Eindrücke aus Dnipropetrovsk

Dnipropetrovsk
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Die Kämpfe weiter im Osten des Landes sind im Stadtbild von Dnipropetrovsk kaum sichtbar

Was bedeuten die Umbrüche in der Ukraine für die Menschen, die dort zu Hause sind? Was sie heute über den Maidan denken, wie der Krieg ihren Alltag beeinflusst und was sie sich für die Zukunft wünschen – zwei Stipendiatinnen der Heinrich-Böll-Stiftung reisen sechs Wochen durch die Ukraine und sprechen mit den Menschen vor Ort. In diesem Text berichten sie von zerrütteten Familien und alternativem Internet-TV.

Dnipropetrovsk ist berüchtigt für seine Industrieanlagen und Fabriken, doch die Stadt hat viel mehr zu bieten. Der beliebteste Ort ist die Uferpromenade des Flusses Dnepr, der die Stadt in zwei Hälften teilt. Hier schlendern die Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt durch die Sonne oder nehmen auf einer der Wiesen Platz, wo Zuckerwatte, Bier und ein Picknick mit Wasserpfeife angeboten werden. Angler werfen ihre Ruten aus, bunte Graffiti zeigen moderne Darstellungen des Dichters Schevchenko und Aufrufe, die Umwelt zu schützen.

Auch in Dnipropetrovsk hat es Promaidan-Proteste gegeben. Auch hier wurde die Leninstatue im Stadtzentrum gestürzt, der Platz auf dem sie stand heißt heute "Platz der Helden des Maidan". Die Kämpfe weiter im Osten des Landes sind im Stadtbild kaum sichtbar: Im Vergleich zu beispielsweise Kharkiv sind hier weniger Soldaten zu sehen, und auch weniger Ukraineflaggen. In Kharkiv war großes Misstrauen zu spüren, und viele Menschen hatten Angst, der Krieg könnte die Stadt erreichen. Auch, weil auf Verwaltungsgebäuden dort zwischenzeitlich schon mal die russische Flagge wehte.

Dnipropetrovsk hat eine andere Vorgeschichte: Die Menschen berichten, dass die Regionalpolitik in und um Dnipropetrovsk schon früh entschlossen gegen separatistische und prorussische Bewegungen vorging. Trotzdem haben die Ereignisse der vergangenen eineinhalb Jahre auch für die Einwohner/innen von Dnipropetrovsk viele Veränderungen mit sich gebracht. Zwei junge Menschen, die wir dort getroffen haben, möchten wir hier vorstellen.

Alexander Stepenko: „ Ich will einfach, dass es aufhört“

Alexander Stepenko ist 26 Jahre alt. Er ist in der Stadt Kirovsk im Donetsker Oblast aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Mit 17 ist er zum Studium nach Kharkov gezogen, heute arbeitet er als Ingenieur in einer großen Fabrik in Dnipropetrovsk.

Im Winter 2013/2014, als es in Kiew gerade zu den ersten Zusammenstößen zwischen den Demonstrierenden und Anti-Maidan-Gruppen kam, wurde Alexander in Dnipropetrovsk auf der Straße angesprochen: Man bot ihm eine Arbeit in Kiew an, für 200 Grivna (ukr. Währung) pro Stunde. „Das war damals ein richtig guter Stundenlohn“, sagt Alexander. Seine Arbeit wäre allerdings gewesen, sich mit Maske, Schlagstock und anderen angeworbenen Schlägern in einen Bus zu setzen, nach Kiew zu fahren und dort die Pro-Maidan-Demonstrierenden zu verprügeln. Alexander lehnte sofort ab: „Das war unheimlich, richtig unheimlich.“

Ein paar Monate später fingen im Osten des Landes die Kämpfe an. Auch Alexanders Heimatstadt Kirovsk wurde von Separatist/innen eingenommen. „Eineinhalb Monate haben meine Eltern es da noch ausgehalten, dann sind sie nach Mariupol geflohen. In Mariupol war es damals noch ruhig“, erzählt er. Heute sind die Separatist/innen nur noch wenige Kilometer von Mariupol entfernt und viele erwarten, dass auch in dieser Stadt demnächst gekämpft werden wird. Alexander macht sich große Sorgen: „Meine Eltern können, wollen nicht schon wieder umziehen. Sie sind schon älter und sie haben ihr restliches Geld in die Sanierung eines kleinen Hauses dort investiert.“ Daher überlegt er derzeit, zu ihnen nach Mariupol zu ziehen – um nah bei ihnen zu sein in dieser Zeit.  

Seine Eltern, sein Bruder und er seien pro-ukrainisch, patriotisch eingestellt, erzählt Alexander. Sein Onkel und dessen Familie sowie seine Großmutter hingegen leben noch in den von Separatist/innen kontrollierten Gebieten und unterstützen diese: „Sie hassen die Ukraine, unterstützen Russland und wollen die Loslösung der Luhansker und Donetsker Gebiete! Meine Familie steht auf dem Kriegsfuß“, beschreibt Alexander, „wir reden nicht mehr miteinander.“ Schuld daran ist laut Alexander der Informationskrieg, der zwischen der Ukraine und Russland geführt werde:

„Russland und Ukraine propagieren jeweils ihre Version, und die ist entweder radikal pro-ukrainisch und anti-russisch oder eben pro-russisch und anti-ukrainisch. Es gibt nichts in der Mitte. Das führt dazu, dass die Leute, die nur Fernsehen schauen, entweder die Ukraine oder Russland hassen.“

Alexander erklärt, dass seine Familie ein Beispiel sei für die Spaltung, die die ukrainische Gesellschaft derzeit erfährt. Die Spaltung würde sich jedoch nicht erst seit dem Maidan und dem Beginn des Krieges bilden, sondern schon seit mehreren Jahrzehnten. „Nur dadurch, dass ich mir Informationen über das Internet beschaffe, kein Fernsehen mehr schaue und sowohl ukrainische wie russische Medien kritisch lese, kann ich mich der Polarisierung entziehen“, sagt Alexander. Ohne Internetzugang oder zum Beispiel ohne Kenntnisse anderer Sprachen als russisch sei dies schwierig.

Die aktuelle familiäre und politische Situation macht Alexander traurig. Die heute vom Krieg gezeichnete und von Separatist/innen kontrollierte Stadt Donezk hat er geliebt: „Donezk ist so eine schöne Stadt, vielleicht die schönste Stadt der Ukraine. Ich hätte dort gerne gelebt“, sagt er. „Ich fühle mich machtlos. Irgendjemand will diesen Krieg, obwohl er sinnlos ist. Sicher nicht jemand von uns einfachen Leuten, sondern jemand von denen in den oberen Riegen.“ Auf die Frage, was er sich für die Zukunft wünscht, lächelt Alexander müde: „Ich will einfach, dass es aufhört. Ich will, dass es keine weiteren Opfer mehr gibt. Das ist alles, was ich mir wünsche.“

Alexander Pugach: „Schaltet eure Gehirne ein!“

Ein dunkler Flur im zweiten Stock des Hotels „Dnepropetrovsk“. Alexander Pugach öffnet die Tür zu seinem Arbeitsplatz. Es ist ein niedriger Raum, in den durch staubige weiße Vorhänge gedämpftes Licht fällt. Vor leeren Stuhlreihen steht ein Rednertisch für Pressekonferenzen und Vorträge. Hinter dem Tisch hängt eine Leinwand, die den ganzen Raum abteilt. Alexander zwängt sich zwischen der Leinwand und den Vorhängen hindurch, dahinter liegt sein eigentlicher Arbeitsplatz – hier drängen sich drei Schreibtische aneinander, in einer Ecke steht ein Stativ, auf den Tischen liegen Speicherkarten.

Alexander Pugach trägt eine braune Lederjacke und Jeans. Der 29-Jährige ist in Dnipropetrovsk aufgewachsen. Seit 2014 betreibt er hier den unabhängigen Online-Fernsehkanal „Free Dnipro TV“. Die Idee dazu kam ihm während der Maidanproteste, die es auch in seiner Stadt gab. Er arbeitete damals im Marketingbereich und drehte Werbeclips. „Ich fühlte mich unwohl – draußen standen Menschen, die für ihr Recht darauf kämpften, weiter in einem freien, demokratischen Land zu leben. Und ich saß im warmen Büro und verdiente in Ruhe mein Geld.“ Von den Demonstrationen hatte er nur zufällig erfahren:

„Damals gab es bei uns das Problem, dass alle Medien entweder Oligarchen gehören oder der Regierung unterliegen. Niemand berichtete darüber, dass es hier bei uns in Dnipropetrovsk Demonstrationen gab und sich jedes Wochenende zwei- bis dreitausend Menschen versammelten. Alle Medien warteten auf Anweisungen von oben. Ich fand das nicht richtig. Die Menschen haben das Recht zu erfahren, was in ihrer Stadt passiert.“

Mit seiner Dienstkamera begann Alexander, Demonstrationen zu filmen und die Videos ins Internet zu stellen. Die vielen Klicks und Kommentare motivierten ihn, immer mehr zu filmen: „Das zeigte mir, dass es wichtig ist, mit dieser Arbeit weiterzumachen, dass die Leute nur so verstehen können, was in ihrer Stadt passiert.“ Lokale Aktivistinnen und Aktivisten unterstützten ihn mit technischer Ausrüstung, sodass Alexander einen ersten Livestream ins Netz stellte. An diesem Tag befürchteten Aktivist/innen, in Dnipropetrovsk könnten ähnlich wie in anderen Städten Verwaltungsgebäude besetzt werden.

„An diesem Tag gab es unglaublich viele Klicks, die Leute erfuhren, was hier wirklich passiert: Darüber, dass es Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Aktivisten gab. Viele, die über den Stream von den Ereignissen erfuhren, kamen an den Ort des Geschehens, um den Verletzten erste Hilfe zu leisten oder die Aktivisten zu unterstützen und zu schützen. Die Leute begannen, aktiv zu werden. Mit diesem Stream fing alles an, es wurde bekannt, was vor sich ging: Dass es in der Stadt bedeutende soziale Bewegungen gibt.“erzählt Alexander.

Er begann, neben den Protesten über weitere Themen zu berichten, und gründete den Online-Fernsehkanal „Free Dnipro TV“. „Es ist nicht immer leicht. Als ich anfing, hatte ich ja auch einen Job und musste arbeiten. Oder es war Wochenende, und ich wollte einfach nur ausschlafen, aber nein – um neun Uhr morgens beginnt eine Maidandemo in der Stadt. Oder ich war krank und hatte Fieber. Aber ich habe ja nicht aus Spaß gefilmt - ich verstand, dass es nötig ist, dass ich diese Videos drehe. Wenn ich abends die vielen Klicks sehe, weiß ich, dass mein Tageswerk nicht umsonst war.“

Seinen Job hat er verloren – als seine Arbeitgeber herausfanden, dass er Promaidan-Demonstrationen filmt oder den Sturz des Lenindenkmals, haben sie ihn gefeuert. Jetzt versucht Alexander, sich über Stiftungen und Spenden zu finanzieren. Seine Kamera haben Unterstützer/innen gespendet, die auch für einen neuen Laptop Geld gesammelt haben. Doch eine langfristige Finanzierung des Projekts ist nicht gesichert. Das Büro im Hotel Dnepropetrovsk, in dem wir ihn besucht haben, musste er in der Zwischenzeit aufgeben.

Doch Alexander will mit seinem Kanal weiter aktiv bleiben. Denn aus seiner Sicht gibt es noch immer zu wenig unabhängige Medien in der Ukraine. Nicht nur russische, auch ukrainische Medien würden ihr Publikum manipulieren:

„Zwischen russischen und ukrainischen Medien findet derzeit ein Informationskrieg statt. Und ja, auch ukrainische Medien lügen. Wenn sie jetzt zeigen würden, wie es tatsächlich um die ukrainische Armee steht – zum Beispiel, dass viel getrunken wird oder dass es auch an Kompetenz mangelt – dann bricht in unserem Land Panik aus. Dann glauben die Leute nicht mehr daran, dass wir den Krieg gewinnen können. Deswegen gibt es in den proukrainischen Medien diese Propaganda, die sagt, dass alles gut läuft.“

Seinen Kanal sieht Alexander dabei nicht als denjenigen, der als einziger wahrheitsgemäß berichtet. Vielmehr will er eine Alternative zu den bisherigen Medien anbieten, damit die Zuschauer/innen Medien kritischer hinterfragen: „ Schaut nicht nur meinen Nachrichten. Überprüft sie in anderen Medien! Zieht eure eigenen Schlüsse! Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, Schlüsse zu ziehen. Schaltet eure Gehirne ein! Dann wird sich in diesem Land wirklich etwas ändern - in der ganzen Welt kann sich so etwas ändern. Denn dass Menschen manipuliert werden, ist nichts typisch Ukrainisches. Es ist ein globales Phänomen.“

 

Donata Hasselmann und Miriam Kruse interessieren sich für den postsowjetischen Raum und die Ukraine. Sie haben an der TU Dresden Internationale Beziehungen studiert, Russisch gelernt und ein Auslandssemester im sibirischen Irkutsk verbracht. Seit dem Beginn der Maidanproteste verfolgen sie die Entwicklungen in der Ukraine.

Unter dem Eindruck der viel beschriebenen gesellschaftlichen Spaltung entschieden die Stipendiatinnen, fünf verschiedene ukrainische Städte zu besuchen: Kiew, Kharkiv, Dnepropetrovsk, Odessa und Lviv. Sie übernachten privat und führen Gespräche mit ihren Gastgeber/innen, Aktivist/innen und vielen weiteren Ukrainer/innen. So bekommen sie Einblicke in einen Alltag, zu dem Jazzkonzerte und Fluchtgeschichten, Buchmessen und Patriotismus, Uni-Alltag und Preissteigerungen gehören. Mit einem Bericht von jeder Station teilen die Autorinnen in diesem Webdossier ihre Eindrücke.