El Niño trifft Chile: Rechte Politik schwächt den Schutz vor Extremwetter

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Analyse

Chile erlebt bereits die massiven Folgen des globalen Klimaphänomens El Niño, während Präsident Kast beim Umwelt- und Klimaschutz kürzt. Weltweit setzen rechte Regierungen ähnliche Prioritäten. Das gefährdet die Vorsorge gegen Extremwetter und erhöht langfristig die Risiken.

Mehrere beschädigte Autos stehen auf einer von Schlamm, Steinen und Ästen bedeckten Straße. Im Hintergrund stehen Menschen und Einsatzkräfte.
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Die bislang erfolgten Extremwetterereignisse in Chile sind nur eine Vorwarnung.

Santiago de Chile: In den großen Medien und auf sozialen Plattformen bestimmt das Klimaphänomen El Niño derzeit die Schlagzeilen. Untergangsszenarien wechseln sich mit katastrophalen Vorhersagen und infrastrukturellen Schadensmeldungen ab. Im Oktober haben sich in nur sechs Tagen in der Hauptstadtregion Extremwetterereignisse abgespielt, die in dieser Heftigkeit bislang selten waren: Während sich am Donnerstag (08.10.) Wasser-, Schlamm- und Geröllmassen aus der Andenkette ihren Weg in die bewohnten Gebiete im Osten der Hauptstadt bahnten und dabei Dutzende Häuser zerstörten und Hunderte weitere beschädigten, führten am darauffolgenden Dienstag (13.10.) Regen- und Hagelstürme zu Überschwemmungen und überfluteten Straßen. 

Erst zum Jahresende wird mit dem Höhepunkt des diesjährigen El Niño gerechnet.

In gewöhnlichen Jahren erwacht das Land ab Mitte September nach frostigen Wintermonaten im Frühlingsrausch. Die Regenwahrscheinlichkeit sinkt auf ein Minimum. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Seit April beobachten Meteorolog*innen das unregelmäßig wiederkehrende Phänomen, das auf veränderte Meeresströmungen und Wassertemperaturen im äquatorialen Pazifik zurückgeht. Sie warnen vor dem „Niño Godzilla“ mit unvorhersehbaren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Ende des 19. Jahrhunderts haben peruanische Fischer der zur Weihnachtszeit auftretenden Erwärmung des Meerwassers vor der Küste den Namen „El Niño“ (das Christkind) gegeben. Die bislang erfolgten Extremwetterereignisse sind also nur eine Vorwarnung, da erst zum Jahresende mit dem Höhepunkt des diesjährigen El Niño gerechnet wird.

Das Gute ist: Chile ist ein katastrophenerprobtes Land. Erdstöße bis zu einer Stärke von 5 auf der Richterskala sind an der Tagesordnung, und die Bevölkerung ist auch auf regelmäßig stattfindende noch stärkere Erdbeben gut vorbereitet. Gesetzlich vorgeschriebene antiseismische Bauweisen und regelmäßige Übungen ab dem Kindesalter führen zu relativ geringen Schäden bei starken Erdbeben. Die Kraft der Natur hat sich über Jahrzehnte hinweg in das Bewusstsein der Menschen eingeprägt und Anpassungsmechanismen zum Schutz vor den Auswirkungen wurden erfolgreich umgesetzt. Doch Chile wird nicht nur von Erdbeben heimgesucht.

In den Sommermonaten sind weite Teile des Landes von starken Bränden und langen Dürrezeiten betroffen. Das Zusammenspiel dieser klimabedingten Extremereignisse verstärkt die Folgen von El Niño, die für die Bevölkerung bereits jetzt spürbar sind und künftig noch zunehmen dürften. Nach Jahren der Trockenheit können die Böden die Wassermassen heftiger Regenfälle kaum aufnehmen. Abgebrannte Baumbestände führen zu einem ungehinderten Durchmarsch von Erdrutschen. Die Ökosysteme geraten vielerorts an ihre Grenzen, und es besteht die Gefahr, dass sie kollabieren.

Kahlschlag beim Umweltschutz: Kasts Politik gefährdet Chiles Resilienz

Unabhängig von ideologischen Hintergründen der Politikgestaltung sollten der Schutz der Bevölkerung und die Resilienz gegenüber solchen Extremereignissen höchste Priorität haben. Doch in Chile erleben wir unter der derzeitigen Regierung das genaue Gegenteil. Der im März angetretene ultrarechte Präsident José Antonio Kast ist kein Verfechter von Umwelt- und Klimaschutz. Bereits im Wahlkampf machte er mit Parolen wie «¡Chao guías ambientales, chao ideología!» (Tschüss Umweltleitfäden, tschüss Ideologie!) seine Haltung deutlich. Entsprechend sieht der Haushaltsentwurf 2027 seiner Regierung vor, die Mittel für die Umsetzung der Klimaziele um 59 Prozent und für das Programm Nachhaltige Entwicklung um 44 Prozent zu kürzen. 

Das chilenische Umweltministerium hat sich in eine Art Investitionsministerium verwandelt.

Bereits am zweiten Tag seiner Amtszeit zog seine Regierung alle 43 auf den Weg gebrachten Dekrete zur Verbesserung des Umweltschutzes beim Rechnungshof zurück. Darunter waren Dekrete für Emissionsreduktionsnormen, ökologische Schutzgebiete und Umweltgenehmigungsverfahren. Die Argumentation der ultrarechten Regierung bestand in der „Entbürokratisierung für Investitionsvorhaben“, und so hat sich innerhalb von sieben Monaten Regierungszeit das chilenische Umweltministerium in eine Art Investitionsministerium verwandelt. Vor allem ausländische Investitionen sollten durch das Wegbrechen von Umweltstandards stark steigen. Das sollte Kasts Antwort auf den Vorwurf der „Permisología“ (auf Deutsch: überbordende Umweltgenehmigungsverfahren) an die Boric-Regierung sein. 

Fast schon paradox wirkt es in diesem Zusammenhang, dass die Rohstoffe für weltweite Dekarbonisierungsstrategien (Kupfer, Lithium usw.) in den chilenischen Territorien als Investitionspotenziale gesehen werden, die Umwelt- und Menschenrechtsstandards aber gleichzeitig abgesenkt werden sollen.

Diese Rechnung ging bislang nicht auf: weder kam die Wirtschaft in Schwung, noch sanken Arbeitslosigkeit und Inflation. Im Gegenteil: Das Land steckt trotz eines hohen Kupferpreises, der eigentlich als Garant für einen makroökonomischen Aufwärtstrend gilt, wirtschaftlich in der Krise: Die Wirtschaftsleistung ist im ersten Halbjahr um 0,3 Prozent geschrumpft, die Arbeitslosigkeit hat mit 9,6 Prozent den höchsten Stand seit 2021 erreicht und die Inflation liegt bei 4,1 Prozent. Was wirtschaftspolitisch nicht aufgeht, führt zu einer umweltpolitischen Katastrophe.

„El Niño Godzilla“: weltweite Verschärfung von Konflikten und Flucht erwartet 

Das Zusammentreffen der Ankunft von „El Niño Godzilla“ und des Amtsantritts des Präsidenten der chilenischen Republikaner im März 2026 wird verheerende Folgen für die chilenische Bevölkerung haben. Das Land ist gebeutelt durch die Klimakrise und hat einen extrem hohen Vulnerabilitätsindex für die Gegenwart und Zukunft. Durch die ideologische ultrarechte Politikgestaltung auf allen Ebenen wird Chile die Intensität der Wetterereignisse spüren. Unbewohnbare Regionen, wirtschaftliche Schocks und kollabierende Ökosysteme werden nicht einfach verschwinden, sobald El Niño abklingt. Sie werden langfristige Wunden verursachen, deren Heilung vermutlich nur mit staatenübergreifenden Hilfsmechanismen möglich ist. Und das gilt nicht nur für Chile. 

El Niño hält sich nicht an Ländergrenzen. In den kommenden Monaten dürfte sich seine Wirkung weltweit entfalten. Der UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher warnt davor, dass die Schäden nicht auf die unmittelbar betroffenen Länder beschränkt bleiben, sondern Schocks für die gesamte Weltwirtschaft auslösen und weitere Konflikte, Vertreibung und Migration antreiben.

El Niño zeigt wie unter einem Brennglas, welche Gefahren im Nichthandeln liegen.

Wenn klimawandelleugnende Regierungen die Augen davor verschließen und im Sinne des nationalstaatlichen Patriotismus stets ihren eigenen Vorteil in den Mittelpunkt stellen, werden die langfristigen Folgen kaum abzusehen sein. Mit steigenden Temperaturen dürften sie immer verheerender ausfallen. 

Der Trend ultrarechter Regierungen, sich aus globalen Abkommen wie dem Pariser Klimaabkommen zurückzuziehen und gleichzeitig fossilen Energien wieder Aufwind zu verschaffen, wird sich wirtschaftlich nicht auszahlen. Das Negieren wissenschaftlicher Evidenz zu den Folgen der globalen Erderwärmung gießt letztlich Öl ins Feuer und beschleunigt die Überschreitung planetarer Grenzen. El Niño zeigt wie unter einem Brennglas, welche Gefahren im Nichthandeln für das Land liegen und wie ultrarechte Politik als Brandbeschleuniger für die katastrophalen Auswirkungen wirkt.

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