Die Klimakrise verändert die Bedingungen von Sicherheit bereits im Frieden und prägt damit die Voraussetzungen wirksamer Verteidigung. Resilienz im zivilen Raum ist aus Sicht der Vorsorgeplanung entscheidend für die Gesamtverteidigung.
Sicherheit beginnt vor der Krise
Die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland und Europa hat in den vergangenen Jahren deutlich an Intensität gewonnen. Krieg in Europa, hybride Bedrohungen, fragile Lieferketten und geopolitische Machtverschiebungen prägen das strategische Umfeld. Gleichzeitig wirkt die Klimakrise als tiefgreifender Strukturwandel, der diese Entwicklungen verstärkt, beschleunigt und überlagert. Sicherheit und Verteidigung lassen sich unter diesen Bedingungen nicht mehr ausschließlich militärisch oder reaktiv denken.
Die Klimakrise verändert die Rahmenbedingungen staatlicher Handlungsfähigkeit bereits im Frieden. Extremwetterereignisse wie langanhaltende Hitzeperioden, Dürre, Starkregen oder Vegetationsbrände belasten Verwaltungen, Einsatzkräfte, Infrastrukturen und Versorgungssysteme – häufig gleichzeitig und über längere Zeiträume. Diese Belastungen treffen genau jene zivilen Strukturen, auf denen auch die Gesamtverteidigung aufbaut. Damit rückt der zivile Raum ins Zentrum sicherheitspolitischer Vorsorge.
Dabei gilt: Der Klimawandel „fällt nicht vom Himmel“. Die naturwissenschaftliche Forschung kann heute belastbar nachweisen, dass der menschengemachte Klimawandel Häufigkeit und Intensität bestimmter Extremereignisse erhöht. Nicht jedes Wetterereignis ist klimawandelbedingt, aber die statistischen Zusammenhänge sind klar. Zugleich wirken die Folgen der Klimakrise weltweit, auf fragile Staaten ebenso wie auf hochentwickelte Gesellschaften, und beeinflussen Migration, geopolitische Stabilität, Ressourcenverfügbarkeit und Konfliktdynamiken. Wer Sicherheit heute ernsthaft denkt, kommt an diesen harten Fakten nicht vorbei.
Die Klimakrise macht strukturelle Verwundbarkeiten staatlicher und gesellschaftlicher Systeme sichtbar, die für die Gesamtverteidigung zentral sind.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage neu: Wirkt die Klimakrise vor allem als Risikomultiplikator für die Gesamtverteidigung? Oder liegt gerade in einer klimaresilienten Vorsorge ein strategischer Mehrwert - ein Win-Win; für Sicherheit, Freiheit und demokratische Handlungsfähigkeit?
Aus der Perspektive strategischer Vorsorgeplanung im Bevölkerungsschutz verschärft die Klimakrise sicherheitspolitische Risiken. Zugleich macht sie strukturelle Verwundbarkeiten staatlicher und gesellschaftlicher Systeme sichtbar, die für die Gesamtverteidigung zentral sind. Belastungen von Einsatzkräften, Störungen der Versorgung oder Einschränkungen kommunaler Handlungsfähigkeit treten bereits im Frieden auf und lassen sich konkret analysieren. Genau darin liegt die Möglichkeit, Resilienz und Vorsorge im zivilen Raum gezielt weiterzuentwickeln; vorausgesetzt, Vorsorge wird als dauerhafte staatliche und gesellschaftliche Aufgabe verstanden.
Die Klimakrise als struktureller Risiko-Multiplikator
In sicherheitspolitischen Strategien wird die Klimakrise zunehmend als Risiko- oder Bedrohungsmultiplikator beschrieben. Diese Einordnung ist richtig, greift aber zu kurz, wenn sie allein auf einzelne Extremereignisse fokussiert. Entscheidend ist ihre strukturelle Wirkung: Die Klimakrise erhöht die Grundbelastung staatlicher Systeme dauerhaft.
Klimabedingte Krisenlagen treten selten isoliert auf. Sie überlagern sich mit anderen Stressoren wie Pandemien, wirtschaftlichen Verwerfungen oder sicherheitspolitischen Spannungen. Für den Bevölkerungsschutz und die Zivile Verteidigung bedeutet das: dieselben personellen, organisatorischen und materiellen Ressourcen werden mehrfach beansprucht. Einsatzkräfte sind parallel gebunden, Verwaltungen arbeiten im Dauerkrisenmodus, kritische Infrastrukturen geraten unter Druck. Die Fähigkeit zur Durchhalte- und Anpassungsleistung wird damit zum entscheidenden Faktor staatlicher Handlungsfähigkeit.
Hinzu kommt eine sicherheitspolitische Dimension, die häufig unterschätzt wird: Klimatisch bedingte Verwundbarkeiten können gezielt ausgenutzt werden – etwa durch hybride Angriffe, Desinformation oder Sabotage unterhalb der klassischen Kriegsschwelle. Großschadenslagen entfalten in diesem Kontext nicht nur physische, sondern auch politische Wirkung: Sie binden Ressourcen, erzeugen Unsicherheit und können das Vertrauen in staatliche Institutionen untergraben.
Die Klimakrise verschärft damit genau jene Grauzonen, in denen klassische Instrumente von Katastrophen- und Verteidigungsrecht nur begrenzt greifen. Sie macht sichtbar, dass Sicherheit längst nicht erst im Ausnahmezustand entschieden wird, sondern im alltäglichen Umgang mit komplexen, sich überlagernden Belastungen.
Einsatzkräfte, Verwaltung und Wirtschaft: Durchhaltefähigkeit als Schlüsselfrage
Deutschland verfügt über ein integriertes Hilfeleistungssystem, welches Verantwortlichkeiten auf verschiedene Ebenen und Schultern verteilt. Diese greifen als Gesamtsystem ineinander und bauen aufeinander auf. Das Thema Durchhaltefähigkeit ist dabei für alle Ebenen und insbesondere für das Zusammenspiel und das Funktionieren des Gesamtsystems von zentraler Bedeutung. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Einsatzkräften des Bevölkerungsschutzes. Feuerwehren, Rettungsdienste, Hilfsorganisationen und weitere Katastrophenschutzstrukturen sind bereits heute durch klimabedingte Einsatzlagen stark gefordert. Häufigere und intensivere Extremereignisse führen zu längeren Einsatzzeiten, höherer körperlicher und psychischer Belastung sowie zu Eigenbetroffenheit von Personal und Infrastruktur.
Die Klimakrise verschärft damit genau jene Grauzonen, in denen klassische Instrumente von Katastrophen- und Verteidigungsrecht nur begrenzt greifen.
Für die Gesamtverteidigung ist dies von zentraler Bedeutung. Der Zivilschutz baut auf den Kräften des Katastrophenschutzes auf. Nur wenn Einsatzkräfte auch unter widrigen klimatischen Bedingungen einsatzfähig sind und bleiben, stehen sie im Spannungs- oder Verteidigungsfall zur Verfügung. Durchhaltefähigkeit wird damit zur sicherheitspolitischen Kernressource; nicht nur technisch, sondern organisatorisch und personell.
Hier zeigt sich die enge Verzahnung von Bund, Ländern, Kommunen, Wirtschaft und Einsatzorganisationen. Kommunen sind Träger der Daseinsvorsorge, Betreiber zentraler Infrastruktur und erste Anlaufstelle für die Bevölkerung. Ihre Vorsorgeentscheidungen – etwa zu Notstrom, Personalplanung, Ausweichstrukturen oder Krisenkommunikation – beeinflussen unmittelbar die Einsatzfähigkeit vor Ort. Die Wirtschaft wiederum ist Teil der Lösung: als Betreiber kritischer Systeme, als Arbeitgeber von Einsatzkräften und als Partner in regionalen Versorgungsketten.
Resiliente Gesamtverteidigung entsteht dort, wo diese Akteure nicht erst in der Krise zusammenfinden, sondern ihre Rollen, Abhängigkeiten und Unterstützungsleistungen bereits im Vorfeld geklärt haben. Klimabedingte Dauerbelastungen machen diese Abstimmung dringlicher und zugleich sichtbarer.
Dieses erweiterte Vorsorgeverständnis entspricht auch der Zielrichtung der Deutschen Resilienzstrategie, die Resilienz ausdrücklich als dauerhafte Querschnittsaufgabe von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft versteht.
Vorsorgeplanung weniger abstrakt, mehr handlungsorientiert gestalten
Vorsorge wird häufig mit Vorräten oder Notfallplänen gleichgesetzt. In einem erweiterten sicherheitspolitischen Verständnis greift das zu kurz. Strategische Vorsorgeplanung zielt nicht darauf ab, jede Krise im Detail vorzuplanen, sondern darauf, Handlungsfähigkeit unter Unsicherheit zu sichern.
Konkret bedeutet das:
Erstens: Abhängigkeiten systematisch sichtbar machen. Energie, Wasser, IT, Personal, Logistik und Kommunikation sind eng miteinander verknüpft. Vorsorgeplanung identifiziert kritische Schnittstellen und Kaskaden – etwa dort, wo ein Stromausfall unmittelbar Gesundheitsversorgung, Verwaltung und Einsatzführung beeinträchtigt.
Zweitens: Prioritäten vor der Krise klären. Welche Funktionen müssen unter allen Umständen aufrechterhalten werden? Wo sind temporäre Einschränkungen vertretbar? Diese Entscheidungen sind politisch sensibel, aber unvermeidlich. Werden sie nicht vorbereitet, werden sie im Krisenmodus unter Zeitdruck und öffentlichem Erwartungsdruck getroffen.
Drittens: Durchhaltefähigkeit organisatorisch absichern. Dazu gehören realistische Personalplanungen, Redundanzen in Führung und Kommunikation sowie Übungen, die nicht den Idealfall, sondern den Mangelzustand abbilden.
Viertens: Kooperation operationalisieren. Vorsorgeplanung schafft abgestimmte Verfahren zwischen Verwaltung, Einsatzkräften, Wirtschaft und – im Verteidigungsfall – militärischen Akteuren. Vertrauen ist wichtig, aber ohne vorbereitete Strukturen nicht belastbar.
In dieser Perspektive wird Vorsorge zum Scharnier zwischen ziviler Resilienz und militärischer Verteidigungsfähigkeit. Sie stärkt Sicherheit, ohne Freiheitsrechte unnötig einzuschränken, gerade weil sie im Vorfeld wirkt.
Versorgung und Resilienz als Fundament der Gesamtverteidigung
Ein besonders sensibler Bereich ist die Versorgung der Bevölkerung. Energie, Wasser, Ernährung, Gesundheit, Mobilität und Kommunikation sind nicht nur Alltagsleistungen, sondern Grundpfeiler staatlicher Legitimität. Klimabedingte Störungen treffen diese Systeme unmittelbar und mit Wirkungen, die verteidigungsrelevanten Szenarien ähneln.
Hier liegt ein strategischer Hebel: Maßnahmen zur klimaresilienten Absicherung von Versorgungssystemen stärken zugleich die Gesamtverteidigungsfähigkeit. Resilienz ist dabei keine Zusatzaufgabe, sondern eine Planungslogik. Sie fragt nicht nach maximalem Schutz einzelner Objekte, sondern nach der Fähigkeit von Systemen, unter Belastung funktionsfähig zu bleiben oder sich anzupassen.
Der jüngste Bericht des Umweltbundesamtes macht deutlich, dass Resilienz weniger in einzelnen technischen Schutzmaßnahmen liegt, als in klaren Zuständigkeiten, belastbaren Daten und abgestimmten Verfahren zwischen Kommunen, Ländern und Bund sowie Betreibern und Einsatzorganisationen.
Die Europäische Dimension: Resilienz kennt keine Grenzen
Die Klimakrise wirkt nicht national begrenzt. Extremereignisse, Lieferkettenstörungen und Ressourcenknappheiten betreffen Europa insgesamt. Gesamtverteidigung und Resilienz müssen daher auch europäisch gedacht werden – etwa durch abgestimmte Vorsorgestandards, gemeinsame Lagebilder und gegenseitige Unterstützung bei Großlagen.
Eine wehrhafte Demokratie zeichnet sich dadurch aus, Krisen zu bewältigen, ohne ihre Grundprinzipien aufzugeben.
Gerade hier bietet der Bevölkerungsschutz einen wichtigen Anknüpfungspunkt für europäische Kooperation unterhalb militärischer Schwellen. Klimaresiliente Vorsorge stärkt damit nicht nur nationale, sondern auch europäische Sicherheitsarchitekturen.
Freiheit schützen, heißt vorsorgen
Die Klimakrise zwingt dazu, Sicherheit neu zu denken. Nicht als Ausnahmezustand, sondern als Daueraufgabe. Freiheit und Sicherheit sind dabei keine Gegensätze. Eine wehrhafte Demokratie zeichnet sich dadurch aus, Krisen zu bewältigen, ohne ihre Grundprinzipien aufzugeben.
Strategische Vorsorgeplanung leistet hierzu einen zentralen Beitrag im Alltag ebenso wie im Ernstfall. Sie schafft Handlungsfähigkeit, Transparenz und Vertrauen. In diesem Sinne ist die Klimakrise kein Randthema der Gesamtverteidigung, sondern ein Prüfstein. Sie zeigt, ob es gelingt, Sicherheit vorausschauend, kooperativ und freiheitsverträglich zu gestalten.