und koordinierter ausländischer Einflussnahme auf die Innenpolitik vertraut. Zudem wird die Terrorbedrohung laut dem Singapur Terrorismus Report 2025 weiterhin als hoch eingestuft.

Seit der Unabhängigkeit Singapurs ist damit die Stärkung des sozialen Zusammenhalts zu einer kontinuierlichen gesamtgesellschaftlichen Aufgabe geworden.

Vor diesem Hintergrund – geprägt von hybriden Bedrohungen, Desinformationskampagnen und anhaltender Terrorgefahr – hat die psychologische Verteidigung erheblich an Bedeutung gewonnen. Der damalige stellvertretende Verteidigungsminister Ong Ye Kung definierte sie als die „Fähigkeit der Menschen, einander zu vertrauen, Vertrauen in gesellschaftliche und staatliche Institutionen zu haben und widerstandsfähig gegenüber Kräften zu bleiben, die Zwietracht und Spaltung säen wollen“. Dies ist in einer Zeit, in der Konflikte zunehmend mit nicht-militärischen Mitteln ausgetragen werden, besonders zentral geworden. Seit der Unabhängigkeit Singapurs ist damit die Stärkung des sozialen Zusammenhalts zu einer kontinuierlichen gesamtgesellschaftlichen Aufgabe geworden.

Aufbau sektorübergreifender Fähigkeiten

Im Jahr 2022 wurde der Digitale und Nachrichtendienstliche Service (DIS) als vierte Teilstreitkraft der SAF (neben Heer, Marine und Luftwaffe) eingerichtet. Dieser verfolgt das Ziel, digitale Kräfte und Fähigkeiten aufzubauen, auszubilden und dauerhaft zu erhalten. Zudem organisiert der DIS gemeinsam mit der „Cyber Security Agency of Singapore“ (CSA) regelmäßig Übungen wie die „Critical Infrastructure Defence Exercise“ (CIDEx), die der Förderung sektorübergreifender Kompetenzen im Bereich der Cybersicherheit dienen. Dabei werden Akteure aus Staat und Wirtschaft zusammengebracht, um gezielte Angriffe auf kritische Infrastrukturen – etwa die Stromversorgung, den Eisenbahnverkehr oder 5G-Netze – zu erproben.

Im Jahr 2025 eröffnete das DIS das Kommando Cyberverteidigung (DCCOM), welches militärische Cybersicherheitsstrukturen einheitlich bündeln soll, um dadurch Cyberfähigkeiten und -operationen effektiver zu gestalten. Dazu gehören unter anderem die Cyberschutzeinheit, die gemeinsam mit der CSA und anderen staatlichen Stellen zur Stärkung der Resilienz kritischer Informationsinfrastrukturen beiträgt, sowie die Einheit für Cyber-Bedrohungsinformationen, die durch Frühwarnungen und Bedrohungsanalysen den Cyberschutz verstärkt.

Die erste Übung „SG Ready“, die vom 15. bis 29. Februar 2024 stattfand, simulierte Störungen der Strom-, Wasser-, Lebensmittelversorgung sowie der digitalen Infrastruktur. Ziel war es, sowohl die Bevölkerung als auch Unternehmen zu ermutigen, eigene Notfallpläne zu entwickeln und umzusetzen. Initiativen wie SG Ready verdeutlichen, wie Gesamtverteidigung in Singapur kontinuierlich praktiziert wird, um die Resilienz gegenüber Störungen von essenziellen Diensten und kritischen Infrastrukturen zu stärken. In der SG-Ready-Übung 2025, die vom 15. bis 28. Februar durchgeführt wurde, beteiligten sich über 800 Organisationen, Schulen und Einheiten aus Wirtschaft und Verwaltung an entsprechenden Vorbereitungs- und Resilienzmaßnahmen. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Stärkung der betrieblichen Kontinuitätsplanung, insbesondere im Hinblick auf Szenarien wie Stromausfälle oder Phishing-Angriffe.

In den Ergänzungen der Ministerien zur Rede des Präsidenten am 5. September 2025 skizzierten das Verteidigungsministerium, das Innenministerium, das Außenministerium sowie das Nationale Sekretariat für Sicherheitskoordination (NSCS) zentrale Initiativen und Prioritäten unter dem Leitmotiv „Sicherung der Position Singapurs in einer sich wandelnden Welt“. Mehrere dieser Initiativen bauen auf bestehenden Grundlagen des Nationalen Dienstes und der Gesamtverteidigung auf. Neben der Stärkung des Nationalen Dienstes und der militärischen Einsatzbereitschaft bleibt das Verteidigungsministerium darauf fokussiert, gesamtgesellschaftliche Resilienz aufzubauen, Singapur auf Krisen und Störungen vorzubereiten und kollektive Widerstandsfähigkeit im Rahmen von Maßnahmen zur Gesamtverteidigung zu sichern.

Als anpassungsfähiger gesamtstaatlicher Ansatz wurde Gesamtverteidigung wiederholt zur Bewältigung unterschiedlichster sicherheitspolitischer Herausforderungen herangezogen – darunter Pandemien, Terrorismus, Cyberangriffe und hybride Bedrohungen. 

Im außenpolitischen Bereich spielt das Außenministerium eine ähnlich zentrale Rolle, indem es die Bürgerinnen und Bürger Singapurs aktiv einbindet, um ein besseres Verständnis für die zentralen außenpolitischen Leitlinien Singapurs zu fördern und die nationale Einheit zu wahren, damit externem Druck standgehalten werden kann. Mit Blick auf die Zukunft werden neuartige und domänenübergreifende Sicherheitsherausforderungen, die mehrere Bereiche zugleich betreffen, weiterhin die Fähigkeit koordinierender Stellen wie des NSCS herausfordern, kohärent und wirksam reagieren zu können.

Fazit

Als anpassungsfähiger gesamtstaatlicher Ansatz wurde Gesamtverteidigung wiederholt zur Bewältigung unterschiedlichster sicherheitspolitischer Herausforderungen herangezogen – darunter Pandemien, Terrorismus, Cyberangriffe und hybride Bedrohungen. Die Ergänzung um die digitale Verteidigung unterstreicht die Weiterentwicklung der Gesamtverteidigung angesichts der zunehmenden Komplexität KI-gestützter Desinformations- und Einflussoperationen. Zugleich stärkt sie deren Relevanz als gesamtgesellschaftlicher Rahmen sowohl in konzeptioneller als auch in praktischer Hinsicht. Im Kern bleibt Gesamtverteidigung jedoch auf den Aufbau von Resilienz, die Bewahrung öffentlichen Vertrauens sowie auf eine bessere Koordination und Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen, Individuen, Unternehmen und Gemeinschaften ausgerichtet.

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