Strukturwandel: Die neuen Großgrundbesitzer

Strukturwandel: Die neuen Großgrundbesitzer

Ausschnitt aus der Grafik unten: In manchen europäischen Ländern dominiert der bäuerliche Mittelstand. In Tschechien, der Slowakei und Rumänien ist er kaum existent. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung u.a. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In Ostdeutschland und den vormaligen Ostblockländern, die jetzt zur EU gehören, sind Agrarbetriebe in feudalen Dimensionen entstanden - ein Kapitel aus dem Bodenatlas.

Die landwirtschaftlichen Strukturen in der Europä­ischen Union sind im Umbruch. Während wenige sehr große Betriebe weiter wachsen, geben immer mehr kleine Betriebe auf. Ihre Zahl hat sich von 2000 bis 2010 um 28 Prozent reduziert und sinkt weiter. Hier liegt nicht einfach ein marktgetriebener Strukturwandel vor. Zwei staat­liche, einander ergänzende politische Instrumente treiben den Prozess voran: die EU-Agrarsubventionen und die staat­liche Bodenpolitik in den einstigen Ostblockländern.

Die EU-Agrarsubventionen machen mit jährlich 55 Milliarden Euro rund 45 Prozent des EU-Haushaltes aus. Ein großer Teil dieses Geldes ist an die Fläche der Betriebe gebunden, rund 300 Euro werden pro Hektar gezahlt. Der in Ostdeutschland tätige Großbetrieb KTG Agrar mit rund 30.000 Hektar erhält so rund 9 Millionen Euro jährlich. Die neueren EU-Mitgliedsländer vergeben geringere Subventionen pro Hektar, doch in den nächsten Jahren ist eine Angleichung zu erwarten. Durch die Flächenbindung erhalten die größten 20 Prozent der Betriebe rund 85 Prozent aller EU-Agrarsubventionen, und das 1 Prozent der allergrößten Betriebe kassiert schon 30 Prozent.

Daran wird sich auch so schnell nichts ändern: Die bei der jüngsten Agrarrefom eingeführten Kappungsgrenzen ab 2015 sind für die einzelnen EU-Länder freiwillig und werden zum Beispiel in Deutschland nicht angewendet. Einige weitere Bestimmungen führen dazu, dass Großbetriebe über 1.000 Hektar künftig höchstens 1 bis 2 Prozent weniger Beihilfen bekommen als 2014. Rechnet man alle Subventionen für Großbetriebe auf die Arbeitsplätze um, so erhalten diese rationalisierten Agrarunternehmen je Arbeitskraft bis zu 150.000 Euro an Subventionen jährlich. Eine Person im kleinen bäuerlichen Betrieb bekommt hingegen im Mittel weniger als 8.000 Euro.

Mehrere Versuche, die Wettbewerbsverzerrung zu beenden, sind gescheitert, beispielsweise 2002 eine Initiative von EU-Agrarkommissar Fischler und 2007 eine seiner Nachfolgerin Fischer-Boel. Beide haben mehrfach betont, dass sie am Widerstand von weniger als 1.500 ostdeutschen Großbetrieben gescheitert sind, die über den Deutschen Bauernverband, die ostdeutschen Landesregierungen und die jeweilige Bundesregierung jede Reform in Brüssel verhindert haben. Erfolg hatte diese Lobbyarbeit wohl auch, weil die industrialisierte ostdeutsche Agrarstruktur für die EU-Kommission ein wünschenswertes Vorbild für die weitere Entwicklung in der EU zu sein scheint.

In den ehemaligen Ostblockländern gab und gibt es ein sowjetisches Erbe: die staatliche Bodenpolitik. Schon unter Lenin brach die Kommunistische Partei die traditionellen Verhältnisse auf dem Land auf, verstaatlichte viele Betriebe und legte sie zusammen. Bäuerliche Agrarstrukturen wurden marginalisiert. Nur in Polen ist die Lage besser; dort hatten sich die Bauern erfolgreich gegen die Kollektivierung gewehrt. Weil die sozialistischen Kader jedoch in den meisten Ländern auch nach 1990 nicht an Einfluss verloren, behielten die Nachfolgebetriebe der landwirtschaftlichen Kollektivstrukturen das einst verstaatlichte Land.

In manchen europäischen Ländern dominiert der bäuerliche Mittelstand. In Tschechien, der Slowakei und Rumänien ist er kaum existent (große Grafik am Ende des Textes als Download verfügbar). Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung u.a. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

In Ostdeutschland machten die staatlichen Flächen des Bundes nach 1990 rund 40 Prozent der dortigen landwirtschaftlichen Nutzfläche aus. Die Treuhandanstalt und ihr Nachfolger ab 1992, die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG), vergaben diese Flächen nahezu ausschließlich an die großen landwirtschaftlichen Firmen, die sich nach der Wende aus den DDR-Betrieben mit ihrer alten Agrarnomenklatura gebildet hatten. Mittlerweile sind sie zu großen Anteilen verkauft. Die Verteilung der Flächen hat ein quasi feudales Ausmaß erreicht.

Bei den Betriebsgrößen unterscheiden sich Ost- und Westdeutschland vollkommen – eine politisch gewollte Entwicklung. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung u.a. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Als Aussage über die Konzentration in der Landwirtschaft benutzen Statistiker die 20-Prozent-Schwelle: Wie viel Prozent der größten Betriebe in einem Staat bewirt­schaf­ten ein Fünftel der Agrarflächen? Und wie groß sind diese Betriebe? In Gesamtdeutschland sind es 0,66 Prozent, die eine mittlere Größe von 1.391 Hektar haben. Doch diese Betriebe liegen fast ausschließlich in Ostdeutschland; in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es nur zehn bzw. vier Betriebe mit mehr als 1.000 Hektar Wirtschaftsflä­che. Im Südosten Europas sind die Größenordnungen ver­gleichbar. In Bulgarien bewirtschaften die größten 0,04 Prozent der Betriebe – im Durchschnitt 3.128 Hektar groß – 20 Prozent der Nutzfläche, in Ungarn sind es 0,44 Prozent mit 3.164 Hektar, in der Slowakei 0,14 Prozent und 3.934 Hektar; in anderen Ländern, wiederum von Polen abgesehen, ist es ähnlich. Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt in diesen Ländern niedrig, was an der großen Anzahl kleiner Betrie­be und Subsistenzbetriebe unter 10 Hektar liegt. Die klei­nen Betriebe sind auch deshalb so klein, weil sie nach 1990 keinen Zugang zu den staatlichen Flächen erhielten.

In West- und Mitteleuropa gibt es dagegen bis heute in vielen Regionen eine bäuerlich verfasste Agrarstruktur mit einer breiten Eigentumsstreuung. Großbritannien ist mit vielen großen Betrieben eine Ausnahme, aber dort gibt es zugleich eine breite landwirtschaftliche Mittelschicht: Rund die Hälfte des Landes wird von Betrieben zwischen 20 und 200 Hektar bewirtschaftet. Im Osten fehlt diese Gruppe fast vollständig.

In den EU-Ländern mit Großgrundbesitz entwickelt sich außerdem ein für Europa neues Phänomen, der Ausverkauf von Flächen an externe Investoren. Ackerland gilt seit der Finanzkrise auch in der EU als stabile Anlage. Der Verkauf ist vor allem auf große zusammenhängende Flächen und Betriebe konzentriert. In den westlichen Regionen mit ihrer gemischt klein-, mittel- und großbäuerlichen Struktur ist die Entwicklung bis heute nicht von Belang, in den östlichen jedoch sehr. Der Verkauf an die Investoren spielt in Rumänien eine so bedeutsame Rolle, dass die Regierung in Bukarest 2014 mehrere Gesetze verabschiedet hat, die Familienbetriebe von 30 bis 100 Hektar unterstützen sollen – nachdem die EU das bisherige System der Agrarbeihilfen mit wenigen Veränderungen bis 2020 verlängert hat.
 

Quellen und weitere Informationen:

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