Mit einem Besuch in Tschornobyl 1988 begann Rebecca Harms Arbeit für die Ukraine. Zum 40. Jahrestag thematisiert sie die Menschenverachtung der wechselnden Regime in Moskau und die Kluft zwischen den Reaktionen auf die Atomkatastrophe 1986 und den Angriff 2022.
Es gibt Tage, die immer in Erinnerung bleiben. Der Tag, an dem ich das erste Mal nach Tschornobyl kam, ist für mich so ein Tag. Im Oktober 1988 reiste ich mit einer Delegation deutscher Umweltschützer*innen auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbandes nach Moskau. In drei Gruppen ging es weiter an den Baikalsee, nach St. Petersburg, damals noch Leningrad, und nach Tschornobyl. Mit Stefan Kohler vom Ökoinstitut und Kurt Oeser, dem Umweltbeauftragten der evangelischen Kirche, fuhr ich nach Kyjiw und Tschornobyl. Ich war eingeladen worden, weil ich in dieser Zeit Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg war. Als Mitarbeiterin der damaligen grünen Europaabgeordneten Undine von Blottnitz hatte ich einen Bericht über Tschornobyl und die radioaktive Belastung der Böden in der Europäischen Gemeinschaft koordiniert. Begleitet wurden wir von zwei ukrainischen Schriftstellern, die wenige Jahre später in der unabhängigen Ukraine in politische Ämter gelangten. Der Filmemacher und Schriftsteller Wladimir Jaworiwski war von 1991 bis 2014 mit Unterbrechungen Abgeordneter zuerst im Obersten Rat der Ukraine und dann in der Verkhovna Rada (dem ukrainischen Parlament). Jurij Scherbak, Arzt und Schriftsteller, war Mitbegründer der grünen Partei in der Ukraine und der erste ukrainische Umweltminister, später Botschafter in Israel, den USA und Kanada. Nach dem Super-GAU hatten beide als Liquidatoren im Sperrgebiet gearbeitet. Das Erste, was sie uns erklärten, war, dass Tschornobyl die Zeitschreibung verändert habe. Früher hätten sie gesagt, etwas habe vor oder nach dem Großen Vaterländischen Krieg stattgefunden. Jetzt würden sie sagen, das war vor oder nach Tschornobyl. Die Atomkatastrophe habe die Zeit neu geteilt.
Im Jahr 2004 kam ich das erste Mal als Mitglied des Europäischen Parlaments in die Ukraine. In diesem Jahr traten die zentral- und osteuropäischen Staaten der Europäischen Union bei und auf den Straßen Kyjiws begann die „Orangene Revolution“, der Kampf der Ukrainer*innen um Unabhängigkeit und den Weg in den Westen. Die Ukraine wurde im Laufe der Zeit zu meiner zweiten politischen Heimat. Nach Tschornobyl kehrte ich regelmäßig an den runden Jahrestagen zurück. Meinen bisher letzten Besuch machte ich auf Einladung von Petro Poroschenko mit einer Delegation der G7-Botschafter im Jahr 2016 zum 30. Jahrestag des Reaktorunfalls. Dreißig Jahre lang hatten Hunderttausende Soldat*innen und Arbeiter*innen, zuerst meist Männer, später auch sehr viele Frauen, aufgeräumt, hatten getan, was nach dem GAU und der Stilllegung der Reaktoren zu tun war. Hatten Gebäude abgerissen, Straßen asphaltiert und neuen Beton gegossen. Großräumig war Boden abgetragen und die radioaktive Erde an anderer Stelle begraben worden. Für verstrahlte Hubschrauber, Panzer und Lastwagen wurden Schrottplätze eingerichtet. Sie sollen später als Ersatzteillager gedient haben. In Massengräbern verschwanden Tiere aus der verstrahlten Zone, die Jäger erschießen mussten, damit ihr Fleisch nicht in Umlauf kam. Allein der Bau des zweiten Sarkophags hatte bis 2016 um die 1,5 Milliarden US-Dollar gekostet und war aber wie die Anlagen zur Entsorgung noch nicht fertiggestellt. Bei den Feierlichkeiten am Kraftwerk Tschornobyl im April 2016 wurden dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko neue Schecks der G7-Länder überreicht. Der ehrgeizige Bau, der bei der Besichtigung wie ein Zeichen aus der Zukunft in der wüsten Kraftwerkslandschaft stand, war für einige der Geldgeber der Beweis, dass die Folgen einer atomaren Katastrophe beherrschbar sind. Dies sei notwendig, denn man müsse davon ausgehen, dass katastrophale Unfälle passieren. Andere hatten das Kapitel Atomkraft nach Tschornobyl abgeschlossen und investierten in die eigene Sicherheit. Derweil wuchs in der Zone Gras und Wald über alles.
Teil des Programms der G7-Botschafter war eine feierliche Kranzniederlegung zu Ehren der Helden von Tschornobyl. An den ersten Kraftwerksmitarbeiter, der 1986 ums Leben kam, wird im Kraftwerk mit einer Tafel erinnert. Für die 30 Männer, die nach ihm umkamen, stehen Gedenktafeln gegenüber dem Eingang. Hundertausende Feuerwehrleute, Kraftwerksmitarbeiter*innen und Soldaten, Bioroboter und Liquidatoren wurden nach der Explosion vor 40 Jahren in die Zone geschickt. Sie kamen zuerst aus allen Teilen der Sowjetunion. Die meisten kamen nicht freiwillig. Sie wurden auf den Einsatz nicht vorbereitet, nicht dafür ausgerüstet, nicht über die unsichtbaren Gefahren aufgeklärt. „Nix Glasnost“, sagte uns einer der Experten, die wir 1988 trafen. Wenn es nicht genug Wasser zum Waschen nach der Arbeit gab, wurde mit Wodka von innen gespült und die Radiophobie betäubt. So wie sie früher für das Vaterland gegen den Faschismus gestanden hatten, so kämpften sie nun gegen einen neuen unbekannten und unsichtbaren Feind. Ganze Bataillone wurden in die Schlacht gegen das Feuer in Tschornobyl geworfen und der Kampf dauerte an, selbst als Block 4 unter dem ersten Sarkophag begraben war. Auch wenn später von einigen Rebellionen berichtet wurde, so fügten sich die Menschen der Sowjetunion den Befehlen aus Moskau und dem sowjetischen Atomstaat. Wie viele Opfer, Tote und Kranke dieser Einsatz kostete, wie viele der Menschen, die „auf eine freiwillige Dienstreise“ geschickt worden waren, später kranke Kinder oder Enkel hatten, dazu gibt es wenig präzise Zahlen. Für die Sowjetunion war Tschornobyl ein weiterer großer Brocken, der das Fass zum Überlaufen brachte. Was ich 1988 sah, war Menschenverachtung. Was sonst bedeutet es, wenn ein Staat von seinen Soldat*innen und Bürger*innen verlangt, ungeschützt vor Strahlung in einem Sperrgebiet zu arbeiten und zu leben? Auch Michail Gorbatschow, der im Westen bis heute von vielen verehrt wird, trug diese Verachtung mit. Er versuchte, den Super-GAU zu verheimlichen. Er beteiligte sich an den systematischen, verharmlosenden Lügen. Es war diese Verachtung für Menschen, die ich 1988 in Tschornobyl sah und an der das sowjetische System dann bald darauf zugrunde ging. Unsere beiden Reiseführer sagten uns dieses Scheitern schon 1988 voraus.
Nach dem Super-GAU hätten Soldaten die Menschen in den Dörfern um die Zone mit der Waffe in der Hand dazu gezwungen, ihre Hühner zu schlachten, die Eier zu vernichten und das Wasser aus den Brunnen nicht mehr zu trinken. Dieselben Soldaten und andere Helfer*innen aber wurden schutzlos in eine Zone geschickt, in der sie sich vor allem um sie herum fürchten mussten, erzählte mir die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in einem Gespräch anlässlich des 30. Jahrestages der Katastrophe. Das Böse sei total geworden. Aber nur wenige seien davor weggelaufen. Die meisten hätten da noch gar keine Vorstellung von Freiheit gehabt, so Swetlana.
Der 24. Februar 2022 ist auch so ein Tag, den ich nie vergessen werde. In der Erwartung, dass Russland die Ukraine neu angreifen würde, hatte ich mit meiner Kyjiwer Freundin Nataliya Gumenyuk verabredet, sie um 5 Uhr morgens anzurufen. Der große Angriff hatte da schon begonnen Nataliya berichtete von Explosionen in Kyjiw, sagte mir, dass Russland von Norden, Osten und Süden, auf dem Land und aus der Luft angreifen würde. Und während ich dann versuchte, denen zu helfen, die aus Kyjiw und anderen Städten vor den Bomben fliehen mussten, kam von Freund*innen aus der Verkhovna Rada eine Nachricht, mit der ich nie gerechnet hätte. Die russische Armee hatte von Belarus aus das Sperrgebiet und das Atomkraftwerk Tschornobyl angegriffen und besetzt. Die Wachmannschaften waren nicht vorbereitet und hatten sich ergeben. Die ganze Betriebsmannschaft war in Geiselhaft genommen worden. Die russische Armee wollte das Sperrgebiet nutzen, um den Vormarsch auf Kyjiw abzusichern. Die Worte von Alexijewitsch schossen mir durch den Kopf: Das Böse ist total geworden. Jahrzehnte lang hatten Tausende von Soldat*innen und Helfer*innen einen gefährlichen Einsatz geleistet, um die Folgen von Tschornobyl zu begrenzen. Und nun hatten russische Soldaten den Befehl, das anzugreifen, was Tausende und Abertausende von Menschen nach der Atomkatastrophe wieder aufgebaut und erreicht hatten. Ihnen wurde sogar befohlen, sich in der verseuchten Erde einzugraben. Während sie mit Panzern und Spaten den radioaktiven Staub aufwirbelten, drohte durch die Zerstörung der Energieversorgung, dass die Kühlung für die Brennelement-Lager versagte. Was am 24. Februar 2022 in Tschornobyl geschah, brachte nicht wieder ganz Europa in Gefahr, die Region und die Menschen vor Ort aber schon. Der Angriff auf Tschornobyl zeigte die Rücksichtslosigkeit und wieder diese Menschenverachtung, die mir 1988 begegnet war, und die die Machthaber im Kreml auch gegenüber den eigenen Soldaten bis heute nicht abgelegt haben.
Aus der Rada und aus dem Energieministerium in Kyjiw wurde ich gebeten, bei der deutschen Regierung nachzufragen, ob und wie auf den Angriff auf Tschornobyl reagiert werden würde. Angriffe auf Atomanlagen im Krieg hatte es bis dahin nicht gegeben. Atomanlagen sind nach der Genfer Konvention auch im Kriegsfall besonders geschützt. Die Antwort aus dem Umweltministerium kam nach zwei Tagen. Mir wurde erklärt, dass man die Situation beobachte. Die Risiken seien gering, denn kein Reaktor laufe und die Brennelemente seien nach langer Lagerung nicht mehr heiß. Mit einer kritischen Situation sei nicht zu rechnen. Die Ukrainer aber würden die Gefahren des Angriffs übertreiben. Ihr Ziel sei es, Deutschland so in den Krieg zu ziehen.
Noch bevor die russischen Soldaten wegen des Scheiterns des Vormarsches auf Kyjiw auch aus Tschornobyl wieder abzogen, griff die russische Armee das Atomkraftwerk Saporischschja an, das größte in Europa. Selbst Demonstrationen, bei denen Bürger*innen der Kraftwerksstadt Enerhodar einen menschlichen Schutzschild bildeten, konnten die Eroberung nicht verhindern. In Saporischschja wurden die Reaktoren inzwischen heruntergefahren. Aber es kam seit 2022 immer wieder zu kritischen Situationen. Die gesamte Umgebung wurde vermint. Waffen und Munition wurden auf dem AKW-Gelände gelagert. Die Sprengung des Kakhovka-Staudamms 2023 erschwerte die Kühlung der Reaktoren und der Lagerbecken. Was international weitgehend ignoriert wird, das waren die Folgen der russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur in der Ukraine. In den drei unter Volllast laufenden AKW Chmelnyzkyi, Rivne und Süd-Ukraine kam es wiederholt zu Ausfällen und erheblichen Problemen. Ihre Reaktoren mussten mehrfach abrupt gedrosselt werden. Das bedeutete jedes Mal ein Unfallrisiko. Anders als die deutsche Regierung hat die ukrainische Regierung keine Wahl, ob sie diese Reaktoren abschaltet oder nicht. Die Energienot, verursacht durch Russlands Angriffe, macht den hochriskanten Weiterbetrieb trotz russischer Bombardierung notwendig. Damit droht der Ukraine und droht Europa mit jeder russischen Angriffswelle eine atomare Katastrophe. Die Reaktoren in der Ukraine sind für die russischen Angreifer heute wie installierte Atombomben.
Diese täglich schwelende atomare Gefahr wird im Westen und auch Deutschland weitgehend verdrängt. Daran sind mehr oder minder alle beteiligt. Da sind zum einen die, die meinen, eine klimafreundliche Energieversorgung sei nur mit Atomkraft möglich. Zum neuen Werbefeldzug der Atomlobby passt es eben nicht, über die Sicherheit von Atomanlagen im Kriegstfall zu diskutieren. Und obwohl Russland in der Ukraine atomare Zeitbomben ticken lässt, soll die Zusammenarbeit mit dem staatlichen russischen Atomkonzern Rosatom intensiviert werden. Protegiert von der IAEA arbeitet Rosatom weiter mit Atomkonzernen, die es offensichtlich für normal halten, dass Rosatom am atomaren Terror in Saporischschja direkt beteiligt war und ist. Von Protesten gegen den russischen Einfluss in der IAEA habe ich bisher in Deutschland noch nichts gehört.
Und die Atomkraftgegner*innen? Tschornobyl 1986 war das Ereignis, das den Ausstieg aus der Atomenergie vorstellbar gemacht hat. Die deutsche Anti-Atom-Bewegung hätte ohne den Super-GAU keine so erfolgreiche Rolle gespielt. Die Grünen wären in den 1980er- und 1990er-Jahren nicht so schnell in die Parlamente gewählt worden. Die SPD hätte den Ausstiegsbeschluss nicht gefasst. Vierzig Jahre später hat Russland mehrfach Atomanlagen direkt angegriffen oder indirekt die laufenden Atomkraftwerke an den Rand einer Katastrophe gebombt. Wo ist die laute Reaktion darauf? Wer liest die Berichte von Greenpeace oder Truth Hounds über Saporischschja, den Terror gegen die Betriebsmannschaften und die Risiken der geplanten Wiederinbetriebnahme durch Rosatom? Bis heute wirkt in Deutschland die Verharmlosung des Angriffs auf Tschornobyl nach. Ungleich stärker aber wirkt die Angst vor der russischen Atombombe. Diese Angst paart sich in Deutschland mit und der Ablehnung der atomaren Abschreckung. Der Glaube dahinter ist, dass die verschont bleiben, die sich nicht in den Krieg oder die Logik der Aufrüstung hineinziehen lassen. Derweil wird das Land, das seine Atomwaffen als einziges aufgegeben hat, weiter mit Krieg überzogen.
Bald kommt der 40. Jahrestag von Tschornobyl. Die Deutschen werden sich daran erinnern, was dazu führte, dass wir unsere Atomkraftwerke stillgelegt haben. Man wird rituell darüber streiten, ob das richtig oder falsch war. Gorbatschow wird aus den Archiven zu uns sprechen. Wir werden seine Lügen hören und sehen, wie das Graphitfeuer im Block 4 loderte, wie Menschen ihr Leben und ihre Gesundheit opferten, um die Folgen der Katastrophe zu mindern. Mit Betroffenheit wird davon gesprochen werden, dass es nur in einem Staat wie der Sowjetunion möglich war, so viele Menschen in so einen Einsatz zu schicken. Und dass man diesen Helden dankbar sein müsste, weil sie uns vor einer größeren Katastrophe bewahrt haben. Das wird gesagt werden, während wir es heute den Ukrainer*innen überlassen, den Krieg allein zu gewinnen. Würden wir die Helden von Tschornobyl so ernst nehmen, wie oft behauptet, dann wären wir bessere Verbündete, würden den Ukrainer*innen schon längst helfen, den Himmel über ihrem Land zu schließen, würden nicht zulassen, dass ihre Atomkraftwerke zu Zeitbomben werden. Solange keine radioaktive Wolke über Deutschlands Städte zieht, reicht es scheinbar, mit der Katastrophe von 1986 die Abschaltung unserer AKWs zu begründen. Und hinter dem deutschen Mantra, wir dürften uns von den Ukrainern nicht in den Krieg hineinziehen lassen, wächst absurderweise nicht eine Bewegung gegen Russland und seine menschenverachtende Kriegsführung, sondern gegen die Verteidigungsfähigkeit und gegen die gemeinsame nukleare Abschreckung des Westens.