Die Bilderstürmer

Plakat mit Baschar al Assad zwischen Damaskus und Aleppo
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Baschar al-Assad das Bild eines fernen Herrschers von sich geschaffen

Drei Jahre nach Beginn der Revolution nehmen in Syrien Frust und Fehlschläge zu - viele Orte gleichen Massengräbern. Wie die syrische Bevölkerung Baschar al-Assad von einem Gott in einen bloßen Sterblichen verwandelt hat.

„War Maher al-Assad in der Großen Halle? Hat er der Rede zur Amtseinführung beigewohnt? Wir haben ihn nicht gesehen! Und Faruk ash-Sharaa! Auch er war nicht da! Beide müssen Säuberungen zum Opfer gefallen sein...!“ 

(Maher al-Assad ist Kommandeur der Republikanisch Garde Syriens und ein Bruder des Präsidenten. Faruk ash-Sharaa ist Syriens Vizepräsident.)

Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigten sich syrische Aktivisten in den Woche nach Baschar al-Assads erneuter Amtseinführung am 15. Juli 2014. Zuvor hatten sich viele derselben Leute intensiv mit einem Auftritt beschäftigt, bei dem Maher al-Assad in Begleitung des libanesisch-syrischen Sängers George Wassouf zu sehen war. Ein Aktivist bezweifelte, dass die Bilder echt seien, und schrieb, das Foto könne jedenfalls nichts neueren Datums sein, denn Wassouf sei mittlerweile an den Rollstuhl gefesselt und hätte nur dann stehen können, wenn ihn dazu zwei Personen aufgerichtet und, nach der Aufnahme, wieder in den Rollstuhl gesetzt hätten.

Vor zwei Jahren hatten viele Aktivisten und auch einige Beobachter im Westen Gerüchten Glauben geschenkt, dass bei dem Bombenanschlag auf das Krisenzentrum in Damaskus nicht nur Assef Shawkat, Chef des militärischen Geheimdienstes, vormaliger stellvertretender Verteidigungsminister und Mann von Baschars Schwester Bushra, ums Leben gekommen sei, sondern auch Maher al-Assad. Es folgte ein anderer Bericht, ein Privatflugzeug sei vom außerhalb von Damaskus gelegenen Militärflughafen Mezzeh in Richtung Moskau gestartet, an Bord Maher und eine Reihe seiner Vertrauten, denn Maher solle in Russland medizinisch behandelt werden. Dann war da das Gerücht vom September 2013, dem einige Offizielle in der arabischen wie westlichen Welt Glauben schenkten, demzufolge der ehemalige Verteidigungsminister Ali Habib nach Paris geflohen sei, um dort eine „Phase des Übergangs“ vorzubereiten, und anschließend als „tragbarer“ alawitischer Anführer Baschar al-Assad abzulösen. In Ali Habib sah man einen Gemäßigten, der sich geweigert habe, das Blut von Mitbürgern zu vergießen (speziell von Sunniten), und der Entscheidung widersprochen habe, die Armee im Jahr 2011 nach Hama zu schicken, als der Aufstand gegen das Regime sich noch auf friedliche Demonstrationen beschränkte.

Das Regime – ein ferner Mythos

Diese und andere Geschichten, die von Oppositionellen, Regimegegnern und Revolutionären verbreitet werden, deuten alle auf das Gleiche hin: Das Regime in Syrien ist heute im Denken der Menschen genauso präsent wie vor der Revolution. Das Regime funktioniert weiter wie seit Jahrzehnten – als Schatten, als Spuk, als eine Abstraktion, als ferner Mythos, umrankt von Gerüchten und Sagen. Nicht nur ist es nicht gelungen, das Sicherheitsregime zu untergraben, dieses Regime ist auch nach wie vor in der Lage, den Verlauf der Revolution fast spielerisch zu beeinflussen. Während sich viele Regimegegner mit Geschichten, die über Maher kolportiert werden, beschäftigen, kann das Regime ungestört weiter systematisch töten, foltern, entführen und militärisch zuschlagen.

Die Folge dieser jahrzehntealten Strategie ist, dass die herrschende Familie und ihr innerer Kreis zu ikonischen und beinahe mythischen Figuren geworden sind. Einfachen Bürgern verschlägt es vor Staunen die Sprache, sehen sie eine dieser Figuren in einem Restaurant oder auch nur vom Auto aus – und „Staunen“ meint hier etwas wie echte Ungläubigkeit.

Im kollektiven Bewusstsein der Syrer gibt es einen tief verwurzelten Glauben an die „Heiligkeit“ der Herrschenden, seien sie militärische oder religiöse Führer, und dieser Glaube reicht vom Präsidenten bis zum Chef der örtlichen Parteiorganisation oder Geheimdienststelle. Verschärft wird diese anhaltende Illusion dadurch, dass jede Rechtstaatlichkeit fehlt, was die Menschen daran hindert, Position und Rolle der Herrschenden richtig zu begreifen. Folglich krankt die Revolution in Syrien an mangelndem Verstand und an einer Neigung, rasch Urteile zu fällen (und zu glauben), für die es keinerlei rational nachvollziehbaren Anhaltspunkte gibt.

Übersteigerter Totalitarismus

Das syrische Regime hat sich über Jahrzehnte eine völlig eigene Welt aufgebaut. Baschar al-Assad und seine Frau Asma al-Akhras leben vermutlich in einer Welt, die vom Alltag der Menschen noch weiter entfernt ist, als es die seiner Eltern, Hafiz al-Assad und Anisa Machluf, je war – und das trotz kleiner Schönheitskorrekturen, die den gegenteiligen Eindruck erwecken sollen. Keiner weiß, wo die Familie und ihr Umfeld lebt. Die Sicherheitsvorkehrungen, durch die sie abgeschirmt werden, sind total, ja übertrieben, lebten sie doch lange in einem friedlichen Land ohne jedes politisches Leben, das heißt, ohne unabhängige Parteien und Einrichtungen, ohne echte Opposition und ohne politische Gegner, die offen versuchen konnten, den Assad-Klan auf rechtlichem oder parlamentarischen Wege zu stürzen.

Dennoch hatte man ständig den Eindruck, der Familie werde nachgestellt und sie werde bedroht, weshalb sie sich nur heimlich fortbewegen konnte. Entlang zuvor festgelegter Routen, auf denen sich die Mitglieder der Familie bewegten, wurden Straßen gesperrt, der Verkehr angehalten und Ausgangssperren verhängt. Eine übliche Taktik bestand darin, falsche Gerüchte zu streuen, indem man eine Polizeistreife informierte, der Präsident und seine Begleiter würden eine bestimmte Strecke nehmen – nur um dann eine ganz andere Route zu wählen. Einrichtungen der Sicherheitskräfte waren umgeben von hohen Betonmauern, gekrönt mit Stacheldraht oder Elektrozaun, so als ob jeden Moment ein Angriff drohe. All dies sorgte dafür, dass das Regime eine fast mythische Aura bekam, und es begünstigte Gerüchte: ‚Wie leben, was essen sie? Schlafen sie überhaupt je?’ Das menschliche Antlitz des Regimes wurde so vollständig vernebelt – und wie hätte es auch anders sein können? – war es doch eingemauert hinter Beton, verbarg sich hinter getönten Autofenstern und den Toren seiner vielen Paläste.

Ab dem Jahr 2000 versuchten Baschar und seine Frau, wenn auch etwas gestelzt, die Präsidentenfamilie menschlicher erscheinen zu lassen. Ihre „spontanen“ Auftritte sowie die ihrer Kinder wurden zu Events, die genau geplant waren, und keine wirklichen Einblicke zuließen. Ein Beispiel dafür ist der Ort, den sie für einen Kurzurlaub zum Fest des Fastenbrechens wählten. Menschen wurden ausgewählt, diesen Ferienort zu besuchen, an dem Baschar und Asma dann „zufällig“ auftauchten, und jedes Detail, jede Veranstaltung war genau durchdacht und im Voraus geplant. Bilder ihres Besuchs wurden an die offizielle syrische Nachrichtenagentur SANA gegeben und landeten auf „gesperrten“ Facebook-Seiten, die man nur via Proxy erreichen konnte. Solche Ereignisse verschlugen den Menschen die Sprache, beispielsweise wenn sie Baschar oder Asma auf der Straße zu sehen bekamen, und es schien, als wären die beiden nicht der Präsident und seine Frau, sondern Filmstars. Was für ein Unterschied zu dem berühmten Zitat des palästinensischen Dichters Mahmud Darwisch, dem man bei einer Lesung in Damaskus frenetisch applaudierte, was er nach der Veranstaltung einem Freund gegenüber vergnatzt so kommentierte: „Ich kann das nicht leiden. Was glauben die denn, wer ich bin – jemand wie Ragheb Alama?“ Ragheb Alama ist ein berühmter libanesischer Sänger.

Baschar und seine Frau hingegen wollten unbedingt gesehen werden und zwar so, dass man glaubte, sie seien die Schönsten, die Schlauesten, die Elegantesten. Der Medienapparat, der das Paar umgab, schaffte es sogar, dass Vogue Anfang 2011 (nur Tage bevor die Revolution begann) einen Artikel druckte, in dem Asma als „eine Rose in der Wüste“ bezeichnet wurde.

Die Glasglocke, unter der die Familie lebte, machte sie zu Gefangenen der Fotos, die man in Autofenstern sah, an den Wänden staatlicher Einrichtungen, in den Straßen, an Laternenmasten, Baumstämmen und wo immer Platz war, ein Bild des Präsidenten, seiner Frau und Kinder anzupinnen. Diese Bilder waren eine Karikatur, eine Abstraktion, auf die Phantasien projiziert wurden, denen der Präsident nicht gerecht werden konnte. In Syrien ist der Präsident kein Individuum und auch das Volk besteht nicht aus Individuen. Es gibt in Syrien keine Individuen oder Bürger, nur Herrscher und Beherrschte, Präsident und Untertanen, Henker und Gehenkte, und der Unterschied zwischen diesen Polen ist der Unterschied zwischen Leben und Tod – ein Unterschied unterfüttert von Phantasien, die Furcht und panischer Angst den Boden bereiten. In Syrien ist, durch Jahrzehnte der Unterdrückung, Leugnung und Ausgrenzung, das Gefühl der Furcht zu einer vollendeten Tatsache geworden. Die Menschen fürchten sich nicht, wenn etwas passiert, sie fürchten, es könne passieren. Vielleicht tritt es ein, vielleicht auch nicht, die Furcht aber bleibt ein ständiger Begleiter, eine Art von Erbkrankheit, eingeschrieben in die syrische DNA.

Baschar al-Assad und seine Frau Asma haben drei Kinder, und es ist nicht übertrieben zu sagen, die Mehrheit der Syrer habe sich seit ihrer Geburt an drei endlosen Storys, bestehend aus Gerüchten und Vermutungen, aufgezehrt: ‚Ist es ein Junge oder ein Mädchen? Mit hellem oder dunklem Teint? Gesund oder nicht? Bekommt das Kind einen althergebrachten Namen – oder einen dieser neumodischen?’
Ich glaube, das ganze Spektakel um die drei Kinder hat in erster Linie mit der Erbfolge zu tun, denn dass die Assads die Macht je freiwillig abgeben, ist kaum vorstellbar. Die Familie sieht sich selbst als unsterblich, lässt sich entsprechend darstellen, verkörpert diesen „Geist“, ist der Erinnerung aller „Bürger“ fest eingebrannt ... und die Geburt eines Sohnes bedeutet entsprechend die Geburt eines „legitimen“ Nachfolgers. Aus eben diesem Grund hasste man Baschars ältesten Sohn Hafiz al-Assad Junior bereits als kleines Kind, sah in ihm einen Verbrecher mit Milchgesicht, schuldig geworden, noch bevor er die Bedeutung des Wortes begriff. Angeblich beteten die reichen Familien von Damaskus hinter ihren hohen Mauern, dass Baschars Sohn Hafiz „zu einem guten Mann heranwächst, denn eines Tages wird er unser Präsident sein“ – das in einem Land, das vorgeblich eine Republik ist, keine Monarchie!

Die Gewaltherrschaft und ihre Katakomben

Zur selben Zeit als wir Syrer unsere Zeigefinger himmelwärts hoben und damit jene rätselhaften, unbekannten Wesen meinten, die unser Leben bestimmten, uns Ungemach bereiteten, unsere Bücher und Filme verboten und unsere Freunde einsperrten, wussten wir, es gab eine andere Welt, eine im Untergrund, in Katakomben und Kerkern. Es gab Gerüchte über die Ausdehnung jener unterirdischen Räume und wie durch sie Gebäude der Sicherheitsdienste miteinander verbunden seien. Das Projekt, für Damaskus eine U-Bahn, die Metro, zu bauen, hätte beispielsweise schon Jahre vor Beginn der Revolution abgeschlossen worden sein. Für jene, die zwanghaft jedem Gerücht ihr Ohr schenken, war dies der Beweis dafür, dass das Regime die Unterwelt ebenso beherrscht wie den Erdboden und den Himmel.

Das Leben in dieser Unterwelt verlief abgeschieden von dem darüber. Ihre Bewohner waren gehemnisumwittert und, so sagte man, verbrachte Tage, Monate, ja sogar Jahre dort, ohne je die Sonne zu sehen. Wer sie waren und welchem Teil des Apparats sie angehörten war ein Rätsel. Alles, was sie menschlich machte, ihr Geruch, ihre Vorlieben, war unbekannt. Gallertartige Wesen, gefangen unter der Erde, unterhalb des Büros des Chefs dieser oder jener Sicherheitsbehörde, gleich unter dem Ort, an dem der Chef Gäste empfing, mit ihnen Tee oder Kaffee trank, wo er aß, sich wusch, und vielleicht sogar gelegentlich seine Freundin für eine Nacht einlud.

Die Willkür und Brutalität, mit dem dieses unbekannte „Oben“, nach dem wir unsere Finger reckten, das gleichfalls anonyme „Unten“ behandelte – jemand, der vielleicht einmal unser Nachbar war, unser Freund oder Verwandter – all dies ließ den Apparat des Regimes hinter einem trügerischen Deckmantel verschwinden. Er war unverständlich, unfassbar und unmöglich mit nacktem Auge zu sehen. Der Sicherheitsapparat wurde so zum Nährboden, auf dem nicht einfach nur Gerüchte gediehen, sondern Gerüchte, an die wir fest glaubten.

Der unbekannte Andere

Das Regime hat nie, nicht für eine Minute, aufgehört, offiziell einen Diskurs der Brüderlichkeit zu befördern, einen Diskurs des Friedens und des Zugehens auf „die Anderen“. Brüderlichkeit, beziehungsweise Koexistenz war für alle Syrer Pflicht, es wurde ihnen aufgezwungen und sie mussten sich, schon aus Angst vor Strafe, daran halten. Es ist in Syrien verboten, über Dinge zu sprechen, die mit der konfessionellen Zugehörigkeit zu tun haben. Dieses Verbot reicht so weit, dass die Menschen unwissend sind und nichts voneinander wissen. Religionsgemeinschaften und Konfessionen sind umgeben von einem Schleier aus Legenden und Gerüchten. Minderheiten bewahren ihre Eigenheit durch geheime, inoffizielle Riten. Unter anderem machten folgende Klischees die Runde: ‚Die Drusen haben sich zu Wesen entwickelt, die einen Schwanz haben, den sie unter ihrer Kleidung verbergen, und sie huldigen Stieren’; ‚die Schiiten beten Vaginas an’; ‚Alawiten sind Heiden, die nicht beten, nicht fasten und Alkohol trinken’; ‚Alawitinnen sind Huren, die ihren Körper verkaufen’.

Eben jenes Regime, das zur Brüderlichkeit aufrief, unterdrückte in Wahrheit sämtliche Minderheiten. Es verbot ihre Gebräuche und Gepflogenheiten und es ließ nicht zu, dass sie außerhalb ihrer traditionellen Gebiete aktiv waren. Diese Unwissenheit, was „den Anderen“ anging, hat Religionsgemeinschaften in Tabuzonen verwandelt, in heilige Ikonen, die ganz in der Vergangenheit leben, und folglich wimmelt es innerhalb dieser Religionsgemeinschaften nur so von Gerüchten, die Meisten davon völlig falsch. In den Jahren seit Beginn der Revolution konnte man beobachten, wie die auf Gerüchten basierenden Stereotypen, an denen dem Regime so viel gelegen ist, ungebrochen weiterleben: ‚Jeder Alawit ist regierungstreu’; ‚jeder Sunnit ist Regimegegner’. Und auch den anderen Minderheiten wird misstraut, man klagt sie an, und sie müssen ihre Unschuld beweisen. Brüderliche Geselligkeit oder abwägendes kritisches Denken könnten der Volksbewegung nutzen, aber stattdessen beleidigen und hassen sich die Syrer gegenseitig. Die stark verallgemeinerten Vorwürfe betreffen auch jene die, gleich in welcher Funktion, vor der Revolution für verschiedene Behörden, öffentliche Einrichtungen und sonstige Stellen gearbeitet haben, und dabei tut man so, als lebten wir in Frankreich, wo es in der Privatwirtschaft vom Staat unabhängige Jobs in Hülle und Fülle gibt.

Verzweiflung

Als man Muammar al-Gaddafi aus seinem Versteck zerrte und zu einem Auto schleifte, war er dem Tode nah. Er fasste sich an den Kopf, sah auf seine Finger und staunte über das Blut, das er sah. Er konnte nicht glauben, dass er blutete, er – Muammar Gaddafi! Und wir ... wir konnten es auch nicht glauben. Ein Tyrann konnte sterben! So wie Saddam Hussein im Irak. Bis heute begegne ich Leuten, die nicht glauben können, dass man Saddam hingerichtet hat. Man sagt, ein Doppelgänger sei hingerichtet worden, und er selbst lebe in einem Tunnel in Bagdad. Vielen fällt es schwer, solchen Nachrichten zu glauben, denn sie fürchten, sollten sie dies tun und wagen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, werde er plötzlich aus dem Erdboden hervorspringen und sie zur Rechenschaft ziehen. Auch hier geht es um Menschen, die grundsätzlich stets Furcht empfinden.

Nach dem Tod von Muammar al-Gaddafi glaubten manche Syrer, es sei nun auch möglich, Baschar al-Assad und seine Familie loszuwerden – und das nicht nur in den eigenen Träumen und Phantasien. In den sozialen Netzwerken machten Gerüchte über seinen Tod die Runde. Baschar lässt Woihnviertel bombardieren – und seine Gegner verbreiten das Gerücht, er sei tot: ‚Seine Wagenkolonne wurde angegriffen und er kam ums Leben’; ‚Er wurde verhaftet auf dem Weg zum Flughafen, von wo aus er sich nach Russland absetzen wollte’; ‚Sein Palast wurde erstürmt und er ermordet’; ‚Der Volkspalast wurde beschossen’. Menschen begannen sogar, die Mörder zu kritisieren, und zu sagen, man hätte ihn besser am Leben gelassen und vor Gericht gestellt! Wer die Mörder waren, blieb stets unklar. Einmal war es die Freie Syrische Armee, einmal die al-Nusra-Front. ‚Elemente’, so hieß es, ‚ermordeten den Präsidenten’ – also eine Abstraktion eine andere.

Drei Jahre nach Beginn der Revolution nehmen Frust und Fehlschläge zu und viele Teile Syriens gleichen Massengräbern. Gerüchte funktionieren in dieser Lage wie eine Morphiumspritze, welche die Aktivisten in den sozialen Netzwerken kreisen lassen, um sich Hoffnung zu machen. Berichte, das Regime sei gefallen oder der Präsident tot – oder sogar, die Mutter des Präsidenten sei tot, – sind zunehmend müde Witze, denn das Regime mordet weiter, beschießt und verhaftet. Syrische Intellektuelle, Aktivisten, Angehörige der Opposition und die Kämpfer vor Ort müssen heute unbedingt versuchen, Hoffnung aus etwas Anderem zu schöpfen, aus etwas, das greifbarer ist als bloße Gerüchte. Sie müssen ihre Verzweiflung, ihren Frust produktiv dafür nutzen, Alternativen und Ansätze für die nächste Phase des Kampfs zu finden. Das wird ausgesprochen schwierig sein, denn ihr alleiniger Feind, das Regime, hat sich nun in eine wilde Horde verwandelt.
Das Regime hat zu verstehen gegeben, die Tatsache, dass Baschar al-Assad bei der inszenierten Präsidentschaftswahl einen Gegenkandidaten zuließ, sei ein wesentliches Zugeständnis. Manche Vertreter der Opposition sahen das auch so und behaupten, es handele sich um ‚einen äußerst wichtigen Erfolg’ der Revolution. Nachdem über 170.000 Syrer gestorben sind, Millionen flüchten mussten und Zehntausende verwundet wurden oder im Gefängnis sitzen, ist es demnach gelungen, Baschar al-Assad von einem Gott in einen bloßen Sterblichen zu verwandeln.

Aus dem Englischen von Bernd Herrmann.

Dieser Text erschien in der englischsprachigen Ausgabe "Rumours" der Reihe Perspectives Middle East.