Von wegen unschuldig blau

Von wegen unschuldig blau

Sea Watch Mittelmeer
Das Rettungsboot Sea Watch im Mittelmeer — Bildnachweise

Aus dem Logbuch: Kurz nach Sonnenaufgang erblickt die Crew der Sea Watch ein Schlauchboot. Es ist das vollbeladenste, das ihnen bisher begegnet ist. Die Rettung der 121 Menschen an Bord kostet Zeit und Kraft.

Logbucheintrag vier, 16.07.15

Ich schreibe diesen Eintrag an Land, in Lampedusa. Heute liegt die Sea Watch schon den zweiten Tag im Hafen. In dieser Zeit hätten wir vermutlich zwei voll besetzte Boote mit jeweils hundert Menschen angetroffen und helfen können. Was ist mit ihnen geschehen? War jemand da draußen, um zu helfen, als die Luftkammern langsam Luft verloren und das Wasser langsam stieg? Wie viele andere Boote ohne irgendeine Kommunikationsmöglichkeit sind eigentlich gleichzeitig losgefahren?

Rückblickend auf die vergangenen Tage auf hoher See kann ich für mich sagen: Ich habe viel gelernt. Über Seefahrt, das Meer, menschliches Leid und Leiden. Über Politik, die sich keinen Deut darum schert, was wirklich mit Menschen passiert, sondern versucht zur Tagesordnung überzugehen, während jeden Tag hunderte Menschen ihr Leben riskieren auf der Suche nach einer Zukunft.

Ich habe einen Eindruck davon bekommen, wie allein und klein mensch sich fühlen kann auf einem Boot umgeben von so viel Wasser. Für viele von uns ist das Mittelmeer ein Sommerurlaubsziel und sein faszinierendes Blau lädt zum Baden ein. Wie auf Lampedusa, wo wir unser kleines Boot festmachen. Touristen kommen hier an, um unbeschwert einige Tage zu entspannen, während jeden Tag die Küstenwache den Hafen verlässt, um Menschen von Booten zu retten. In der Regel werden sie abends oder in der Nacht angelandet. Um die Ruhe nicht zu stören. Oberhalb des Hafens gibt es ein kleines Flüchtlingsmuseum. Dort sind die Überreste aus Booten und angeschwemmtes Gut zu sehen. Es gibt ein beklemmendes Zeugnis ab, von dem, was passiert auf dem Wasser. Für mich ist das Mittelmeer nicht mehr nur unschuldig blau, sondern Teil menschlicher Brutalität.

Graues Ungetüm

Am 13.07.2015 hat die Sea Watch den Kurs gewechselt und sich vom libyschen Hoheitsgebiet wieder Richtung Heimathafen aufgemacht, so wie es geplant war. Der letzte Einsatz fand noch am selben Morgen statt. Kurz nach Sonnenaufgang sichteten wir steuerbord mittschiffs zwei Meilen entfernt ein Schlauchboot. Mittlerweile war die Silhouette dieser grauen Ungetüme sehr bekannt.

Als wir mit dem Schnellboot und den Rettungswesten dort ankamen, realisierten wir, dass dies das überladenste Boot war, was wir bisher gesehen hatten. Die Menschen konnten nicht mehr sitzen, sondern mussten fast alle stehen, da es schlichtweg keinen Platz gab. Schon das Anlegen der Rettungswesten war daher ein riskantes Unterfangen, da es unweigerlich zu Bewegung im Boot führte. Alle – inklusive unseres kleinen Schnellbootteams - waren sehr froh, als die Westen angelegt und wieder Ruhe eingekehrt war.

Von den 121 Menschen an Bord waren 14 Frauen und ein kleines Mädchen. Zum Glück gab es keine akut Erkrankten oder Verletzten. Nachdem die zwölf Kanister mit gepanschtem Benzin für den Motor über Bord gegangen waren, gab es wieder etwas mehr Platz, so dass sich die Leute besser verteilen konnten. Eine wirkliche Verbesserung war es nicht. Von Anfang an war klar, dass die Sea Watch in der gesamten Region das einzige Schiff war und die Aufnahme von dem Schlauchboot daher Stunden dauern würde.

Anstrengende Rettung

Wir entschlossen uns daher, im Einvernehmen mit den Leuten an Bord, einen Teil der Menschen auf Rettungsinseln zu bringen, um den Druck auf dem Boot zu verringern und Platz für alle zu schaffen. Die Sea Watch hatte für diese Situationen mehrere große Rettungsinseln an Bord. Diese wurden ins Wasser gelassen und mit dem Dingi brachten wir die Menschen in Dreiergruppen auf die Inseln.

Die gesamte Aktion dauerte mehrere Stunden, war aber erfolgreich, da schnell eine gewisse Entspannung eintrat und Platz zu haben für viele bedeutete, ein wenig schlafen zu können. Als dann schließlich gegen späten Mittag die Bourbon Argos der Ärzte ohne Grenzen eintraf, um die Menschen aufzunehmen, war die Erleichterung deutlich spürbar. Bis dato war nicht ein einziges anderes Schiff in der näheren Umgebung auszumachen gewesen. Der erneute Transfer auf das große Rettungsschiff dauerte eineinhalb Stunden, was sich bei sengender Hitze ohne Schatten für alle Beteiligten länger anfühlte.

Die Einzige, die an dem ganzen Unterfangen Vergnügen zu haben schien, war Blondi, das kleine Mädchen, das wir zusammen mit seiner Mutter als eine der ersten evakuiert und als Einzige auf die Sea Watch gebracht hatten. Sie war quietschfidel und an allem interessiert, was sowohl für den Kapitän, als auch ihre Mutter eine echte Herausforderung war.

In den Stunden, die gemeinsam verbracht wurden, ob an Bord oder auf den Rettungsinseln kam es zu einem recht intensiven Austausch von Geschichten, die individuell unterschiedlich waren, aber immer wieder auch Gemeinsamkeiten hatten. Dazu gehörte der gefahrvolle Weg in eine ungewisse Zukunft und die sehr schlechte Behandlung in Libyen, wo sich die Menschen zwischen einigen Monaten und mehreren Jahren aufgehalten hatten, um sich die Überfahrt zu verdienen. Dabei gab es Erfahrungen von Misshandlungen durch Arbeitgeber, die dann auch den lange ausstehenden Lohn einfach nicht bezahlten. Die brutalen Methoden der Schlepper, die Geld aus den Menschen pressen wollten oder auch die allgemeine Missachtung afrikanischer Abstammung in der libyschen Gesellschaft.

Wir erleben eine humanitäre Krise

Natürlich ist das, was ein kleines Boot leisten kann, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es ist auch ein Dorn in dem feisten Hintern Europas, das behauptet, aktiv Menschen vor dem Ertrinken retten zu wollen, während es in Wirklichkeit nur darüber nachdenkt, wie die Mauern noch unüberwindlicher gestaltet werden können. Ein Armutszeugnis ist die Diskussion um fehlende finanzielle Mittel, mit der begründet wird, dass nur sehr begrenzt überhaupt etwas getan werden kann. Wir erleben momentan eine humanitäre Krise, für die Europa die Verantwortung trägt und nicht bereit ist Nothilfe zu leisten.

Den Menschen die sich auf dem Weg befinden ist nicht damit geholfen, über langfristige Lösungen zu fabulieren. Erst einmal ist die akute Nothilfe vor dem Ertrinken wichtig. Alles andere kommt danach. Daher ist es an der Zeit, dass auch Deutschland wirklich Hilfe schickt und nicht nur zwei Schiffe in fernen italienischen Häfen liegen hat, die ab und zu einen Transport von A nach B machen, aber keinerlei aktive Hilfe leisten. Das ist ein Gebot der Menschlichkeit. Und zwar heute!

 

In unserem Logbuch Mittelmeer berichten Crewmitglieder der MS Sea-Watch von ihrem Einsatz an Bord und ihrer Mission vor der libyschen Küste. Die private Initiative um das Rettungsschiff leistet selbst Nothilfe und fordert die Rettung von Flüchtlingsbooten in Seenot ein.
 

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