Stetig auf und ab

Angela Merkel und Benjamin Netanyahu
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Das Verhältnis der Deutschen zu Israel wird jedoch immer wieder durch die Vergangenheit, genauer gesagt durch die Schoah belastet

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel ist und war nicht nur wegen der Vergangenheit, sondern auch wegen der Gegenwart nie leicht – eine Chronologie der Brennpunkte im gegenseitigen Verhältnis.

Israel als jüdischer und demokratischer Staat gehört zu jenen Ländern, mit denen Deutschland ein enges Beziehungsnetz geknüpft hat – das Eintreten für sein Existenzrecht gilt vielen Verantwortungsträgern als ein Teil der deutschen Staatsräson. Trotz Meinungsverschiedenheiten wegen der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland und der Risikobewertung iranischer Nuklearaktivitäten versichern sich beide Regierungen regelmäßig ihrer wertschätzenden Partnerschaft. Israel ist für Deutschland der größte Handelspartner im Nahen Osten. Umgekehrt gilt, dass Deutschland nach den USA und China zu Israels drittgrößtem Handelspartner aufgestiegen ist. Doch die deutsch-israelischen Beziehungen sind mehr als nur ein Eliten- oder Wirtschaftsprojekt: Hunderte deutscher Städte und Landkreise, Wissenschafts- und Kultureinrichtungen sowie Schulen und Vereine unterhalten Kooperations- und Austauschprojekte mit israelischen Partnern. Diese Programme sind in ihrer Breitenwirkung ähnlich bedeutsam wie Jugendaustauschprojekte mit französischen, polnischen oder amerikanischen Partnern.

Brennpunkte

Das Verhältnis der Deutschen zu Israel wird jedoch immer wieder durch die Vergangenheit, genauer gesagt durch die Schoah belastet. Ein unbedachtes Wort, ein falscher Zungenschlag, ein missglückter historischer Vergleich reißen seelische Wunden auf und gefährden jene zerbrechliche Balance, die in den letzten 50 Jahren mühsam aufgebaut werden konnte.

Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen begannen Deutsche aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus, sich für Israel zu interessieren –  der Jugendaustausch nahm einen bemerkenswerten Aufschwung. Die proisraelische Stimmung erreichte im Sechs-Tage-Krieg von 1967 einen Höhepunkt, als sich Israel den Drohungen der arabischen Anrainer-Staaten mit einem Präventivschlag erwehrte. Während Israels Existenz akut gefährdet schien, sympathisierten weite Teile der bundesdeutschen Gesellschaft mit dem jüdischen Staat. Es kam zu Demonstrationen und zahlreichen Spenden. Insbesondere die Zeitungen des Axel-Springer-Verlags stellten sich auf die Seite Israels. Auch Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein meldete sich zu Wort:

"Die arabischen Gegner wollten ihm [Israel] nicht ein Stück Land oder eine Konzession fortnehmen. Sie hatten es auf seine Existenz abgesehen. […] Soll Israel weiter in der Angst vor einem Überfall leben müssen, weiter unter dem Zwang, ständig zum Präventivkrieg gerüstet zu sein? […] Israel, der David unter den Völkern, soll leben!"

Terror

Doch die Annäherung sollte nicht lange währen: Während Teile der Linken schon kurz nach den israelischen Kriegserfolgen die Fronten wechselten und den jüdischen Staat nur noch als "Brückenkopf des US-Imperialismus" wahrnahmen, zogen auch über den offiziellen Beziehungen bald dunkle Wolken auf. Der PLO gelang es Ende der 1960er-Jahre mit Terroranschlägen auf die Lage der Palästinenser aufmerksam zu machen.

Ausgerechnet während der Olympiade in München ermordeten am 5. September 1972 Angehörige einer PLO-Untergruppe zwei israelische Sportler und nahmen neun weitere Israelis als Geiseln, um inhaftierte Gesinnungsgenossen freizupressen. Die deutsche Regierung zeigte sich mit Zustimmung der israelischen Seite unnachgiebig, doch der polizeiliche Versuch einer Befreiung der Geiseln scheiterte und die Terroristen ermordeten alle neun Sportler. In die Trauer mischte sich Entsetzen – auch wegen operativer Fehler der Sicherheitskräfte; zudem taten sich zwischen deutschen und israelischen Behörden mehr und mehr Meinungsverschiedenheiten auf. Als acht Wochen später eine Lufthansa-Maschine in die Hände palästinensischer Entführer geriet, änderte die Bundesregierung ihre Position und ließ im Gegenzug zur Freilassung der Passagiere die drei überlebenden Terroristen von München frei – die Luftpiraten entkamen zusammen mit den freigepressten Terroristen nach Libyen. Die israelische Öffentlichkeit war schockiert über das "Nachgeben" der deutschen Regierung.

Am Tiefpunkt

Die Stimmung verschlechterte sich weiter, als im Zuge des Yom-Kippur-Krieges im Oktober 1973 die arabische Staatenwelt ihr Erdöl als politisches Mittel gegen die energieabhängige westliche Welt einsetzte. Unter der Wucht der "Öl-Waffe" untersagte die Bundesregierung zeitweise den USA, Waffen aus ihren westdeutschen Depots an das bedrängte Israel zu liefern.

Auf einen Tiefpunkt steuerte das deutsch-israelische Verhältnis im Frühjahr 1981 zu, als Bundeskanzler Helmut Schmidt und Ministerpräsident Menachem Begin aneinander gerieten: Nach einer Saudi-Arabien-Reise hatte Schmidt auf eine Reihe europäischer Völker verwiesen, deren Leiden im Zweiten Weltkrieg bis heute eine moralische Last für die deutsche Außenpolitik darstellten, ohne zugleich auch die Leiden der Juden zu erwähnen. Zudem bescheinigte der Kanzler dem palästinensischen Volk einen "moralischen Anspruch auf Selbstbestimmung", während er in Israel eine "Tragödie griechischen Ausmaßes" heraufziehen sah. Begin verwahrte sich gegen Schmidts "Arroganz" und spielte auf dessen Rolle als Wehrmachtsoffizier im Zweiten Weltkrieg an, von dem man nicht wisse, "was er mit den Juden an der Ostfront getan" habe.

Im Sommer 1982 überschritt die israelische Armee die libanesische Grenze, um die PLO zu entwaffnen, die nach der Vertreibung aus Jordanien ihre Aktivitäten in den Libanon verlegt und von dort aus wiederholt Israel angegriffen hatte. Der Krieg endete nach einer mehrwöchigen Belagerung West-Beiruts mit dem Abzug der PLO-Führung nach Tunis und stieß auch in Israel auf Kritik. Insbesondere ein Massaker christlich-libanesischer Milizen in zwei palästinensischen Flüchtlingslagern wurde vielfach einseitig der israelischen Seite angelastet. In der deutschen Öffentlichkeit verlor der jüdische Staat an Sympathien. Linksalternative Aktivisten bezichtigen die Israelis des "Völkermords". Sie bezeichneten die Palästinenser als die "neuen Juden" und setzten die israelischen Invasoren mit den Nazis gleich – eine bis heute populär gebliebene Form der Vergangenheitsentsorgung. Eine heftige Diskussion entbrannte, inwieweit überzogene Formen der Israelkritik antisemitische Tendenzen widerspiegeln und verstärken.

Das deutsch-israelischen Verhältnis verbesserte sich erst wieder mit der Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler im Oktober 1982, auch wenn die Neigung zu einer Schlussstrich-Mentalität die Beziehungen neuen Spannungen aussetzen sollte. Der Auftritt Kohls in Israel im Februar 1984, der für sich die "Gnade der späten Geburt" reklamiert hatte, erweckte den Eindruck, als ob sich die deutsche Politik von der Verantwortung für die Lasten der Vergangenheit verabschieden wolle. Für Befremden sorgten auch die Besuche grüner Politiker wenig später im Dezember 1984, weil sie Israel in belehrender Weise zu einer anderen Haltung im Nahostkonflikt aufforderten, ohne die besondere Geschichte und Sicherheitslage des Staates in Betracht zu ziehen.

Der Golfkrieg vom Januar 1991 löste eine neue Krise in den Beziehungen aus: Gegen Israel gerichtete, möglicherweise mit Giftgas ausgestattete, irakische Scud-Raketen waren mit deutscher Expertenhilfe "verbessert" worden. Unter Israelis blitzte zum zweiten Mal im 20. Jahrhundert die traumatische Gedankenverbindung zwischen Deutschen, Juden und Gas auf. Mit Sorge vermerkten sie, dass die deutsche Justiz erst aufgrund journalistischer Recherchen gegen die Verantwortlichen der illegalen Rüstungsexporte vorzugehen begann. Auch die Friedensdemonstrationen gegen das Eingreifen der USA und ihrer Verbündeten im Irak weckten Misstrauen. Aus israelischer Sicht ignorierte die deutsche Protestbewegung die Situation der Menschen im Großraum Tel Aviv, die von irakischen Raketen angegriffen wurden.

Normale oder asymmetrische Beziehungen?

Trotz wechselvoller Brennpunkte und Spannungsfelder unterhält Deutschland heute ein engeres Verhältnis zu Israel als alle anderen europäischen Länder. Doch die Verbundenheit mit dem jüdischen Staat ist mehr staatsoffiziell verankert als zivilgesellschaftlich inspiriert. Für die Mehrheit der Deutschen ist Israel noch immer kein Staat wie jeder andere. Ein Indiz sind stets die aufgeregten Reaktionen, wenn der israelisch-palästinensische Konflikt mal wieder eskaliert. Die Kritik an der Politik Israels nimmt dann häufig reflexhaft-hysterische Ausmaße an und vermischt sich mit antisemitischen Ressentiments. Die Regierung und Öffentlichkeit Israels beklagen eine zunehmend einseitige Berichterstattung auch deutscher Medien über den Nahost-Konflikt. Der israelische Mainstream fühlt sich unverstanden, weil seine Wehrhaftigkeit gegenüber einer feindseligen arabischen Umwelt als Ausdruck aggressiver Militanz missdeutet wird.

Unter dem Eindruck gewaltsamer Zusammenstöße zwischen Israelis und Palästinensern sowie darauf folgenden antiisraelischen Entgleisungen in Deutschland flackern regelmäßig heftige Israel-Debatten auf – so zuletzt nach dem Gaza-Israel-Krieg von 2014. Laut einer im Januar 2015 veröffentlichen Blitzumfrage der Bertelsmann-Stiftung haben 48 Prozent der Deutschen eine "ziemlich oder sehr schlechte Meinung über Israel" und nur noch 36 Prozent eine "sehr oder ziemlich gute Meinung über Israel". Die derzeitige Stimmungslage ist auch antisemitischen Haltungen in der Mitte der Gesellschaft geschuldet und prägt die öffentliche Meinung mehr als die ansonsten guten offiziellen Beziehungen vermuten lassen.

Das deutsch-israelische Verhältnis ist auf eine Weise asymmetrisch geworden, wie man es noch im ausgehenden 20. Jahrhundert nicht für möglich gehalten hätte. Während Israelis in Deutschland bisweilen als lästige Kritiker rechtsradikaler und antisemitischer Tendenzen wahrgenommen werden, treten Deutsche gegenüber Israelis häufig wie selbstgerechte Moralisten auf, die den "Besatzern" mit erhobenem Zeigefinger Wege zu einem "gerechten" Nahostfrieden aufzeigen wollen.

Doch während sich viele Deutsche von Israel abwenden, ist das vormals sehr negative Image der Deutschen in der israelischen Öffentlichkeit stetig positiver geworden. Ob es um Autos, Fußball oder um Ausdrucksformen deutscher Kultur geht – unter Israelis ist ein regelrechter Deutschland- und vor allem Berlin-Hype entstanden. Laut der oben erwähnten Bertelsmann-Blitzstudie haben heutzutage 68 Prozent der jüdischen Israelis ein positives Deutschland-Bild. Der israelische Deutschland-Experte Grisha Alroi Arloser beobachtete schon 2005:

"Israelis begegnen Deutschen […] offener als umgekehrt, weil sie ihnen im Normalfall ‚nur‘ Vergangenes entgegenhalten können, sich aber dessen bewusst sind, dass es keine persönliche Verantwortung der Nachgeborenen gibt. Deutsche hingegen sind auch einzelnen Israelis gegenüber zunehmend distanziert, weil sie ihnen kollektive Verantwortung für Gegenwärtiges aufbürden. Das ist deshalb fatal, weil durch das israelische Zugehen bei gleichzeitigem deutschen Zurückweichen die Distanz gleichbleibt oder sogar größer wird."

Insbesondere auf technisch-operativer Ebene funktionieren die deutsch-israelischen Beziehungen weitgehend "normal" – über Besonderheiten in den beiderseitigen Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturbeziehungen muss kaum mehr ein Wort verloren werden. Beispielgebend sind bilaterale Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit: Im diesem Rahmen tragen deutsche und israelische Expertinnen und Experten gemeinsam zur Modernisierung der Wasser- und Bodenbewirtschaftung bei – zum Nutzen der Menschen in zahlreichen afrikanischen Ländern.

Der gewaltsame Niedergang des "arabischen Frühlings" in Ägypten, Syrien und Irak  unterstreicht das Bild des modernen Israels als einer blühenden Oase in einer durch Kriege gezeichneten Umgebung. Der  Traum vom Nahen Osten als Teil einer europäisch-mediterranen Wirtschafts-, Sicherheits- und Friedenszone wird noch lange Zeit eine utopische Vorstellung bleiben. Inwieweit es Israel (vielleicht auch einem künftigen Staat "Palästina") gelingen wird, irgendwann einmal im Rahmen einer Zweistaatenlösung Vollmitgliedschaften bei der Europäischen Union und der NATO zu erlangen, wird auch von der weiteren Dynamik der deutsch-israelischen und zunehmend auch europäisch-israelischen Beziehungen abhängen. Umso wichtiger mag die Einsicht sein, dass Deutsche und Israelis nicht nur wegen der Vergangenheit, sondern auch aufgrund der Gegenwart – im Kontext gemeinsamer politischer Interessen sowie kultureller, demokratischer und menschenrechtlicher Werte – miteinander verbunden sind.

Weiterführende Literatur
Martin Kloke: Deutsch-Israelische Beziehungen. Reihe: Info aktuell. Informationen zur politischen Bildung. Hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 31.3.2015