Geschlechterdemokratie in Lateinamerika: Zahlen und Fakten

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Ein Ausschnitt des Factsheets. Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Lateinamerika hat Fortschritte in punkto Geschlechtergerechtigkeit gemacht. Andere Zahlen zeigen, wie schwierig es ist, eine Gesellschaft zu verändern, die noch immer patriarchal, sexistisch und rassistisch geprägt ist. Ein Überblick in Infografiken.

Die Bilanz 20 Jahre nach der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking zeigt für Lateinamerika beachtliche Fortschritte in punkto Geschlechtergerechtigkeit: Drei Präsidentinnen regieren derzeit in Ländern, die zusammen knapp die Hälfte der lateinamerikanischen Bevölkerung ausmachen. Der Frauenanteil in den nationalen Parlamenten ist im weltweiten Vergleich einer der höchsten.

Als Teil des Themenschwerpunktes „Lateinamerika gegen den Malestream? Geschlechterdemokratie unter der Lupe“  versucht unser soeben erschienenes Factsheet mit Infografiken, diese vielseitigen geschlechterpolitischen Facetten aufzuzeigen und dabei die Lebenssituation der Frauen in den Fokus zu nehmen.

Die Genderperspektive verdeutlicht dabei die noch immer herrschende soziale Ungleichheit auf dem heterogenen Kontinent: Nicht nur sind Frauen überproportional von Rechten, Ressourcen und politisch-sozialer Teilhabe ausgeschlossen und vulnerabler gegen Gewalt; sie sind auch stärker von den Auswirkungen der extensiven Ressourcenausbeutung, Klimawandel und bewaffneten Konflikten betroffen. Zugleich spielen feministische und Frauenbewegungen in den sozialen Kämpfen traditionell eine wichtige Rolle. Häufig haben sie ein großes Mobilisierungspotenzial und konzentrieren sich nicht allein auf frauenspezifische Themen, sondern suchen nach übergreifenden Analysen und Politikvorschlägen.

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Immer mehr Frauen nehmen am bezahlten Arbeitsmarkt teil, Mädchen und Frauen haben teilweise höhere Bildungsabschlüsse als Jungen und Männer. Selbst die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen liegt mit 17% noch unter den 23%, die Frauen in Deutschland weniger verdienen als Männer in vergleichbaren Positionen.

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Auch institutionell und rechtlich sind die Standards beachtlich gestiegen: Frauenrechte wurden ausgebaut, nationale Gesetze verabschiedet, um Gewalt gegen Frauen im privaten und öffentlichen Raum zu bekämpfen, und der wirtschaftliche Anteil unbezahlter Hausarbeit am Bruttoinlandsprodukt einzelner Länder  berechnet.

Im Bereich sexuelle und reproduktive Rechte ist Lateinamerika ein Kontinent der Widersprüche: Während gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland beispielsweise nach wie vor keine gemeinsamen Kinder adoptieren dürfen, ist diese Option in Argentinien, Uruguay und Brasilien bereits seit mehreren Jahren legal. Gleichzeitig gibt es in vielen Ländern die restriktivsten Abtreibungsgesetze der Welt, die einen Schwangerschaftsabbruch unter allen Umständen verbieten, selbst in Fällen von Vergewaltigung oder bei Gefahr für das Leben der Mutter.

In Argentinien darf seit 2012 jede Person ohne Gerichtsurteil oder ärztlichen Eingriff ihre Geschlechtsidentität frei wählen, in Jamaika und anderen ehemaligen britischen Kolonien der Karibik kann hingegen Homosexualität laut Gesetz noch mit langen Gefängnisstrafen geahndet werden.  

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Auch andere Statistiken geben Hinweise dafür, wie schwierig es ist, traditionelle Gesellschaftsbilder zu verändern, die noch immer patriarchal, sexistisch und rassistisch geprägt sind:

Frauen sind bis zu 50% häufiger von Armut betroffen als Männer und leisten nach wie vor den Großteil der unbezahlten Hausarbeit.

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Die häusliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen nimmt trotz Fortschritten in der Gesetzgebung faktisch nicht ab – in Kolumbien wird schätzungsweise alle 13 Minuten eine Frau Opfer häuslicher Gewalt, alle 30 Minuten wird eine Frau vergewaltigt. Unter den 25 Ländern mit den höchsten Feminizidraten weltweit befinden sich 13 lateinamerikanische – inklusive der Plätze 1-3. Die Straflosigkeit bei den unterschiedlichen Gewaltformen liegt zumeist bei weit über 90%.

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Insgesamt gibt es wenige genderdisaggregierte – also nach Geschlecht aufgeschlüsselte – Daten. Und selbst diese greifen oft zu kurz: Statistiken, die Personen allein nach dem biologischen Geschlecht unterscheiden, bieten nur einen eingeschränkten Einblick in die Lebenssituation der Frauen. Denn selten beziehen sie sich gleichzeitig auf weitere relevante Faktoren wie regionale, ethnische, alters-spezifische oder sozio-ökonomische Merkmale.

Einzelne Statistiken erlauben deshalb nur einen Einblick wie es um Geschlechterdemokratie in Lateinamerika gestellt ist. Auch diverse Indizes, die anhand verschiedener Indikatoren/Kriterien geschlechtsspezifische Ungleichheiten  messen, können bestenfalls Tendenzen aufzeigen.

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Alle Grafiken stehen unter einer CC-BY-SA Lizenz einzeln oder als PDF in unsererm Factsheet zum Download bereit.

In einer zusätzlichen Veranstaltungsreihe werfen wir einen genauen Blick auf die Erungenschaften und die bestehenden Ungleichheiten geworfen werden. Wir wollen analysieren, wo Wirklichkeit und Gesetzeslage auseinanderklaffen, an welchen Orten bereits erkämpfte Rechte durch konservative Kräfte beständig angegriffen werden und nach den strukturellen Ursachen für die Ungerechtigkeiten suchen. Es geht um Ansätze und Strategien, diese zu überwinden, und um Erfolgsgeschichten, die Mut für die Zukunft machen.

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