Die fossile Industrie flüchtet in neue Märkte. Auf der internationalen Konferenz zum fossilen Ausstieg im kolumbianischen Santa Marta wurde klar: Ein gerechter Ausstieg gelingt nur, wenn wir den Blick weiten, meint unser Autor Marcelo Montenegro, der vor Ort war.
Der Befund ist eindeutig: Erdöl, Erdgas und ihre Derivate wie Ammoniak befeuern die Klimakrise – durch ihre Nutzung entstehen massive Mengen an Treibhausgasen, wie z.B. der Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung dokumentiert. Wir müssen fossile Brennstoffe jetzt hinter uns lassen – und uns nun vor allem darum kümmern, wie wir diesen Wandel gestalten.
Ende April 2026 zogen Kolumbien und die Niederlande die Konsequenz: Sie initiierten gemeinsam die erste Internationale Konferenz zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen – „Transitioning Away from Fossil Fuels" (TAFF). Vom 24. bis 29. April kamen in Santa Marta, Kolumbien, Vertreter*innen aus über 50 Ländern zusammen: Wissenschaftler*innen, soziale Bewegungen sowie Repräsentant*innen indigener und traditioneller Gemeinschaften. Leitfrage der Konferenz: Wie kann die Welt künftig auf fossile Brennstoffe und ihre Folgeprodukte verzichten?
Fossiler Ausstieg – und was ist mit der Petrochemie?
Zu Beginn der Konferenz analysierten Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft mögliche Wege in eine fossilfreie Zukunft. Dabei warnten sie ausdrücklich vor trügerischen Scheinlösungen. Die Arbeit gliederte sich in 15 thematische Diskussionsgruppen – sogenannte workstreams –, die die zentralen Herausforderungen des Ausstiegs aus wissenschaftlicher Perspektive untersuchten.
Im workstream Petrochemikalien rückte eine beunruhigende Entwicklung in den Fokus: Während die Fossilbranche nach außen hin die Dekarbonisierung von Energie- und Verkehrssektor propagiert, expandiert sie gleichzeitig massiv in anderen Märkten – bei Kunststoffen, Ammoniak-basierten Düngemitteln und weiteren petrochemischen Produkten. Eine glaubwürdige Debatte über eine gerechte Energiewende kann sich deshalb nicht auf den Energiesektor beschränken. Alle fossilen Abhängigkeiten müssen mitgedacht werden.
Das gilt auch für Ernährungssysteme: Das vorherrschende Produktionsmodell basiert in weiten Teilen auf petrochemischen Grundstoffen – von Ammoniak-Dünger und Pestiziden bis hin zu Verpackungskunststoffen. Laut den workstream-Empfehlungen verbrauchen Ernährungssysteme rund 15 Prozent der weltweiten fossilen Brennstoffe und verursachen etwa ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen. Als Ergebnis der zweitägigen Beratungen wurde vorgeschlagen, für einzelne Länder konkrete Ausstiegspfade zu entwickeln und bestehende Netzwerke zwischen Bewegungen, Organisationen und Forschungsinstituten zu stärken – um so die Debatten über Santa Marta hinaus fortzuführen.
Meilensteine der Konferenz
Ein zentrales Ergebnis von Santa Marta war die Gründung des Wissenschaftlichen Panels für die Globale Energiewende (Science Panel for the Global Energy Transition, SPGET). Das neue Gremium soll Regierungen weltweit auf evidenzbasierter Grundlage bei der Energiewende beraten und als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik fungieren. Fachleute erarbeiten gemeinsam Empfehlungen, die konkrete Dekarbonisierungsmaßnahmen und öffentliche Politik anleiten sollen.
Parallel zur Hauptkonferenz organisierten indigene Völker und lokale Gemeinschaften gemeinsam mit sozialen Bewegungen den Peoples Summit (Volksgipfel). In einer gemeinsamen Abschlusserklärung forderten sie einen gerechten und sozial ausgewogenen Ausstieg aus fossilen Energien – verbunden mit dem klaren Ziel, die Erderwärmung auf unter 1,5 °C zu begrenzen und bis 2050 weltweit keine Emissionen aus Kohle, Gas und Öl mehr zuzulassen.
Zum Abschluss der TAFF-Konferenz formulierte die Zivilgesellschaft eine unmissverständliche Botschaft: Ein radikaler Bruch mit dem fossilen Wirtschaftsmodell ist unausweichlich. Das erfordert eine grundlegende Neuverhandlung der Rollen aller Beteiligten – von indigenen Gemeinschaften über Finanzinstitutionen bis hin zu staatlichen Akteuren. Welches politische Erbe Santa Marta hinterlässt, wird sich erst zeigen. Eines jedoch ist bereits jetzt erkennbar: Die Konferenz hat neue Energie und Hoffnung freigesetzt – getragen von einer Zivilgesellschaft, die beweist, dass eine Welt ohne fossile Energien möglich ist.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Portugiesisch auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung Rio de Janeiro, Brasilien.