Belarus: Trotz Tschernobyl wächst die nukleare Abhängigkeit von Russland

Analyse

Das schwere Trauma der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 prägt Belarus bis heute. Fast ein Viertel des Landes wurde damals verseucht. Dennoch führt Langzeitpräsident Alexander Lukaschenko das Land in eine starke nukleare Abhängigkeit von Russland.

Zwei Frauen halten bei Regen auf einer Straße ein Banner mit kyrillischer Aufschrift, während hinter ihnen Menschen unter einem großen blau-gelben Tuch und mit Regenschirmen gehen.
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Seit der gewaltsamen Unterdrückung der Demokratiebewegung in Belarus im Jahr 2020 finden die „Tschernobyl-Märsche“ im Ausland statt – hier 2023 in Vilnius, Litauen.

Tschernobyl bleibt (nicht) im kollektiven Gedächtnis

Obwohl Tschernobyl Teil der ukrainischen Sowjetrepublik war, war das Territorium von Belarus am stärksten von der Katastrophe betroffen. Aufgrund der Windverhältnisse in den ersten zehn Tagen nach dieser katastrophalen Nacht landeten 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags auf belarussischem Gebiet und verseuchten fast ein Viertel des Landes. Die Folgen waren verheerend: In den folgenden zehn Jahren stieg die Zahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen um mehr als das Siebenfache. Über 137.000 Menschen in Belarus wurden evakuiert, und mehr als 110.000 Belaruss*innen wurden zu Liquidatoren, die an der Bewältigung der Folgen der Katastrophe beteiligt waren.

Das erste Anzeichen für den Wunsch des Staates, Tschernobyl in Vergessenheit geraten zu lassen, kam 1995, als die Leistungen für die Liquidatoren gekürzt wurden – weniger als zehn Jahre nach einer der größten technologischen Katastrophen in der Geschichte der Menschheit. Aber die belarussische Gesellschaft war nicht bereit zu vergessen. Selbst unter sowjetischer Herrschaft, erschüttert durch die Verschleierung des wahren Ausmaßes der Katastrophe, organisierte die Zivilgesellschaft 1988 den ersten „Tschernobyl-Marsch”. Rund 30.000 Menschen nahmen daran teil, und der Marsch wurde später zu einer jährlichen Veranstaltung.

Der „Tschernobyl-Marsch” wird oft als Katalysator für das nationale Wiedererwachen Anfang der 1990er Jahre beschrieben. Später, als die Behörden unter Alexander Lukaschenko zunehmend autoritärer wurden, nahmen die Menschen weiterhin an dem traditionellen Marsch teil, um zu signalisieren, dass sie Tschernobyl nicht vergessen wollten.

Unterdessen entpolitisierten die Behörden das Thema systematisch. In der offiziellen Rhetorik gab es immer weniger Raum für Diskussionen über das Recht auf eine gesunde Umwelt, den Zugang zu Informationen und die Rechenschaftspflicht. Stattdessen wurde größerer Wert auf technische Aspekte gelegt: Die Katastrophe von Tschernobyl wurde als das Ergebnis spezifischer technischer Fehler dargestellt, die sich nicht wiederholen würden – daher bestehe angeblich keine Notwendigkeit, weiter darüber zu diskutieren.

Behörden entpolitisierten das Thema systematisch: die Katastrophe von Tschernobyl wurde als Ergebnis technischer Fehler dargestellt, die sich nicht wiederholen würden.

In den letzten Jahren haben sich die staatlichen Medien an die Erzählung von der „Überwindung der Katastrophe” gehalten. Sie wiederholen buchstäblich die Worte von Alexander Lukaschenko, der bereits 2006 bei einem Treffen mit der stellvertretenden UN-Generalsekretärin Helen Clark erklärte: „Das soll unser Beitrag zur Entwicklung der Menschheit sein. Sie müssen wissen: Wenn, Gott bewahre, irgendwo eine Katastrophe eintritt, sind unsere Wissenschaftler und Spezialisten bereit, an der Überwindung ihrer Folgen zu arbeiten.”

Auch eine Generationenkluft in der Wahrnehmung der Katastrophe hat sich als unvermeidlich erwiesen: Während die Katastrophe für die ältere Generation Teil ihrer Lebenserfahrung wurde, ist sie für die heutige Jugend lediglich eine historische Tatsache – ein Bild, das durch Lehrpläne, eine beliebte Fernsehserie und kurze Videos in den sozialen Medien geprägt ist. Das allgemeine Medienumfeld in Belarus vermittelt jüngeren Zuschauern den Eindruck, dass die Kernenergie weder ein kontroverses Thema im Allgemeinen noch ein besonders traumatisches Thema für Belarus im Besonderen ist.

Eine neue nukleare Realität entsteht

Die Generationenkluft erklärt auch, warum die Skepsis gegenüber dem Neubau eines Kernkraftwerks in Belarus größtenteils in der älteren Generation verankert war. Alexander Lukaschenko, der ebenfalls zu der Generation gehört, für die Tschernobyl Teil der Lebenserfahrung ist, räumt dennoch der Aufrechterhaltung enger Beziehungen zu Russland Vorrang ein. Der russische Milliardenkredit für den Bau bedeutet eine jahrzehntelange Bindung an Russland.

Yauhen Makarchuk, Analyst bei iSANS, betrachtet es dennoch als Vorteil, nicht mehr so stark allein vom Erdgas abhängig zu sein, bei dem eine Unterbrechung von Lieferungen sehr schnell zu Produktionsstillständen führen könnte. Nukleare Brennstäbe müssten dagegen nur einmal im Jahr erneuert werden. Mit jedem Reaktorblock könne Belarus den Kauf von drei Milliarden Kubikmetern Gas einsparen, ergänzt Ihar Jushkou, ein führender Analyst des Nationalen Fonds für Energiesicherheit. Kosten für die Stromkunden haben sich dadurch jedoch nicht reduziert. Die Preise sind tatsächlich weiter gestiegen: Zwischen dem ersten Quartal 2023 und dem ersten Quartal 2025 stieg der durchschnittliche Strompreis um 13,3 Prozent.

Im Jahr 2024 räumte das belarussische Energieministerium ein, dass der jährliche Bedarf um 18,5 Milliarden kWh steigen müsste, um die gesamte Stromerzeugung der beiden Kernkraftwerksblöcke zu verbrauchen. Tatsächlich ist der Verbrauch in den letzten fünf Jahren nur um sechs Milliarden kWh gestiegen. Damit die beiden Blöcke wirtschaftlich rentabel sind, müsste Belarus in einem einzigen Jahr so viel Strom verbrauchen, wie das Kraftwerk in fünf Jahren erzeugt hat.

Reaktorausbau stößt in Litauen auf Besorgnis

Das Kraftwerk Astravets wurde weniger als 25 Kilometer von der litauischen Grenze entfernt gebaut, was in Litauen große Besorgnis auslöste. Litauen weigerte sich, Strom aus Belarus zu kaufen, was zu Spannungen zwischen den beiden Ländern führte. Die Einwände Litauens wurden von den Vertragsparteien des Espoo-Übereinkommens unterstützt, die zu dem Schluss kamen, dass der Bau des Kraftwerks Astravets nicht den Anforderungen des Übereinkommens entspreche.

Die öffentliche Kontrolle in Belarus ist aufgrund einer Kombination verschiedener Faktoren äußerst begrenzt – vom mangelnden Verständnis der Behörden für die Notwendigkeit der Beteiligung der Öffentlichkeit bis hin zu den massiven Repressionen nach 2020, als rund 500.000 Menschen gezwungen wurden, das Land zu verlassen, und Tausende aufgrund politisch motivierter Anschuldigungen inhaftiert wurden.

Tatsächlich hat sich die Bedrohung verschärft. Ein dritter Block wird für uns ein noch ernsthafteres Problem darstellen.

Unter diesen Umständen, nachdem die Massenrepressionen bereits begonnen hatten, wurde 2023 der zweite Block des Kernkraftwerks Astravets in Betrieb genommen. 2025 wurden sogar Pläne für einen dritten Block bekannt gegeben. Energieminister Denis Moroz sagte, dass dieser voraussichtlich zwischen 2035 und 2038 in Betrieb genommen würde. Der litauische Präsidentenberater Deividas Matulionis warnte, dass dies ein noch größeres Problem schaffen würde: „Wir waren nie glücklich über den ersten und zweiten Reaktor. Tatsächlich hat sich die Bedrohung verschärft. Ein dritter Block wird für uns ein noch ernsthafteres Problem darstellen.“

Laut Bloomberg wurde bereits vor der Inbetriebnahme des zweiten Blocks im Februar 2022 ein ernstes Problem entdeckt: Harz war in das System gelangt und hätte wichtige Reaktorkomponenten beschädigen können. Die Inbetriebnahme wurde verschoben. Dies wurde erst im Dezember 2025 öffentlich bekannt, nachdem Dokumente von Rosatom durchgesickert waren. Dieser Vorfall verweist erneut auf mangelhafte Transparenz bei Entscheidungen und Prozessen.

Krieg ist ein neuer Faktor der Angst

Im Jahr 2022 wurde klar, dass kein neues Kapitel aufgeschlagen worden war und dass sich eine Katastrophe wie in Tschernobyl wiederholen könnte. Russische Besatzungstruppen besetzten das Kernkraftwerk Tschernobyl und hielten dort 210 Mitarbeiter fest. Am Tag der Übernahme stieg die Gammastrahlung an den Messstationen um das Zwanzigfache. Damit rückte das Thema Atomkraft in einer völlig neuen Form wieder in den Fokus der Öffentlichkeit: Der Fakt der Militarisierung einer Atomanlage ließ alte Ängste vor Katastrophenszenarien wieder aufleben, die vielen eine Zeit lang unwahrscheinlich erschienen waren.

Eine Woche nach Beginn der groß angelegten Invasion besetzte die russische Armee auch das Kernkraftwerk Saporischschja – das größte Kernkraftwerk Europas. Es gab wiederholte Berichte, dass russische Truppen Stromleitungen beschossen hätten, um das Kraftwerk vom ukrainischen Stromnetz zu trennen.

Russlands umfassender Krieg gegen die Ukraine hat die Wahrnehmung der nuklearen Risiken in der Region grundlegend verändert. Zusätzlich zu den Gefahren, die mit der Eroberung und Beschädigung kritischer Infrastruktur verbunden sind, ist nun auch nukleare Erpressung Realität geworden. Nukleare Sicherheit ist nicht mehr nur eine technische Angelegenheit – sie gehört nun zum Arsenal der hybriden und real militärischen Kriegführung.

Nukleare Sicherheit ist nicht mehr nur eine technische Angelegenheit – sie gehört nun zum Arsenal der hybriden und real militärischen Kriegführung.

Die osteuropäischen Länder sind in der aktuellen Krise besonders gefährdet. Jeder Zwischenfall in den Kraftwerken von Tschernobyl oder Saporischschja könnte schwerwiegende grenzüberschreitende Folgen haben – ökologische, humanitäre und wirtschaftliche. Es wird immer deutlicher, dass technisch einwandfreie Anlagen allein nicht mehr ausreichen, um diesen Gefahren zu begegnen. Kernkraftwerke sind heute von der Dynamik der militärischen und politischen Lage betroffen, was neue, umfassendere Ansätze zum Verständnis und Management von Risiken erfordert.

Mit „Oreshnik“ bindet sich Belarus enger an Russland

Die energetische, politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland führt Belarus in immer neue Fallen. Eine gleichberechtigte Koexistenz innerhalb des sogenannten Unionsstaates mit einem Land, das einen umfassenden Angriffskrieg begonnen hat und dessen Handlungen in einigen Fällen vermutlich als Völkermord zu betrachten sind, ist nicht möglich. Eine zunehmende Abhängigkeit führt natürlich zu einer wachsenden Komplizenschaft im Krieg. Während Belarus zu Beginn der umfassenden Invasion sein Territorium für russische Angriffe zur Verfügung stellte, bietet es nun sein Territorium für den Einsatz von Atomwaffen an.

Am 30. Dezember 2025 gab das russische Verteidigungsministerium bekannt, dass das Raketensystem „Oreshnik“ offiziell in Belarus stationiert worden sei. Als Beweis wurde ein Video vorgelegt, aber der Standort der Stationierung blieb unbekannt. Gleichzeitig äußerte die Organisation ehemaliger Sicherheitsbeamter BelPol Zweifel daran, dass Oreshnik tatsächlich „in den Kampfeinsatz gegangen“ sei. Ihre Argumente deckten sich mit früheren Einschätzungen verschiedener Geheimdienste: Es gab keine Informationen über die Anpassung der nötigen Infrastruktur, und solche Ausrüstung hätte kaum unbemerkt nach Belarus transportiert werden können.

Die NATO behandelt die Berichte über den Einsatz jedoch als glaubwürdig – dies entspricht dem üblichen Sicherheitsprotokoll. Infolgedessen wird Belarus in den Augen der westlichen internationalen Gemeinschaft noch stärker an den Rand gedrängt und in erster Linie als Komplize und nicht als Opfer der russischen Expansion wahrgenommen.

„Man muss verstehen – und die Menschen verstehen das auch –, dass, wenn Atomraketen auf Ihrem Territorium stationiert sind, auch die Atomraketen des Gegners auf Sie gerichtet sind“, sagt Dzmitry Kuchuk, Umweltberater von Sviatlana Tsikhanouskaya und ehemaliger Vorsitzender der belarussischen Grünen. „Warum belarussische Beamte und Propagandisten dies nicht begreifen, ist schwer zu sagen.“

Grüne Transformation muss mehr als ein Slogan sein

Die belarussische Energiepolitik braucht unweigerlich Diversifizierung, um die derzeit starke Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. „Technisch gesehen könnte Energie auch aus anderen Märkten bezogen werden, aber dies würde aktive Anstrengungen zur Organisation solcher Lieferungen erfordern, was unter den gegenwärtigen außenpolitischen Umständen schwer vorstellbar ist. Darüber hinaus würde dies automatisch einen Übergang zu Weltmarktpreisen bedeuten“, fügt der Experte Yauhen Makarchuk hinzu. Er kommt zu dem Schluss, dass die Energieabhängigkeit als Druckmittel eingesetzt werden kann, um ein Land zu Entscheidungen zu zwingen, die nicht seinen nationalen Interessen entsprechen.

Die derzeitige Konstellation behindert auch direkt die Umsetzung des Europäischen Grünen Deals in Belarus und wird damit zu einem weiteren Faktor, der das Land von der europäischen Integration entfernt.

Mehrere Personen stehen auf der beschädigten Schutzhülle des havarierten Tschernobyl-Reaktors; nahe der Mitte ist ein Loch. Weitere Personen sitzen am Rand.

Tschernobyl: 40 Jahre nach der Katastrophe

40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl riskiert Russland mit direkten Angriffen auf Atomkraftwerke in der Ukraine erneut die nukleare Sicherheit im Osten Europas. Unser Dossier richtet Schlaglichter auf Erinnerungen und aktuelle Debatten.

Zum Dossier

„Außer Experten aus der Zivilgesellschaft denken nur wenige Menschen über Belarus im Zusammenhang mit der grünen Transformation nach“, sagt Irina Sukhiy, eine Vertreterin der Grünen Allianz. „Vieles hängt von uns ab – nicht nur die Förderung der nachhaltigen Entwicklung als Thema, sondern auch die Gestaltung der Wahrnehmung, dass Belarus Teil der europäischen Familie ist, in der die Angleichung an gemeinsame Umwelt- und Energiestandards eine Rolle spielt.“

Sie betont, dass die Expertengemeinschaft Strategien und Szenarien für die grüne Transformation von Belarus entwickeln muss – Schritte, die das Land unabhängiger, moderner und umweltbewusster machen würden. Sukhiy weist auf die Notwendigkeit einer eingehenden Analyse, von Fahrplänen und konkreten Vorschlägen zur Energiewende und Klimapolitik hin und merkt an, dass die Green Alliance bereits ihre eigene Vision vorgestellt hat, wie Belarus sich mit dem Europäischen Grünen Deal synchronisieren könnte.

„Es ist entscheidend, dass die Idee des Übergangs zu einem ökologisch nachhaltigen Entwicklungsmodell für Bürger und zukünftige Entscheidungsträger gleichermaßen verständlich und attraktiv wird, denn so entsteht die Nachfrage nach Veränderung. Ohne das Verständnis der Öffentlichkeit und eine Nachfrage von unten sowie klare fachliche Vorschläge läuft die grüne Transformation Gefahr, entweder ein Slogan oder ein von den Menschen losgelöstes Projekt zu bleiben“, schließt die Expertin.

Die Entwicklung erneuerbarer Energien wurde durch die Abhängigkeit von Gas und die Konzentration auf das Kernkraftwerk gebremst.

Belarus verfügt über ein erhebliches Potenzial an erneuerbaren Energien: Biomasse, Wind, Sonne und Wasserkraft könnten einen großen Teil des Energiebedarfs des Landes decken. Die Entwicklung erneuerbarer Energien wurde jedoch durch die Abhängigkeit von Gas und die Konzentration auf das Kernkraftwerk gebremst.

„Es gab Fortschritte“, erinnert sich Irina Sukhiy und verweist auf das Gesetz über erneuerbare Energien von 2010 sowie auf Quoten und Anreize. „Dies trug dazu bei, den Anteil erneuerbarer Energien am Energiemix von einem minimalen Niveau auf 8,1 Prozent bis 2020 zu steigern.“

Nach der Entscheidung zum Bau des Kernkraftwerks gingen die Wachstumsraten jedoch stark zurück: Die Entwicklung erneuerbarer Energien wurde praktisch eingefroren, es wurden keine neuen Quoten mehr vergeben und 2019 wurden strenge Beschränkungen eingeführt. Der Anteil erneuerbarer Energien stagniert und das Potenzial bleibt ungenutzt.

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