"Die Kämpfe sind miteinander verflochten"

Rede

Die senegalesische Frauenrechtlerin Awa Fall-Diop wurde am 6. März 2026 mit dem Anne-Klein-Frauenpreis der Heinrich-Böll-Stiftung ausgezeichnet. In ihrer Rede verbindet sie mit einem Blick auf Afrika und Europa globale Ungleichheiten, koloniale Kontinuitäten und feministische Kämpfe – und macht deutlich, wie eng diese miteinander verflochten sind und warum Frauen weltweit die Folgen besonders tragen.

Person steht am Rednerpult und spricht; auf Leinwand dahinter Text „Anne-Klein-Frauenpreis an Awa Fall Diop“, daneben steht ein Preisobjekt.
Teaser Bild Untertitel
Rede der Preisträgerin Awa Fall-Diop bei der Preisverleihung am 6. März 2026.

„Geschichten sind wichtig. Sie wurden genutzt, um Menschen zu enteignen und zu verleumden – aber sie können auch dazu beitragen, Macht zurückzuerlangen und Würde wiederherzustellen.“ So formulierte es die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie.

In diesem Sinne möchte ich euch von meinen eigenen Geschichten erzählen – geprägt von Kämpfen und Widerständen, getragen von Momenten der Freude und auch von Zweifeln begleitet.

Ich bin Awa Fall-Diop, Feministin, Afrikanerin und ich komme aus dem Senegal. Ich bin in Grand Dakar Niary Tally geboren und aufgewachsen. In meiner Jugend wurde ich „Mutter Pfeile“ genannt, weil ich auf alles zielte, was als gesellschaftlich akzeptabel galt.

Dieser inneren Haltung folgend schloss ich mich während der Einparteienherrschaft linken Untergrundorganisationen an. Dort verwandelte ich meinen Nonkonformismus in politisches Bewusstsein. Mir wurde auch klar, dass die Unterdrückung von Frauen selbst innerhalb revolutionärer Bewegungen fortbestand. 

Das war ein entscheidender Wendepunkt auf meinem feministischen Lebensweg

Man nannte mich damals auch „Großmaul“. Ich habe darin ein politisches Werkzeug erkannt: ‚Das Wort ergreifen, um Ablehnung und Widerstand zum Ausdruck zu bringen. Die Sprache subversiv und wirkungsvoll einsetzen.‘

Mein Weg zur Feministin war geprägt von bedeutenden Begegnungen. Ich bin Frauen und Gruppen begegnet, die aufgrund ihrer Behinderung, ihrer Identität oder ihrer Sexualität diskriminiert wurden. An ihrer Seite zu kämpfen, hat mir eine wertvolle und oft marginalisierte Dimension unserer Menschlichkeit offenbart.

Auf dieser Reise, die bis heute andauert, habe ich mich bewegt mit dem Werdegang von Anne Klein, ihren Lebensentscheidungen und ihrem Engagement für Würde und Gerechtigkeit auseinandergesetzt. Den nach ihr benannten Preis von der Heinrich-Böll-Stiftung zu erhalten, ist für mich Ehre und Verantwortung zugleich. Ich nehme ihn mit Demut und Dankbarkeit an. Dass ich die zweite Frau aus Subsahara-Afrika bin, die diese prestigeträchtige Auszeichnung erhält, unterstreicht deren besondere Bedeutung!

In aller Bescheidenheit und Dankbarkeit gilt meine Anerkennung all jenen, die diesen Moment möglich gemacht und unermüdlich daran gearbeitet haben – von der Bewerbung bis zu unserer Ankunft hier in Deutschland. Einem Land, das von jahrhundertelangen sozialen Kämpfen und Widerständen geprägt ist. 

Wir leben in einer Welt, die von Kriegen, struktureller Ungerechtigkeit und einer beispiellosen Klimakrise bestimmt wird

Eine Welt, in der sich Menschen in Identitäten zurückziehen und religiöse, kulturelle, rassistische und wirtschaftliche Fundamentalismen erstarken, die Mauern errichten, wo eigentlich Brücken stehen sollten. 

In Gaza richten israelische Bomben unter den stillschweigenden Blicken der großen Demokratien ein Massensterben an. Kuba erstickt unter dem US-Embargo. In der Ukraine setzt der Krieg Frauen, Kinder und ältere Menschen einem erhöhten Risiko von Gewalt, Ausbeutung und prekären Lebensbedingungen aus. In Iran schlagen die Behörden einen Volksaufstand historischen Ausmaßes nieder. In den USA, dem Inbegriff der Freiheiten, sind Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechte in eine kritische Lage geraten. 

Diese Konflikte und Krisen, über die weltweit ausführlich berichtet wird, binden unsere Aufmerksamkeit. 

Lassen Sie uns den Blick nach Afrika richten: Im Sudan wird ein Bürgerkrieg durch die unersättliche Ausbeutung von Gummi arabicum angeheizt. In der Demokratischen Republik Kongo liegt der Ursprung des Konflikts in der Förderung von Coltan, das 60 bis 80 Prozent der weltweiten Produktion ausmacht. Coltan ist ein Rohstoff, der für Smartphones, Computern und Autos unverzichtbar ist. In der Sahelzone gefährden chronische Unsicherheit und wiederkehrende politische Umbrüche – Staatsstreiche oder der Austritt aus der ECOWAS/dem IStGH – das Leben von Millionen Menschen.

All diese Krisen haben eine gemeinsame Ursache: die ungebremste und rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen. Sie verschärft die bestehenden Ungleichheiten, insbesondere für Frauen und marginalisierte Bevölkerungsgruppen. Deshalb können und dürfen wir Frieden, Menschen- und Umweltrechte nicht isoliert nach Ländern, Kontinenten oder getrennten Themenfeldern betrachten.

Gerade in dieser unruhigen Zeit wäre Rückzug ein Fehler

Der vernünftige Weg besteht darin, die einzelnen Kämpfe hier und anderswo miteinander zu verbinden, um reale Veränderungen zu erreichen. Die Kämpfe sind miteinander verflochten. 

Das ist umso wichtiger, da Europa heute selbst zunehmend eine Abhängigkeit von den USA fürchtet – und aus den Erfahrungen Afrikas weiß, wie verheerend die Folgen einer solchen Abhängigkeit sein können. Die koloniale Aufteilung, die 1885 hier in Berlin beschlossen wurde, wirkt bis heute nach. Sie belastet Afrikas Bemühungen um Entwicklung und Souveränität. Auch die Migrationsbewegungen, die so heftig kritisiert werden, sind auf diese strukturellen Ungleichheiten zurückzuführen.

Gleichzeitig empören sich die Rechten in Europa und den USA über Migration und verabschieden drakonische Gesetze. Dabei haben viele Verfechter*innen der Ultra-Sicherheit vielleicht selbst Vorfahren mit Migrationsgeschichte und blenden zugleich die koloniale Ausbeutung sowie die Enteignung indigener Bevölkerungsgruppen aus.

Europa, das historisch als Raum der Menschenrechte, auch der Frauenrechte verstanden wird, sollte sich stärker für soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit einsetzen.

Ich möchte noch einmal auf die Auswirkungen von Konflikten, Klimawandel und Rohstoffabbau zurückkommen, insbesondere für Frauen und marginalisierte Menschen. Und erlauben Sie mir, den Fokus dabei auf Afrika und den Senegal zu richten. 

In vielen afrikanischen Ländern wird die patriarchalische Unterdrückung durch politische, wirtschaftliche und soziale Institutionen legitimiert. 64 Prozent der Bevölkerung leben in Ernährungsunsicherheit – davon sind mit 11,2 Millionen mehr Frauen als Männer betroffen – während in den wohlhabenden Staaten ein Drittel der produzierten Lebensmittel im Müll landet.

Frauen und Mädchen essen weniger, oft zuletzt

Sie sind besonders in Krisenzeiten stärker von Hunger bedroht. Fast 40 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren in Subsahara-Afrika leiden an Anämie. Obwohl sie rund 80 Prozent der Nahrungsmittel produzieren, besitzen sie nur etwa 15 Prozent des Landes und haben weniger Zugang zu Ressourcen und Krediten.

In Konfliktgebieten, die sich oft mit Rohstoffabbaugebieten überschneiden, sind sie überproportional von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen: Von sexueller Gewalt, die laut UN Women um 87 Prozent höher liegt als 2022, von Zwangsheirat und Kinderehen, die um 14 Prozent gestiegen sind. Gleichzeitig ist ihr Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und ihre Teilhabe am Friedensprozess eingeschränkt.

Der Rohstoffabbau zerstört landwirtschaftliche Flächen, verschmutzt Wasserquellen und zerstört so die Subsistenzwirtschaft, in der Frauen die Mehrheit bilden. Sie legen immer weitere Strecken zurück, um Wasser und Brennholz zu beschaffen, verrichten zwei- bis zehnmal mehr Hausarbeit, und verlieren dadurch Zeit für Einkommen oder Bildung.

In einer Zeit, in der das vorhandene Wissen exponentiell wächst und künstliche Intelligenz zum Alltag gehört, können Millionen afrikanischer Frauen ihren Namen nicht schreiben. Deshalb setzen sich afrikanische Frauen für ihre Rechte, ihre Territorien, Ernährungssouveränität sowie Klima- und feministische Gerechtigkeit ein.

In der Demokratischen Republik Kongo leisten sie Widerstand gegen die Plünderung von Ressourcen, die Nutzung ihrer Körper als Kriegsschauplatz, politische Ausgrenzung und sozioökonomische Ungleichheiten. In Mali kämpfen sie gegen die Kontrolle über ihre Körper, geschlechtsspezifische Gewalt, Kinderheirat und Genitalverstümmelung – Formen der Unterdrückung durch Staat, Traditionalisten und Dschihadisten. In Burkina Faso und im Senegal sind queere Menschen durch drakonische Gesetze, die Homosexualität kriminalisieren, noch stärker gefährdet. 

Als Reaktion darauf schaffen Partner*innen, Organisationen und engagierte Einzelpersonen sichere Räume. 

Und wir kämpfen weiter! 

Indem wir theoretische Ansätze mit praktischen Erfahrungen verbinden. Wir dekolonisieren feministische Perspektiven, indem wir das Patriarchat nicht nur als intersektionale Form männlicher Dominanz analysieren, sondern auch im Zusammenhang mit Imperialismus. 

Wir rücken die Rolle von Frauen im vorkolonialen Afrika neu ins Licht und setzen uns mit unserer eigenen, gewachsenen Spiritualität auseinander. Wir schaffen generationenübergreifende Räume.

Junge radikale Feministinnen setzen sich für einen afrikanischen Feminismus als politische Ressource ein, um die Machtverhältnisse auf dem Kontinent mit ihren eigenen Worten neu zu denken. Sie kritisieren die Ehe als gesellschaftliche Norm und die Mutterschaft als zugewiesene Rolle. Sie setzen sich mit der Gender-Vielfalt, der Menopause sowie sexueller und geburtshilflicher Gewalt auseinander. Ihre Forderungen beruhen auf Prinzipien der Gerechtigkeit, dem Erlernen von Widerstand, auf kollektivem Kampf und dem Aufbau autonomer Bewegungen.

Und in diesen Kämpfen benennen senegalesische Feministinnen ein besonders drängendes Thema: den Femizid, die extremste Ausprägung patriarchaler Gewalt. 2025 wurden 18 Femizide registriert; seit Januar 2026 bereits drei weitere. Und das sind nur die bekannten Fälle, die tatsächlichen liegen aufgrund fehlender Statistiken vermutlich deutlich höher. 

Wie viele Frauenmorde bleiben unsichtbar? Wie viele Frauen werden erst von ihrem Partner ermordet und dann ein zweites Mal durch stillschweigende Absprachen zwischen den Familien?

Frauenmord wird zwar in einer Rede des Präsidenten erwähnt, doch es fehlen konkrete gesetzliche Maßnahmen. 

Diese Kämpfe afrikanischer und senegalesischer Frauen stehen nicht allein. Sie verbinden sich mit den Kämpfen von Frauen in Europa, wo Angriffe auf ihre Rechte wie eine Rücknahme hart erkämpfter Errungenschaften wirken.

In Europa geben Staaten geo- und sicherheitspolitischen Interessen Vorrang vor Frauenrechten. Deshalb müssen die Kämpfe miteinander verbunden werden: Der Einsatz für die Entkriminalisierung von Abtreibung und die Abschaffung von § 218 StGB in Deutschland ebenso wie unsere Forderungen nach sicheren medizinischen Schwangerschaftsabbrüchen, insbesondere bei Vergewaltigung oder Inzest.

All unsere Kämpfe gegen geschlechtsspezifische Gewalt und sexistisches Cybermobbing müssen miteinander verknüpft werden

Diese Verbindung alltäglicher Widerstände von Frauen, die unter schwierigsten Bedingungen Rechte und Freiheiten verteidigen, erinnert uns an eine grundlegende Wahrheit: 

  • Ohne die Teilhabe von Frauen gibt es keinen Frieden.
  • Ohne soziale Gerechtigkeit gibt es keinen gerechten Klimawandel.
  • Ohne echte Gleichberechtigung gibt es keine vollständige Demokratie. 

Und: Alle nachhaltigen Lösungen erfordern die tatsächliche Einbeziehung der menschlichen Vielfalt. Die Verleihung des Anne-Klein-Preises steht für ein entschiedenes Engagement für genau diese Werte.

Dieser Preis ist mehr als eine Auszeichnung. Er ist eine Aufforderung, die Unsichtbarmachung und die Normalisierung von Gewalt und Ungerechtigkeit nicht hinzunehmen.

Dieser Preis bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass unsere gemeinsame Verantwortung klar ist: weiter daran zu glauben, dass Gerechtigkeit, eine intakte Umwelt und Frieden Realität werden können und nicht nur Ziele bleiben.

Und ich verpflichte mich, diesen Weg weiterzugehen – mit Entschlossenheit, mit Solidarität und Schwesternschaft, mit Freude und Hoffnung. 

Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Aufmerksamkeit.

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