Tschernobyl und die Legenden der nuklearen Geschichte

Analyse

Tschernobyl gilt oft als Wendepunkt größerer Geschichten: des Sowjetsystems, der Kernenergie, des Umweltbewusstseins. Uekötter entlarvt diese Erzählungen und zeigt, wie das Ausmaß der Katastrophe dabei verdeckt bleibt.

Demotransparent „Tschernobyl 26. April 1986“

„Tschernobyl ist überall“ – das war in den Monaten nach dem 26. April 1986 das Mantra der Anti-Atomkraft-Bewegung. 40 Jahre später drängt sich eine ähnliche Mahnung für das kollektive Gedächtnis auf. Es gibt keine hegemoniale Lesart, sondern eher eine kakophone Entgrenzung der Erinnerung: Tschernobyl ist unter anderem Ort einer Mega-Katastrophe, eine verstrahlte Zone mit nuklearem Sarkophag, Thema zahlloser journalistischer und literarischer Arbeiten und Setting diverser Computerspiele. Bis 2022 zählte eine Reise in die Sperrzone zu den populärsten touristischen Aktivitäten der Ukraine, und seitdem herrscht dort Krieg. Wie nach jeder großen Katastrophe gibt es nicht nur eine Vielzahl von Themen, sondern auch einen Pluralismus der Meinungen.

Die zeitgenössische Sicht auf Tschernobyl hing wesentlich an der Frage, ob man westlich oder östlich des Eisernen Vorhangs lebte. Es gab zudem markante Unterschiede zwischen nationalen Diskursen, kurzfristigen und längerfristigen Sichtweisen und nicht zuletzt zwischen den Geschlechtern. Wer damals schwanger war oder einen Säugling zu stillen hatte, reagierte anders auf die Beunruhigung über kontaminierte Milchprodukte. Als der Reaktor in der heutigen Ukraine explodierte, tobte in der Bundesrepublik bereits seit gut einem Jahrzehnt der öffentliche Streit um Bau und Betrieb von Kernkraftwerken. Da war es unvermeidlich, dass der Supergau sogleich zu einem Referenzpunkt in laufenden Debatten wurde. Für viele Menschen war Tschernobyl kein Anlass, die eigene Meinung zu überdenken, sondern eher eine Bestätigung von bereits gefestigten Überzeugungen.

Meinungen sind mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft nur begrenzt überprüfbar. Man konnte auch nach Tschernobyl der Meinung sein, dass die zivile Nutzung der Kernenergie vertretbar sei, etwa wenn man den Unfall als singulären Fall einstufte. Geschichtswissenschaftler haben jedoch die Verpflichtung, ihre Stimme zu erheben, wenn Meinungen auf falschen Informationen beruhen oder Kontexte irreführend dargestellt werden. Die Wissenschaft sollte auch die handlungsleitenden Motive benennen, die hinter verzerrenden Lesarten stehen. Es gab nach der Katastrophe ein offenkundiges Interesse des nuklearen Komplexes, die Dimensionen des Ereignisses kleinzureden. Weniger augenfällig war, was aus dem menschlichen Bedürfnis nach Sinnstiftung angesichts des Sinnlosen folgte. Es gibt nach großen Katastrophen einen Hunger nach Erzählungen, die dem Geschehen einen Hauch von Sinnhaftigkeit verleihen, ja vielleicht sogar die tröstliche Einsicht, die Menschheit habe aus dem Leid doch immerhin etwas gelernt (vgl. Uekötter 2023: 588–591). Nur so wird der diskrete Charme monokausaler Tschernobyl-Narrative verständlich. Man bekommt eine Ahnung vom realen Horror von Tschernobyl, wenn man sich eingesteht, dass wir nach 40 Jahren immer noch auf der Suche nach den richtigen Worten sind. In diesem Sinne sollen hier acht Gerüchte analysiert werden.

Gerücht Nr. 1: Durch die Katastrophe von Tschernobyl starben nur 54 Menschen.

Die Sowjetunion hatte in ihrer von Stillstand geprägten Endphase weder die Ressourcen noch ein Interesse, die Folgen der Katastrophe gründlich zu erfassen. Die Historikerin Kate Brown (2019) hat gezeigt, dass es ganz gewiss nicht an Indizien für gesundheitliche Probleme fehlte, diese jedoch nur dann ernsthaft untersucht wurden, wenn Einzelpersonen mit Rückgrat die Initiative ergriffen. Es ist unsicher, ob es vor diesem Hintergrund jemals belastbare Zahlen für Erkrankungen und Sterbefälle geben wird, und erst recht ist unklar, ob solche Bemühungen mehr dokumentieren werden als den Hang moderner Gesellschaften, Probleme durch Zahlen und Daten begreifbar zu machen. Sicher ist nur, dass mit zweistelligen Opferzahlen – Brown (2019: 3) fand Angaben zwischen 31 und 54 – lediglich jene Fälle erfasst wurden, bei denen die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung derart offenkundig war, dass sie nicht im Nebel der spätsozialistischen Verantwortungslosigkeit verschwinden konnte.

Gerücht Nr. 2: Die Ursache der Katastrophe war ein nutzloses Experiment.

Der unmittelbare Grund der Explosion war ein Versuch, der durch zweifelhafte Entscheidungen der Bedienmannschaften katastrophal aus dem Ruder gelaufen war. Man muss für eine angemessene Bewertung der Ereigniskette jedoch wissen, dass Abweichungen vom normalen Betriebsablauf in sowjetischen Atomkraftwerken nicht ungewöhnlich waren. Sonja Schmid (2015: 7) hat darauf hingewiesen, dass der Havarie eine schleichende Gewöhnung an Notlösungen vorausgegangen war. Wenn sich eine hochrangige Delegation zur Visite ankündigte oder ein Plan unbedingt erfüllt werden musste, waren in der sozialistischen Kommandowirtschaft besondere Maßnahmen gefordert; außerdem gab es große technische Herausforderungen bei in der Sowjetunion hergestellten Reaktoren. Die gab es auch in der untergehenden DDR, und über die dortigen Arbeitsbedingungen erschraken selbst Menschen, die jeder Atomskepsis unverdächtig waren. Nach zehn Treffen mit Mitarbeitern des Kernkraftwerks Greifswald hielt ein RWE-interner Vermerk von Experten des Kernkraftwerks Biblis im Juni 1990 fest: „In allen bisher geführten Gesprächen war jeweils zu erkennen, daß gerade auf dem Gebiet der Reglementierung von Betriebsabläufen ein großer Nachholbedarf besteht. Eine umfassende Beschreibung der betriebsrelevanten und betriebsbeeinflussenden Abläufe ist in der Ausführlichkeit wie im Kernkraftwerk Biblis nicht vorhanden. […] Notwendige Informationen zur Auslegung und zu Werkstoffen sind sehr spärlich vorhanden und müssen fast vollständig selbst erarbeitet werden.“ (Historisches Konzernarchiv 1990: 2)

Gerücht Nr. 3: Die Liquidatoren erhielten eine Medaille.

Die Medaille kann man auf Wikipedia ansehen, verbunden mit der Erklärung, dass die Liquidatoren sie als „Würdigung ihrer Arbeit“ erhielten. Was dort nicht steht: Von dieser Medaille wurden nur 5.400 Exemplare produziert, was für weniger als ein Prozent der betroffenen Männer ausreichte. Für die Verteilung gab es präzise Vorgaben der Verwaltung (Josephson 2005: 264). Die Macht der Bürokratie war eines der wenigen Dinge, auf die man sich in der sozialistischen Mangelwirtschaft noch einigermaßen verlassen konnte.

Gerücht Nr. 4: Tschernobyl hat das Vertrauen in die Atomenergie zerstört.

Eine nukleare Katastrophe hat offenkundig Folgen für das Ansehen der Atomwirtschaft – vor allem dann, wenn diese jahrzehntelang behauptet hatte, dass die Explosion eines Reaktors lediglich ein theoretisches Risiko sei. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es mit dem Vertrauen in die Atomenergie in der Bundesrepublik nach Jahren kontroverser Diskussionen ohnehin nicht mehr weit her war. Über den Stand der öffentlichen Debatte gab es unterschiedliche Auffassungen, aber von der magischen Anziehungskraft, die die nukleare Technologie in der frühen Nachkriegszeit ausübte, war schon Jahre vor Tschernobyl nicht mehr viel übrig. „Der Reiz des Atoms für die Politiker ist heute auch nicht mehr leicht zu verstehen“, schrieb der Physiker Heinz Maier-Leibnitz (1980: 36), der Vater des Forschungsreaktors Garching, in einer 1980 erschienenen Festschrift für Franz Josef Strauß.

Gerücht Nr. 5: Die Atomenergie ist an Tschernobyl gescheitert.

Dahinter steht eine Lesart, die der Verfasser dieses Textes schon vor mehr als einem Jahrzehnt als die Dolchstoßlegende der nuklearen Geschichte bezeichnet hat: Demnach ist Atomkraft ein an sich erfolgreiches Projekt, das nur leider an den Ängsten der Menschen gescheitert ist (vgl. Uekötter 2014). Tatsächlich war der deutschen Stromwirtschaft schon vor Tschernobyl die Lust auf weitere nukleare Abenteuer vergangen. Die letzten Atomkraftwerke wurden in der Bundesrepublik 1982, also vier Jahre vor der Katastrophe bestellt. Die nach Tschernobyl aufgegebenen Atomprojekte – der Schnelle Brüter in Kalkar, der Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop und die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf – waren schon vorher aus guten Gründen in der Kritik.

Es kann nur spekuliert werden, ob diese Projekte ohne Tschernobyl zu Ende gebaut worden wären. Klar ist jedoch, dass keines dieser Projekte die Entwicklung der deutschen Atomwirtschaft grundlegend verändert hätte. Letztlich scheiterte die Atomenergie in Deutschland, weil die Ergebnisse ziemlich oft ziemlich weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Es gab neben der Gegenmacht der bundesdeutschen Anti-Atomkraft-Bewegung eben auch ein nüchternes betriebswirtschaftliches Kalkül der Stromkonzerne. Wenn eine Technologie notorisch nicht liefert, stellte sich für verantwortliche Manager irgendwann die Frage, ob man vielleicht die Konzernstrategie neu ausrichten sollte.

Gerücht Nr. 6: Gorbatschows Reformpolitik ist an Tschernobyl gescheitert.

Man muss schon ein sehr überzeugter Sozialist sein, um zu glauben, dass Gorbatschows Reformen die Sowjetunion hätten retten können. Natürlich waren die Katastrophe und ihre Folgen enorm belastend für die dahinsiechende Planwirtschaft, und gewiss bekam Gorbatschows Glasnost durch die Vertuschungen ein Glaubwürdigkeitsproblem – aber Probleme hatte die Sowjetunion in dieser Zeit längst mehr als genug. Es ist schon frappierend, mit welcher Unbedarftheit in diesem Zusammenhang immer wieder auf Gorbatschows Memoiren verwiesen wird (siehe z.B. Bundesstiftung Aufarbeitung, Historischer Hintergrund). Wenn Sie als Reformer so spektakulär Schiffbruch erleiden wie Gorbatschow, würden Sie dann nicht auch einen Aspekt betonen, bei dem Ihre persönliche Verantwortung besonders klein war?

Gerücht Nr. 7: Tschernobyl war ein Beleg für die Unentrinnbarkeit ökologischer Gefahren in der Risikogesellschaft.

Der Soziologe Ulrich Beck war mit seiner zeitdiagnostischen Analyse einer „Risikogesellschaft“ ein Gewinner der Katastrophe. „Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch“, schrieb Beck (1986: 48). In seinem Buch beschrieb er eine neue „Verteilungslogik“ ökologischer Gefahren: „Modernisierungsrisiken erwischen früher oder später auch die, die sie produzieren oder von ihnen profitieren.“ (Ebd.: 30) Das passte zu den Ängsten vieler Menschen nach der Katastrophe, aber nicht so gut zu den Erfahrungen, die beispielsweise die Liquidatoren machen mussten. Es gab eklatante Belastungsunterschiede in der Bevölkerung, und das ist bei Umweltproblemen der Normalfall. Dass Stand und Klasse in der schicksalhaften Verschmutzungsgemeinschaft aufgehoben sind, war nie mehr als ein eurozentrischer Mythos, der davon ablenkte, in welchem Ausmaß ökologische Belastungen auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit waren und sind.

Gerücht Nr. 8: Eine solche Katastrophe kann nicht wieder passieren.

Fukushima.

Schlussbemerkung

Das Wunschdenken gehört zur Geschichte der Technik, und das gilt für eine risikoträchtige und kapitalintensive Technologie wie die Atomkraft ganz besonders. Über die Gründe kann man diskutieren und auch darüber, ob man das Wunschdenken fortsetzen sollte. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine wird in Deutschland wieder darüber gestritten, ob Atomkraft vielleicht nicht doch die bessere Lösung sei. Wer die alten Debatten kennt, dem fällt eine gewisse Luftigkeit der Argumentation auf. Da könnte der Jahrestag von Tschernobyl eine Gelegenheit sein, das Bewusstsein zu schärfen, dass Atomkraft eine reale Technologie ist, über die wir nach den Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte einiges wissen. Atomkraftwerke sind extrem komplexe großtechnische Systeme. Sie sind so teuer und unflexibel, dass neue Kraftwerke allein aufgrund der gigantischen Kapitalinvestitionen unter halbwegs funktionierenden marktwirtschaftlichen Bedingungen keine Chance haben. Und sie sind gefährlich: Seit Tschernobyl wissen wir, wie eine nukleare Mega-Katastrophe aussieht. Wer deshalb weiter über Atomkraft redet, als handele es sich lediglich um eine Frage von Ängstlichkeit oder Mut zum Risiko, dokumentiert damit nachdrücklich, von der Realität der nuklearen Technologie keine Ahnung zu haben.


Literaturverzeichnis

  • Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Brown, Kate (2019): Manual for Survival. A Chernobyl Guide to the Future. London: W. W. Norton & Company.
  • Historisches Konzernarchiv (1990): RWE HKR 43286, RWE Biblis, Aktivitäten der Kernkraftwerke Biblis und Greifswald (DDR) auf dem Gebiet der partnerschaftlichen Zusammenarbeit zum Austausch von Betriebserfahrungen, 15. Juni 1990.
  • Josephson, Paul R. (2005): Red Atom. Russia’s Nuclear Power Program from Stalin to Today. Pittsburgh: University of Pittsburgh Press.
  • Maier-Leibnitz, Heinz (1980): Atomminister für ein Jahr. In: Zimmermann, Friedrich (Hrsg.): Anspruch und Leistung. Widmungen für Franz Josef Strauß. Stuttgart-Degerloch: Busse-Seewald Verlag, S. 33–49.
  • Schmid, Sonja D. (2015): Producing Power. The Pre-Chernobyl History of the Soviet Nuclear Industry. Cambridge (Mass.): MIT Press.
  • Siebenmorgen, Peter (2015): Franz Josef Strauß. Ein Leben im Übermaß. München: Siedler Verlag.
  • Uekötter, Frank (2014): Die neue Dolchstoßlegende. Fukushima und die Mythen der atomaren Geschichte. In: Ostheimer, Jochen; Vogt, Markus (Hrsg.): Die Moral der Energiewende. Risikowahrnehmung im Wandel am Beispiel der Atomenergie. Stuttgart: Kohlhammer, S. 244–260.
  • Uekötter, Frank (2023): The Vortex. An Environmental History of the Modern World. Pittsburgh: University of Pittsburgh Press.

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