Auf der Flucht im eigenen Land

Auf der Flucht im eigenen Land

Ein "inoffizielles" Flüchtlingscamp im Libanon. Urheber/in: DFID. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Mehr als 6 Millionen Syrerinnen und Syrer suchen in ihrer Heimat einen anderen, einen sicheren Ort und gelangen doch nur dorthin, wo es gerade ein bisschen weniger schrecklich ist.

Es gehört zu den Eigenheiten des Krieges in Syrien, dass ausländische Journalistinnen und Journalisten sich früh entscheiden mussten, auf welcher Seite sie standen. Schon zuvor konnten sie sich im autoritären Staat kaum frei bewegen. Mit Beginn der Revolution bekamen dann nur noch "genehme" Journalist/innen ein Visum, und es wurde umso genauer darauf geachtet, dass sie nur das erfuhren, was sie wissen und verbreiten sollten. Unter anderem deswegen gibt es nur wenige Berichte über die Binnenflüchtlinge in Syrien. Fast die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist auf der Flucht. Die Türkei und Jordanien ergriffen frühzeitig Maßnahmen, um den Zustrom syrischer Flüchtlinge zu begrenzen, und seit Anfang 2014 agiert auch Libanon, das bis dahin als einziges Nachbarland seine Grenzen offen gehalten hatte, immer restriktiver. Erst waren es palästinensische Flüchtlinge aus Syrien, denen die Einreise verweigert wurde, seit Herbst betrifft das auch immer mehr Syrerinnen und Syrer. Doch der größere Teil Vertriebener, über sechs Millionen, ist innerhalb Syriens auf der Flucht.

Flüchtlinge ziehen in die Häuser der Menschen, die diese aus Angst verlassen haben

Es sind nicht nur Grenzkontrollen, die viele veranlassen, ihr Heil weiterhin in Syrien zu suchen. Viele sehen für sich außerhalb des Landes keine Perspektive. Berichte von den Zuständen in Flüchtlingslagern und die prekäre Situation, in die sie im Ausland geraten, lassen einige zurückschrecken. Andere befürchten, wenn sie zu weit weggehen, alle Brücken abzubrechen. Es scheint, als würden immer mehr Flüchtende in ihren Provinzen  jeweils an die Orte gehen, an denen es gerade weniger schrecklich zugeht.

"Eine Familie aus Homs sagte mir, sie habe in ihrem alten Haus angerufen, allein das Tuten im Hörer, wenn es klingelte, habe ihnen das Gefühl vermittelt, dass sie noch gar nicht richtig weg seien. Gespenstisch war, als eines Tages jemand abgenommen hat: Eine Familie aus Aleppo hatte in dem Haus Zuflucht gesucht. ‹Gießt ihr auch schön die Blumen?›, haben sie gefragt", erzählt die Dokumentarfilmerin Liwaa Yaziji, die mit Unterstützung der Heinrich-Böll- Stiftung den Film "Haunted" über Binnenflüchtlinge gedreht hat. "Eine andere Frau war zunächst erzürnt über die Anwesenheit Fremder in ihrem Haus. Doch dann hat sie ihnen sogar verraten, wo sie eine Notration für schlechte Zeiten versteckt hatte."

Das Regime ordnete an, die Wohnungen Oppositioneller zu beschlagnahmen

"Wir überlegen jetzt, ob wir unsere Wohnung in Damaskus einer Freundin überlassen", erzählt Rami. "Aber sie ist ja voll mit unseren Sachen, da ist noch nicht mal Platz im Kleiderschrank. Als wir 2013 gegangen sind, dachten wir nicht, dass wir für immer gehen." Nicht alle haben das Glück, dass ihr Besitz in ihrer Abwesenheit unangetastet bleibt. "Ich hatte mir 2010 ein Haus gekauft", sagt Sana, die noch immer nach Syrien reist, "aber das Regime hat es beschlagnahmt und darin eine Kommandozentrale eingerichtet."

Direkt nach den erfolglosen Genf-II-Verhandlungen Anfang 2014 brachte das Regime eine Liste mit Namen Oppositioneller in Umlauf, deren Wohnungen beschlagnahmt werden sollten. Das syrische Regime verfuhr oft großzügig mit Flüchtlingen anderer Konflikte. Die Palästinenser, die 1948 kamen, konnten sich ungestörter als an anderen Orten der arabischen Welt nicht nur eine Existenz, sondern auch ein Leben aufbauen. Als 2003 über eine Million irakischer Flüchtlinge ins Land strömte, kam das Regime ihnen in einigem entgegen.

Während der israelischen Angriffe auf den Libanon 2006 öffnete das Regime für Flüchtlinge leerstehende öffentliche Gebäude. Auch wenn es gegenwärtig die Zahl von über sechs Millionen Binnenflüchtlingen nicht in Frage stellt – in der Regime - Lesart eine Folge des Aufstandes, nicht seiner Niederschlagung –, fühlt es sich ihnen nicht verpflichtet. Assad spricht oft und gern über die "Terroristen", als die er alle Dissidenten betrachtet, aber Solidaritätsbekundungen für die Opfer sind rar, ganz zu schweigen von konkreten Hilfen. Im Mai 2014 dachte das Justizministerium laut darüber nach, ob man nicht die verlassenen Häuser derer, die ins Ausland gegangen sind, an Binnenflüchtlinge vermieten könne – eine Versorgung einer Flüchtlingsgruppe auf Kosten einer anderen, inklusive eines Bonus für das Regime.

Luftangriffe des Regimes und Fassbomben haben ganze Siedlungen unbewohnbar gemacht

Es gibt viele Gründe zu fliehen, und mit der Ausbreitung der Terrormiliz ISIS in Nordsyrien und den Luftangriffen der internationalen Koalition kamen noch weiterere hinzu. Über 170.000 Flüchtlinge überquerten innerhalb weniger Wochen die Grenze zur Türkei. Doch die Menschen fliehen nicht allein vor ISIS. Schon 2011 hatte das Regime diejenigen verraten, die es noch als Garanten von Sicherheit betrachtet hatten: Trotz des massiven eigenen Sicherheitsapparates gründete es noch Milizen, die sogenannten Shabiha, die mordend, vergewaltigend und brandschatzend jede Gesetzlichkeit zunichte machten.

Und in noch größerem Stil sind es die fortgesetzten Luftangriffe des Regimes in den Gebieten, die nicht mehr unter seiner Kontrolle sind, die Syrerinnen und Syrer in die Flucht schlagen. Fassbomben, die ganz gezielt in dichtbesiedelten Wohngebieten eingesetzt werden, haben Zehntausende das Leben gekostet – und ganze Viertel von Homs, Aleppo und anderen Ortschaften unbewohnbar gemacht. Um den Zynismus auf die Spitze zu treiben, hat UN Habitat im April 2014 dem Architektenteam "Render for Homs" einen Preis für den Entwurf von "Sozialwohnungen" verliehen. "Über 90 Prozent der betreffenden Gegend sind zerstört. Es gibt einen massenhaften Bedarf an Wohnraum", heißt es in der Projektbeschreibung.

Dass die meisten Bewohnerinnen und Bewohner bei der Einäscherung der Häuserzeilen starben und es für die Übriggebliebenen wenig  Gründe gibt, zurückzukehren, wird geflissentlich übergangen. Trotz vieler Berichte über die wirtschaftliche Krise Syriens ist die Vernachlässigung der Binnenflüchtlinge keine Frage des Geldes. Dass im Oktober 2014 die Eröffnung einer glitzernden neuen Einkaufspassage (Wert: 40 Millionen Euro) in Tartous gefeiert wurde, hat selbst eingeschworene Regimeanhänger einigermaßen erschüttert.


Zahlen zu syrischen Flüchtlingen:
Über 3 Millionen syrische Flüchtlinge sind im Ausland registriert, davon über 1,1 Millionen im Libanon, der selbst nur eine Bevölkerung von rund 4 Millionen (exklusive der 400.000 palästinensischen Flüchtlinge) hat. Über 1 Million werden in der Türkei gezählt, 620.000 in  Jordanien. Wahrscheinlich werden es in allen Ländern deutlich mehr sein, da nicht alle registriert sind. Die Zahl der Binnenflüchtlinge liegt zwischen 6,4 und 7 Millionen.


Dieser Text erschien im Böll.Thema 3/2014: "Niemand flieht ohne Grund".

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    Von Bente Scheller

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