Dossier

Tschernobyl: 40 Jahre nach der Katastrophe

Atomkraft im Osten Europas

Vierzig Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl/Tschornobyl riskiert Russland mit direkten Angriffen auf Atomkraftwerke in der Ukraine erneut die nukleare Sicherheit im Osten Europas. Andere Länder scheinen davon wenig beeindruckt, halten an der Atomkraft fest und planen neue Reaktoren. Unser Dossier richtet Schlaglichter auf Erinnerungen und aktuelle Debatten in ausgewählten Ländern.

Mehrere Personen stehen auf der beschädigten Schutzhülle des havarierten Tschernobyl-Reaktors; nahe der Mitte ist ein Loch. Weitere Personen sitzen am Rand.

Artikel

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986: Die wichtigsten Fakten im Überblick

Was ist Tschernobyl/Tschornobyl?

„Tschornobyl“ – so heißt der ukrainische Ort, in dessen Nähe seit den 1970er-Jahren ein großes Atomkraftwerk, bestehend aus vier Reaktoren, gebaut wurde. In der Sowjetzeit wurde über Atomkraft und diesen Ort jedoch vor allem auf Russisch berichtet, sodass sich auch im Deutschen die Transkription des Ortsnamens aus dem Russischen, „Tschernobyl“, etablierte.

Im allgemeinen Sprachgebrauch steht der Begriff heutzutage jedoch für weit mehr als nur die Ortsbezeichnung, nämlich als Chiffre für den historischen Bruch, den der schwere Reaktorunfall an diesem Ort am 26. April 1986 mit seinen Folgewirkungen für weite Teile Europas bedeutete.

Die Reaktorkatastrophe

Am 26. April 1986 kam es infolge eines außer Kontrolle geratenen Betriebstests im vierten Block des Atomkraftwerks zu einer folgenschweren Kernschmelze, dem „größten anzunehmenden Unfall“ (GAU). Im Reaktorbehälter staute sich immer heißer werdender Wasserdampf und sprengte schließlich die Schutzhülle. Der Reaktorkern fing Feuer, hoch kontaminierter Wasserdampf stieg wochenlang als radioaktive Wolke auf, die sich mit den Winden zunächst nach Nordwesten in Richtung Belarus und in den Folgetagen über weite Teile Europas verbreitete. Niemand war auf ein solches Katastrophenszenario vorbereitet.

Die Strahlung

23 verschiedene Radionuklide wurden durch die Explosion und die folgenden Brände freigesetzt. Vor allem das hochradioaktive Iod-131, das schwere Störungen der Schilddrüsenfunktion verursacht, wurde den vor Ort zur Katastrophenbekämpfung und für die Löscharbeiten eingesetzten „Liquidatoren“ zum Verhängnis. Die Halbwertszeit von Iod-131 beträgt jedoch nur 8 Tage, sodass für die Langzeitbelastung, etwa der betroffenen landwirtschaftlichen Flächen, vor allem Cäsium, Plutonium und Strontium verantwortlich sind, die teilweise Tausende Jahre strahlen. Im ersten Monat nach der Katastrophe starben 31 Menschen unmittelbar an der Strahlenkrankheit, viele weitere folgten später. Insgesamt wurden etwa 2 Millionen Menschen verstrahlt; viele von ihnen erkrankten deshalb an Krebs oder anderen Krankheiten. In großen Teilen Europas waren 1986 frisches Obst und Gemüse radioaktiv kontaminiert.

Die Schutzhülle

Der am Ort verbliebene geschmolzene Kernbrennstoff und die Reaktortrümmer bleiben für Jahrhunderte eine gefährliche Strahlenquelle. Um den weiteren Strahlungsaustritt in die Atmosphäre zu stoppen, bauten die Betreiber in kürzester Zeit eine verbreitet als „Sarkophag“ bezeichnete, meterdicke Betonhülle um die Unglücksstelle.

Die Arbeiter konnten immer nur kurz den hohen Strahlendosen vor Ort ausgesetzt werden, daher wechselten sich Zehntausende, aus der ganzen Sowjetunion rekrutierte Arbeitskräfte vor Ort ab. Viele gaben ihre Gesundheit auf, um eine noch viel schlimmere Strahlenkatastrophe zu verhindern.

Die Konstruktion erwies sich jedoch als nicht dauerhaft tragfähig, sodass in den 2010er-Jahren mit technischer und finanzieller Hilfe aus der ganzen Welt eine weitere, noch viel größere zweite Schutzhülle, das „New Safe Confinement“, über den alten Sarkophag gebaut wurde – einschließlich großer Kräne im Inneren, um die vom Einsturz bedrohte alte Betonstruktur schrittweise abzubauen.

Die Folgen für die Region

Mehr als 300.000 Menschen wurden aus verstrahlten Gebieten, vor allem aus der Sperrzone im Umkreis von 30 km um das Kraftwerk, umgesiedelt. Darunter befand sich auch die damals für die Beschäftigten im Werk und ihre Familien neu errichtete „Atomstadt“ Prypjat, aus der am 27. April 1986 innerhalb weniger Stunden allein 50.000 Menschen evakuiert wurden, die praktisch alle ihre Habseligkeiten zurückließen.

Mit der Räumung jahrhundertealter Siedlungen sowie der namengebenden Stadt Tschornobyl ging mit der Katastrophe jedoch auch die spezifische Kulturgeschichte der Region Polesien zu Ende. Manche Menschen kehrten später in ihre verlassenen Orte zurück. Tschornobyl gilt heute als temporäre Siedlung für Menschen, die periodisch im ehemaligen Kraftwerk arbeiten.

Außerhalb der Sperrzone wurde 1986–1987 durch die Priorisierung von Baukapazitäten aus der gesamten Sowjetunion im Rekordtempo eine neue Stadt für die weiterhin im Kraftwerk benötigten Angestellten gebaut: die Stadt Slawutytsch. Die verbliebenen, unbeschädigten Reaktorblöcke des gleichen Typs wurden erst in den 1990er-Jahren stillgelegt. Noch immer sind Tausende Menschen vor Ort beschäftigt.

Ursachen, Verantwortung und Konsequenzen

Die Sowjetführung spielte den Unfall herunter. Daten und Fakten über das Geschehen wurden unter Verschluss gehalten. Öffentlich wurde die Katastrophe vor allem den Technikern in die Schuhe geschoben, die den Reaktor falsch bedient hätten. Die Liquidatoren waren die neuen Helden, die im Zentrum der Erinnerung an den Unfall standen.

Die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bekannt gewordenen Unterlagen über die Untersuchungen des Unfallhergangs zeigten jedoch, dass vor allem schwere Konstruktionsmängel und unzureichende Sicherheitstests schon nach früheren kleineren Unfällen am selben Reaktortyp ursächlich gewesen waren. Mutmaßlich hatten der Zeitdruck in den vom Kreml vorgegebenen Bauplänen und die Begrenzung der Budgets für notwendige Prüfungen eine wichtige Rolle gespielt.

Die Vertuschung und bewusste Gefährdung der Bevölkerung, etwa durch die Durchführung der traditionellen Parade zum 1. Mai in Kyjiw oder den weiteren Vertrieb radioaktiv verseuchter Lebensmittel, trugen erheblich zur Diskreditierung der Sowjetmacht und schließlich zu deren Zusammenbruch bei.

Erschütterter Glaube an die Technik

Weltweit hatte man eine solche Katastrophe nicht für möglich gehalten. In vielen Ländern wurden nach Tschernobyl Reaktorbauten eingestellt – zu groß wurde die Skepsis in weiten Teilen der Bevölkerung. Die Katastrophe mobilisierte über viele Jahre hinweg Menschen, sich für Umweltschutz und Demokratie einzusetzen, verbunden mit dem Einsatz für Transparenz und den Zugang zu Umweltinformationen.

Tschornobyl im russischen Angriffskrieg

Unmittelbar nach dem Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 wurde das Gelände des Atomkraftwerks für gut vier Wochen von russischen Truppen besetzt. Dabei war den Eindringlingen die Sensibilität des Ortes und die weiterhin bestehenden Verstrahlungsrisiken offenbar nicht bekannt. Kritische Ausrüstung für den Betrieb der sensiblen Anlagen wurde geplündert.

Sie bewegten sich ohne jeden Schutz im stark verstrahlten Gelände, hoben Schützengräben aus und setzten Wälder in Brand – eine neue radioaktive Staubwolke wurde freigesetzt. Erneut scherte sich ein totalitäres Regime in Moskau nicht um Leben und Gesundheit der Menschen vor Ort, nicht einmal um die der eigenen Soldaten, von denen viele im Anschluss wegen Strahlenkrankheit behandelt werden mussten.

Im Februar 2025 verübte Russland einen weiteren nuklearterroristischen Akt: Bei einem Drohnenangriff wurde die neue Schutzhülle des Reaktors schwer beschädigt.

Wie funktioniert ein Atomkraftwerk: Der GAU von Tschernobyl 1986 (Film von 2011) - Heinrich-Böll-Stiftung

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Wie funktioniert ein Atomkraftwerk: Der GAU von Tschernobyl 1986 (Film von 2011)

Am 26. April 1986 explodierte der Atomreaktor in Tschernobyl. Nicht nur Teile der Ukraine, Weißrusslands und Russlands wurden verstrahlt. Die radioaktive Wolke überzog halb Europa. Die Katastrophe war aber nicht nur eine ökologische. Die Entwicklung der Kultur einer ganzen Region wurde unwiderruflich gestoppt. 

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