Odessa: Von Menschen, die sich vom Krieg nicht einnehmen lassen wollen

Demonstration in Odessa, 2015
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Proteste gegen einen korrupten Politiker in Odessa

In Odessa stehen sich pro-russische und pro-ukrainische Bürger/innen gegenüber. Der politische Streit zehrt nicht nur an den Nerven, sondern hat vielen Menschen bereits das Leben gekostet. Der vierte Teil unserer Serie: Alltagseindrücke aus der Ukraine.

Odessa gilt als friedlicher, als toleranter Ort. Seine Einwohner/innen bezeichnen die wichtigste Hafenstadt der Ukraine als weltoffen: Der Handel und die Wirtschaft würden die Menschen vereinen, die Politik solle nicht stören. Menschen aus über hundert Nationen leben in dieser mehrheitlich russischsprachigen Stadt. Der 44-jährige Historiker und Stadtführer Alexander Babich sagt: "Hier beurteilen sich die Menschen nach der Persönlichkeit, nach dem Charakter – und nicht nach der Hautfarbe oder der Augenform."

Sogar die odessitischen Maidan-Proteste Ende 2013 verliefen in erstaunlicher Friedsamkeit: Die pro-Maidan und die anti-Maidan Gruppen schlugen ihre Zelte an unterschiedlichen Orten auf und die Organisator/innen sprachen ihre Demonstrationszüge miteinander ab, damit es nicht zu Zusammenstößen kam. Dies änderte sich abrupt, als im Frühjahr der Krieg im Osten des Landes begann.

"Die beiden Lager hier in der Stadt radikalisierten sich, jeder musste sich positionieren: Bist du pro-ukrainisch, oder pro-russisch? Dem Aggressor, unserem ehemaligen großen Bruder Russland, haben wir es zu verdanken, dass es in dieser eigentlich so friedlichen Stadt immer feindseliger, immer schlimmer wurde - viele Menschen reden nicht mehr miteinander", beschreibt Alexander Babich.

Dass der Frieden gestört ist, zeigt sich auch im Stadtbild Odessas. Werbetafeln, die früher Reklame oder Konzertankündigungen zeigten, rufen heute zur Wachsamkeit bei auffälligem Verhalten von Mitbürger/innen auf. Schließlich gibt es jeden Monat mehrere kleine terroristische Anschläge, die Unruhe stiften sollen. Briefkästen und Eisenbahnschienen werden beschädigt. Ein Mensch ist bisher ums Leben gekommen. Neben diesen Aufrufen in den Plakatständern gibt es, wie auch in Kharkov, Schilder, die vor "Alltags-Separatisten" warnen: Wer etwa die Existenz der Ukraine oder die ukrainische Sprache negiert, die Tätigkeiten Russlands begrüßt oder die sogenannte Donetsker Volksrepublik oder Luhansker Volksrepublik gutheißt, gilt als Alltags-Separatist. Entdeckt man einen, soll man die Polizei oder den Geheimdienst anrufen.

Igor (Name geändert) ist Mitte 20. Für ihn sind diese Plakate gefährlich, denn er sagt:

"Die Ukraine hat nie existiert, sie ist ein künstlich erschaffenes Gebilde. In der Sowjetunion waren wir alle ein Land und vorher war all das hier russisches Land. Ich will, dass Odessa wieder zu Russland gehört, wir müssen zurückkehren zu unseren Wurzeln! Hier sind letztes Jahr viele, viele Menschen mit russischen Flaggen auf die Straßen gegangen - genauso wie in Luhansk, Donetsk, Kromatorsk, Slavjansk. Dort hat es geklappt, sie haben jetzt ihre eigenen Republiken. Hier hat das leider nicht funktioniert."

Früher sei er noch für die Föderalisierung der Ukraine gewesen, doch darauf seien die Kiewer Politiker nie eingegangen. Deshalb wünscht er sich nun den Anschluss an Russland. Igor muss Angst haben, für diese Meinung festgenommen zu werden: "Die Stadt hat viele Ohren", erklärt er, "jemand, der im Vorbeigehen etwas hört, kann dich denunzieren." Erst vorgestern sei auf der Arbeit jemand zu ihm gekommen und habe gesagt, er gehöre zur bösen Seite und könne bald festgenommen werden. Seine Arbeit – Igor ist Polizist.

Dass unter Polizist/innen auch pro-russisch eingestellte Menschen sind, sehen andere als großes Problem:

"Die Gehälter für Polizisten sind sehr niedrig, dadurch ist die Motivation unter den Polizisten gering und die Korruption hoch. Und natürlich gibt es auch unter den Polizisten eine Spaltung zwischen pro-ukrainischen und pro-russischen Menschen. Das ist sehr gefährlich – in so einer angespannten Situation kann man sich hier nicht mehr auf die Polizei verlassen", erklärt der Stadtführer Alexander Babich.

Bevor er sich der Geschichtsforschung widmete und seine Tourismusfirma gründete, war er selbst 20 Jahre lang Polizist. Der Mittvierziger Dima, der ebenfalls in Odessa lebt, hat als Reaktion auf diese Situation die Dinge selbst in die Hand genommen:

"In der ganzen Ukraine wurden friedliche Menschen von Polizisten geschlagen, als sie demonstrieren gingen. Die Bürger müssen geschützt werden, vor Banditen, vor Polizisten, egal vor wem. Aber das Vertrauen in die Polizei ist weg. Daher nehmen wir nun selbst die Funktion der Polizei an – wir haben eine Bürgerselbstverteidigung gegründet."

Diese Bürgerselbstverteidigung patrouilliert nachts auf den Straßen Odessas, um für Sicherheit zu sorgen. Jede/r kann an dieser freiwilligen Organisation teilnehmen; das jüngste Mitglied, das wir trafen, war kaum 18 Jahre alt.

In Odessa ist es zwar mittlerweile ruhiger als noch vor einem Jahr, doch ganz zur Ruhe kommt die Stadt nicht. Es gibt fast täglich ein kleines politisches Treffen von Aktivist/innen und vor einem Verwaltungsgebäude wird gegen den Krieg und gegen die Korruption demonstriert. Der alljährliche ukrainische Trachtenmarsch ist dieses Jahr geprägt von einer Ausstellung, die Bilder und Waffen aus dem Krieg im Osten zeigt.  Über der Ausstellung hängt ein Banner, auf dem steht: "Nichterklärung des Krieges – aber es gibt ihn." Der 20-jährige Dimitry nimmt an vielen Demonstrationen teil. Er betont:

"Diese Demonstrationen sind nicht gegen Russen, sondern gegen die russische Regierung die beschlossen hat, unser Land anzugreifen. Schuldig ist nur einer – Putin. Wenn hier Russen entlangspazieren, möchte ich sie nicht anschuldigen mit dieser Demonstration. Die Russen selbst sind nicht Schuld an diesem Krieg. Ich habe sogar selber irgendwo russische Wurzeln. Ich demonstriere hier für die Einheit der Ukraine und das friedliche Zusammenleben der Menschen, die hier wohnen möchten."

Auch Vladislav Balinski wünscht sich das friedliche Zusammenleben der Menschen in Odessa zurück. Er gehört zu der "Gruppe 2. Mai", die mit wissenschaftlichen Methoden versucht, die tragischen Ereignisse des 2. Mai 2014 aufzuklären. An diesem Tag kam es in Odessa zu gewaltvollen Auseinandersetzungen zwischen Maidan-Befürworter/innen und Maidan-Gegner/innen. Mehr als 40 Maidan-Gegner/innen verbrannten in einem Gewerkschaftsgebäude. Balinski weiß, dass eine wahrheitstreue, überparteiliche Aufarbeitung dieses Ereignisses unabdingbar für den Stadtfrieden ist:

"Dieses Ereignis ist so politisiert. Alle Seiten missbrauchen es als Propagandamitel. In unserer Aufklärungskommission sind daher Vertreter aller politischen Ansichten vertreten, damit wir in der Bevölkerung als legitim angesehen werden. Das klappt hier auch sehr gut. Ich persönlich unterstütze den Maidan und bin pro-ukrainisch. Aber in dieser Kommission arbeite ich nur nach wissenschaftlichen Fakten, und das wissen die Leute. Mein erstes Untersuchungsergebnis wurde als allerstes von einer pro-russischen Zeitung veröffentlicht."

Auch Semen Kantor will sich in seiner Arbeit nicht politisch leiten lassen. Er ist Direktor des Museums für zeitgenössische Kunst. Seine Aufgabe ist es, die Bilder für das Museum, aber auch für Sonderausstellungen in Kiew auszuwählen. Er erzählt:

"Ich kenne einen jungen Künstler – er ist ein sehr guter, intelligenter Künstler. Mir fällt es schwer, daran zu denken, dass seine und meine politische Meinung gegensätzlicher nicht sein könnten. Er unterstützt Russland und ist vor Kurzem nach Russland umgezogen. Aber die Kunst muss unabhängig von der Politik sein. Dass er nun Russland unterstützt, bedeutet nicht, dass er ein schlechter Künstler geworden ist."

Deshalb stellt Semen Kantor auch weiterhin die Bilder dieses Künstlers aus. Persönlich möchte er allerdings keinen Kontakt mehr zu ihm haben: "Ich habe meine Facebook-Freundschaft mit ihm beendet. Aber dort endet dann auch meine Radikalität", lacht er.

Odessa im Alltag: Entspannung am Meer und politischer Aktivismus

Die Abende in Odessa sind im Mai so warm, dass die Tische vor den Restaurants auch zu später Stunde noch gut gefüllt sind. Unwirklich schön sind die prunkvollen Altbauten im Stadtzentrum, die nachts angestrahlt werden. Auf einer hölzernen Veranda genießen Leon und seine Frau mit ihrer Tochter gemeinsam mit zwei elegant gekleideten Freundinnen die Küche eines guten italienischen Restaurants. Der Architekt hat genug von den Fragen und Gesprächen über die Kämpfe 600 Kilometer weiter im Osten. „Ich habe einfach keine Lust mehr, mir ständig Sorgen zu machen!“ Die Freundin neben ihm lächelt gewinnend. „Ja, warum sollten wir auch? Diese schöne Stadt ist viel zu schade dafür, wir haben das Meer, die Oper!“
Auch Evgenij möchte nicht über Politik sprechen. Der 26-Jährige jobbt bei einem Fahrradverleih, flickt platte Reifen und empfiehlt Tourist/innen die besten Radrouten. "Je mehr ich mich über die politische Situation informiere, desto mehr Sorgen werde ich mir machen, oder? Ich möchte nicht jeden Tag denken, dass ich morgen sterben könnte oder so etwas. Ich möchte ein ganz normales Leben."

Am Fahrradaktionstag "Veloboulevard" ist Evgenij ausgebucht. Der Boulevard, auf dem der Fahrradverleih liegt, füllt sich an diesem Tag mit Moutainbikern, Rennradfahrer/innn und Schaulustigen, die den Radsportlern bei ihren Stunts zujubeln. Inmitten der Fahrradfans hat ein proukrainischer Aktivist eine Stellwand aufgebaut. Die Plakate darauf zeigen verschiedenste Motive: Putin mit Hitlerbart, sowie antisowjetische und antirussische Comics, patriotische Slogans und eine Pro-Contra-Liste über den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Ein Mann, der den Fahrradtag mitorganisiert hat, spricht den Aktivisten an: "Bitte nehmen Sie ihre Plakate weg, das ist hier keine politische Veranstaltung. Ihre Plakate sind eine Provokation." Der Aktivist bleibt.

Einige Tage später ist er mit seiner Stellwand zurück auf dem Boulevard. Heute führt ein Trachtenumzug über die von Kastanien gesäumte Allee. Die Teilnehmenden tragen traditionelle ukrainische Kleidung mit detailreichen Stickereien, viele Menschen haben Ukraineflaggen bei sich oder tragen blaugelbe Bänder. Wir fragen drei Frauen, ob der Marsch eine politische Bedeutung hat. Die erste Antwort: „Nein, es geht darum, die ukrainische Kultur zu propagieren.“ Die zweite Frau fällt der ersten ins Wort:

"Der Marsch hat auch eine zivilgesellschaftliche Bedeutung! Wir zeigen hier, dass wir Bürger der Ukraine sind, dass wir unverändert in Richtung EU streben. Und wir stehen hier gegen den Krieg. Die Aggression Putins gegen die Ukraine ist sehr beunruhigend, sie ruft bei uns Unzufriedenheit und Protest hervor. Deshalb zeigen wir heute: Wir sind hier, wir werden zu jedem Zeitpunkt Widerstand leisten. Wir brauchen Russland hier nicht, nicht in der Ukraine und nicht in Odessa."

Bei dieser Veranstaltung schickt niemand den Aktivisten mit seiner selbstgezimmerten Plakatwand weg, im Gegenteil: Sie geht fast unter neben einer Fotoausstellung, die auf dem Boulevard gezeigt wird. Die Fotowände überragen die Köpfe der Besucher/innen. Zu sehen sind Soldat/innen und Freiwilligenbataillone beim Einsatz im Osten der Ukraine. Neben der Fotoausstellung steht im Schatten einer Kastanie Anna Podolyanka. Sie gehört zu einer Freiwilligenorganisation, die die Armee versorgt. Aus den Kampfgebieten hat ihre Organisation Waffen mitgebracht, die dort auf beiden Seiten zum Einsatz kommen. Auf dem Tisch vor Anna liegen Artilleriegranaten, Überreste von Raketen, Maschinengewehrmunition und Teile einer Panzerfaust. "Wir stehen hier, um den Odessiten zu zeigen, womit auf unsere Soldaten geschossen wird. Damit Kinder mal sehen, wie schwer so eine Schutzweste ist." Warum die Organisation diese Dinge ausstellt, erklärt sie so:

"Die Leute reagieren schon nicht mehr besonders stark darauf, dass jeden Tag an der Front Soldaten sterben. Die Leute fangen an, einfach auszuspannen: Hier ist jetzt Sommer, hier ist das Leben friedlich. Und dort sterben unsere Soldaten."

 

Donata Hasselmann und Miriam Kruse sind Stipendiatinnen der Heinrich-Böll-Stiftung. Sechs Wochen lang reisen sie durch die Ukraine, sprechen mit Menschen und berichten für uns über den neuen Alltag in der Ukraine. Zuletzt waren die beiden in Kiew, Kharkiv und Dnepropetrovsk.