Konferenz von Santa Marta plant Ausstieg aus fossilen Brennstoffen

Analyse

Das Treffen der Länder, die sich für eine Energiewende einsetzen, wurde vom Gastgeberland Kolumbien als „Beginn einer neuen globalen Klimademokratie“ bezeichnet. Es endete mit mehr Aufgaben als endgültigen Ergebnissen. 

Menschen bei Demonstration mit Banner: „Schneller, gerechter Ausstieg aus fossilen Brennstoffen“.

„Das ist meine erste multilaterale Konferenz, die nicht frustrierend war.“ Mit diesen Worten brachte die kolumbianische Umweltministerin Irene Vélez Torres zum Abschluss der Plenarsitzung am 29. April 2026 den Geist der fünf Tage in Santa Marta auf den Punkt. Zwar gab es weder einen einstimmig ausgehandelten Text noch quantifizierte Finanzierungszusagen oder neue Beitritte zum Vertrag über die Nichtverbreitung fossiler Brennstoffe. Doch erzielt wurde eine Einigung darüber, welche konkreten Schritte nun anstehen und alles wurde von einem gemeinsamen Willen getragen.

Die erste internationale Konferenz für den Übergang jenseits fossiler Brennstoffe, die von Kolumbien und den Niederlanden vom 24. bis 29. April 2026 einberufen wurde, brachte 57 Länder und mehr als 2.600 registrierte Organisationen zusammen. Ihr formelles Ergebnis – das am 30. April 2026 von den beiden Gastgeberländern unterzeichnet wurde – ist nach eigenen Angaben „eine sachliche Darstellung dessen, was die verschiedenen Teilnehmenden auf den Tisch gelegt haben.“ Ergänzt werden soll es vor den Zwischentagungen der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) im Juni dieses Jahres in Bonn durch einen umfassenden Bericht. 

Das offizielle Dokument nennt fünf konkrete Ergebnisse. Zwei davon sind institutioneller Natur: die Einrichtung des Wissenschaftlichen Gremiums für den globalen Energiewandel (SPGET) unter dem gemeinsamen Vorsitz von Carlos Nobre und Johan Rockström sowie die Ankündigung der zweiten Konferenz, die 2027 von Tuvalu und Irland gemeinsam ausgerichtet werden soll mit dem Schwerpunkt Pazifik. Die drei weiteren sind thematische Arbeitsgruppen, die den Prozess bis dahin strukturieren sollen.

Diese drei Arbeitsgruppen entsprechen den drei Säulen, auf denen die Konferenz aufbaute. Entsprechend flossen in jede Säule Vorschläge und Kommentare der unterschiedlichen in Santa Marta vertretenen Akteur*innen und Sektoren ein.

Die blinden Flecken der NDCs beseitigen

Die erste Arbeitsgruppe widmet sich dem, was Vélez als „den wichtigsten blinden Fleck“ des derzeitigen Klimasystems bezeichnete: den national festgelegten Verpflichtungen (NDCs), also den Klimaschutzverpflichtungen der Länder im Rahmen des Pariser Abkommens. Diese erfassen zwar die Emissionen innerhalb der Landesgrenzen, berücksichtigen jedoch weder die durch fossile Brennstoffe verursachten Exportemissionen, die ein Land produziert und ins Ausland verkauft, noch tragen sie der produktiven Transformation Rechnung, die eine Energiewende mit sich bringt.

„Wir wollen klar und ehrlich darüber sein, wie auch die Produktion umgestellt werden kann“, erklärte die Ministerin.

Diese Arbeitsgruppe wird die Länder mit dem SPGET und der NDC-Partnerschaft vernetzen, um konkrete Fahrpläne für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zu erarbeiten – differenziert nach Brennstoff, nach Produktions- und Verbrauchersektor und jeweils angepasst an die nationalen Gegebenheiten. Diese Pläne sollen die bestehenden NDCs ergänzen, nicht ersetzen. Die technische Grundlage dafür bildet ein weiterer, im Rahmen des Prozesses vorgestellter wissenschaftlicher Bericht: das Santa Marta Action Repertoire (SMART), das von 24 Forschenden aus zehn Institutionen erarbeitet wurde. Dessen ersten beiden Empfehlungen zielen darauf ab, Übergangspläne zu entwickeln und die Lebensgrundlagen der Beschäftigten durch Umschulungsmaßnahmen abzusichern.

Eine weitere während der Konferenz vorgestellte wissenschaftliche Arbeit, die von der Universität Leeds geleitet wurde, entwirft einen möglichen Fahrplan für den Ausstieg Kolumbiens aus fossilen Brennstoffen. Durch gezielte Maßnahmen könnte demnach eine Reduktion der Emissionen um 90 Prozent bis 2050 gegenüber dem Niveau von 2015 erreicht werden. 

Auf Seiten der Zivilgesellschaft verständigten sich 809 Organisationen, die am Konsultationsprozess der NGOs beteiligt waren, auf eine gemeinsame Forderung: Die Fahrpläne müssten „gesetzlich verbindliche Zeitpläne für den schrittweisen Ausstieg mit klaren Stilllegungsdaten und Zielen für die vollständige Dekarbonisierung“ enthalten. Zudem forderten sie ein Moratorium für neue Explorationslizenzen, insbesondere in sensiblen Ökosystemen wie dem Amazonasgebiet und der Karibik.

Die Gewerkschaften ergänzten dies um eine Bedingung, die sie als nicht verhandelbar betrachten: dass die Fahrpläne unter verbindlicher, nicht nur beratender Beteiligung der Gewerkschaften ausgearbeitet werden. Zudem sollten sie Programme zur beruflichen Umschulung enthalten, die bereits während der laufenden Rohstoffgewinnung beginnen können, um „Einkommensverluste während des Übergangs zu vermeiden.“

Die indigenen Völker stellten ihrerseits infrage, dass Energie-Fahrpläne – einschließlich jener für erneuerbare Energien – ohne vorherige Landtitelvergabe und ohne vorherige, freie und informierte Zustimmung mit Vetorecht entworfen werden können. Das Synthese-Dokument des Sektors „Indigene Völker“ warnt davor, dass „Wind-, Solar- oder Wasserkraftprojekte in indigenen Gebieten dieselben Muster von Zwang, Vertreibung und fehlendem lokalem Nutzen reproduziert haben wie der fossile Rohstoffabbau“. Ihr Alternativvorschlag trägt einen eigenen Namen: kommunale Energiesouveränität, kleine Systeme, die von den Gemeinschaften für von ihnen selbst definierte Zwecke entworfen und verwaltet werden.

Fallstricke für Länder des Globalen Südens entschärfen

Die zweite Arbeitsgruppe geht von der gleichen Analyse aus, die die kolumbianische Ministerin in der abschließenden Pressekonferenz formulierte: Die Länder des Globalen Südens sehen sich gleichzeitig mit einer Fiskalfalle (Abhängigkeit von Einnahmen aus fossilen Brennstoffen zur Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen), einer Schuldenfalle (kein fiskalischer Spielraum für Investitionen in den Übergang) und einer Subventionsfalle (die fossile Brennstoffe künstlich wettbewerbsfähig hält) konfrontiert. Diese drei Faktoren verstärken sich gegenseitig.

Die zweite Arbeitsgruppe befasst sich mit der makroökonomischen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und ihren Zusammenhang mit der internationalen Finanzarchitektur. Sie wird vom Internationalen Institut für nachhaltige Entwicklung (IISD) unterstützt und arbeitet daran, Mechanismen zu identifizieren, um die jeweiligen Fallen zu entschärfen. Das Synthese-Dokument der Konferenz nennt hierfür mehrere konkrete Optionen, darunter den Tausch von Schulden gegen Klimaschutzmaßnahmen, die Ausweitung nicht schuldenbasierter, konzessionierter Finanzierungen, eine Reform der Ratingagenturen, damit diese vorausschauenden Investitionen in den Energiewandel bewerten, sowie die Einrichtung von Koordinierungsplattformen zwischen Export- und Importländern fossiler Brennstoffe.

Die Wissenschaftler*innen von SMART sahen die Rolle der Zentralbanken als eine ungenutzte Chance: Ihre Mandate zur Preisstabilität ermöglichten es ihnen, die Finanzierungskosten für saubere Energie zu senken. Das Dokument spricht in diesem Zusammenhang von einem Schutz vor „Fossilflation“ - also Inflationsspitzen, die durch die geopolitische Volatilität der fossilen Märkte verursacht werden. Eine in Santa Marta vertretene akademische Gruppe zum Thema Zentralbanken kündigte an, diese Ansätze weiterzuverfolgen.

NGOs wiesen auf ein strukturelles Element hin, das von Finanzierungsmechanismen oft ignoriert wird: die Steuerhinterziehung durch Unternehmen des fossilen Sektors, die die Fähigkeit der Staaten einschränkt, den Übergang aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Die Gewerkschaften stellten eine Bedingung: Jeder Klimafinanzierungsmechanismus müsse „Klauseln für einen gerechten Übergang unter Beteiligung und Überwachung der Gewerkschaften“ enthalten. Andernfalls drohe zwar eine Mittelverwendung für Dekarbonisierung, jedoch ohne ausreichende Gewährleistung sozialer Gerechtigkeit.

Die Handelsbilanzen dekarbonisieren

Das Ziel der dritten Arbeitsgruppe besteht darin, zu erfassen, inwieweit der internationale Handel zwischen den Ländern der Koalition auf fossilen Brennstoffen basiert, den exportierten CO₂-Fußabdruck jeder Volkswirtschaft zu berechnen und Koordinierungsmechanismen zwischen Produzenten und Verbrauchern zu entwickeln. Diese sollen es ermöglichen, entsprechende Handelsströme zu ersetzen, ohne die davon abhängigen Volkswirtschaften zu zerstören.

Vélez erläuterte dies auf der Pressekonferenz wie folgt: 

„Wir wollen die Handelsbilanzen im Exportbereich erfassen und einen Abgleichmechanismus schaffen, der die Notwendigkeit widerspiegelt, den Export fossiler Rohstoffe einzustellen. Gleichzeitig wollen wir sicherstellen, dass wir gemeinsam mit anderen Ländern eine Veränderung der Handelsbilanz gewährleisten können.“

Das zugrunde liegende Konzept ist das eines fossilbrennstofffreien Handelssystems – eines „fossil fuel-free trade system“ –, das wirtschaftliche Anreize mit Klimazielen in Einklang bringen soll. In der wissenschaftlichen Debatte ist diese Idee nicht neu, erstmals würde ein zwischenstaatlicher Prozess daraus eine operative Arbeitsgruppe machen.

SMART empfiehlt die Einführung harmonisierter Abgaben auf das Angebot an fossilen Brennstoffen, um Anreize für Veränderungen auf der Nachfrageseite zu schaffen und gerechte Übergänge zu finanzieren. Zudem schlägt der Bericht Grenzausgleichszahlungen für kohlenstoffintensive Produkte vor, um eine Verlagerung von Emissionen zu verhindern. Darüber hinaus regt er an, Reservenklassifizierungssysteme (wie das PRMS) zu Transparenzinstrumenten weiterzuentwickeln, die die Offenlegung von Stilllegungsverpflichtungen, Rückbaukosten und Förderrückgangspfaden verbindlich machen.

Was kommt als Nächstes und was ist noch offen

„Es ist durchaus realistisch, dass sich in den kommenden Monaten weitere Länder, die nicht an der Konferenz teilgenommen haben, dieser Initiative anschließen werden, da fossile Brennstoffe aus finanzieller Sicht nicht mehr tragbar sind. Sie stellen in der Tat den teuersten Weg dar“, sagte Evelyn Hartig, Leiterin Heinrich-Böll-Stiftung, Büro Bogotá, zu den Erwartungen, die diese Konferenz für die Zukunft weckt. Bis zur zweiten Konferenz in Tuvalu im Jahr 2027 wird eine Koordinierungsgruppe die Kontinuität der Arbeit aller Gruppen sicherstellen. Diese Koordinierungsgruppe steht unter der Leitung von Großbritannien, Dänemark, Brasilien, Frankreich, den Marshallinseln, Kolumbien, den Niederlanden, Tuvalu und Irland und wird von der COP30-Aktivierungsgruppe beraten.

Diese Ländergruppe wird Brasilien als Vorsitz der COP30 ein formelles Dokument übergeben. Brasilien arbeitet derzeit an einem globalen Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, wie es zum Abschluss der Klimakonferenz in Belém Ende 2025 angekündigt hat.

Die Struktur der Arbeitsgruppen sowie deren Zusammensetzung werden vor der zweiten Konferenz festgelegt, die auf der kleinen Pazifikinsel Tuvalu stattfinden soll. Die drei Arbeitsgruppen müssen bei der zweiten Konferenz über ihre bis dahin geleistete Arbeit Rechenschaft ablegen.

Trotz der Fortschritte wurden in Santa Marta keine verbindlichen Verpflichtungen vereinbart, die die 57 teilnehmenden Länder zu einem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verpflichten. Zwar betonten die Staatschefs Kolumbiens und der Niederlande, dass es sich bei dem Treffen nicht um Verhandlungen handelte, doch konnte dieses Medium bestätigen, dass insbesondere die Europäer*innen sich dagegen aussprachen, den Ergebnissen des Treffens einen verbindlichen Charakter zu verleihen.

Insgesamt nahmen 56 der ursprünglich angekündigten 57 Länder an dem Treffen teil. Die Vertreterin Chiles konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen, und das Land entsandte keinen Ersatz. Dennoch mindert die Abwesenheit der USA, Chinas, Indiens und Russlands den Einfluss des Prozesses auf das globale Angebot.


Dieser Text wurde von Climate Tracker Lateinamerika mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung – Büro Bogotá verfasst.

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