Mitten im Selber-schuld-Kapitalismus

Mitten im Selber-schuld-Kapitalismus

Still aus dem Film Top Girl von Tatjana Turanskyj
"Top Girl" erzählt vom Alltag der Sexarbeiterin Helena

Von der Selbstermächtigung zur Selbstoptimierung: Regisseurin Tatjana Turanskyj seziert in ihren Filmen weibliche Realität. Der zweite Teil ihrer Trilogie über Frauen und Arbeit ist alles andere als ein klassischer Mutmacherinnenfilm.

Vor einigen Wochen kam die Debatte über die Frauenquote auch in der Filmförderung an. Obwohl Quotierung in der Kunst und speziell im Film selbst unter Feministinnen nicht unumstritten ist, sprechen die Zahlen, die in diesem Zusammenhang veröffentlicht werden, für sich. Obwohl 42 Prozent der Filmhochschulabsolvent/innen Frauen sind, bekamen sie zuletzt nur 15 Prozent der Regieaufträge in Film und Fernsehen, also auch nur einen kleinen Teil vom großen Kuchen der Filmförderung ab.

Zu den Regisseurinnen, die daran schnellstens etwas ändern möchten und ProQuote Regie gegründet haben, gehört Tatjana Turanskyj , die 2010 mit Eine flexible Frau einen ersten eigenen Langfilm veröffentlichte, der mich damals sehr berührte. Nicht, weil er besonders emotional war, nein, er war mein Favorit, weil er fast sezierend, sehr genau und mit eher essayistischen als narrativen Mitteln das Leben der arbeitslosen Berliner Architektin und Mutter Greta M. (Mira Partecke) zwischen Job- und Callcenter, zwischen Absturzkneipen und Baustellen grauenhafter Investorenarchitektur nachzeichnete und dabei den Mut zur Sprödigkeit hatte. Der Film war so postmodern und brüchig in seinem Aufbau wie das prekäre Leben Gretas. Er verlangte den Zuschauerinnen schon beim Schauen eine Menge an Reflexionsvermögen ab, ohne in irgendeiner Weise pädagogisch zu sein. Er tappte also in zwei Fallen nicht, die Filme von Frauen oft gut gemeint wirken lassen: die sentimentale und die pädagogische. In ihrer Ästhetik ist Turanskyj eher Performerin als klassische Filmemacherin, was vielleicht daher kommt, dass sie nicht Regie, sondern Soziologie und Theaterwissenschaften studiert hat und ihre ersten Filme im Kollektiv entstanden sind.

In der Gegenwart des Selber-schuld-Kapitalismus

Falls jemand Tatjana Turanskyj, ähnlich wie ihrer Protagonistin Greta M. gesagt hat, sie möchte den nächsten Film doch ein bisschen geschmeidiger anlegen, dann hat sie das diskret überhört. Auch der zweite Teil ihrer Trilogie, Top Girl oder la déformation professionelle, führt wieder in die Gegenwart des Selber-schuld-Kapitalismus, in dem die moderne emanzipierte Frau mit permanentem Erschöpfungssyndrom als flexible Ich-AG ihr Auskommen sucht.

Top Girl hatte seine Premiere bei der letztjährigen Berlinale Premiere. Nun läuft er in ausgewählten deutschen Kinos. Wenn man Top Girl als direkte Fortsetzung von Eine flexible Frau lesen würde, wäre Greta nach der Arbeitslosigkeit nicht in den Beruf der Architektin zurückgekehrt, sondern führte nun als die Nebenfigur Suse ein Bordell mit Blick auf die Volksbühne. Dort arbeitet Helena (Julia Hummer), 29, eine alleinerziehende Schauspielerin, die in einer Soap Opera berühmt wurde und unter dem Künstlerinnenamen Jacky nicht wirklich das Fach gewechselt hat. Denn als Sexarbeiterin ist sie auch Rollenspielerin und Performerin in verschiedenen Kostümen. Wir sehen ihr bei der Arbeit mit den Freiern zu. Die wollen kuscheln oder wollen es hart, devot oder länger als vereinbart. Sie wollen Rollen spielen, die sie sich ausgesucht haben. Jacky ist da ganz Dienstleisterin, die aber auch in der Lage ist, Nein zu sagen. Die Opferrolle liegt ihr nicht. Als Jacky als Helena zu einem Schauspielcasting eingeladen ist und eine notgeile Frau spielen soll, verkehren sich die Paradigmen, greift die Bewerbungsetüde anders als die Escorttermine in die Souveränität des Menschen Helena ein.

Sektionen der weiblichen Mittelschichts-Gegenwart

Turanskyjs Trilogie über Frauen und Arbeit ist alles andere als klassischer Mutmacherinnenfilm (Heldin mit schlechten sozialen Aussichten kämpft sich nach oben und findet am Ende neben einem guten Job noch einen netten Mann zum Zwecke der Familiengründung). Sie ist kein rosa Überraschungsei oder Lego für Mädchen, sondern Sektionen der weiblichen Mittelschichts-Gegenwart, im soziologischen Sinne Abstiegsgeschichten. Bewegte sich Eine flexible Frau am Rande der „Zuverdienerinnengesellschaft“, so arbeiten die Frauen in Top Girl auf eigene Rechnung.

Wir sehen weibliche Selbstermächtigung, die in Selbstoptimierung verkommen ist. Sehr erhellend Nina Kronjäger als Dr. Nina Schreiber, die sich aus den verbalen Versatzstücken des Feminismus eine postfeministische Geschäftsidee zusammengebastelt hat. Ihr Credo vor einem interessierten weiblichen Publikum: Wer als Frau auf dem Markt eine gute Ausgangsposition haben will, sollte über eine Schamlippenstraffung nachdenken.

Helena hat eine Tochter, die viel bei der Großmutter ist. Drei Generationen weibliches Selbstverständnis werden da gezeigt. Die elfjährige Xenia (Jojo Pohl), hat einen Eigensinn, der nicht laut daherkommt und sie manchmal erwachsener scheinen lässt als ihre Mutter. Ihr Respekt vor der Großmutter ist größer als der vor der Mutter. Die Sehnsüchte Lottes (Susanne Bredehöft), die als junge Frau als Musikerin auf der Bühne stand ist und an den Errungenschaften der zweiten Frauenbewegung partizipierte, sind die einer Frau am Ende der mittleren Jahre, die sich mit Internetgeschäften und Gesangsstunden über Wasser hält, und sie ist die einzige, deren Bedürfnis nach Nähe schließlich durch ihren untalentierten Gesangsschüler befriedigt wird. Dabei benötigt die Regisseurin nur ganz wenig Dialog, um das Verhältnis der Frauengenerationen zu erzählen. Die Kommunikation ist, anders als bei Eine flexible Frau, nonverbal.  

Die Frau als Beute

Die Durchökonomisierung des Lebens und die Befreiung des Körpers machen aus der Prostitution eine Sexarbeit jenseits der Erotik, mit der sich mehr Geld verdienen lässt als im Callcenter oder bei Amazon. Selbst die Wohnungsmiete wird in Sex bezahlt. Turanskyj klagt das nicht an, sie stellt es aus. Und doch bleibt da ein Rest, denn wir können nicht sagen, ob dieses Widerwillige, das sich bei der Arbeit als Ausdruck in das Gesicht der Protagonistin schleicht, Jacky, Helena oder nicht sogar die Schauspielerin Julia Hummer betrifft. Ihrem Spiel gibt das eine Doppelbödigkeit.

Der Befreiungsschlag der Protagonistin führt am Ende in ein Bild der patriarchalen Archaik: Fünf Jäger stehen um vier erlegte nackte Frauen. Aber sie sind nicht tot, sondern Teil einer Performance, die der Versicherungsmakler David (RP Kahl) bei Jacky bestellt hat und die seine Mitarbeiter im wahrsten Sinne des Wortes bei der Stange halten soll. Jacky sichert sich damit ein Einkommen, das aus der Misere führen könnte. Das Bild der Frau als Beute, das sie als Regisseurin zeichnet, führt sie aber noch tiefer hinein. Es ist Verrat an ihrem eigenen Geschlecht. Ungerührt sieht sie ihre erlegten Kolleginnen in gehörigem Abstand vor sich.  Sie ist die Königin.

Im dritten Teil, hat Turanskyj in einem Interview mit dem Freitag erzählt, soll es um Werberinnen bei der Bundeswehr gehen.

„Im Ernst: Ich glaube, Soldatinnen haben eine große Zukunft. Drohnen sind doch nichts anderes als herumfliegende Penisse. Die müssen betreut werden.“

Das Spröde der Filme von Tatjana Turanskyj verstärkt sich durch den fast völligen Verzicht auf Musik. In Top Girl gibt es, abgesehen von einer gegrölten Fassung des Jägers von Kurpfalz nur ein Musikstück, das Leitmotiv der Kantate Nr. 82 von Johann Sebastian Bach und am Ende kann der Gesangsschüler die erste Zeile der Kantate fast fehlerfrei singen. Sie lautet: „Ich habe genug“. Ob das als Aussage des Protestes oder als eine der Selbstzufriedenheit zu sehen ist, bleibt den Zuschauerinnen überlassen.

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haltdieklappe

Danke für den Interessantenbeitrag. Oh Gott, das klingt wie so ein automatisch generierter Kommentar, ist aber grundehrlich und menschlich gemeint.