Außenpolitische Fragen spielen bei diesen US-Zwischenwahlen eine große Rolle. Trumps Krieg gegen den Iran und rasant steigende Lebenshaltungskosten spalten bereits jetzt die MAGA-Anhängerschaft. Im November wird sich an der Wahlurne zeigen, wie die Amerikaner*innen dazu stehen.
Trotz der globalen Bedeutung der USA galt die Außenpolitik bei ihren Zwischen- und Präsidentschaftswahlen lange als nachrangig. Immer mehr wissenschaftliche Arbeiten legen jedoch nahe, dass sie eine größere Rolle spielt als bisher angenommen – insbesondere, weil außen- und innenpolitische Themen miteinander verflochten sind. Globale Ereignisse wirken sich auf das Leben vor Ort aus. Der anhaltende Krieg gegen den Iran dürfte diese Sichtweise weiter untermauern. Er verschärft bestehende innenpolitische Spannungen in den USA: das Gefühl einer wachsenden und kaum überwindbaren wirtschaftlichen Kluft angesichts steigender Lebenshaltungskosten, die Ablehnung kostspieliger Kriege im Ausland und den seit dem Krieg zwischen Israel und der Hamas erkennbaren Generationenwandel in der Haltung zur US-Israelpolitik.
Stärker als bei früheren Zwischenwahlen spiegeln außenpolitische Fragen damit die Probleme wider, die amerikanische Wähler*innen bewegen. Für manche lassen sich diese Fragen nicht mehr vom eigenen Alltag trennen – mit Folgen für ihre Wahlentscheidung.
Bei den letzten Zwischenwahlen im November 2022 war die Weltlage eine andere, und außenpolitische Fragen waren für die Wähler*innen weniger wichtig. Die Welt ließ die Pandemie allmählich hinter sich, Reiseverkehr und Tourismus kamen langsam wieder in Gang, und in den USA schritt die wirtschaftliche Erholung gut voran. Russlands Invasion der Ukraine im Februar 2022 spielte bei den Zwischenwahlen kaum eine Rolle – obwohl sie einen Einschnitt für die europäische Sicherheit bedeutete und weitreichende Folgen für die NATO, die Europäische Union und Deutschland hatte. Das lag zum Teil daran, dass die Unterstützung für die Ukraine in den USA über die Parteigrenzen hinweg groß war: Fast zwei Drittel der Amerikaner*innen befürworteten damals Militärhilfe für das Land. Weil diese Haltung in beiden Parteien verbreitet war, spielte sie für die meisten Wähler*innen bei der Wahl zwischen den Kandidat*innen keine entscheidende Rolle.
Das hat sich geändert. Zwar sind für die Wähler*innen weiterhin vor allem die Wirtschaft und die hohen Lebenshaltungskosten entscheidend, nicht die Außenpolitik selbst. Doch außenpolitische Entwicklungen verschärfen diese wirtschaftlichen Probleme stärker als früher. Der Krieg gegen den Iran hat die globalen Energiemärkte erschüttert und weckt bei vielen Amerikaner*innen Erinnerungen an die Krisen der 1970er Jahre. Die Folgen treffen die Verbraucher*innen in den USA unmittelbar: Neben Rekordpreisen an den Tankstellen treiben höhere Transportkosten auch die Preise anderer Waren und Dienstleistungen in die Höhe.
Für Demokrat*innen und progressive Politiker*innen hat es sich ausgezahlt, die finanziellen Alltagssorgen der Wähler*innen aufzugreifen. Die meisten von ihnen orientieren sich dabei an der Strategie des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani, die Bezahlbarkeit des Alltags in den Mittelpunkt zu stellen. Im Wahlkampf dürften die Kandidat*innen diese Themen ins Zentrum rücken und möglicherweise mit größeren außenpolitischen Entwicklungen verknüpfen. Besonders deutlich zeigt sich dieser Zusammenhang beim Krieg gegen den Iran, den die Trump-Regierung ohne sichtbare Not begonnen hat.
Der selbstgewählte Krieg gegen den Iran: Ist für die meisten Amerikaner*innen die Belastungsgrenze erreicht?
Um die Auswirkungen des Krieges gegen den Iran auf die bevorstehenden US-Zwischenwahlen zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf seine Ursprünge und die Haltung der Bevölkerung dazu. Die Beziehungen zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten sind seit der iranischen Revolution von 1979 von Gegnerschaft geprägt. Beide Länder unterhalten keine formellen diplomatischen Beziehungen. Ihr Verhältnis ist stattdessen durch vereinzelte bilaterale oder multilaterale Verhandlungen gekennzeichnet. Die Vereinigten Staaten stehen an der Spitze eines umfassenden Sanktionsregimes, das zur Isolation der iranischen Wirtschaft beigetragen hat. Alle US-Regierungen der vergangenen Jahrzehnte haben sich immer wieder mit dem Iran befasst. Dabei ging es um dessen Raketen- und Atomwaffenprogramm, die Unterstützung terroristischer Gruppen in der Region, Menschenrechtsverletzungen, die zunehmend enge Zusammenarbeit mit Russland und China sowie wiederholte Angriffe auf wichtige US-Verbündete, insbesondere Israel. Für Trump ist der Umgang mit dem Iran besonders wichtig – sowohl als außenpolitische Priorität als auch für das politische Vermächtnis, das er hinterlassen will.
Seit Trumps erster Amtszeit beschäftigt sich die MAGA-Bewegung besonders intensiv mit dem Iran. Damals war Trump zwar von Beratern umgeben, die einen Krieg befürworteten, doch er wurde knapp vermieden. In seiner zweiten Amtszeit zeigte er deutlich weniger Hemmungen, militärische Gewalt einzusetzen. Die Angriffe auf iranische Nuklearanlagen im Juni 2025 endeten nach zwölf Tagen und schwächten die nuklearen Fähigkeiten des Landes, beendeten seine Ambitionen aber nicht. Die Operation in Venezuela im Januar 2026, bei der Maduro gefangen genommen wurde, bestärkte Trump in seiner Bereitschaft, auch gegen den Iran militärisch vorzugehen: Sie hatte ihr Hauptziel erreicht, ohne dass es auf US-Seite Opfer gegeben hatte. Auf starken Druck des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu begannen die Vereinigten Staaten im Februar 2026 einen kostspieligen Krieg gegen den Iran. Der Druck beruhte auf der seit Langem vertretenen Einschätzung der israelischen Regierung, dass vom Iran eine Bedrohung ausgeht. Da die Dringlichkeit eines militärischen Eingreifens fraglich war, lässt sich dieser Krieg als bewusste Entscheidung der Trump-Regierung und nicht als aufgezwungene Notwendigkeit verstehen. Seine Kosten sind in jeder Hinsicht hoch: zivile Opfer, weltweite wirtschaftliche Verwerfungen, die Aushöhlung von Normen der Kriegsführung und ein massiver Verbrauch von Beständen des US-Militärs. Vor allem aber brach Trump damit eines seiner zentralen Versprechen: keinen weiteren endlosen Krieg im Ausland zu beginnen.
Die Zustimmung der Bevölkerung zu dem Krieg war von Anfang an gering. Zu Beginn war sie sogar niedriger als bei allen anderen US-Militäreinsätzen im Ausland, bei denen Gallup die Zustimmung seit den 1980er Jahren erfasst hat. Selbst die Zustimmung zu den Kriegen im Irak und in Afghanistan war anfangs höher, bevor sie im weiteren Verlauf stark einbrach. Die geringe Zustimmung zum Krieg gegen den Iran lässt sich zum Teil durch die unzureichende Kommunikation und die unklaren Ziele der USA sowie fehlende langfristige Pläne für das Land und die Region erklären. Hinzu kommen monatelange Berichte über Missstände auf US-Flugzeugträgern in der Region sowie der Tod amerikanischer Soldat*innen.
Auch im weiteren Kriegsverlauf gelang es der Trump-Regierung nicht, ihre Ziele klarer zu vermitteln. So blieb offen, ob der Einsatz iranischen prodemokratischen Demonstrant*innen helfen sollte, ob die Zustimmung des Kongresses erforderlich war und wie lange der Einsatz dauern sollte. Die Sperrung der Straße von Hormus, über die etwa ein Fünftel der weltweiten Öltransporte sowie Düngemittel und Flüssigerdgas abgewickelt werden, hat die Weltwirtschaft schwer getroffen. Am stärksten betroffen ist Ostasien, insbesondere Japan und Südkorea, die 80 Prozent ihres Öls über diese Meerenge beziehen. Doch auch in den USA sind die Kosten des Krieges spürbar.
Die geringe Unterstützung in der Bevölkerung für einen Krieg im Ausland spiegelt auch die wirtschaftlichen Belastungen wider, mit denen die meisten Amerikaner*innen im Alltag konfrontiert sind. Der Konflikt verursacht enorme Kosten, während viele Menschen Schwierigkeiten haben, über die Runden zu kommen. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes belaufen sich die Kriegskosten für die Steuerzahler*innen auf rund 38 Milliarden Dollar. Verteidigungsminister Pete Hegseth hat beim Kongress weitere 67 Milliarden Dollar beantragt, unter anderem zur Wiederauffüllung der Munitionsbestände. Die wirtschaftlichen Folgen treffen auch die privaten Haushalte.
Zwar fallen die Auswirkungen in den USA etwas geringer aus, weil das Land der weltweit größte Ölproduzent ist und mehr Öl exportiert als importiert. Dennoch tragen die Verbraucher*innen einen Großteil der wirtschaftlichen Lasten des Krieges. Kurzfristig sind die Benzinpreise auf Rekordhöhen gestiegen. Die längerfristigen wirtschaftlichen Folgen des Konflikts sind für die US-Verbraucher*innen dagegen bislang kaum spürbar. Engpässe bei Düngemitteln werden sich erst 2027 bemerkbar machen. Zugleich verschärft der Krieg das anhaltende Inflationsproblem, und die Lage am Arbeitsmarkt bleibt durchwachsen.
Die Entscheidung für einen Krieg mit langfristigen Folgen für die Weltwirtschaft und die US-Wirtschaft hat Trump auch bei seinen Anhänger*innen Unterstützung gekostet. Viele von ihnen, wenn auch nicht alle, lehnen militärische Konflikte im Ausland ab. Entsprechend steht seine Basis dem Krieg überwiegend ablehnend gegenüber, und viele Anhänger*innen haben sich deshalb von der MAGA-Bewegung abgewandt. Zwischen Mai und Juli sank der Anteil der MAGA-Anhänger*innen, die den Krieg trotz seiner Kosten für lohnend hielten, von der Hälfte auf ein Drittel. Auch Trumps Umgang mit der Wirtschaft wird überwiegend negativ bewertet: Nur etwa 30 Prozent der Erwachsenen beurteilen ihn positiv, was zu einem großen Teil auf den Krieg zurückzuführen ist. Während der Krieg seine Anhängerschaft spaltet, können die Amerikaner*innen im November ihre Haltung dazu an der Wahlurne zum Ausdruck bringen.
Der Generationenwandel in der Israelpolitik
Auch innerhalb der Demokratischen Partei sorgt die Außenpolitik für Spannungen. Die Partei ist zwischen einem eher progressiven Lager und dem zentristischen Partei-Establishment gespalten. Obwohl wirtschaftliche Alltagssorgen im Vordergrund stehen, ist die Außenpolitik unerwartet zu einem Prüfstein für die Kandidat*innen geworden. An ihren außenpolitischen Positionen wird abgelesen, ob sie bereit sind, sich mit dem Establishment anzulegen. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Außen- und Innenpolitik weiter. Besonders deutlich zeigt sich das daran, wie stark sich die politische Debatte über die die US-Israelpolitik in den vergangenen Jahren verändert hat.
Die Unterstützung für die israelische Regierung galt in der US-Außenpolitik lange als politisch kaum antastbar. Inzwischen ist sie deutlich zurückgegangen. Laut einer Umfrage von Pew Research, bewerten mehr als die Hälfte der erwachsenen Amerikaner*innen (53 Prozent) Israel negativ („unfavorable“). Die über Jahrzehnte breite, parteiübergreifende Unterstützung für Israel ist auf einen Tiefpunkt gesunken. Eine ganze Generation von Amerikaner*innen kennt Israel nur als dominante Regionalmacht. Ihr Bild des Landes ist von der Politik gegenüber dem Westjordanland, dem Umgang mit den Palästinenser*innen und der Beteiligung am gemeinsamen Krieg mit den USA gegen den Iran geprägt. Diese Generation stellt nun offen die Sicherheitsgarantien und die Unterstützung infrage, welche die israelische Regierung von der US-Regierung erhält. Aus Sicht vieler amerikanischer Wähler*innen macht die Militärhilfe für Israel die USA mitverantwortlich für die Zerstörung und das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza.
Auch einige Republikaner*innen, die eine isolationistische oder zurückhaltendere Außenpolitik befürworten, hadern mit den engen Beziehungen zur Regierung Netanjahus. Das gilt besonders angesichts von Berichten, wonach die israelische Regierung die USA dazu bewogen habe, den unpopulären Krieg gegen den Iran zu beginnen. Konservative, die China kurz- wie langfristig als wichtigsten geopolitischen Gegner der USA betrachten, sehen ein weiteres Problem: Ihrer Ansicht nach geht die bedingungslose Unterstützung Israels zulasten der Vorbereitung auf einen drohenden Konflikt mit China.
Zum Teil ist dieser Wandel generationsbedingt. Die landesweiten Proteste an US-Universitäten im Frühjahr 2024, insbesondere im April und Mai, waren das sichtbarste Zeichen der innenpolitischen Unzufriedenheit mit den bestehenden Beziehungen zwischen den USA und Israel. Umfragen zeigen, dass jüngere Amerikaner*innen nicht nur stärker auf der Seite der palästinensischen Bevölkerung stehen, sondern auch die bedingungslose Unterstützung der USA für Israel und die Art, wie die Biden-Regierung daran festhielt, kritisieren. Diese Kritik betrifft nicht nur einzelne außenpolitische Fragen.
Eine umfassende Studie zu den Einstellungen junger Menschen zeigt, dass junge Menschen weniger Wert auf eine aktive außenpolitische Rolle der USA legen. Einen rein isolationistischen Kurs streben sie jedoch nicht an: Zwar lehnen sie US-Interventionen in Konflikte ab, unterstützen aber humanitäre Hilfe und internationale Kooperation. Junge Menschen fühlen sich beispielsweise weniger von China bedroht und setzen eher auf Austausch und Zusammenarbeit als auf Konfrontation. Dieser Trend zeigt sich über Parteigrenzen hinweg. Bei den unter 35-Jährigen stehen internationale Fragen weit unten auf der Prioritätenliste. Europa muss sich deshalb auf eine Demokratische Partei einstellen, die ihren Blick stärker auf das eigene Land richtet.
Wachsende Unzufriedenheit – mit welchen außenpolitischen Folgen?
Außenpolitische Fragen spielen bei den diesjährigen US-Zwischenwahlen aus diesen Gründen eine größere Rolle als bei den vergangenen Wahlen. Weil Außen- und Innenpolitik immer enger miteinander verflochten sind, werden politische Entscheidungen komplexer. Mehrere internationale Konflikte tragen zu innenpolitischen Krisen bei oder verschärfen sie. Damit beeinflussen sie gerade jene Probleme, die für die Wählerschaft besonders wichtig sind.