Studie: Wie Agrarpolitik mit Flucht und Migration zusammenhängt

Studie: Wie Agrarpolitik mit Flucht und Migration zusammenhängt

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Die Verluste an fruchtbarem Boden können die Weltgemeinschaft bis zu 9,4 Billionen im Jahr kosten. Hinzu kommen bis zu 50 Millionen Menschen, die durch die Entwertung der Flächen zusätzlich zu Flucht und Migration getrieben werden könnten.

Fruchtbares Land wird immer kostbarer: Expert/innen der Vereinten Nationen haben berechnet, dass die Verluste von fruchtbarem Land die Weltgemeinschaft zwischen 5,6 bis 9,4 Billionen Euro im Jahr kosten werden. Das sind zehn bis 17 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts. Dabei geht es nicht nur um Ernteausfälle, sondern auch um den Verlust von Wasserqualität und anderen wichtigen Funktionen, die gesunde Böden für die Menschheit übernehmen.
 
Die neuen Zahlen stammen aus der am 15. September 2015 veröffentlichten Studie „The Value of Land“ (PDF) der internationalen Initiative „The Economics of Land Degradation“ (ELD). Nach Angaben der Wissenschaftler/innen des ELD könnte die Entwertung der Flächen in den nächsten zehn Jahren bis zu 50 Millionen Menschen zusätzlich in Flucht und Migration treiben. Alles Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil der Boden sie nicht mehr ernähren kann.

Es ist wichtig, solche Gründe für Flucht und Migration ernst zu nehmen und zu untersuchen, welche politischen Strategien notwendig sein können. Denn, ohne den Erhalt fruchtbarer Böden wird weder die Klimaerwärmung noch die Verluste von Biodiversität gestoppt. Auch das Menschenrecht auf Nahrung wird ohne den Schutz gesunder Böden nicht umgesetzt werden.

Die Zahlen des neuen Berichts der ELD über das Ausmaß der Bodenzerstören bergen aber auch eine Gefahr: Sie vermitteln den Eindruck, als könne man die Probleme und die Schäden genau beziffern. Doch dafür sind die Zusammenhänge viel zu komplex und vielschichtig. Das machte schon das Stockholm Resilience Center mit ihrem Konzept der Planetarischen Grenzen deutlich: Wir kennen die Belastbarkeit unserer Ökosysteme viel zu wenig und wissen noch gar nicht genug über die jeweiligen Zusammenhänge. Wie wirkt es sich auf den Klimawandel aus, wenn noch einmal Millionen von Hektar Land zu Ackerland umgebrochen wurden? Wie ist der Zusammenhang wiederum zur Biodiversität, zum Stickstoffkreislauf oder zu anderen ökologischen Systemen? Wo genau sind, wenn alles mit allem zusammenhängt die „Tipping Points“? Wir wissen es nicht.

Hinzu kommt, dass es schier unmöglich ist, viele Aspekte monetär zu bewerten: Was kostet es zum Beispiel, wenn Menschen nicht mehr von ihrem Land leben können, weil die Böden so ausgelaugt sind? Wie teuer bewerten die Wissenschaftler es, wenn Menschen von ihrem Land vertrieben werden? Persönliche Schicksale monetär zu bewerten, scheint unmöglich. Aber genau von diesen persönlichen Schicksalen handeln Bodendegradation, Landinvestitionen und Vertreibung.

Immer mehr Land akkumuliert sich in den Händen weniger. Gerade kleine Produzent/innen stehen vor riesigen Herausforderungen, wenn sie sich und ihre Familien von häufig weniger als einem Hektar ernähren müssen. Während hier in Europa Futtermittel für Milliarden importiert werden, um sie an Schweine, Geflügel und Rinder in den Megaställen zu verfüttern und unsere Fleischindustrie florieren zu lassen, steigen die Landpreise weltweit und die agrarindustriellen Produktionsweisen verstärken Bodenverluste, Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit.

Eine andere Agrarpolitik könnte dazu führen, dass Menschen ihre Heimat nicht mehr verlassen müssen. Mit dem Bodenatlas haben wir die vielfältige soziale, kulturelle, ökologische und ökonomische Bedeutung von Böden gezeigt und auch, dass nur ein grundlegendes Umdenken in der Agrarpolitik weltweit zu einem anderen Umgang mit Böden führen wird. Das geht uns alle etwas an und es lohnt sich für eine gerechte Agrarpolitik zu kämpfen.

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