Die Situation der LGBTI-Community im Südkaukasus

Die Situation der LGBTI-Community im Südkaukasus

Am 17. Mai 2013 fand in Tiflis, Georgien die erste LGBTI-Demo stattAm 17. Mai 2013 fand in Tiflis, Georgien die erste LGBTI-Demo statt – Urheber/in: Henning von Bargen. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.


Die Situation der LGBTI-Community im Südkaukasus

Das Jahr 2012 war ein besonderes Jahr für die LGBTI-Community und für den öffentlichen Auftritt der LGBTI-Bewegung in allen drei Ländern des Südkaukasus. In Aserbaidschan, Armenien und Georgien wurden hinsichtlich der heiklen, weil tabuisierten Fragestellungen zur Identität und zur sexuellen Verschiedenheit/Vielfältigkeit einige wichtige Schritte getan.

Im Kontext des Eurovision Song Contest wurde die Aufmerksamkeit der westlichen Gesellschaft für eine bestimmte Zeit auf Aserbaidschan gerichtet. Die internationalen Medien bereiteten spezielle Berichte über LGBTI-Personen vor, die in Aserbaidschan über ihre sexuelle Identität hemmungslos öffentlich sprechen können.
 
Am 21. Mai wurde in Jerewan auf Initiative von einigen NGOs „der Marsch der Vielfalt“ organisiert, der vor dem Hintergrund einer aggressiven Stimmung von Demonstrationsgegnern stattfand. Trotz des polizeilichen Schutzes waren die Marschteilnehmer gezwungen, den Umzug zu stoppen und in einem der nahe liegenden Gebäude Zuflucht zu suchen.

Am 17. Mai – den internationalen Tag des Kampfes gegen Homo- und Transphobie -  fand in Tbilissi die erste Demonstration statt, die, wie zu erwarten war, von ultraorthodoxen Gruppen behindert wurde; aber schon am 18. Mai erhielt die LGBTI-Community einen präzedenzlosen Beistand: Vor dem georgischen Parlament sammelten sich die heterosexuellen Unterstützer der LGBTI-Community, die die gewalttätigen Handlungen der ultraorthodoxen Aktivisten verurteilten. Neben ihnen standen die Botschafter von den Niederlanden und von Frankreich auf dem Rustaveli-Boulevard.
 
Am gleichen Tag veröffentlichte der georgische Menschenrechtsbeauftragte Giorgi Tuguschi eine Erklärung zum internationalen Tag des Kampfes gegen Homophobie.
 
„Trotz der Fortschritte hinsichtlich der Entwicklung der Menschenrechte, bleibt die Homophobie in der ganzen Welt eines der wichtigsten Probleme; leider ist auch Georgien keine Ausnahme… Eine negative Einstellung der Gesellschaft zu LGBTI-Personen ist oft zu beobachten. Durch homophobe Äußerungen oder andere Handlungen werden Menschengruppen beleidigt und in der Gesellschaft wird die Beibehaltung von  Vorurteilen gefördert“.
 
„Jeder von uns muss im Auge behalten, dass alle Formen der Selbstäußerung sowie individuelle Ausdrucksformen der persönlichen Individualität respektiert und toleriert werden müssen… Ich bin der Meinung, dass in Georgien für Politiker, für Vertreter der sozialen Gruppen und für die Medien die Förderung der Toleranzkultur vorrangig werden muss, das meint unter anderem auch, das Interesse für Probleme und Rechte der LGBTI-Personen zu wecken. Nur unter dieser Voraussetzung wird unser Staat und unsere Gesellschaft zu einer demokratischen und liberalen Entwicklung fähig sein“.
 
In allen drei südkaukasischen Ländern, wo das gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben von Heterosexualität und Heteronormativität bestimmt wird, bedeutet eine Zugehörigkeit zu einer Minderheitengruppe für ein Individuum schon fast automatisch eine mit schweren Folgen zusammenhängende Marginalisierung. Jeder, der seine homosexuelle Identität nicht verheimlichen will, hat in der Wirklichkeit nur sehr geringe Chancen für eine öffentliche, akademische oder politische Karriere.

Selbstverständlich ist die LGBTI-Community nicht die einzige Minderheit, die in Georgien, Armenien oder Aserbaidschan marginalisiert wird. Auch junge Frauen, die z.B. in Georgien gegen den heteronormativen und religiösen Konservativismus auftreten, werden oft zu Objekten der öffentlichen Aggression. Vertreter von religiösen oder ethnischen Minderheiten und  auch Behinderte werden in den meisten Fällen diskriminiert.

Die mit einer nationalistischen Färbung („ein Georgier und Orthodoxer kann nicht homosexuell sein“) gekennzeichnete aggressive Homophobie ist eine radikale Erscheinung der gesellschaftlichen Stimmung.
 
Gerade deshalb: In Georgien, Armenien und Aserbaidschan sind noch mehr Einsatz und auch Geduld gefordert, um die Gesellschaft von negativen Vorurteilen zu lösen und offener und akzeptanzfähiger zu machen. Akzeptanzfähigkeit wird eine Grundlage für eine künftige soziale Inklusion und Gleichberechtigung schaffen.

Aber auch die LGBTI-Community muss noch aktiver werden, denn die Erfahrung der westlichen (und nicht nur westlichen) Länder zeigt, dass nur durch einen langjährigen konsequenten und gut organisierten Einsatz entsprechende gesellschaftliche und politische Änderungen erzielt werden können und diese einen Schutz der LGBTI-Rechte und Gleichberechtigung bringen können.

In der EU sind die Rechte aller sozialen Gruppen eindeutig bestimmt. Obwohl sich im Südkaukasus die meisten politischen Parteien an tradierten ethnischen und religiösen Konzepten orientieren und in der Regel für diese traditionellen und konservativen Werte eintreten, müssen die politischen Akteure sich bewusst machen, dass für die Annäherung an den europäischen Raum  mehr Toleranz nötig ist.


 

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