Gesamtverteidigung wird von der gesamten Gesellschaft getragen. Aus einer vergleichenden Betrachtung nationaler Gesamtverteidigungsansätze innerhalb der NATO lassen sich Denkanstöße ableiten, die auch für die Planungen in Deutschland relevant sind.
In der Ukraine ist die gesamte Gesellschaft vom Krieg betroffen. Zwei Jahre nach der russischen Vollinvasion gaben 70 Prozent der Ukrainer*innen an, dass ihnen nahestehende Personen an der Front kämpfen oder gekämpft haben; in einer Umfrage Mitte 2023 berichteten 78 Prozent von Menschen aus ihrem Familien- und Freundeskreis, die im Krieg verwundet oder getötet worden waren. Seit dem 24. Februar 2022 gilt in der Ukraine das Kriegsrecht und die allgemeine Mobilmachung. Der Ausnahmezustand ist alltäglich geworden; denn neben militärischen Operationen müssen im Krieg auch grundlegende gesellschaftliche Funktionen aufrechterhalten werden. Dies stellt die gesamte Gesellschaft vor enorme Herausforderungen – sei es in der schulischen Bildung, Krankenversorgung oder an der Front. Die ukrainischen Streitkräfte hatten im Verlauf des Krieges immer wieder mit materiellen Engpässen zu kämpfen; im vierten (und bald fünften) Jahr des Krieges werden personelle Engpässe zu einem immer drängenderen Problem.
Im vierten (und bald fünften) Jahr des Krieges werden personelle Engpässe zu einem immer drängenderen Problem.
Mit Sorge um die eigene Sicherheit schauen viele europäische Staaten und Gesellschaften auf das Kriegsgeschehen in der Ukraine. Mit dem 24. Februar 2022 ist eine abstrakte Gefährdung durch Russland konkret geworden; eine Ausweitung des Konflikts ist nicht unausweichlich, lässt sich aber auch nicht ausschließen. Im Dezember 2025 warnte NATO-Generalsekretär Mark Rutte in Berlin: „Wir sind Russlands nächstes Ziel, und wir sind bereits in Gefahr“. Ihm zufolge hätten nicht alle NATO-Verbündeten verstanden, dass man auf Krieg von einem Ausmaß wie zu Zeiten „unserer Großeltern und Urgroßeltern“ vorbereitet sein müsse. Ein solches Szenario bestimmt ebenso die nationalen Gesamtverteidigungsplanungen in der NATO wie die Realität hybrider Angriffe.
Ist Deutschland im Krieg?
Mit der russischen Vollinvasion der Ukraine sind in Deutschland Kriegsgefahren in die öffentliche Debatte zurückgekehrt – nach einer jahrzehntelangen Vernachlässigung verteidigungspolitischer Fragen. Angesichts eines großangelegten Krieges in Europa und hybriden Angriffen (auf Energie- und Transportinfrastruktur oder die demokratische Willensbildung) scheint die Grenze zwischen Krieg und Frieden nicht mehr klar umrissen zu sein. Dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz nach ist Deutschland „nicht im Krieg, aber wir leben auch nicht mehr im Frieden“. Nahezu wortgleich hatte sich wenige Monate zuvor der NATO-Generalsekretär geäußert; auch der schwedische Premierminister Ulf Kristersson nutzte diese Formulierung bei der jährlichen Konferenz „Folk och Försvar“ (dt. Volk und Verteidigung). Noch deutlichere Worte fand die damalige estnische Premierministerin (und heutige Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) Kaja Kallas ein Jahr nach Beginn der russischen Vollinvasion: „Der Krieg gegen die Ukraine ist auch ein Krieg gegen uns“.
Im Gegensatz zum räumlich begrenzten und teilweise verdeckt durchgeführten Angriff Russlands auf die Ukraine ab 2014 wird die russische Vollinvasion am 24. Februar 2022 in der deutschen Bevölkerung als Bedrohung für die eigene Sicherheit wahrgenommen. Auch in politischen und militärischen Entscheidungskreisen scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass Russland die NATO bald angreifen könnte. Luftraumverletzungen durch russische Drohnen und Kampfjets weisen auf eine latente konventionelle Bedrohung des NATO-Bündnisgebiets hin. Gleichzeitig mischt sich Russland mit einem breiten Spektrum an feindlichen Aktivitäten unterhalb der Schwelle einer militärischen Auseinandersetzung in innere Angelegenheiten ein: Die Bundesregierung wirft Russland u.a. Cyber-Angriffe auf die Flugsicherung und eine Desinformationskampagne im Bundestagswahlkampf vor; sogenannte Wegwerf-Agenten Russlands haben in Deutschland spioniert und sabotiert.
Russlands Krieg gegen die Ukraine hat zu einer Refokussierung auf die kollektive Verteidigung aller Mitgliedsstaaten als Kernaufgabe der NATO geführt.
Deutschland und viele weitere NATO-Mitgliedsstaaten haben seit 2014 Maßnahmen ergriffen, um ihre Gesellschaften auf diese Bedrohungslage einzustellen; spätestens mit dem russischen Angriffskrieg ist klar geworden, dass ‚alte‘ und ‚neue‘ Bedrohungen zusammenfallen (und aufeinander abgestimmt eingesetzt werden). Russlands Krieg gegen die Ukraine hat zu einer Refokussierung auf die kollektive Verteidigung aller Mitgliedsstaaten als Kernaufgabe der NATO geführt. Komplementiert werden diese Verteidigungsanstrengungen durch die EU, bspw. im Bereich der militärischen Mobilität oder Verteidigungsindustrie. Grundsätzlich entscheiden aber die Nationalstaaten über Verteidigungsfragen. In Deutschland wurden seit 2022 steigende Verteidigungsausgaben, Neubeschaffungen sowie Umstrukturierungen der Bundeswehr und des Bundesverteidigungsministeriums veranlasst. Während der Ansatz einer gesamtgesellschaftlich getragenen Verteidigung, die militärische und zivile Kräfte einschließt, in Deutschland lange kaum Beachtung fand, wird die Gesamtverteidigung des Landes nun geplant und eingeübt. Dies fügt sich in NATO-weite Entwicklungen ein. In der im September 2025 durchgeführten Übung Red Storm Bravo wurden Truppen von Hamburg an die Ostgrenze des NATO-Gebiets verlegt, was eine effektive zivil-militärische Kooperation im Landesinnern voraussetzt. Bereits 2018 hatte die – mit 50.000 Soldaten weitaus umfangreichere – NATO-Übung Trident Juncture den Bündnisfall simuliert, womit auch das norwegische Gesamtverteidigungssystem getestet wurde.
Gesamtverteidigungsansätze in der NATO
Die Mitgliedsstaaten der NATO haben sich in Artikel 3 des Nordatlantikvertrags dazu verpflichtet, „die eigene und die gemeinsame Widerstandskraft gegen bewaffnete Angriffe [zu] erhalten und fort[zu]entwickeln“. Militäroperationen sind durch zivile Unterstützungsleistungen aufrechtzuerhalten; auch in der schlimmstmöglichen Krise gilt es, durch gemeinsame staatliche und gesellschaftliche Anstrengungen ein gewisses Maß an Kontinuität zu gewährleisten. Infolge der hybriden Kriegsführung Russlands gegen die Ukraine hat sich die NATO auf die schon im Kalten Krieg praktizierten zivilen Planungen für den Verteidigungsfall zurückbesinnt, nun unter dem Oberbegriff der Resilienz. 2016 verständigten sich die NATO-Verbündeten auf Basisanforderungen für nationale Resilienz, die u.a. Regierungsfähigkeit sowie Energie-, Wasser- und Nahrungsmittelversorgung umfassen. Mitte 2025 beschlossen die NATO-Mitgliedsstaaten in Den Haag, jährlich 1,5 Prozent des BIP für (unter anderem) zivile Vorsorge und Resilienz zu verwenden; die unklaren Zweckbestimmungen haben berechtigterweise Kritik auf sich gezogen. Dennoch zeigen diese Entscheidungen, dass Verteidigung und Abschreckung in der NATO umfassend gedacht werden. Mit dem NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens hat die Diskussion um gesamtgesellschaftliche Resilienz neuen Aufwind erfahren, denn beiden nordischen Länder eilt der Ruf voraus, Gesamtverteidigung mit Leben zu füllen. Es läge nahe, dies als „Hype“ abzutun, gäbe es nicht einen wahren Kern. Aus einer vergleichenden Betrachtung nationaler Gesamtverteidigungsansätze innerhalb der NATO lassen sich Denkanstöße ableiten, die auch für die weiteren Planungen in Deutschland relevant sein können.
Freiwilligkeit hat Grenzen
In ganz Europa stehen die Streitkräfte der NATO vor der Herausforderung, ihre personelle Einsatzbereitschaft für den Fall eines bewaffneten Angriffs zu erhöhen; mittelfristig wird dies einen größeren Teil der Zivilbevölkerung betreffen.
In Deutschland ist zum 1. Januar 2026 ein neues Wehrdienstgesetz in Kraft getreten, das (mit Ausnahme der Bereitschaftserklärung und Musterung) am Prinzip der Freiwilligkeit festhält. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hatte im Entstehungsprozess sein „Faible für das schwedische Modell“ betont – in der Annahme, dass dort nur die geeignetsten und motiviertesten jungen Menschen den Dienst an der Waffe antreten. Aber Freiwilligkeit stößt in Schweden mittlerweile an Grenzen; mit einem steigenden personellen Bedarf hat sich der Druck auf die Alterskohorte erhöht; 2030 sollen mindestens 10.000 Wehrdienstleistende eingezogen werden, was einer Verdopplung innerhalb von 10 Jahren entspricht. Auch Dänemark und Norwegen werden ihren Wehrdienst, für den sich zurzeit noch ausreichend Freiwillige melden, sukzessive ausweiten.
Ein anderes Beispiel kommt aus dem Baltikum. Im Frühjahr 2023 beschloss das lettische Parlament, die Wehrpflicht schrittweise wieder einzuführen. Wenige Monate zuvor hatte das lettische Verteidigungsministerium festgestellt, dass das „freiwillige System seine Kapazitätsgrenze erreicht hat“. Auch wenn sich, wie in den genannten nordischen Ländern, die überwiegende Mehrheit freiwillig für den Wehrdienst meldet, reichen die Freiwilligenzahlen in Lettland nicht aus, weswegen zusätzlich per Los entschieden wird. In Finnland ist der Militärdienst für alle männlichen Staatsbürger Pflicht; im Zuge der militärischen Ausbildung werden die Wehrdienstleistenden in die Streitkräfte integriert und auf ihre Aufgaben im Kriegsfall vorbereitet; danach werden sie Teil der Reserve. Die Altersgrenze für den Dienst in der Reserve soll 2026 angehoben werden, um die Gesamtzahl an Reservisten bis 2031 auf eine Million anzuheben. Polens Ministerpräsident Donald Tusk hat 2025 ebenfalls das Ziel ausgegeben, eine „Reservistenarmee“ aufzubauen, setzt dabei aber nicht auf eine rechtliche Pflicht; hunderttausende Zivilisten sollen durch freiwillige militärische Trainings auf den Ernstfall vorbereitet werden.
Im Kern geht es um gesellschaftlichen Zusammenhalt
Finnlands umfassender Sicherheitsansatz hat seine Wurzeln im ideologisch verhärteten Kalten Krieg; das Land verfolgte damals eine Politik der geistigen Landesverteidigung, um die Gesellschaft im Innern zusammenzuhalten. Bewaffnete Neutralität und Demokratie bildeten hierfür die ideelle Grundlage. Noch heute hat gesellschaftlicher Konsens einen hohen Stellenwert. Ohne gegenseitiges Vertrauen kann eine Gesellschaft nicht bestehen; psychologische Resilienz wird als eine der sieben gesellschaftlichen Kernfunktionen gelistet, die immer zu gewährleisten sind. In Schweden wurde das Konzept der psychologischen Verteidigung nach 2014 wiederentdeckt. Anfang 2022 wurde eine Behörde für psychologische Verteidigung geschaffen, um die Gesellschaft im Umgang mit (falschen) Informationen zu schulen. Sowohl in Finnland als auch in Schweden wird die Verteidigungsbereitschaft der Gesamtbevölkerung als ein integraler Teil der nationalen Verteidigungsfähigkeit betrachtet. Schweden bezieht sich in Planungsdokumenten auf das Beispiel der Ukraine, um zu unterstreichen, dass die Grundversorgung der Bevölkerung auch im Kriegsfall sichergestellt werden muss, um das Vertrauen in den Staat und die Verteidigungsbereitschaft nicht zu beeinträchtigen. Die nordischen Gesamtverteidigungsansätze zeigen, dass militärische Sicherheit (warfare) und soziale Sicherheit (welfare) kein Gegensatz sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Verteidigung wird zur gemeinsamen Aufgabe, was potenziell integrativ wirkt; mit einem „starken soziokulturellen Druck“ können jedoch auch ausgrenzende Effekte einhergehen.
Zivile und militärische Verteidigung sind gleichrangig
Gesamtverteidigung ist mit der russischen Vollinvasion der Ukraine zum neuen Paradigma nationaler Verteidigungsplanungen in der NATO geworden.
Friedrich Merz hat in seiner ersten Regierungserklärung das Ziel ausgegeben, die Bundeswehr „zur konventionell stärksten Armee Europas“ zu machen; für die militärische Verteidigung können seit der Reform der Schuldenbremse im Frühjahr 2025 unbegrenzt Kredite aufgenommen werden; 2025 standen mehr als 86 Milliarden Euro für die Bundeswehr zur Verfügung. Die Ausgaben für den zivilen Teil der Gesamtverteidigung fallen deutlich geringer aus. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hat deswegen einen „Pakt für den Bevölkerungsschutz“ und Investitionen in Höhe von 10 Milliarden Euro bis 2029 angekündigt. Bereits nach der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 wurde eine Stärkung des Bevölkerungsschutzes veranlasst; aufgrund des Russland-Ukraine-Krieges orientieren sich die aktuellen Planungen mehr an militärischen Risiken. Das „Gesamtszenario Zivile Verteidigung“ aus dem Jahr 2023 beschreibt einen möglichen Konfliktverlauf, der mit hybriden Angriffen beginnt und mit Kampfhandlungen in Deutschland endet. In der 2025 veröffentlichten Version des Notfall-Ratgebers des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) wird erstmals nach 1990 die Möglichkeit eines Krieges erwähnt. Dass sich Gesamtverteidigungsplanungen an den Bedarfen der Streitkräfte orientieren, lässt sich auch in Schweden beobachten, was die zivil-militärische Zusammenarbeit potenziell beeinträchtigt; denn zivile Akteure stehen unter einem zunehmenden Druck, militärische Akteure zu unterstützen, sind aber strukturell benachteiligt. In Schweden wurden in den letzten Jahren zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die Zivilverteidigung neu aufzustellen: 2022 wurde ein Ministeramt für zivile Verteidigung (im Verteidigungsministerium) geschaffen; 2024 wurde die Zivilpflicht in ausgewählten Bereichen (kommunaler Rettungsdienst, Stromversorgung) aktiviert und 2026 ausgeweitet; und die Ausgaben für zivile Verteidigung sollen von 2022 bis 2028 versiebenfacht werden.
Fazit
Gesamtverteidigung ist mit der russischen Vollinvasion der Ukraine zum neuen Paradigma nationaler Verteidigungsplanungen in der NATO geworden. Ein bewaffneter Angriff auf NATO-Mitgliedsstaaten scheint wahrscheinlicher geworden zu sein. Mit einiger Verzögerung hat sich auch die deutsche Verteidigungsplanung auf diese neue Bedrohungslage eingestellt. Zur Abwehr aktueller und möglicher künftiger Bedrohungen wird die Gesamtgesellschaft mehr in die Pflicht genommen. NATO-Verbündete, wie Finnland, Schweden, Lettland oder Polen zeigen, dass eine noch umfassendere Einbindung der Zivilbevölkerung möglich ist. In den nächsten Jahren wird der personelle und finanzielle Bedarf für die Gesamtverteidigung ansteigen, was den Druck auf die Gesellschaft, insbesondere junge Menschen, erhöht. Gesellschaftlicher Zusammenhalt sollte daher ein zentrales Anliegen bleiben.