"Meine Mission ist es, den Stimmen der Frauen Gehör in der Gesellschaft zu verschaffen."

"Meine Mission ist es, den Stimmen der Frauen Gehör in der Gesellschaft zu verschaffen."

Interview

Urvashi Butalia ist eine der führenden Frauenrechtlerinnen Indiens. Sie leitet Zubaan, einen feministischen Verlag mit Sitz in Delhi. Zudem schreibt und verlegt sie auch Bücher über die Teilung Indiens von 1947 und deren langfristige Auswirkungen. Anlässlich ihrer Auszeichnung mit der Goethe-Medaille 2017 am 28. August in Weimar sprach Axel Harneit-Sievers, Leiter des indischen Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, mit ihr über ihre Arbeit als Verlegerin, über Feminismus, Schriftstellerei und Politik in Indien, insbesondere in Kaschmir und Nordostindien.

Urvashi ButaliaUrvashi Butalia in ihrem Büro. Urheber/in: Axel Harneit-Sievers. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Axel Harneit-Sievers: Urvashi, herzlichen Glückwunsch zur Verleihung der Goethe-Medaille! Du hast langjährige Verbindungen zu Deutschland, und nicht zuletzt auch zur Heinrich-Böll-Stiftung.
Urvashi Butalia: Der Kontakt zur hbs besteht seit mindestens 15 Jahren. Heinrich Böll war mir als Schriftsteller schon lange bekannt und ich wusste auch, dass er der Partei der Grünen nahestand. In den 1980er-Jahren lernte ich Petra Kelly kennen. Ich war damals Mitorganisatorin der ersten internationalen feministischen Buchmesse von 1984 in London, und wir luden Petra Kelly ein, dort eine Rede zu halten.

Eine richtiggehende Zusammenarbeit mit der hbs begann, als die Stiftung zusammen mit dem Goethe-Institut und Zubaan eine Vortragsreihe über die Teilung Indiens durchführte. Von da an kam es immer wieder zu gemeinsam organisierten Veranstaltungen wie dem „Cultures of Peace – Festival of the Northeast“, das jedes Jahr mehr Menschen anzieht. Mittlerweile besteht zwischen uns eine ganz natürliche Partnerschaft, bei der man sofort aneinander denkt, wenn eine bestimmte Art von Projekt ins Leben gerufen werden soll. Beispielsweise organisierten wir nach der Gruppenvergewaltigung und dem Tod von Jyoti Singh Pandey 2012 in Delhi gemeinsam ein Austauschprogramm mit Medien und Schriftsteller_innen aus Südafrika. Dabei habe ich viel gelernt: über die Sondergerichte, die Fälle von Kindesmissbrauch verhandeln, bei denen die Befragung der Kinder mit sehr viel mehr Sensibilität durchgeführt wird als in Indien, und über den Einsatz von sogenannten „rape kits“, einer Ausrüstung für die Untersuchung nach einer Vergewaltigung. Um die Anschaffung solcher Ausrüstungen kämpfen indische Frauengruppen immer noch.

Feminismus, die Teilung Indiens und Randregionen

Deine und die Arbeit deines Verlags widmen sich mindestens drei Bereichen: Als erste feministische Verlegerin Indiens gibst du natürlich zunächst Veröffentlichungen zum Thema Frauenrechte heraus, aber du und der Verlag beschäftigen sich zum anderen auch mit der Teilung Indiens und der Region Nordostindien. Wie hängen diese drei großen Themen zusammen und wie bist du mit ihnen in Berührung gekommen?
In meinem Kopf sind diese Themen sehr eng miteinander verknüpft. Und ich erzähle dir warum:
Das feministische Verlagswesen, in das ich 1984 mit der Gründung von „Kali“, dem ersten Frauen-Verlag Indiens, einstieg, hatte eine berufliche und persönliche Vorgeschichte. Ich hatte zuvor in einem allgemeinen Verlag gearbeitet. Gleichzeitig engagierte ich mich auch sehr in der damals in Indien entstehenden Frauenbewegung. Wir waren junge Aktivistinnen, die vor vielen Fragen standen.
Wir setzten uns beispielsweise mit „Mitgiftmorden“ und sexueller Gewalt auseinander. Dabei hatten wir keine Ahnung von den historischen Ursachen und dem soziologischen Hintergrund dieser Phänomene. Wir wussten nicht, warum die Mitgift gerade diese Form angenommen hatte. Wie war es dazu gekommen, dass die Aussteuer, die eigentlich der Frau zu ihrer persönlichen Verwendung zustehen sollte, in die Hände der Familie des Ehemanns gelangte? Wie kam es dazu, dass die Heirat zu einem wirtschaftlichen Aufstieg für Männer wurde? Und warum töten dann einige dieser Männer ihre Frauen? Und wie verbreiteten sich diese Muster quer durch alle Kasten und Schichten? Wir verstanden das alles nicht. Als junge Feministin und Verlegerin bei Oxford University Press in Delhi fragte ich meine Vorgesetzten, die alle wirklich wundervolle, einfühlsame Männer waren, warum wir keine Bücher zu diesen Themen herausgaben. Und ihre Antwort lautete: „Na ja, wer liest schon Bücher über Frauen? Schreiben Frauen überhaupt?“ … Jung, beherzt und wagemutig, wie ich war, dachte ich mir: Okay, dann mache ich es eben selbst.

Mir fiel auf, dass es kaum etwas von Frauen gab, kaum etwas von Frauen und über Frauen veröffentlicht worden war. Es war fast so, als ob sie gar nicht existierten. So wurde es zu einer Art Mission, die Stimmen von Frauen zu orten und ihnen Gehör in der Gesellschaft zu verschaffen. Und genau darum ging es mit der Gründung von Kali. Zudem wurde mir klar, dass jegliche Kenntnisse, die wir über Frauen hatten, zum Großteil von westlichen Wissenschaftlern stammten, die herkamen, sich hier eine Zeitlang aufhielten, einen Bericht verfassten und dann wieder gingen. Ich fragte mich also, ob wir nicht auch selbst Wissen über uns aufbauen könnten. Das war keine essentialistische Einstellung, sondern eine Haltung, die auf der Frage beruhte, wer am besten für diesen Wissensaufbau geeignet war. Und das waren wir: Wir mussten und müssen selbst alles über uns in Erfahrung bringen.

Das Ganze begann 1984, also in dem Jahr, in dem Indira Gandhi ermordet wurde und Delhi sich sehr veränderte. Das brachte mich dazu, mich auch sehr viel intensiver mit der Frage der Teilung Indiens auseinanderzusetzen. Es passierten zwei Dinge:
Ich hatte schon zuvor mit zwei Freunden von mir gearbeitet, die einen Film über die Teilung Indiens gemacht und mich gebeten hatten, ihnen bei den Recherchen zu helfen. Dazu war ich ein wenig im Punjab herumgereist, um Überlebende der Teilung ausfindig zu machen. Als ich mir dann ihre Geschichten anhörte, kam auch hier wieder ein Denkprozess in Gang: Diese Geschichten sind schon die ganze Zeit um uns herum. Warum habe ich sie mir nicht schon früher angehört?

Das Massaker an den Sikhs von 1984

Dann kam die Ermordung von Indira Gandhi. Delhi war nicht wiederzuerkennen. Überall brannte es, Reifen und Busse wurden angezündet, und zahlreiche Sikhs wurden getötet. Viele Bürger schlossen sich zu einer Solidaritätsgruppe namens Nagrik Ekta Manch zusammen. Diese Gruppe, bei dir wir alle mitarbeiteten, kümmerte sich um die Opfer der Gewalt. Ich gehörte zu einer Gruppe, die mit einer Sikh-Gemeinschaft arbeitete, die wirklich schwer von der Gewalt betroffen war. Jedem von uns wurde eine bestimmte Aufgabe zugeteilt. Ich sollte die Zeugenaussagen aufschreiben, sodass man später auf Entschädigung oder ähnliches klagen könnte. Ich notierte also, was die Leute mir erzählten, und auch hier kam immer wieder die Teilung zur Sprache. Und erneut änderte sich meine Denkweise.

Viele dieser Sikhs waren tatsächlich 1947 nach Delhi gekommen?
Ja. Und wenn sie darüber sprachen, was passiert war, schien 1947 irgendwie mit 1984 zu verschmelzen. Sie sagten immer wieder: Wir haben nicht erwartet, dass so etwas in unserem eigenen Land passieren würde. Und ich fragte mich: Wenn schon vier oder fünf Tage an Gewalt die Menschen derart traumatisieren können, wie muss es dann damals [bei der Teilung] wohl erst gewesen sein?

Fahrt nach Lahore

In dem Moment beschloss ich, mich näher mit der Teilung zu befassen. Ich reiste dann 1986 oder 1987 nach Pakistan, um einen Onkel in Lahore zu besuchen, der 1947 nicht geflohen, sondern Muslim geworden war. Meine Familie hat ihn nie wiedergesehen, aber mir wurde viel von ihm erzählt. Ich weiß nicht mehr, wie ich dazu kam, aber ich erhielt ein Visum. Allerdings hatte ich nicht den Mut, direkt zum Haus meines Onkels zu fahren. So wohnte ich einen Tag, noch einen Tag und einen dritten Tag bei einer Freundin. Am dritten Abend schlug deren Schwester vor, Paan essen zu gehen. In Lahore gibt es bestimmte Läden, in denen man besonders gut Paan essen kann. Ich fuhr also mit ihr los. Sie hatte allerdings noch etwas anderes im Sinn. Nach dem Essen sagte sie: Komm, lass uns mal am Haus deines Großvaters vorbeifahren. Wir sind ganz in der Nähe. Mein Onkel war in Lahore geblieben und wohnte immer noch in dem Haus, das mein Großvater gebaut hatte. Ich war einverstanden und wir fuhren langsam an dem Haus vorbei. Das Haus wirkte zwar dunkel, aber auf der Veranda brannte Licht. Es war eines dieser großen, alten Häuser mit einer kreisrunden Auffahrt. Das Tor stand offen und mit den Worten, „lass‘ uns mal kucken“, fuhr sie einfach auf das Grundstück, obwohl es schon fast 22 Uhr war. Sie hielt an und sagte: „Okay, steig aus. Ich hole dich in einer Stunde wieder ab. Dafür hast du diese Reise gemacht. Keine Angst.” Dann fuhr sie weg und ich dachte: Na gut, wenn ich schon mal hier bin. Ich klingelte an der Tür und drei Frauen öffneten mir: meine Tante, ihre Schwiegertochter und die Tochter meines Onkels, also eine Cousine von mir. Ich erklärte, wer ich war und dass ich von der anderen Seite der Grenze käme. Sie begrüßten mich mit großer Herzlichkeit und Wärme und baten mich ins Haus, wo wir die ganze Stunde miteinander sprachen. Mein Onkel war nicht da, aber ich hinterließ meine Telefonnummer. Als er um Mitternacht nach Hause kam, rief er mich sofort an. Ich sprach mit ihm und fuhr auch gleich am nächsten Morgen wieder zum Haus. Und natürlich löste das ungeheuer viel in mir aus.

Das brachte mich dann endgültig dazu, die Geschichte der Teilung zu erforschen. An die ersten Publikationen ging ich mit einer feministischen Sichtweise heran, die ich mir auf den Straßen angeeignet hatte. Diese Perspektive ermöglichte mir einen anderen Blick auf die Geschichten der einfachen Leute, auf Kinder, Frauen und Kasten und ließ mich all das sehen, was man sonst nicht wahrnimmt, wenn man durch die landläufige Linse sieht.

Erweiterung der feministischen Kenntnisse

Wir begriffen uns als feministische Verlegerinnen, die sich der männlichen Umklammerung des Wissens widersetzen wollten. Deshalb versuchten wir, durch Frauen ein alternatives Wissen zu schaffen. Zunächst mussten wir allerdings die Kategorie „Frau“ entpacken. In Indien kommen einem bei dem Wort „Frau“ immer die vielen unterschiedlichen Realitäten in den Sinn. Es reichte nicht, in Delhi zu sitzen und herauszugeben, was Frauen aus der oberen Mittelschicht auf Englisch schreiben, und dann zu behaupten, wir hätten Frauenfragen aufgegriffen. Wir mussten über Delhi, über den städtischen Raum hinausblicken. Wir durften die Ausgrenzung aufgrund von Sprache, Region, Wohnort, Schicht und Kaste nicht ignorieren. Nur wenn wir all das nicht außer Acht ließen, konnten wir uns wirklich feministische Verlegerinnen nennen, die alternativen Stimmen Gehör verschaffen. Und genau deshalb veröffentlichen wir die Geschichten von Taxifahrerinnen und Hausangestellten. Wir verdienen damit nicht viel, aber es ist wichtig, sie zu publizieren. Und im Zusammenhang mit den verschiedenen Ausgrenzungen fiel unser Blick auch auf zwei weitere Regionen, nämlich Kaschmir und Nordostindien.

Wir wandten uns zunächst Kaschmir zu, weil zu der Zeit von den Frauen Kaschmirs schwierigere Fragen aufgeworfen wurden. Bis in die 1990er-Jahre war Kaschmir ein Thema, über das Frauenrechtlerinnen nie sprachen, weil es für uns irgendwie in das nationalistische Narrativ gehörte. Obwohl die Frauen in Kaschmir besonderen Formen von Gewalt ausgesetzt waren, drang es nicht in unser Bewusstsein, dass wir uns da irgendwie solidarisch zeigen müssen. Die Frauen in Kaschmir begannen dann, die indische Frauenbewegung anzuklagen: „Warum habt ihr uns nie die Hand zur Freundschaft gereicht?“ Wir haben nie zuvor daran gedacht, dass wir auch Gewaltopfer nicht nur der indischen Armee, sondern auch der militanten Anführer, unserer eigenen Männer, waren. Nach dieser Kritik änderte sich unsere Einstellung.

Damals, im Jahr 2000, gab es Hunderte von Büchern über Kaschmir, aber kein einziges über Frauen. Deshalb brachten wir das erste – ich glaube auf Englisch verfasste – Buch über die Frauen in Kaschmir in einem indischen Verlag heraus. Speaking Peace ist eine Sammlung von Schriften von und über Frauen, aber zu der Zeit fanden wir nicht viele kaschmirische Frauen, die schreiben konnten, weshalb viele der Frauen, die über Kaschmir schrieben, Außenstehende waren, aber auch das hat sich inzwischen weitgehend geändert.

Die Einbeziehung Nordostindiens

An dem Punkt dachte ich, dass wir uns auch mit Nordostindien befassen sollten. Zu der Zeit arbeiteten wir mit Preeti Gill zusammen, die für uns The Peripheral Centre herausgab. Durch das Buch begegneten wir vielen Autoren und Autorinnen. Vor allem Frauenliteratur trug zum Interesse an Nordostindien bei. Über die dortige Frauenbewegung kam es zu weiteren Verbindungen mit der Region und es entwickelten sich Kontakte zu dortigen Gruppen wie dem North East Network, der Naga Mothers Association und anderen Gruppen. Zudem hatten wir mit Edda Kirleis vom Evangelischen Entwicklungsdienst eine weitere deutsche Anlaufstelle. Der EED führte dort ein sehr interessantes Projekt mit dem Titel „Islands of Peace“ durch, mit dem erforscht werden sollte, woran es lag, dass es in einigen Gegenden in Zeiten des Konflikts friedlich bleiben konnte. Sie baten mich, für sie eine Abhandlung über den Naga-Kuki-Konflikt zu schreiben. Also fuhr ich nach Nordostindien – nach Kokrajhar und an andere Orte in der Nähe von Tamenglong. Die durch diese Arbeit begründeten engen Verbindungen konnten wir über Jahre vertiefen.

Ich habe auch an einem Großprojekt mit dem Titel „Violence Mitigation and Amelioration Project“ von einer von Oxfam unterstützten Gruppe mitgearbeitet. In diesem Rahmen wurde ein höchst erstaunliches Treffen zwischen Frauen aus Nordostindien und Kaschmir organisiert. Sie trafen sich zum ersten Mal und es war eine geschlossene Veranstaltung. Abgesehen von einigen vertrauenswürdigen Frauen und Journalistinnen ließen wir keine Außenstehenden zu. So konnten die Frauen ungestört über die Organisation an der Basis, und über den Umgang mit häuslicher Gewalt und über Nationalismus diskutieren. Auch das öffnete mir die Augen dafür, was in den beiden Regionen vor sich ging. Aus diesem Treffen entwickelten sich viele unabhängige Beziehungen und die Frauen besuchten sich gegenseitig.


Hat das Interesse an Nordostindien seither zugenommen?
Damals interessierte sich kaum jemand für die Region, was sich heute definitiv geändert hat. In Bezug auf Publikationen und Literatur ist Nordostindien inzwischen „sexy“. Jeder will Autoren und Autorinnen aus dieser Region verlegen, was auch gut ist, denn sie haben jetzt sehr viel mehr Möglichkeiten als früher. Zudem haben viele Nordostinder Gegenden außerhalb ihrer Region bereist. Anfangs waren sie extreme Außenseiter in der Gesellschaft, in Orten wie Delhi, Bangalore, Pune und anderen, aber inzwischen sind sie sehr wortgewandt und können sich Gehör verschaffen. Ich glaube, dass sich auch die Medien viel mehr als früher für Nordostindien interessieren. Anders als andere Regionen kann Nordostindien mit vielen eigenen wirklich hervorragenden Wissenschaftler_innen aufwarten. Auch das lenkt mehr Aufmerksamkeit auf die Region.

Nur nebenbei und als Eindruck geschildert: Mir fiel auf, dass in Nordostindien ein größerer Unternehmungs- bzw. Abenteuergeist zu herrschen scheint. Viele junge Menschen probieren neue Dinge aus. Im Hinblick auf Musik, Kultur und Mode passiert alles Mögliche. Auf unserer nächsten „Culture of Peace“-Veranstaltung in Shillong wird es auch ein Forum zu homosexuellen Identitäten in der Region geben. In Manipur existiert eine Transgender-Gemeinschaft, die sich in der Modebranche etabliert. Ich vermute, dass in Kaschmir kein Raum für Dinge dieser Art ist, weil das Alltagsleben durch die Präsenz der Armee so eingeschränkt ist.

Was in den letzten Jahren vor allem mein Interesse geweckt hat, ist die Art und Weise, wie die Menschen in Nordostindien über die Teilung sprechen. Das hat mir völlig neue Blickwinkel eröffnet. Die Folgen der Teilung waren je nach Gegend sehr unterschiedlich. In Assam sind sie bis heute an der Ausgrenzung der Muslime sowie an den Debatten über Migranten und Außenseiter zu erkennen. In anderen Gegenden machen die Auswirkungen sich anders bemerkbar. Beispielsweise gab es an der Grenze zu Bangladesch Märkte, die vom Stamm der Khasi betrieben wurden. Als Sylhet [eine Region in den Ebenen südlich des Khasi-Gebirges] an Ostpakistan fiel, blieben sämtliche Rohstofflieferungen aus und die Stämme verarmten, weil sie nichts mehr zu verkaufen hatten. Sie hatten keine Ahnung, was da vor sich ging; sie wussten nur, dass ihr Leben sich verändert hatte.


Die Menschen und die indisch-pakistanischen Beziehungen


Die Beziehungen zwischen den indischen und pakistanischen Regierungen sind immer bestenfalls schwierig, im Moment aber auf einem Tiefpunkt. Gleichzeitig scheint es in der Zivilgesellschaft viele Menschen zu geben, die sich um eine Verbesserung der Beziehungen bemühen.
Bis jetzt wussten wir im Grunde nie, was die Menschen in Peschawar über Indien denken, und sie genauso wenig, was Menschen in Chhota Nagpur oder Bastar über Pakistan denken. Insgesamt glaube ich aber, dass die Menschen neugierig sind und ein großes Interesse aneinander haben. Sie sind wissbegierig. Wenn ich beispielsweise nach Pakistan fahre, spreche ich nicht nur mit Menschen in meinem Umkreis. Auch andere Menschen, die man auf der Straße trifft, sind sehr interessiert, wollen alles über Indien wissen und würden das Land gern besuchen. Mein Cousin ist noch nie über die Stadtgrenzen Lahores hinausgekommen, aber seine Kinder interessieren sich sehr für Indien. Sie haben sich viel im Internet angesehen und würden gern Menschen aus Indien kennenlernen.

Ähnliches passiert auch in der Diaspora, wo die Menschen miteinander sprechen. Aber unsere Regierungen sind weiter auf Distanz, was sich mit der aktuellen Regierung noch verschlimmert hat. Inzwischen ist es in beide Richtungen fast unmöglich, ein Reisevisum zu bekommen. Aber ich glaube nicht, dass der zwischenmenschliche Kontakt verloren gehen wird. Und das wird irgendwo vielleicht den Boden für einen Frieden bereiten. Es gab eine Zeit, als viele Geschäftsleute sagten, dass man angesichts der offensichtlichen Unmöglichkeit einer politischen Lösung doch die Grenzen für Handel und Gewerbe öffnen könne … oder zumindest darüber reden solle. Es gibt ein bisschen grenzüberschreitenden Handel, aber es könnte sehr viel mehr sein. Ich weiß nicht, wann sich das je ändern wird. Wo sonst in der Welt gibt es zwei Nationen, die so miteinander umgehen, außer Indien und Pakistan und Nord- und Südkorea?
Freie Meinungsäußerung im heutigen Indien

Man kann heute – um den 70. Jahrestag seiner Unabhängigkeit herum – nicht über Indien sprechen, ohne die Sorge über die freie Meinungsäußerung im Land, über zunehmende Intoleranz und Polarisierung der kollektiven Identitäten zum Ausdruck zu bringen.
Als Verlegerin von Material, das man als subversiv erachten könnte, bin ich in der Tat sehr besorgt. Unserer Definition nach erfüllen wir unsere Aufgabe: den Stimmen von Frauen Gehör zu verschaffen. Hat jemand das Recht, das anders auszulegen? Leider herrscht gerade eine Atmosphäre des Vigilantismus und der Staat sieht stillschweigend über die Intoleranz gegenüber einer Vielfalt an Stimmen, Meinungen und Denkweisen hinweg. All das hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Welt des Verlagswesens, in der ich lebe, und nicht weniger ernste Folgen für die Freiheit der Autoren und Autorinnen, zu schreiben, was sie wollen.

Ich möchte einige Beispiele anführen: Der tamilische Schriftsteller Perumal Murugan wurde aufgrund eines seiner Bücher angegriffen und erhielt Gewaltandrohungen. Das war Protest gegen die Art und Weise, wie er Beziehungen zwischen den Kasten darstellte. Entgegen anders lautenden Ankündigungen schreibt er aber doch weiter.

Auch der Autor Hansa Sowvendra Shekhar vom Stamm der Santal in Jharkhand, der zwei Bücher schrieb und den Sahitya Academy Award erhielt, wurde mit der Begründung angegriffen, er habe die Stammesfrauen in einem schlechten Licht erscheinen lassen. In einer seiner Geschichten kommt eine Stammesfrau vor, die mit einem nicht dem Stamm angehörenden Mann Sex hat, weil sie Geld braucht, um ihre Kinder zu ernähren. So eine Geschichte passiert täglich in vielen Ländern, nicht nur in Indien. Gegen Shekar, der als Amtsarzt in der Gegen lebt, wird demonstriert, und Nachbildungen von ihm werden verbrannt. Er lebt allein und hat Angst. Jetzt hat die Regierung von Jharkhand sein Buch verboten, weil die Angriffe von seinem eigenen Stamm kommen. Der Staat greift hier aus Eigeninteresse zu einer einfachen Lösung, denn er ist nur an Wählerstimmen interessiert und in Jharkhand sind die Stimmen der Stammesmitglieder sehr wichtig. Die Regierung kann es sich nicht leisten, diese Stimmen zu verlieren, aber es ist für sie in Ordnung, dafür diesen einen Mann zu opfern.

Auch in Bezug auf Frauen gibt eine Reihe von Dingen, die mich beunruhigen. An der Jawaharhal Nehru University in Delhi fanden im letzten Jahr Studentenproteste statt, die von Dozent_innen mit öffentlichen Vorlesungen unterstützt wurden. Gegen eine von ihnen, Nivedita Menon, wird jetzt ermittelt. Sie wurde aufgefordert, Gründe dafür anzugeben, warum sie im Verwaltungsgebäude mit Studierenden gesprochen hat. Es ist kein Verbrechen, wenn Dozent_innen mit Studierenden sprechen. Und nichts im Arbeitsvertrag weist darauf hin, dass man Student_innen nur in den Unterrichtsräumen ansprechen darf. Dennoch ermittelt die Universität jetzt gegen sie. Geleitet wird das Verfahren von einem Mann, gegen den sie in einem öffentlichen Verfahren wegen sexueller Belästigung als Zeugin ausgesagt hatte und der auch schuldig gesprochen worden war. Er arbeitet wie sie an der Universität und sie hatte gegen ihn ausgesagt. Wie kann man da Neutralität erwarten?

Ähnlich gelagert ist der Fall von Vrinda Grover, einer Menschenrechtsanwältin, die sich insbesondere für die Rechte von Frauen einsetzt. Sie vertritt gerade eine Frau im Verfahren gegen [den bekannten indischen Klimaforscher] Rajendra Pachauri, der wegen sexueller Belästigung vor Gericht steht. Er hat nun seinerseits eine Verleumdungsklage gegen sie erhoben, mit der Begründung, dass er aufgrund der Art und Weise, wie sie die Verhandlungen führt, all seine Freunde verloren habe, keine Einladungen zu Konferenzen mehr erhalte, dass seine Karriere darunter leide usw. Und das Gericht hat Vrinda Grover nahegelegt, nicht mehr über ihn in den Medien zu sprechen, ohne jeweils darauf hinzuweisen, dass das Verfahren gegen ihn noch nicht abgeschlossen sei. Die Anwälte sollten geschlossen dagegen Sturm laufen, denn es ist ihre Aufgabe, unabhängig von der eigenen Meinung oder Sichtweise das zu sagen, was im besten Interesse ihrer Klient_innen ist. Man kann einen Anwalt für die Ausübung seines Berufs nicht der Verleumdung bezichtigen. Aber von anderen Anwält_innen kommt keine Unterstützung für Vrinda Grover, weil sie im Bereich der Menschenrechte arbeitet und weil sie eine Frau ist.
Viele dieser Dinge sind das Ergebnis von Handlungen der einen oder anderen Regierungsstelle. Ich möchte ein weiteres Beispiel nennen, wo die Regierung sich an einem Punkt eingemischt hat, an dem sie das nicht hätte tun sollen. Paragraf 498A der Strafprozessordnung ermöglicht es Frauen, häusliche Gewalt oder ähnliches zur Anzeige zu bringen. Anders als bei anderen Gesetzen (wie dem Gesetz zu häuslicher Gewalt) kann hier sofort ein Strafverfahren eingeleitet und der Mann verhaftet und inhaftiert werden, sodass die Frau in Sicherheit ist. Einige Männer hatten Beschwerde eingelegt, dass dieser Paragraf missbraucht werde und Frauen falsche Beschuldigungen erheben. Möglicherweise gibt es eine Handvoll solcher Fälle, aber sämtliche statistischen Daten beweisen, dass die Zahl falscher Anschuldigungen verschwindend klein ist. Die Gerichte haben den Beschwerden der Männer stattgegeben und das Gesetz aufgehoben. Sie entschieden, dass vor der Verhaftung und Inhaftierung eines Mannes zunächst eine weitere juristische Instanz wie ein Familiengericht oder ähnliches eingerichtet werden müsse, das darüber entscheidet, ob es sich um eine berechtigte oder falsche Anschuldigung handelt. Und das Ministerium für Frauen und Kindesentwicklung (unter Maneka Gandhi), das sich gar nicht hätte einschalten müssen, hat sofort den nationalen Frauenausschuss angewiesen, im Internet Seiten einzurichten, auf denen Männer Beschwerde gegen falsche Anschuldigungen erheben können. Das Ministerium für Frauen und Kindesentwicklung? Da fragt man sich doch, für wen es eigentlich arbeitet. Dieses Ministerium muss ganz deutlich unter Beweis stellen, dass es sich für die Bürgerinnen und für Menschenrechte einsetzt.


Vielen Dank für dieses Gespräch, Urvashi.

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