Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl löste 1986 auch in der DDR intensive Diskussionen aus. Sie verstärkte bestehende Umweltkritik und machte deren politische Brisanz unter den Bedingungen eingeschränkter Öffentlichkeit besonders sichtbar.
Am 1. Mai 1986, nur wenige Tage nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, richtete der Friedens- und Umweltkreis der Pfarr- und Glaubensgemeinde Berlin-Lichtenberg eine Eingabe an den Ministerrat der DDR. Der 1983 gegründete Kreis gehörte zu jenen unabhängigen Umweltgruppen, die sich seit den frühen 1980er-Jahren vor allem im Umfeld der evangelischen Kirche gebildet hatten. Aus diesem Zusammenhang ging 1986 auch die Berliner Umweltbibliothek hervor, die sich rasch zu einem zentralen Vernetzungsort entwickelte und vom Friedens- und Umweltkreis getragen wurde (vgl. Friedens- und Umweltkreis 1986; Kirchhof 2018). Die Eingabe zählt zu den frühesten Stellungnahmen unabhängiger Umweltgruppen in der DDR zu dem Unfall im sowjetischen Kernkraftwerk und dokumentiert eine unmittelbare Reaktion auf das Ereignis.
Zu diesem Zeitpunkt war die Informationslage keineswegs nur in der DDR unklar. Auch in der Bundesrepublik kursierten widersprüchliche Meldungen über Ausmaß, Reichweite und gesundheitliche Folgen der Katastrophe. Messwerte waren unsicher und selbst Fachleute konnten die Lage zunächst nur schwer einschätzen (vgl. Arndt 2011: 55). In der DDR verschärfte die staatliche Informationspolitik diese Unsicherheit jedoch zusätzlich. Offizielle Stellen informierten spät, zurückhaltend und beschwichtigend, während im DDR-Fernsehen Expert*innen auftraten, die erklärten, es gebe keine gesundheitsgefährdenden radioaktiven Belastungen und die Kernkraftwerke sowjetischer Bauart seien sicher (vgl. Autor*in unbekannt vmtl. 1987). Viele Bürger*innen erfuhren daher zuerst über westliche Rundfunk- und Fernsehsender von der Katastrophe. Parallel dazu berichtete die Parteizeitung Neues Deutschland am 30. April 1986 unter dem Titel „Zur Havarie im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl“, es seien keine gesundheitsgefährdenden Werte gemessen worden (Neues Deutschland 1986). Diese unterschiedlichen Informationslagen führten zu einem spürbaren Vertrauenskonflikt. Während staatliche Medien in der DDR überwiegend Entwarnung signalisierten, berichteten westliche Medien früher und ausführlicher über mögliche Risiken, ohne jedoch ebenfalls frei von Unsicherheiten zu sein. Viele Menschen standen damit vor der Frage, welchen Informationen sie glauben sollten.
Die Eingabe des Friedens- und Umweltkreises greift die Situation jedoch unmittelbar auf. Gleich zu Beginn heißt es: „Zur Stunde ist immer noch nichts Genaues über die Ausmaße des Unfalls bekannt“ (Friedens- und Umweltkreis 1986). Zugleich verweisen die Verfasser auf Messungen skandinavischer Expert*innen, die aus der Zusammensetzung der radioaktiven Wolke bereits auf ein mögliches Durchschmelzen des Reaktorkerns schlossen. Diese Bezugnahme auf internationale Informationen zeigt nicht nur, dass Umweltprobleme längst in grenzüberschreitenden Zusammenhängen wahrgenommen wurden. Sie verweist auch auf ein strukturelles Problem innerhalb des sozialistischen Bündnissystems. Denn selbst die DDR-Führung erhielt anfangs keine Informationen aus der Sowjetunion und war in wesentlichen Punkten auf westliche Quellen angewiesen (vgl. Arndt 2011: 82). Radioaktive Wolken, verschmutzte Flüsse oder Luftschadstoffe hielten sich jedoch nicht an politische Grenzen und unterliefen damit staatliche Informationsmonopole.
Gerade hierin lag ein wesentlicher Unterschied zwischen der DDR und demokratisch verfassten Staaten. Nicht die anfängliche Unsicherheit war spezifisch, wohl aber die strukturelle Einschränkung des Zugangs zu Informationen. In der DDR wurden Daten über den Zustand der Umwelt seit Beginn der 1980er-Jahre systematisch eingeschränkt.¹ Wer nach Belastungswerten fragte, stellte deshalb nicht nur eine technische, sondern immer auch eine politische Frage.
Zwischen Informationskontrolle und wachsender Kritik
Die Eingabe vom 1. Mai 1986 macht deutlich, wie schnell Umweltfragen eine politische Dimension erhielten. Dies war jedoch kein ausschließliches Phänomen der DDR, da die Katastrophe auch in Westeuropa zu einer verstärkten Politisierung von Umweltfragen beitrug (vgl. Arndt 2011: 125ff.). In der DDR gewann diese Entwicklung jedoch unter den Bedingungen eingeschränkter Öffentlichkeit und staatlicher Informationskontrolle eine besondere Brisanz. Zugleich verweist die schnelle Reaktion auf eine längere Vorgeschichte. Bereits ab den späten 1970er-Jahren waren in der DDR Umweltgruppen, häufig im Umfeld der evangelischen Kirche, entstanden. In kirchlichen Diskussionskreisen wurde über Umweltzerstörung, Wachstumsgrenzen und die Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur diskutiert. Ein wichtiger Bezugspunkt war der Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ (Meadows et al. 1972), der auch in der DDR zirkulierte und insbesondere in kirchlichen Kreisen intensiv rezipiert wurde. Die ökologische Krise wurde hier nicht nur als technisches Problem verstanden, sondern zunehmend als Ausdruck grundlegender gesellschaftlicher Fehlentwicklungen. Umweltzerstörung erschien in dieser Perspektive als Folge einer Wirtschaftsweise, die industrielle Produktion und Wachstum über ökologische Grenzen stellte (vgl. Halbrock 1992: 44; Neubert 1998: 446). Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen lässt sich auch die Breite der Bewegung besser einordnen. Detlef Pollack geht für die 1980er-Jahre von etwa 300 bis 400 politisch-alternativen Gruppen mit insgesamt 4.000 bis 6.000 Beteiligten aus (vgl. Pollack 2000). Trotz der vergleichsweise kleinen Zahl entfalteten diese Gruppen eine beachtliche gesellschaftliche Wirkung.
Die Eingabe ist als Ausdruck eines bereits bestehenden kritischen Milieus zu verstehen, das seit den späten 1970er-Jahren Erfahrungen mit Umweltproblemen, eingeschränktem Informationszugang und Formen der Gegenöffentlichkeit gesammelt hatte. Dass eine solche Stellungnahme nur wenige Tage nach der Katastrophe formuliert wurde, verweist auf etablierte Strukturen und eingespielte Handlungsspielräume innerhalb der DDR-Umweltbewegung. Viele Aktivist*innen waren zwar durch das Bildungssystem der DDR geprägt, in dem Elektrifizierung und die friedliche Nutzung der Atomenergie als Fortschritt galten, doch Tschernobyl erschütterte dieses Narrativ nachhaltig (vgl. Autor*in unbekannt vmtl. 1987: 2). Die Katastrophe wirkte damit nicht nur als reales Ereignis, sondern auch als Moment der Desillusionierung und zugleich als Katalysator, der bestehende Konflikte verschärfte und sichtbarer machte.
Daran anschließend wird die politische Stoßrichtung der Eingabe deutlich. Die Autor*innen kritisierten die jahrelangen Sicherheitsversprechen sowjetischer und DDR-Expert*innen, wonach Kernkraftwerke sowjetischen Typs „absolut sicher“ seien, als unhaltbar und verlangten, solche Aussagen künftig grundsätzlich infrage zu stellen. Diese Kritik verband sich mit der Forderung nach der vollständigen Abschaltung aller Kernkraftwerke und dem Ausbau dezentraler, alternativer Energieformen. Im Kontext der DDR war diese Forderung besonders brisant, da die Energieversorgung weitgehend auf Braunkohle beruhte und Kernenergie zugleich als Symbol technologischer Modernität propagiert wurde, was zu erheblichen Spannungen in der Umweltpolitik führte.²
Gerade in dieser Situation gewann die Gegenöffentlichkeit der Umweltgruppen an Bedeutung. Sie sammelten Informationen, diskutierten Risiken und verbreiteten Texte über kirchliche Netzwerke und sogenannte Samisdat-Publikationen.³ Die Berliner Umweltbibliothek entwickelte sich zu einem zentralen Ort dieses Austauschs. Hier wurden Texte vervielfältigt, Diskussionen organisiert und Kontakte zwischen verschiedenen Gruppen geknüpft. Umweltfragen verbanden sich zunehmend mit Themen wie Friedenspolitik, Menschenrechten und politischer Mitbestimmung. Gerade diese Verknüpfung machte Umweltkritik in der DDR politisch brisant, da sie nicht nur einzelne Missstände benannte, sondern die Funktionsweise des politischen Systems insgesamt infrage stellte – stärker als in westlichen Gesellschaften, in denen Kritik institutionell eingebunden werden konnte.
Fazit
Die Eingabe vom 1. Mai 1986 bringt diese Entwicklung in besonderer Weise auf den Punkt. Sie ist nicht nur Ausdruck der Besorgnis über einen Reaktorunfall, sondern formuliert grundlegende Zweifel an einem System, das seine Legitimität aus Fortschritt, Planung und wissenschaftlich-technischer Beherrschbarkeit bezog. Tschernobyl erschien darin als Beleg für die Grenzen eines Politikmodells, das Risiken herunterspielte, Informationen kontrollierte und Kritik delegitimierte – in einer Weise, die unter den spezifischen politischen Bedingungen der DDR besonders konfliktträchtig wurde. Vier Jahrzehnte später zeigt die Quelle, wie eng Umwelt- und Demokratiegeschichte in der DDR miteinander verflochten waren. Die Reaktorkatastrophe schuf kein neues oppositionelles Milieu, verstärkte jedoch bestehende Kritik und machte deren politische Konsequenzen deutlicher sichtbar. Umweltfragen wurden damit zu Fragen von Wahrheit, Verantwortung und Öffentlichkeit – und zu einem zentralen Bestandteil der politischen Auseinandersetzungen in der späten DDR.
Fußnoten
- Das Präsidium des Ministerrates der DDR erließ am 16.11.1982 unter der Nummer 02-67/I.2/82 die „Anordnung zur Gewinnung oder Bearbeitung und zum Schutz von Informationen über den Zustand der natürlichen Umwelt in der DDR“, mit der Umweltinformationen systematisch unter Verschluss gestellt wurden.
- Zum Uranbergbau der Wismut und zu seiner Einbindung in den sowjetischen Atomkomplex vgl. Boch/Karlsch 2011; weiterführend Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig 2019–2021 (Teilprojekt B, Leitung: die Autorin), mit umfangreichen Materialien und Zeitzeugeninterviews.
- Samisdat bezeichnet inoffiziell vervielfältigte und verbreitete Texte, die außerhalb staatlicher Kontrolle kursierten und insbesondere in oppositionellen Kreisen eine zentrale Rolle spielten.
Quellen- und Literaturverzeichnis
- Arndt, Melanie (Hrsg.) (2011): Tschernobyl. Auswirkungen des Reaktorunfalls auf die Bundesrepublik Deutschland und die DDR. Bundesstiftung Aufarbeitung/Landeszentrale für politische Bildung Thüringen: Erfurt.
- Autor*in unbekannt (vmtl. 1987): Die Umweltschutzbewegung in der DDR und die Atomenergie, Robert-Havemann-Gesellschaft/ Archiv der DDR-Opposition, RJ 10a.
- Boch, Rudolf; Karlsch, Rainer (Hrsg.) (2011): Uranbergbau im Kalten Krieg. Die Wismut im sowjetischen Atomkomplex. Berlin: Ch.Links.
- Friedens- und Umweltkreis der Pfarr- und Glaubensgemeinde Berlin-Lichtenberg (1986): Eingabe an den Ministerrat der DDR, Betreff: Unfall im Kernkraftwerk, 1.5.1986. Robert-Havemann-Gesellschaft/ Archiv der DDR-Opposition RG-B_08, Bl. 39.
- Halbrock, Christian (1992): Beginn einer eigenständigen Umweltbewegung in der DDR. In: Rüddenklau, Wolfgang (Hrsg.): Störenfried. DDR-Opposition 1986–1989. Mit Texten aus den Umweltblättern. Berlin: BasisDruck, S. 43–51.
- Kirchhof, Astrid Mignon (2018): ‚For a decent quality of life‘: Environmental groups in East and West Berlin. In: Journal of Urban History, 4/2018: 625–646.
- Meadows, Donella H.; Meadows, Dennis; Randers, Jørgen, Behrens, William W. (1972): Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.
- Neubert, Ehrhart (1998): Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989. Berlin: Ch.Links.
- Neues Deutschland (1986): Zur Havarie im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl, 30.4.1986.
- Pflugbeil, Sebastian (2003): Tschernobyl und die DDR – zwischen staatlicher Leugnung und Bürgerbewegung. In: Friedrich-Ebert-Stiftung Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Tschernobyl und die DDR: Fakten und Verschleierungen – Auswirkungen bis heute? Magdeburg, S. 24–35.
- Pollack, Detlef (2000): Politischer Protest. Politisch alternative Gruppen in der DDR. Opladen: Leske + Budrich.
- Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (2019–2021): Wismut-Erbe-Forschung. Digitales Forschungsportal.