Tschechien und die Slowakei setzen auf eine Renaissance der Kernenergie

Analyse

Die Vertuschung des Tschernobyl-Unfalls stärkte Umweltbewusstsein und das Bedürfnis nach Transparenz in der Tschechoslowakei – und wurde zu einem Auslöser der Wende 1989. Heute spielt das in beiden Nachfolgestaaten jedoch kaum noch eine Rolle.

Das Foto zeigt Atomkraftgegner mit Gasmasken anlässlich des 100. Störfall des Atomkraftwerk Temelin.
Teaser Bild Untertitel
„Stop Temelín“ – Atomkraftgegner mit Gasmasken anlässlich des 100. Störfalls im Atomkraftwerk Temelín.

Mitte der 1980er Jahre befand sich die damals noch vereinte sozialistische Tschechoslowakei (ČSSR) in der späten Phase der Normalisierung, als die Kernenergie nicht nur die technische Säule ihrer Energieautarkie war, sondern auch die technologische Überlegenheit des sozialistischen Systems und das „unzerbrechliche“ Bündnis mit der Sowjetunion symbolisierte [1]. Die Vision von „Atomkathedralen“, wie Kernkraftwerke damals genannt wurden, sah deren massiven Ausbau vor, wobei bis 2010 in jeder Region des Landes mindestens ein Kernkraftwerk errichtet werden sollte [1]. Im April 1986 wurde dieser ehrgeizige Plan, der auf der sowjetischen WWER-Reaktortechnologie basierte, mit der Realität des Unfalls von Tschernobyl konfrontiert. Dieses Ereignis, das die ganze Welt erschütterte, wurde zu einem entscheidenden Beschleuniger für den Wandel des Umweltbewusstseins im tschechoslowakischen Kontext sowie für die allmähliche Entstehung der unabhängigen Anti-Atomkraft-Widerstandsbewegung, die in den folgenden drei Jahren maßgeblich dazu beitrug, die Legitimität des kommunistischen Regimes zu untergraben [2, 3].

Das Medienparadigma der ČSSR nach dem 26. April 1986 verfestigte die Vertrauenskrise

Die unmittelbare Reaktion der ČSSR auf den Unfall im vierten Block des W. I. Lenin-Kernkraftwerks in Tschernobyl war geprägt von dem Bestreben, ein vollständiges Informationsembargo über den Vorfall zu verhängen, motiviert durch den Wunsch, eine „Massenpsychose“ zu verhindern und das Ansehen der sowjetischen Wissenschaft zu schützen [3]. Unter den mitteleuropäischen Bedingungen, wo die Grenzen für Radio- und Fernsehwellen aus dem Westen durchlässig waren, führte diese Strategie jedoch zum fatalen Scheitern der von der ČSSR betriebenen Propaganda und zur Entstehung einer dauerhaften Vertrauenskrise zwischen den Bürger*innen und ihren Herrschern [3].

Obwohl sich die Katastrophe in den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 ereignete, hüllten sich die offiziellen Medien in der ČSSR mehrere Tage lang in Schweigen. Zwischen dem 26. und 28. April wurden weder in der Tagespresse noch in den Hauptnachrichtensendungen von Radio oder Fernsehen Informationen über den Vorfall veröffentlicht, obwohl Messstationen auf dem Gebiet der Tschechoslowakei bereits begannen, erste Anomalien im Zusammenhang mit den Auswirkungen zu registrieren [4, 5, 6]. Der erste offizielle, aber äußerst knappe Bericht über die Katastrophe wurde erst am 29. April ausgestrahlt, und die Tageszeitung Rudé právo druckte ihn am selben Tag auf Seite sieben, d. h. an einer Stelle, die für weniger wichtige internationale Nachrichten reserviert war [4].

Die systematische Verzögerung bei der offiziellen Weitergabe von Informationen über den Vorfall an die Öffentlichkeit wurde erst durchbrochen, als westliche Länder eine Erklärung für den Anstieg der radioaktiven Strahlung forderten [2]. Der Apparat der ČSSR geriet in die Defensive und versuchte einerseits, die Risiken herunterzuspielen, während er andererseits mit den wachsenden Ängsten der Bevölkerung konfrontiert war, die ihre Informationen aus ausländischen Medien wie Radio Free Europe oder dem österreichischen Fernsehen (ORF) bezog [1, 3].

„Amerikanischer Schnee": Die atomare Katastrophe wurde ideologisch umgedeutet

Ein Beispiel für diese bizarre Rhetorik war ein Bericht des tschechoslowakischen Fernsehens, der die Zuschauer davon überzeugen wollte, dass die von nuklearem Material ausgehende Gefahr ein globales Problem sei, das durch den US-Militarismus verursacht werde.

Das von den offiziellen Medien vermittelte Bild des Unfalls wurde im Mai 1986 zu einem Instrument des Kalten Krieges. Anstatt die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wie sie ihre Gesundheit konkret schützen könne, beispielsweise durch die Einnahme von Jod zur Vorbeugung, konzentrierte sich die Presse darauf, den Westen zu kritisieren und ihm vorzuwerfen, den Unfall für politische Zwecke zu „missbrauchen“ [4, 5]. Ein Beispiel für diese bizarre Rhetorik war ein Bericht des tschechoslowakischen Fernsehens vom 10. Mai 1986 über die Messung der Radioaktivität in „amerikanischem Schnee“, der die Zuschauer*innen davon überzeugen wollte, dass die von nuklearem Material ausgehende Gefahr ein globales Problem sei, das durch den US-Militarismus verursacht werde. Der Vorfall von Tschernobyl sei jedoch lediglich ein lokales, technisches Versehen gewesen [5]. Im Laufe des Jahres 1986 veröffentlichte die Zeitung Rudé právo 81 Artikel über Tschernobyl, doch die überwiegende Mehrheit davon widmete sich dem Heldentum der sowjetischen Einsatzkräfte oder der Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien über die Katastrophe [4]. Diese Propaganda musste jedoch mit tschechoslowakischen Bürger*innen konkurrieren, die ausländische Nachrichtenberichte über die Entsorgung kontaminierten Gemüses im benachbarten Österreich oder in der Bundesrepublik Deutschland sahen, oder mit öffentlichen Aufrufen, in denen Kinder in diesen Ländern angehalten wurden, im Haus zu bleiben, während in der ČSSR Massenfeiern unter freiem Himmel stattfanden [3].

Der Staat versuchte mit geheimen Maßnahmen gegenzusteuern

Obwohl die offizielle Rhetorik besagte, dass in der ČSSR absolute Sicherheit herrschte, arbeitete die von Ladislav Gerle, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten der tschechoslowakischen Bundesregierung, geleitete Notfallkommission unter strengster Geheimhaltung [2]. Überwachungsnetze auf dem Gebiet der ČSSR stellten in der Nacht vom 29. auf den 30. April 1986 erste Anzeichen einer Kontamination fest [6]. Obwohl der gesamte nukleare Fallout in der ČSSR nur etwa 3,1 Prozent der Gesamtmenge ausmachte (weniger als in Schweden oder Finnland), erforderte die Situation dennoch spezifische Eingriffe in die Nahrungskette [2].

Rennradfahrer wurden für "Friedensfahrt" durchs kontaminierte Gebiet geschickt

Die Kontaminationskontrollen von Blattgemüse und Milch standen im Mittelpunkt der staatlichen Bemühungen, ohne dass die Öffentlichkeit darüber informiert wurde. Am 1. Mai 1986 wurden flächendeckende Messungen des Gehalts an Radionukliden, insbesondere Jod-131 und Cäsium-137, eingeführt [6]. Das Ziel dieser Maßnahmen bestand darin, die kollektive Strahlendosis zu minimieren, doch stießen sie immer wieder auf politische Hindernisse. So wurden beispielsweise Radrennfahrer, die an der in Kyjiw startenden “Friedensfahrt” nur wenige Dutzend Kilometer von Tschernobyl entfernt teilnehmen sollten, gezwungen, ihre Teilnahme als Akt der Loyalität durchzuziehen, obwohl die unmittelbaren Risiken für sie den Experten bekannt waren [3]. Nur ein einziger tschechoslowakischer Radsportler weigerte sich, das Rennen zu starten, was als einer der ersten individuellen Proteste gegen das nukleare Glücksspiel des Regimes angesehen werden kann [3].

Obwohl laut offiziellen Aussagen von Experten keine akute Gesundheitsgefahr für die ČSSR durch den Unfall bestand, zeigten spätere Studien einen Anstieg der Schilddrüsenkrebsfälle, der etwa fünf Jahre später auftrat [1, 6]. Die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit waren jedoch weitaus tiefgreifender. Apathie, Erschöpfung und ein Gefühl der „erlernten Hilflosigkeit“ traten auf, und der Begriff „chronische Umweltstressstörung“ wurde geprägt [6]. Dieser Zustand war eine direkte Folge der Erkenntnis, dass die Behörden bereit waren, die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger zugunsten von Prestige und ideologischer Stabilität zu opfern [1, 3].

Selbstverlegte Umweltschutz-Zeitung verband Dissidenten und Fachleute

Der Schock von 1986 über den Mangel an offiziellen Informationen des Regimes in der ČSSR zur Katastrophe von Tschernobyl schuf die Voraussetzungen für die Umwandlung der zuvor halbamtlichen Naturschutzstrukturen in politisch engagiertere Formen. Vor Tschernobyl beschränkten sich Umweltbemühungen auf die „unpolitische“ Pflege von Quellen oder das Pflanzen von Bäumen im Rahmen des Tschechischen Naturschutzverbandes (ČSOP) oder der Brontosaurus-Bewegung [7]. Nach dem Unfall rückte die Kernenergie jedoch als Thema in den Vordergrund, das eine unabhängige Überwachung durch die Öffentlichkeit erforderte.

Im Juni 1987 fand in Prag ein Forum der Charta 77 zum Thema Umwelt statt, das die endgültige Verbindung der Dissidentenbewegung mit der Umweltagenda markierte [8]. Ivan Dejmal, der die (selbst verlegte) “Samizdat”-Publikation „Ökologisches Bulletin“ gründete, spielte dabei eine entscheidende Rolle [8]. Als die Behörden Informationen zum Thema Umwelt unterdrückten, war diese Zeitschrift der wichtigste Vermittler dessen, was der Öffentlichkeit vorenthalten wurde.

Zu den Schwerpunkten des „Ökologischen Bulletin“ gehörten:

  • Eine kritische Analyse der Sicherheit von Reaktoren vom Typ WWER unter tschechoslowakischen Bedingungen [8].
  • Ausführliche Berichte über die Umweltzerstörung durch den Uranabbau in Nordböhmen [8].
  • Rechtliche Analysen des verfassungsmäßigen Rechts auf eine gesunde Umwelt, das zu dieser Zeit nur eine leere Erklärung war.

Das Bulletin diente als Brücke zwischen Dissidentenkreisen und jenen Fachleuten, die in offiziellen Institutionen arbeiteten, sich jedoch weigerten, an den Lügen des Regimes mitzuwirken [7]. Dank dieser Verbindung wurden der Öffentlichkeit (wenn auch nur über Samizdat) relevante wissenschaftliche Daten zugänglich gemacht, die den Mythos der „absolut sicheren sozialistischen Atomkraft“ entlarvten.

Parallel zu den rein im Samizdat erscheinenden Publikationen wandelte sich auch die Zeitschrift „Nika“, die von der in Prag ansässigen Organisation ČSOP herausgegeben wurde. Ende der 1980er Jahre wurde „Nika“ zu einer Plattform für das, was als „genehmigter Samizdat“ bezeichnet wurde [9]. Die Redaktion nutzte Gesetzeslücken, um Beiträge zu veröffentlichen, die in anderen Zeitschriften die Zensur nicht passiert hätten. Mitglieder der Charta 77 schrieben häufig unter Pseudonymen für Nika und radikalisierten damit die breitere Leserschaft der Umweltschützer*innen [7]. Die Zeitschrift wurde zu einem entscheidenden Medium für die Veröffentlichung von Informationen über die Strahlungssituation und die Risiken, die mit neu geplanten Kernkraftwerken verbunden waren.

Die Proteste um das Kernkraftwerk Temelín radikalisierten sich

Der Hauptkonfliktpunkt zwischen der aufkeimenden Umweltbewegung und der ČSSR war der Bau des Kernkraftwerks Temelín. In den Jahren 1987–1989 wurde der Widerstand gegen dessen Bau zum zentralen Motiv der Anti-Atomkraft-Bewegung. Die Kritik richtete sich nicht nur gegen die mit dieser Technologie verbundenen Risiken, sondern auch gegen die wirtschaftliche Unrentabilität und den Gigantismus des Projekts überhaupt [8].

Für Aktivist*innen in der ČSSR war das österreichische Beispiel ein Beweis dafür, dass eine moderne Gesellschaft ohne Kernkraft existieren kann.

Die Anti-Atomkraft-Bewegung in der ČSSR bezog wichtige Inspiration und Unterstützung aus dem benachbarten Österreich. Die österreichische Haltung zur Atomkraft war geprägt von dem erfolgreichen Referendum gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf im Jahr 1978 [10]. Nach der Katastrophe von Tschernobyl wurde der österreichische Widerstand gegen die Atomkraft zur Staatsdoktrin, was zu heftigen Protesten gegen den Bau von Temelín direkt jenseits der Grenze führte [11]. Für Aktivist*innen in der ČSSR war das österreichische Beispiel ein Beweis dafür, dass eine moderne Gesellschaft ohne Kernkraft existieren kann. Österreichische Anti-Atomkraft-Aktivist*innen blockierten die Zufahrtsstraßen zu Kernkraftwerken und übten international Druck auf die tschechoslowakische Regierung aus, was den einheimischen Gruppen in der ČSSR das Gefühl gab, Teil der breiteren europäischen Umweltbewegung zu sein [10, 11].

1988 wurde die unabhängige Bewegung „Prager Mütter“ (Pražské mátky) gegründet, die dem Umweltaktivismus eine neue Dimension verlieh: eine Dimension, die auf ethischen Argumenten beruhte und mit Leidenschaft vertreten wurde [12]. Diese Frauen, motiviert durch die Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder sowohl in der verschmutzten Umwelt Prags als auch im Schatten der Bedrohung durch Tschernobyl, beschlossen, direkt zu handeln. Ihre erste bedeutende Demonstration fand am 29. Mai 1989 während eines internationalen Treffens der Umweltminister in Prag statt [12]. Mütter mit Kindern in Kinderwagen, die Transparente mit der Forderung nach sauberer Luft und Schutz vor radioaktiver Strahlung trugen, stellten für das Regime ein Problem dar, für das es keine Lösung gab. Selbst für die damalige Führung der Kommunistischen Partei wären öffentliche Repressionsmaßnahmen gegen Mütter mit ihren Kindern politisch unmöglich gewesen, sodass es den Prager Müttern gestattet wurde, Forderungen zum Thema Umwelt öffentlich zu artikulieren, die zuvor tabu waren [8,12].

Mehrere Personen stehen auf der beschädigten Schutzhülle des havarierten Tschernobyl-Reaktors; nahe der Mitte ist ein Loch. Weitere Personen sitzen am Rand.

Tschernobyl: 40 Jahre nach der Katastrophe

40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl riskiert Russland mit direkten Angriffen auf Atomkraftwerke in der Ukraine erneut die nukleare Sicherheit im Osten Europas. Unser Dossier richtet Schlaglichter auf Erinnerungen und aktuelle Debatten.

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Tschernobyl wies den Weg von der Ökologie zur Revolution

Das Jahr 1989 war geprägt davon, dass diese Unzufriedenheit mit der Umweltpolitik mit politischen Forderungen nach einer Transformation des Regimes der ČSSR verknüpft wurde. Die Anti-Atomkraft-Bewegung entwickelte sich zu einem integralen Bestandteil der demokratischen Opposition. Im September 1989 wurde die Organisation „Kinder der Erde“ (Děti Země) gegründet, deren Ziel nicht nur der Schutz der Natur war, sondern auch der aktive Widerstand gegen technokratische Großprojekte, darunter Temelín [13, 14].

Im Mai 1989 organisierte die Unabhängige Friedensvereinigung (Nezávislé mírové Sdružení – NMS) die erste Demonstration mit Forderungen, die ausdrücklich atomkraftkritisch und ökologisch geprägt waren. Diese Aktivitäten bereiteten den Boden für Massendemonstrationen dieser Art durch die Bewohner*innen Nordböhmens. Seit Mitte der 1980er Jahre hatte sich die NMS der Verknüpfung von Fragen der atomaren Abrüstung mit dem Recht auf ein Leben in einer sauberen Umwelt verschrieben [8].

Rückblickend werden die Ereignisse in Teplice insbesondere als Auslöser für die unhaltbare politische Lage in der ČSSR genannt. Obwohl der unmittelbare Anlass für die Demonstrationen in Teplice im November 1989 der Smog war, stand hinter den Protesten auch dasselbe Misstrauen gegenüber Informationen der Behörden, das sich nach Tschernobyl entwickelt hatte [13, 14]. Die Menschen in Teplice forderten wahrheitsgemäße Informationen über den Zustand der Umwelt, in der sie lebten. Der Unfall von Tschernobyl lehrte die Gesellschaft, dass Umweltfragen politische Angelegenheiten sind, die das öffentliche Interesse betreffen, und nicht nur technische Daten [1].

Welchen Einfluss die Protestjahren 1986–1989 auf die tschechoslowakische Gesellschaft hatten

Die Anti-Atomkraft-Bewegung in der ČSSR durchlief in den Jahren 1986–1989 eine grundlegende Entwicklungsphase, von Angst und Schock hin zu organisiertem politischem Widerstand. Der Unfall von Tschernobyl war der Auslöser, der die Unfähigkeit des kommunistischen Regimes offenlegte, das grundlegende Sicherheitsbedürfnis seiner Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten und sie wahrheitsgemäß zu informieren [2, 3].

Entscheidende Faktoren für den Erfolg der Bewegung:

  1. Durchbrechen des Informationsmonopols: Die Kontrolle über die Bekanntmachung von Wissen und Informationen wurde dem Staat durch den heimischen Samizdat (das Ökologische Bulletin) und ausländische Medien entzogen [3, 8].
  2. Moralisierung der Politik: Gruppen wie die Prager Mütter konnten Umweltfragen als ethische Imperative darstellen, die ideologische Aspekte übertrumpften [12].
  3. Verbindung zum internationalen Kontext: Die Zusammenarbeit Österreichs mit der Umweltbewegung in der ČSSR und der Einfluss der Perestroika erzeugten einen Druck, dem das Regime nicht standhalten konnte [2, 11].

Obwohl die Umweltpolitik nach 1989 institutionalisiert wurde und radikalere Forderungen gegen die Atomkraft durch eine neue Energiestrategie des Staates entschärft wurden, bleiben die Erfahrungen der Jahre 1986–1989 ein entscheidendes Kapitel in der Geschichte der tschechischen Zivilgesellschaft. Die Katastrophe von Tschernobyl war der Moment, in dem aus passiven Empfängern staatlicher Propaganda aktive Bürger*innen wurden, die für ihr Recht auf ein Leben in einer sicheren Umwelt kämpften [1].

40 Jahre Tschernobyl: Tschechien und Slowakei setzen wieder auf Atomkraft

Das erste Kernkraftwerk auf tschechischem Gebiet wurde 1985–1987 in Dukovany in Betrieb genommen und nutzt vier sowjetische WWER-440-Druckwasserreaktoren mit einer Gesamtleistung von 2.040 MW. Sie sollen nach 50 Betriebsjahren stillgelegt werden, weit über ihre ursprünglich vorgesehene Lebensdauer hinaus. Obwohl sie die aktuellen Sicherheitsanforderungen nicht mehr erfüllen und über keine modernen, aus Stahlbeton gefertigten Sicherheitsbehälter verfügen, will ihr Betreiber, der Energiekonzern ČEZ, sie noch ein halbes Jahrhundert lang in Betrieb halten. Vor weniger als einem Jahr unterzeichnete die vorherige Regierung einen Vertrag mit dem koreanischen Unternehmen KHNP über den Bau weiterer Blöcke in Dukovany. Jeder davon soll eine Leistung von 1.063 MW haben.

Das zweite Kernkraftwerk in der Tschechischen Republik, Temelín, mit zwei sowjetischen WWER-1000-Reaktoren, wurde zwischen 2000 und 2002 nach heftigen Kontroversen, Verzögerungen und ständig steigenden Kosten in Betrieb genommen. Es hat eine Gesamtleistung von 2.100 MW. Temelín war einer der letzten Großaufträge für die tschechische Atomindustrie, die vor den politischen Umbrüchen um 1990  Schlüsselkomponenten für Kernkraftwerke im gesamten Ostblock lieferte.

Die Slowakei betreibt fünf kommerzielle Kernreaktoren in zwei Kraftwerken, Mochovce und Jaslovské Bohunice. Die Reaktoren in Mochovce haben eine elektrische Leistung von etwa 500 MW in den Blöcken 1 und 2 und 3.471 MW im neu in Betrieb genommenen Block 3. In Jaslovské Bohunice sind zwei Blöcke des Kraftwerks V2 in Betrieb, jeder mit einer Leistung von 500 MW. Die installierte Gesamtleistung der in Betrieb befindlichen slowakischen Kernkraftwerksblöcke beträgt somit etwa 2.471 MW. Kernkraftwerke decken seit langem etwa 65 Prozent der Stromerzeugung in der Slowakei, womit das Land zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an Kernenergie im Energiemix zählt. Damit ist die Slowakei auch ein Nettoexporteur von Strom geworden.


Tschernobyl findet heute keine Resonanz mehr

In der Tschechischen Republik spielte die Tschernobyl-Katastrophe insbesondere am Beginn der 1990er Jahre eine wichtige Rolle für viele Anti-Atomkraft-Aktivitäten jener Zeit, vor allem in Kampagnen gegen die Fertigstellung des Kernkraftwerks Temelín. Die Anti-Atomkraft-Bewegung wurde damals von einem bedeutenden Teil des politischen Spektrums unterstützt. Mit der Fertigstellung von Temelín im Jahr 2000 verlor dieser Streitpunkt der Anti-Atomkraft-Bewegung jedoch allmählich an Bedeutung, und mit ihm auch die Erzählungen um den Unfall von Tschernobyl. Obwohl es während der schrittweise Inbetriebnahme von Temelín weiterhin Proteste gegen betriebliche und technische Probleme gab, sprach das Thema ein breiteres Segment der Gesellschaft nicht mehr an.

Ein weiterer Meilenstein erfolgte 2007, als auf Initiative der Grünen Partei die Abkehr von weiteren Kernkraftwerksbauten im Programm der Regierung von Mirek Topolánek (2007–2009) aufgenommen wurde.

Nach 2010 setzte sich in der Gesellschaft hingegen eine Sichtweise durch, die das genaue Gegenteil der Anti-Atomkraft-Haltung darstellte: Es wurde die angebliche Notwendigkeit des Baus neuer Kernkraftwerke betont, mit dem Argument, dass erneuerbare Energien unzuverlässig seien und in der Tschechischen Republik langfristig niemals mehr als etwa 10 Prozent des Energieverbrauchs decken könnten. Seit Mitte der 2000er Jahre wurden in der Tschechischen Republik Diskussionen über den Rückgang des Kohleabbaus und die schrittweise Stilllegung von Kohlekraftwerken geführt. Die Akteure der fossilen Brennstoffindustrie, die die Kohlebergwerke und Kohlekraftwerke (im Rahmen ihrer unter umstrittenen Umständen erfolgten Privatisierung durch den Staat) aufgekauft hatten, widersetzten sich jedoch diesen Tendenzen. Seit Mitte der 1990er Jahre versuchte die Kohleindustrie aktiv, die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen zu behindern (insbesondere die Unternehmen der Kohle-Oligarchen Daniel Křetínský und Pavel Tykač). Dazu gehören beispielsweise die Blockade der kommunalen Energieerzeugung, die Blockade der Festlegung von Emissionszielen für Treibhausgase, die Blockade der Einführung von Betriebszuschüssen für erneuerbare Energien oder die Blockade von Gesetzen zur dezentralen Energiespeicherung. Parallel dazu wird der Bau neuer Kernkraftwerke gefördert, der als einzig mögliches Mittel zum Ersatz der Kohle dargestellt wird.

Nach 2010 setzte sich in der Gesellschaft eine Sichtweise durch, die das genaue Gegenteil der Anti-Atomkraft-Haltung darstellte: Es wurde die angebliche Notwendigkeit des Baus neuer Kernkraftwerke betont, mit dem Argument, dass erneuerbare Energien unzuverlässig seien.

Laut dem Ökonomen und derzeitigen Europaabgeordneten Luděk Niedermayer ist dies die Strategie der Kohleindustrie: Durch die Kombination der Blockade erneuerbarer Energiequellen mit der Förderung von Kernkraftwerken, deren Bau mehr als ein Jahrzehnt dauert, werden die Gewinne der Kohlekraftwerke gesichert und deren rascher Ersatz hinausgezögert.

Zwar gibt es viele Gründe, warum der Unfall von Tschernobyl im nationalen Gedächtnis präsent bleiben sollte. Die tschechischen Medien berichten über dieses Thema aber nur im Zusammenhang mit dem Jahrestag des Unfalls, der alle fünf Jahre begangen wird. Die Kluft zwischen den Generationen, die die unmittelbaren Folgen des Unfalls miterlebt haben, und den Jüngeren ist jedoch noch nicht unüberwindbar geworden. Dank der Verbindungen zwischen den Generationen in der Umweltbewegung bleiben auch jüngere Aktivist*innen in ihrem Klimaschutzengagement kritisch eingestellt gegenüber dem Bau neuer Kernkraftwerksblöcke oder der vielfach propagierten Idee von (noch nicht existierenden) Small Modular Reactors (SMR).

Die Verharmlosung nuklearer Risiken ist heute offizielle Strategie

Der Angriff der russischen Armee auf das ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja und dessen Besetzung hatte in der Tschechischen Republik zunächst eine öffentliche Debatte über die mit einem nuklearen Unfall verbundenen Risiken ausgelöst. Schon einige Wochen später schien die Lage dort aber schon nicht mehr besonders beachtenswert. Das Staatliche Amt für nukleare Sicherheit und seine langjährige Präsidentin, die kürzlich verstorbene Dana Drábová, spielten dabei eine wichtige Rolle. Unmittelbar nach Beginn der vollumfänglichen Invasion der Ukraine erklärte sie am 4. März 2022, dass die Welt der Nuklearwissenschaft, wie sie sie verstand, nicht mehr existiere. „Ein militärischer Angriff auf ein Kernkraftwerk ist ein Verstoß gegen Artikel 59 der Genfer Konvention. Worauf können wir uns in dieser Welt noch verlassen, wenn nicht auf internationale Abkommen und Konventionen dieser Art?“, fragte sie an jenem Morgen im Fernsehen rhetorisch. Von diesem Moment an hatte diese zuvor beliebte Beamtin, auch bekannt als „Oma Nuke“, alle Hände voll zu tun. Sie verbrachte Monate damit, ihre ursprüngliche Aussage zu korrigieren und zu versuchen, die Lage zu beruhigen [17]. Die tschechische Gesellschaft hat sich nie nennenswert um Saporischschja gesorgt, nicht nach dessen Abkopplung vom Stromnetz, was das Risiko eines Ausfalls des Kühlsystems erhöhte (und aufgrund dessen die Internationale Atomenergie-Organisation wiederholt gewarnt hat, dass dort die sieben Grundprinzipien der nuklearen Sicherheit verletzt werden); sie zeigte sich auch nicht besorgt nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023 (der Hauptquelle für Kühlwasser für die Reaktoren und die Lagerbecken für abgebrannte Brennelemente in Saporischschja); ebenso wenig zeigte sie sich besorgt nach wiederholten Drohnenangriffen, die die Infrastruktur des Kraftwerks beschädigten, oder als die russische Seite internationalen Beobachtern den Zugang verwehrte.

Die Tschechen sehen sich häufig als eine Nation, die für ihre technologischen Fähigkeiten bekannt ist, und das Studium der Kerntechnik gilt als der höchste Ausdruck des technologisch fortschrittlichen Denkens des Landes.

Um den Kontext der tschechischen Debatte über die Kernenergie zu verstehen, muss man sich zudem zwei grundlegende Faktoren vor Augen führen. Die Tschechen sehen sich häufig als eine Nation, die für ihre technologischen Fähigkeiten bekannt ist, und das Studium der Kerntechnik gilt als der höchste Ausdruck des technologisch fortschrittlichen Denkens des Landes (unabhängig von der Frage, inwieweit dies jemals zutraf oder heute zutrifft) [16]. Nachdem kürzlich das letzte deutsche Kernkraftwerk abgeschaltet wurde, verbreitete sich in der Tschechischen Republik die Meldung, dass die Deutschen ihre Entscheidung „bereuen“. Informationen über den Stand der Energiewende in Deutschland gelangen kaum in die tschechischen Medien, die in der Debatte über den Ausbau erneuerbarer Energiequellen stark von Desinformation in Bezug auf Infraschall und Ähnliches beeinflusst sind [20].

Was der tschechischen Öffentlichkeit jedoch zunehmend bewusst wird, sind die Kosten für neue Kernkraftwerke und ihre chronischen Bauverzögerungen. Dies gilt auch für die neuen Atompläne in der Slowakei, wo es bis vor kurzem keinen nennenswerten Widerstand gegen den Bau neuer Blöcke gab. Dort wird derzeit ein vierter Reaktor in Mochovce gebaut, und die Regierung von Ministerpräsident Robert Fico kündigte vor einigen Monaten an, noch zwei weitere Blöcke in Jaslovské Bohunice zu errichten, die von dem amerikanischen Unternehmen Westinghouse ohne Ausschreibung bestellt werden sollen. Insbesondere die mangelnde Transparenz bei der Auswahl des Lieferanten und die unklaren Zeit- und Finanzpläne dieses Projekts lösten kritische Reaktionen seitens unabhängiger Medien und der Gesellschaft im Allgemeinen aus [18].

Selbst der absurde Traum von neun neuen Standorten für SMRs in Tschechien, die Auswirkungen der sich verschärfenden Dürren auf die für die Kühlung von Kernreaktoren erforderlichen Wasserstände oder die Notwendigkeit, ein (bislang nirgendwo willkommenes) Endlager für radioaktive Abfälle zu errichten, sind keine Themen, die in der tschechischen Gesellschaft auf Resonanz stoßen. Zuletzt stand die Frage des Imports von Kernbrennstoff aus Russland für die Tschechische Republik, Ungarn und die Slowakei im Fokus, die de-facto die russische Seite des Krieges in der Ukraine mitfinanzieren [19].


Quellen:

1.   Chernobyl: A Crisis of Credibility. The Political Impact of the Chernobyl Tragedy.

2.    The Trap of Progress: Chernobyl Buried the Remnants of Trust in the Communist Regime in Czechoslovakia.

3.    How Czechoslovakia Protected Its Citizens During the Chernobyl Disaster.

4.    How the Czechoslovak media reported on Chernobyl in 1986.

5.    CHERNOBYL - How Czechoslovak Television reported on the accident in 1986 - YouTube.

6.    35 years since the Chernobyl accident (SÚJB).

7.    Environmentalists against the regime — ČT24 — Czech Television. 

8.    Environmental movement – Wikipedia. 

9.    Free Magazines in Unfree Times - Moravian Library in Brno. 

10The Austrian Temelín: A story full of paradoxes about a power plant that never went online - Badatelé.

11.    After 25 years of calm, it’s happening again. An Austrian offensive against the Czech nuclear program, this time with a new, unexpected weapon - INFO.CZ. 

12.   The first demonstration was organized by Prague Mothers thirty years ago - Ekolist.cz. 

13.    Children of the Earth - Nature - Children of the Earth. 

14.    Children of the Earth - Public Affairs - DETIZEME.cz.

15.    Agreement between the Dukovany II Power Plant and KHNP for the construction of two new nuclear units in Dukovany signed. 

16.    Industrial traditions linked to nuclear power, published by the Heinrich Böll Stiftung on the 35th anniversary of the Chernobyl disaster. 

17.    The Russian Federation’s nuclear terrorism terrifies the world. 

18.    The Slovak nuclear power plant in Mochovce is operating at full capacity. The country has thus become energy-independent. 

19.    Dependence persists even without gas and oil. Dukovany continues to run on Russian fuel. 

20.    Slovak activists in the Czech Republic are spreading an “avalanche of misconceptions” about wind power plants. 

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