Srebrenica und die Internationale des schlechten Gewissens

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Es ist noch früh am Morgen des 11. Juli 2005. Eine endlose Karawane von Autobussen und Privatwagen windet sich über die gebirgigen Straßen von Sarajevo und Tuzla Richtung Srebrenica. Der Weg führt durch das Land der Täter, durch die „serbische Republik", die als widerstrebender Teilstaat zu Bosnien-Herzegowina gehört. Die  „Republika Srpska" ist ein Produkt des Daytoner Abkommens, mit dem der serbisch-kroatisch-bosnische Krieg beendet wurde, nachdem etwa 300.000 Menschen getötet und fast die Hälfte der Bewohner Bosniens zu Flüchtlingen gemacht wurden. Es hat einen bitteren Beigeschmack, dass Srebrenica, eine vormals überwiegend muslimisch geprägte Kleinstadt, heute zur  „serbischen Entität" gehört. „Ich gebe heute Srebrenica an das serbische Volk zurück", proklamierte der Kommandant der „bosnisch-serbischen Armee", Radko Mladic, am 11. Juli 1995, als er kampflos in die „UN-Schutzzone" Srebrenica einmarschierte. Damals hatten etwa 40.000 Bosniaken in Srebrenica Zuflucht gesucht. Sie hofften vergebens auf den Schutz der internationalen Gemeinschaft, die sie tatenlos dem schlimmsten Genozid auslieferte, der seit dem Ende des zweiten Weltkriegs in Europa stattfand.

Das Abkommen von Dayton ratifizierte die Politik der ethnischen Säuberungen. Die multiethnische Republik Bosnien-Herzegowina wurde zugunsten einer ethnisch dreigeteilten Konföderation aufgegeben, 49 Prozent des Territoriums der „Republika Srpska" zugeschlagen. So wurde das ethnische Prinzip zum Fundament des neuen bosnischen Staates erkoren – ein Geburtsfehler, an dem das Land bis heute leidet.

An diesem 11. Juli machen sich zehntausende Bosniaken auf nach Srebrenica. Darunter sind die Frauen, deren Männer, Brüder und Väter damals von ihnen getrennt wurden, um sie zu töten. Es dauerte drei Tage, bis etwa 8000 Menschen erschossen und erschlagen waren. Ihre Leichen wurden in anonymen Massengräbern in der Umgebung verscharrt. Frauen und Kinder wurden auf bosniakisches Territorium deportiert.

Am 10. Jahrestag des Massakers werden die sterblichen Überreste von 600 Männern, die in mühseliger Kleinarbeit identifiziert wurden, auf dem Gelände der Gedenkstätte beerdigt. 600 Särge in der Farbe des Islam sind am Eingang des Mahnmals aufgestellt. Sie werden später in einer endlosen Reihe über die Köpfe der Menschenmenge von Hand zu Hand bis zu den Gräberfeldern weitergereicht, dazu wird der Name jedes einzelnen verlesen. Die meisten der überlebenden Angehörigen wohnen heute unter armseligen Bedingungen, verfolgt von ihren Alpträumen, im muslimisch geprägten Teil Bosniens. Nur einige Hundert sind in ihre zerstörten Häuser zurückgekehrt. Sie müssen damit rechnen, dass sie den Mördern von damals auf der Straße begegnen. So gehörte der heutige Polizeipräsident der „Republik Srpska" bei der Eroberung von Srebrenica zum Tross von General Mladic.
 

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Roman Berr

Ich war gestern mit meiner Familie in Srebrenica. Meine Frau ist bosnische Muslima. Über die Gefühle, die uns angesichts der tausenden von Gräbern und des aus den Berichterstattungen bekannten Fabrikgelände bewegten, möchte ich hier nicht weiter reden. Wohl aber über das Unverständnis, dass es bei mir als Deutschen auslöst, dass in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte, in Orten, in denen die Massenmorde stattfanden, serbische Fahnen von der Bevölkerung gehisst werden. Das politische Statement, das hiermit abgegeben wird, erschüttert mich zutiefst. Es zeigt, dass in diesem Land viele, wenn nicht die meisten, nichts aus der Geschichte gelernt haben und sich weiterhin weigern, aus ihr zu lernen. Es kommt einer Verhöhnung der Opfer und ihrer trauernden Angehörigen gleich. Die "Helden" von Srebrenica feiern ihren Sieg auch mehr als 20 Jahre danach in Sichtweite der Gräber ihrer Opfer. Versöhnung, Aufarbeitung, Anerkennung des Unrechts? Fehlanzeige. Wie soll dieses Land in Zukunft existieren