In den 1970er-Jahren organisierte sich in der BRD ziviler Widerstand gegen die Kernenergie. Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 stieß eine neue Phase der Anti-Atomkraft-Bewegung an – hin zur basisorientierten, praktischen Problemlösung. Mütter, unabhängige Wissenschaftler*innen und Befürworter*innen erneuerbarer Energien bildeten die Vorhut.
Nachdem die Nachricht von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl die Bundesrepublik erreicht hatte, spielte die Regierung deren Folgen bekanntlich herunter. Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) erklärte in der Tagesschau, die Westdeutschen hätten nichts zu befürchten. Der Forschungsminister und der Gesundheitsminister gaben ähnliche Erklärungen ab. Das Kabinett behauptete beharrlich, dass die in Tschernobyl freigesetzte Strahlung keine negativen Auswirkungen auf Westdeutschland hätte. Doch die Geigerzähler bewiesen eine andere Realität. So erreichte beispielsweise Milch in Bayern Strahlungswerte von bis zu 1.000 Becquerel pro Liter; in Sandkästen auf Kinderspielplätzen und auf Tierweiden wurde ebenfalls Radioaktivität gemessen. Staatliche und lokale Behörden waren sich uneins darüber, wie viel Strahlung überhaupt sicher war. Dies führte zu unterschiedlichen Vorschriften und Richtlinien dazu, welche Lebensmittel verzehrt werden durften und welche Aktivitäten im Freien erlaubt waren. Für die Bevölkerung waren diese teils widersprüchlichen Botschaften ein Beweis für die Ratlosigkeit der Regierung.
Aus deren Sicht waren es jedoch die Bürger*innen, die desorganisiert und überfordert waren. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) schrieb in seinen Memoiren, nach Tschernobyl sei „unser Land von Angst, von Aufregung und von der Beschwörung von Horrorszenarien beherrscht“ gewesen (Kohl 2005: 418). Zwar sprachen viele Deutsche offen über ihre Ängste; eingeschüchtert jedoch, wie Kohl zu suggerieren schien, waren sie nicht. Vielmehr ergriffen sie die Initiative. Die Anti-Atomkraft-Bewegung, die in den 1970er-Jahren entstanden war und Anfang der 1980er-Jahre einen ersten Höhepunkt erreicht hatte, wurde „neu entfacht“ (Augustine 2018: 162). Die Kernschmelze in der Ukraine führte dazu, dass die Bewegung in eine neue Phase eintrat. Zuvor hatten Atomkraft-Gegner*innen noch einzelne Atomanlagen ins Visier genommen und sich gegen geplante Reaktoren und das Zwischenlager Gorleben ausgesprochen. Zu den bekanntesten Anti-Atom-Protesten gehörten die Besetzungen der Standorte Wyhl und Gorleben sowie Massendemonstrationen in Brokdorf und Grohnde. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl organisierten sich Aktivist*innen im ganzen Land unter dem Slogan „Tschernobyl ist überall!“ (Arndt 2012). Da der radioaktive Niederschlag allgegenwärtig war, stellte es sich als sinnlos heraus, sich auf einzelne Reaktoren zu konzentrieren. Die Demonstrant*innen forderten die „sofortige Abschaltung aller Reaktoren überall“ (Mütter und Väter gegen Atomkraft 1986).
In der Folge gingen die Aktivist*innen zunehmend proaktiv an die Atomdebatte heran. Die von ihnen vorgeschlagenen Problemlösungen gingen über den berühmten Slogan „Atomkraft, nein danke!“ hinaus. Aus Misstrauen gegenüber den Behörden nahmen die Westdeutschen es zunehmend selbst in die Hand, sich und ihre Familien vor radioaktivem Niederschlag zu schützen. So trugen einige die „oberen Erdschichten in privaten Gärten [ab], [gingen] fast zwei Wochen lang nicht aus dem Haus […] und [verbrannten] die Kleidung […], die sie während des Fallouts getragen hatten“ (Renn 1990: 159). Andere taten sich zusammen und reagierten gemeinschaftlich auf die Katastrophe. Es waren vor allem drei Gruppen, die sich aktiv gegen Kernenergie aussprachen und Lösungen für die damit verbundenen Probleme anboten: Mütter, unabhängige Wissenschaftler*innen und Befürworter*innen erneuerbarer Energien.
Müttergruppen
Besorgte Mütter organisierten schätzungsweise drei Viertel der fast 200 neuen bürgernahen Anti-Atomkraft-Gruppen, die nach der Katastrophe in ganz Westdeutschland gegründet wurden (Kirchhof 2013: 49; Schmacks 2020: 826). Auch Sabine Klier, eine Erlanger Mutter, gründete eine solche Gruppe. Als Beweggrund für ihr Engagement nannte Klier ihre „Gefühle von Wut, Angst und Ohnmacht“, als sie feststellte, dass die Behörden nicht rechtzeitig vor der Kernschmelze gewarnt hatten, sodass sie ihren kleinen Sohn arglos in einem radioaktiven Sandkasten spielen ließ (Klier zit. nach Felsberger 2020: 87). Gemeinsam mit anderen Müttern vor Ort teilte sie Informationen zu Strahlenschutz und entwickelte Strategien für den Katastrophenfall. In Dutzenden weiteren Städten organisierten Mütter ähnliche Initiativen gegen Kernkraft. Eine Gruppe Münchner Mütter übernahm eine zentrale Rolle im wachsenden Netzwerk von Frauengruppen. Sie hatten die Aufmerksamkeit der Presse erregt, als sie auf dem zentral gelegenen Münchner Marienplatz ihre Muttertagssträuße in Form eines Strahlenzeichens auf den Boden gelegt hatten. Viele lokale Gruppen in Süddeutschland, darunter auch Kliers Gruppe in Erlangen, wurden zu regionalen Sektionen der in München basierten „Mütter gegen Atomkraft“ (Kirchhof 2013: 49).
Müttergruppen versuchten aktiv, ihre Familien vor Strahlung zu schützen. In Westberlin schloss sich eine Gruppe von 60 stillenden Müttern und Schwangeren zusammen, um „Zugang zu nicht-radioaktiver Milch, Warnhinweise auf radioaktiven Produkten und niedrigere Schwellenwerte für Radioaktivität“ zu fordern. Die von ihnen gegründete Gruppe „Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung“ eröffnete eine unabhängige Prüfstelle für Radioaktivität und maß alle zwei Wochen den Gehalt an radioaktivem Cäsium in beliebten Milchprodukten. Die Testergebnisse, einschließlich der Markennamen der Produkte, verbreiteten sie in einem alle zwei Wochen erscheinenden Newsletter, der Familien beim Kauf unbedenklicher Produkte unterstützen sollte. Dieses und ähnliche Projekte wurden nach der Reaktorkatastrophe noch jahrelang fortgeführt (Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung vmtl. 1988).
Unabhängige Wissenschaftler*innen
Verlässliche Informationen über Strahlungswerte und angemessene Vorsichtsmaßnahmen zu erhalten, wurde für besorgte Westdeutsche zu einem zentralen Anliegen. Das Freiburger Institut für angewandte Ökologie (Öko-Institut) war 1977 gegründet worden, um den Widerstand gegen den geplanten Kernreaktor Wyhl mit wissenschaftlichen Informationen zu versorgen, und stellte wohl die führende unabhängige Forschungseinrichtung Westdeutschlands dar. Da es weder einer Universität angegliedert war noch einem staatlich geförderten Forschungszentrum angehörte, wurden die Forscher*innen des Öko-Instituts vom wissenschaftlichen Etablissement lange belächelt – trotz ihres akademischen Hintergrunds und ihrer wissenschaftlichen Expertise. Doch nach Tschernobyl wendete sich das Blatt: Die Selbstbeschreibung des Instituts als „unabhängiges Gegengewicht zum Wissenschaftsmonopol von Staat und Industrie“ verschaffte ihm im Frühjahr und Sommer 1986 neue Glaubwürdigkeit (Seifried 2022: 44; siehe auch Christ 1983). Während die widersprüchlichen Äußerungen der Regierung das Vertrauen der Öffentlichkeit erschütterten, arbeiteten die Wissenschaftler*innen des Öko-Instituts in „Notdiensten“. Bis spät in die Nacht beantworteten sie panische Anrufe von Bürger*innen, indem sie wissenschaftlich fundierte Ratschläge gaben, die auf Daten basierten, die sie selbst erhoben oder überprüft hatten (Stefan Kohler zit. nach eco@work 2017: 5).
Darüber hinaus riefen die Wissenschaftler*innen des Öko-Instituts die Bürgerschaft dazu auf, neue, praxisnahe Bürgerinitiativen zu organisieren. Es regte die Gründung von lokalen „Energiewende-Komitees“ an, „um der Vereinzelung und der lähmenden Angst zu entgehen und gemeinsam massiven Druck auf die verantwortlichen Politiker und Behörden auszuüben“ (Öko-Institut 1986).
Noch wichtiger war jedoch der Vorschlag des Öko-Instituts, diese Komitees könnten auf lokaler Ebene zur Verwirklichung einer kernenergiefreien Zukunft beitragen, indem sie ihre Gemeinden mit konkreten Maßnahmen für eine kommunale Energiewende unterstützen. Anstatt diese „Energiewende-Komitees“ jedoch vom Hauptsitz in Freiburg aus zu steuern oder ihre Arbeit auf den damaligen Regierungssitz Bonn auszurichten, ermutigte das Öko-Institut lediglich zur Bildung bürgernaher lokaler Gruppen. Diese versprach das Institut zu vernetzen und ihnen die nötigen Instrumente für die Arbeit in ihren eigenen Gemeinden an die Hand zu geben (Öko-Institut 1986). „Innerhalb weniger Monate bildete sich ein Energiewendenetzwerk mit rund 400 Komitees unterschiedlichen Ursprungs“ (Brohmann et al. 2017: 17). Den bürgernahen „Energiewende-Komitees“ gelang es, in den Kommunen eine Infrastruktur für erneuerbare Energien aufzubauen und Energieeinsparungen zu fördern. Viele davon blieben noch Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl aktiv.
Befürworter*innen erneuerbarer Energien
Auch die Befürworter*innen erneuerbarer Energien, von denen viele aus der Anti-Atomkraft-Bewegung kamen, mobilisierten sich nach der Katastrophe von Tschernobyl neu. So legte Wolf von Fabeck unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe sein Amt als Bundeswehroffizier nieder, um sich ganz der Solarenergie zu widmen. Im Sommer 1986 besorgte er sich ein 50-Watt-Photovoltaikmodul und ging damit in ganz Deutschland auf Tour. Auf Marktplätzen demonstrierte er, wie das PV-Modul eine elektrische Bohrmaschine oder einen Küchenmixer mit Strom versorgen konnte. Passant*innen reagierten darauf oft skeptisch und verlangten, die Batterien zu sehen, die ja irgendwo in von Fabecks Aufbau versteckt sein müssten. Im November 1986 gründete er den Solarenergie-Förderverein Deutschland (SFV) (vgl. Janzing 2025).
Anstatt auf Maßnahmen des Staates zu warten, konzentrierten sich die Befürworter*innen erneuerbarer Energien darauf, die Bürger*innen davon zu überzeugen, mit erneuerbaren Energien ihren eigenen Strom zu erzeugen. Helmut Häuser, ein in Hamburg ansässiger Anti-Atomkraft-Aktivist, argumentierte in den Jahren nach Tschernobyl, erneuerbare Energien könnten sich von Tüftlerprojekten in deutschen Hinterhöfen zu einer neuen Grünen Industrie entwickeln. Wenn nur genügend Privatleute ihre eigenen Windturbinen oder PV-Anlagen installierten, würde die steigende Nachfrage die Hersteller zur Serienproduktion veranlassen. Dies wiederum würde die Entwicklung größerer, effizienterer Modelle beschleunigen, argumentierte Häuser. Dieser Prozess ließe sich anstoßen, indem Netzbetreiber einen „kostendeckenden“ Tarif für unabhängig erzeugten Wind- und Solarstrom zahlten. Mit der Verabschiedung des Stromeinspeisungsgesetzes durch den Bundestag im Dezember 1990, das Vergütungssätze für unabhängige Energieerzeuger festlegte, wurde genau diese Dynamik in Gang gesetzt. Im Laufe der 1990er-Jahre erlebte Deutschland einen Windenergie-Boom und erhöhte seine Windkraftkapazität von 60 auf über 6.000 Megawatt (MW). Zugleich begannen Hersteller, sich auf den Bau von Windkraftanlagen zu spezialisieren, wodurch Tausende neue Arbeitsplätze entstanden (vgl. Milder 2022).
Schlussfolgerung
Auch wenn nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl die Angst vor Strahlung in der BRD weit verbreitet war, hielt sich die Anti-Atomkraft-Bewegung nicht mit Schwarzmalerei und Untergangsszenarien auf. Stattdessen lenkte die Katastrophe die Bewegung in eine praktischere, lösungsorientierte Richtung. Mütter taten sich zusammen, um Strahlungswerte zu messen und nach unbedenklichen Produkten zu suchen. Sie sorgten für die Sicherheit der Familien, indem sie Informationen und Pläne für den Katastrophenfall untereinander austauschten. Unabhängige Wissenschaftler*innen informierten die Öffentlichkeit über Strahlenschutz und wirksame Vorsichtsmaßnahmen. Sie setzten sich dafür ein, dass sich Bürger*innen auf lokaler Ebene engagieren. Gleichzeitig ermutigten die Befürworter*innen erneuerbarer Energien die gesamte deutsche Bevölkerung, Strom aus Wind- und Sonnenenergie zu erzeugen.
Gleichwohl unmittelbar nach Tschernobyl überall in der BRD Demonstrationen und Straßenproteste gegen Atomkraft stattfanden und die Proteste gegen Atommülllagerung bis in die 1990er-Jahre andauerten, wurde in den Jahren nach der Tschernobyl-Katastrophe ein bürgernaher, lösungsorientierter Ansatz zum prägenden Merkmal der Anti-Atomkraft-Bewegung. Die hatte es zwar schon lange vor Tschernobyl gegeben – nach der Reaktorkatastrophe in der Ukraine trat sie jedoch in eine neue Phase ein.
Quellen- und Literaturverzeichnis
- Arndt, Melanie (2012): Tschernobyl. Auswirkungen und Perzeptionen im deutsch-deutschen Vergleich, zeitgeschichte online.
- Augustine, Dolores (2018): Taking on Technocracy. Nuclear Power in Germany, 1945 to the Present. New York: Berghahn.
- Brohmann, Bettina; Grießhammer, Rainer; Hilbert, Inga; Wille, Tobias (2017): Erfolgsbedingungen für Akteurskooperationen bei Transformationen und Systeminnovationen. Working Paper des Öko-Instituts 6/2017.
- Christ, Peter (1983): Widersprüche aus Freiburg. In: Die Zeit, 14.10.1983.
- eco@work (2017): 40 Jahre Öko-Institut. Sonderheft zum Jubiläum.
- Felsberger, Jakob (2020): Tschernobyl in Erlangen. Reaktionen und Dynamiken im lokalen Umfeld 1986–1989. Erlangen: FAU University Press.
- Janzing, Bernward (2025): Der Vater des Aachener Modells. In: die tageszeitung, 18.4.2025.
- Kirchhof, Astrid (2013): Frauen in der Antiatomkraftbewegung. Am Beispiel der Mütter gegen Atomkraft. In: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte 62: 48–57.
- Kohl, Helmut (2005): Erinnerungen 1982–1990. München: Droemer Knaur.
- Milder, Stephen (2022). A Struggle to Remake the Market: Feed-in Rates and Alternative Energy in 1980s West Germany. In: Contemporary European History 31: 593–609.
- Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung (vmtl. 1988): „Was wir wollen … – was wir tun …“. undatiertes Flugblatt. Archiv Grünes Gedächtnis E25. Mütter und Väter.
- Mütter und Väter gegen Atomkraft (1986): Reaktorunfall in Tschernobyl – Atomkatastrophe für ganz Europa. Archiv Grünes Gedächtnis. E25 Mütter und Väter.
- Öko-Institut (1986): Energiewende-Komitees, 8.5.1986. Archiv Grünes Gedächtnis B.II.1.
- Renn, Ortwin (1990): Public Responses to the Chernobyl Accident. In: Journal of Environmental Psychology 10: 151–167.
- Schmacks, Yanara (2020): „Motherhood is Beautiful“: Maternalism in the West German New Women’s Movement between Eroticization and Ecological Protest. In: Central European History 53: 811–834.
- Seifried, Dieter (2022): Rekommunalisierung. Eine Erfolgsstrategie. In: Lechtenböhmer, Stefan; Irrek, Wolfgang; Luhmann, Hans-Jochen; Seifried, Dieter; Thomas, Stefan (Hrsg.): Bewegende Energie. Die Energiewende als Treiber der Großen Transformation in Rück- und Ausblick. München: Oekom, S. 43–60.