Von Harrisburg zu Tschernobyl: Das Aufkommen der Atom-Angst

Analyse

Sieben Jahre vor Tschernobyl kam es bereits in der Nähe von Harrisburg in den USA zu einem schweren AKW-Unfall, der weltweit große Ängste auslöste. Er prägte 1986 maßgeblich die Reaktionen auf den Super-GAU in der Ukraine.

Treck der Anti-Atombewegung nach Hannover bei der Demonstration nach dem Störfall im Atomkraftwerk Harrisburg, 31.03.1979. Mit Banner: „Albrecht was sagst du nun?“ ist der niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht gemeint.
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Treck der Anti-Atombewegung nach Hannover bei der Demonstration nach dem Störfall im Atomkraftwerk Harrisburg, 31.03.1979. Mit dem Banner: „Albrecht was sagst du nun?“ ist der niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht gemeint.

Der Unfall von Tschernobyl löste in vielen Ländern Westeuropas eine starke Verunsicherung aus, gerade auch in der Bundesrepublik. Die starken Reaktionen auf den AKW-Unfall in der Ukraine lassen sich jedoch nur verstehen, wenn man die Vorgeschichte der Anti-AKW-Bewegung berücksichtigt. Aufgrund verschiedener Ereignisse seit Ende der 1970er-Jahre wuchs die Angst vor „dem Atom“ so massiv an, dass Tschernobyl wie eine Bestätigung vorheriger Annahmen und Ängste wirkte. Eine Schlüsselrolle spielte dabei der Unfall in Harrisburg, USA.

Bereits die frühe Geschichte der zivilen Nutzung der Atomkraft wies zahlreiche Störfälle auf. Im kanadischen Chalk River etwa traten 1952 nach einer partiellen Kernschmelze Millionen Liter radioaktives Kühlwasser aus. Der Reaktorunfall im englischen Windscale 1957, bei dem im starken Maße Radioaktivität entwich, zeigte der Welt, dass Abwicklung und Reinigung Jahrzehnte dauern können. 1973/74 häuften sich die Störmeldungen aus den zahlreichen AKWs der USA. Ein Bericht an die Atomic Energy Commission machte in zwölf Fällen ausgetretene Radioaktivität über den Grenzwerten aus. Die Gefahr menschlicher Fehler zeigte ein Unfall im Atomkraftwerk in Browns Ferry 1975. Hier hatten Arbeiter bei der Suche nach einem Leck mit einer Kerze ein Reaktorkontrollkabel in Brand gesetzt.

Auch in der Bundesrepublik kam es ab Ende der 1960er-Jahre bekanntlich zu einer Reihe von Störfällen. So musste etwa der Block A im Siedewasserreaktor Grundremmingen in Bayern aufgrund eines schweren Zwischenfalls 1977 komplett stillgelegt und anschließend zurückgebaut werden (Bösch 2019: 335f.). Kaum bekannt waren dagegen die Störfälle in den sozialistischen Ländern. Dabei war etwa der Unfall im sowjetischen Majak 1957 durchaus vergleichbar mit der Katastrophe von Fukushima. In der DDR wiederum ereignete sich 1975 im Kernkraftwerk Lubmin im Block 1 nahe Greifswald ein Kabelbrand, der zum Austritt von Radioaktivität führte.

Anfang der 1970er-Jahre waren die Proteste gegen die AKWs noch eher regional und richteten sich gegen Kraftwerke in der Nähe. Ab 1977 dann nahm die Zahl der nationalen und internationalen teils gewaltsamen Proteste zu – etwa im US-amerikanischen Seabrook, im französischen Malville und in deutschen Orten wie Grohnde, Kalkar und Brokdorf. Gemeinsame Symbole verfestigten diese grenzübergreifende kommunikative Vernetzung, wie die lachende Sonne mit dem Slogan „Atomkraft? Nein Danke“, die eine dänische Anti-Atomgruppe 1975 erfunden hatte und die auch in der Bundesrepublik zum wichtigsten Symbol wurde. Der Atommüll galt bereits damals als Hauptproblem.

Harrisburg als Live-Event

Zentral für eine stärker kritische Sicht auf die Atomkraft war der Unfall im US-amerikanischen Atomkraftwerk „Three Mile Island“ (TMI) nahe Harrisburg. Denn hier wurde ab dem 28. März 1979 die drohende Katastrophe erstmals live im Fernsehen übertragen. Menschen überall auf der Welt fieberten mehrere Tage vor den Bildschirmen mit, ob die Schutzhülle des Reaktors standhalten würde. Expert*innen und Medien rätselten, ob eine unkontrollierbare radioaktive Gasblase eine Explosion auslösen würde. Da der Reaktor in einem Ballungsraum lag, verließen über 100.000 Menschen ihre Wohnungen und flohen ins Umland.

Die lange bestehende Unklarheit über das Ausmaß des Unfalls beförderte eine dramatisierende Berichterstattung. In Deutschland zeigte die „Tageschau“ am 30. März 1979 das Austreten radioaktiven Dampfes und Wassers sowie Vorbereitungen auf die Evakuierung von potenziell einer Million Menschen, visuell untermalt mit Rauchwolken aus dem Reaktorturm. Die Bilder von der dann tatsächlich erfolgten Massenevakuierung hinterließen beim weltweiten Publikum den Eindruck, es habe eine radioaktive Verstrahlung stattgefunden. „Doomsday. As women and children flee America’s first nuclear cloud“ (Weltuntergang. Frauen und Kinder fliehen vor Amerikas erster nuklearer Wolke) titelte etwa das britische Tabloid Daily Express. Selbst die konservative Bild-Zeitung warnte am 2. April 1979 vor einer möglichen Explosion, „die eine Million Menschen in Todesgefahr bringen könnte“. Da die Journalistinnen kaum Informationen hatten und es viele widersprüchliche Meldungen zu vermeintlich ausgetretener Radioaktivität gab, ließen sie vor allem verängstigte Anwohnerinnen des Atomkraftwerks zu Wort kommen, die mal von einem lauten Knall, mal von ungewöhnlichen Rauchwolken berichteten. Auch wenn am Ende der Super-Gau ausblieb und der Unfall „nur“ als der weltweit viertschwerste in die Geschichte der Atomkraft einging, löste Harrisburg in vielen westlichen Ländern schwerwiegende Ängste vor den nuklearen Risiken aus.

Folgen des Unfalls

Dies hatte Folgen. In verschiedenen westeuropäischen Ländern kam es zu Stimmungswechseln, die die Atompolitik beeinflussten. So nahm in Spanien nach dem Unfall 1979 die atomkritische Haltung der Sozialisten und Gewerkschaften deutlich zu. Als die Sozialisten 1982 an die Regierung kamen, leiteten sie ein Moratorium ein und stoppten den Bau von fünf geplanten Reaktoren, auch aus ökonomischen Gründen. 1985 beschloss Dänemarks Parlament ebenfalls, auf den Bau bereits geplanter Atomkraftwerke zu verzichten, obgleich das Land keinerlei Rohstoffe hat. Stattdessen setzte es auf Windenergie und Energiesparen. In Schweden, das ein ehrgeiziges Atomkraftprogramm hatte, leiteten die Parteien 1980 eine Volksabstimmung ein, bei der 39,1 Prozent für eine Abschaltung der bestehenden Reaktoren nach 25 Jahren und sogar 38,7 Prozent für einen Ausstieg aus der Atomenergie in den nächsten zehn Jahren votierten (Bösch 2019: 347).

In der Bundesrepublik trat ebenfalls ein Stimmungswechsel ein: Laut Umfragen befürworteten nur noch 29 Prozent der Bevölkerung den Bau weiterer Kernkraftwerke, 37 Prozent waren dagegen und 25 Prozent forderten eine sofortige Stilllegung aller in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke. Frankreich dagegen schien von den Ereignissen unbeeindruckt und hielt am massiven Ausbau der Atomkraft fest: Seine Rohstoffarmut und das Selbstbild als eine von den USA unabhängige Atommacht förderten im Zuge der Ölkrise diesen Kurs.

Nach dem Unfall nahe Harrisburg begann eine Zeit internationaler Selbstvergewisserungen. Die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) organisierte Expertentreffen für Ost und West und entwickelte neue „Codes of Practice“. Die sozialistischen Länder zeigten hingegen ihre Verunsicherung dadurch, dass sie keine offiziellen Stellungnahmen abgaben. In der sowjetischen Prawda und im Neuen Deutschland erschienen jeweils nur eine kurze Meldung über Harrisburg, nachdem der Unfall wieder unter Kontrolle gebracht worden war. Die SED-Führung wollte die Bevölkerung nicht beunruhigen und davon abbringen, die Sicherheit der eigenen Atomkraftwerke zu hinterfragen. Es kam allerdings auch in der DDR nach dem Unfall von Harrisburg zu einer kritischen Überprüfung der eigenen Sicherheitstechnik. In der Bundesrepublik und vielen anderen Ländern nahm das öffentliche Wissen über die Atomenergie, deren Gefahren und mögliche Alternativen rasant zu. Was bisher nur in linksalternativen Kreisen und Qualitätsblättern kursierte, stand nun selbst in der Bild-Zeitung, „ein solches Unglück [sei] auch bei uns nicht auszuschließen“ (BILD-Zeitung (Ausgabe Berlin), 31.3.1979, S. 1).

1979 war darüber hinaus das Jahr des Nato-Doppelbeschlusses und ein Wendepunkt für die westdeutsche Friedensbewegung. Die Angst vor einem Atomkrieg und die Angst vor Atomkraftwerken vermischten sich, viele fürchteten sich vor einer verstrahlten Welt. 1979 demonstrierten im Bonner Hofgarten 100.000 Menschen zunächst gegen die zivile Nutzung der Kernenergie, in den folgenden Jahren Hunderttausende gegen die Stationierung von Atomraketen in Westeuropa (Milder 2017: 200-237). Von beiden Protestwellen profitierten die Grünen, die sich zeitgleich als Partei formierten und erste Wahlerfolge erzielten. 1984 brachten sie im Bundestag einen Antrag „über die sofortige Stilllegung von Atomkraftanlagen in der Bundesrepublik Deutschland“ ein. Dies begründeten sie auch mit Verweis auf Harrisburg.

Auch die SPD veränderte schrittweise ihre Position. 1979 trat sie in Schleswig-Holstein gegen den Bau weiterer Atomkraftwerke ein: Das geplante AKW in Brokdorf sei durch ein Kohlekraftwerk zu ersetzen und das in Krümmel erst bei gesicherter Entsorgung in Betrieb zu nehmen. In Niedersachsen sprach sich SPD-Oppositionsführer Karl Ravens nach Harrisburg kritisch gegenüber der Atomenergie aus, insbesondere gegenüber der Wiederaufbereitungsanalage in Gorleben. Selbst der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) äußerte Bedenken zum Endlager in Gorleben. Die CDU/CSU-Führung hielt zwar prinzipiell an der Atomkraft fest, trat von nun an aber weniger offensiv für sie ein. Sie sei nur eine „Übergangstechnologie“, bis neue Technik zur Verfügung stehe. Der unbeschwerte Optimismus, der die Haltung zur Atomenergie lange Zeit geprägt hatte, war nach Harrisburg weitgehend verschwunden.

Tschernobyl als erneuter Großunfall

Die Reaktionen auf den Unfall von Tschernobyl in der Bundesrepublik sind somit nur vor diesem Hintergrund – den damals bereits weit verbreiteten Ängsten vor atomaren Gefahren – zu erklären. 1986 passierte dann der Unfall, den Kritikerinnen der Nutzung von Atomkraft in gewisser Weise schon immer befürchtet hatten. Vieles wiederholte sich 1986, nur mit dramatischeren Folgen: die unklare Kommunikation der Verantwortlichen und die widersprüchlichen Deutungen der Expertinnen. So versuchten etliche bundesdeutsche Politikerinnen und Expertinnen erneut, mit dem Argument der technischen Überlegenheit der eigenen AKWs die Öffentlichkeit zu beruhigen (Jordan 2018), allerdings mit nur wenig Erfolg: Die allgemeine Skepsis in der Bevölkerung und Politik wuchs.

Nach Tschernobyl fiel die Ablehnung der zivilen Nutzung von Atomenergie leichter als 1979, als sich die Welt mitten in einer größeren Ölkrise befunden hatte. 1986 waren die Ölpreise wieder gefallen. Seit den 1980er- und 1990er-Jahren wurden in den westlichen Ländern kaum noch neue AKWs geplant, sondern vornehmlich vorher konzipierte fertiggestellt. Allein mit einer energiepolitischen „Sättigung“ ist dies nicht zu erklären, da die Atomkraft in den meisten Ländern nur einen kleineren Teil der gesamten Energieversorgung ausmachte. Vielmehr ist diese Zurückhaltung darauf zurückzuführen, dass es in nur sieben Jahre zwei schwere Unfälle in Kernkraftwerken gegeben hatte.

Der mittel- und langfristige Umgang mit der Atomkraft unterschied sich jedoch in den Industrieländern deutlich. In den USA hatte die mit dem Unfall nahe Harrisburg zusammenhängende Skepsis gegenüber der Atomkraft Bestand und wuchs seit Anfang der 1980er-Jahre sogar noch. Aufgrund der größeren Entfernung von Tschernobyl hatte dieser Unfall eine geringere Bedeutung. In den Ländern Westeuropas, die über keine oder nur wenige Kernkraftwerke verfügten – wie Österreich, Dänemark, Niederlande oder Irland – lehnte auch noch drei Jahre nach dem Unfall nahe Harrisburg rund die Hälfte der Bevölkerung die Atomkraft als unkalkulierbares Risiko ab. Hier wirkte Tschernobyl als Verstärker bereits bestehender Bedenken. Nach Tschernobyl erhielt die Anti-AKW-Bewegung selbst in Japan einen gewissen Zulauf und erstmals lehnte auch hier eine Mehrheit der Bevölkerung die Atomkraft ab. Dagegen sah die Bevölkerung in Ländern mit einer starken zivilen Nutzung von Atomkraft – wie Frankreich, Großbritannien, Schweden und Belgien – diese in den folgenden Jahren wieder positiver. Das Vertrauen in die technische Überlegenheit der eigenen AKWs, aber auch die wieder gestiegenen Ölpreise dürften erklären, warum hier nur rund ein Drittel der Bevölkerung neue Atomkraftwerke ablehnte (Van der Pligt 1992: 6). Das Klischee von der „deutschen Angst“, das gerade in Frankreich in Bezug auf die Haltung zur Atomkraft oft bemüht wird, ist kaum zutreffend. Vielmehr waren Frankreich und in gewisser Weise auch Großbritannien mit ihrem großen Vertrauen in die Atomkraft internationale Ausreißer. Auch in der Bundesrepublik waren die Bedenken weiterhin vergleichsweise gering.

Allerdings blieb die deutsche Anti-AKW-Bewegung nach Tschernobyl mit regionalen Protesten und der parlamentarischen Präsenz der Grünen weiterhin aktiv. Der dortige Unfall reaktivierte Ängste in der breiteren Bevölkerung. Er machte deutlich, dass Harrisburg kein Einzelfall war. Wäre es nur zu einem größeren Unfall in der Ukraine gekommen, hätten sich die westlichen Staaten leichter auf ihre technische Überlegenheit berufen können. Ein erheblicher Störfall in den USA und einer in der damaligen Sowjetunion unterstrichen hingegen, dass die Nutzung von Atomkraft ein strukturelles Risiko ist.


Literaturverzeichnis

  • Augustine, Dolores (2018): Taking on Technocracy. Nuclear Power in Germany, 1945 to the Present. New York: Berghahn Books.
  • Bösch, Frank (2019): Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann. München: C.H. Beck.
  • Jordan, Katrin (2018): Ausgestrahlt. Die mediale Debatte um »Tschernobyl« in der Bundesrepublik und in Frankreich 1986/87. Göttingen: Wallstein Verlag.
  • Milder, Steven (2017): Greening Democracy: The Anti-Nuclear Movement and Political Environmentalism in West Germany and Beyond, 1968–1983. Cambridge: Cambridge University Press.
  • Van der Pligt, Joop (1992): Nuclear Energy and the Public. London: Blackwell Pub
  • Zaretsky, Natasha (2018): Radiation Nation. Three Mile Island and the Political Transformation of the 1970s. New York: Columbia University Press.

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