Wind of Change

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Sommerschule
Auf der Sommerschule in Moskau: "Nur durch hartnäckigen Widerstand und eine starke Zusammenarbeit können wir unser Land verändern" — Bildnachweise

Auf der Sommerschule der Heinrich Böll Stiftung Russland (28. Juni – 4. Juli 2015) trafen sich junge Aktivistinnen und Aktivisten aus dem ganzen Land. Ihr Engagement beweist, dass selbst Repressionen eine aktive Zivilgesellschaft nicht stoppen.

Ayschat ist eine mutige Frau. Im tschetschenischen Grosnyj eröffnete sie als erste und einzige ein Zentrum für moderne Kunst. „Der erste Stock meiner Wohnung stand frei. Meine Familie drängte, dass ich dort einen Laden eröffne. Mir war der urbane Raum für Kunst, der bei uns so rar ist, wichtig. Also setzte ich meine Idee durch.“

Ihre Heimatstadt ist in den Nachrichten durch gewaltsame Gefechte und den Tschetschenienkrieg bekannt. Dem putintreuen Präsidenten Kadyrow werden schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Gesetzlich hat er strenge islamische Vorschriften verankert. Frauen sind dazu verpflichtet, öffentlich ein Kopftuch zu tragen.

Die schwierige Lage drückte Ayschats kreative Ader nicht ab. Ihr Kunstraum funktioniert mittlerweile auch als Anti-Café. Statt für den Kaffee zu bezahlen, richtet sich der Preis nach der im Café verbrachten Zeit. Das aus Russland kommende „slow time“ Geschäftsmodell findet seit einiger Zeit auch in Berlin und London seine Ableger. „Es ist wichtig, sich gesellschaftlich einzubringen“, erklärt Ayschat. „Ich bewarb mich für die Sommerschule, um meine Erfahrungen zu teilen und mehr über die Arbeit anderer zu erfahren.“

Wie lebt Russland?

26 junge Aktivist/innen, Journalist/innen und Akademiker/innen lud die Heinrich Böll Stiftung Russland zu einer Sommerschule nach Moskau ein. Eine Woche lang beschäftigten sich die Teilnehmer/innen mit Aktivismus, Teilhabe und Visionen im gegenwärtigen Russland.

Die armenisch-russische Ethnologin und Dozentin Liana aus Samara saß so am Tisch neben Juri aus dem Ural, der in einer außerparlamentarischen Bürgerinitiative „Freiheit für Ekaterinenburg“ gegen die Politik demonstriert. Die kritische Journalistin und freiwillige Wahlbeobachterin Maria diskutierte gemeinsam mit Timofei, der sich mit der Aufarbeitung russisch-sowjetischer Geschichte in Dokumentarfilmen beschäftigt. „Dass Menschen aus so vielen andersartigen Regionen Russlands für eine Woche zusammenkommen, finde ich unheimlich spannend“, erzählt er.

Zum Tagesthema „Wie lebt Russland?“ erzählten Dozent/innen aus den verschiedensten Sphären. Die Politikwissenschaftlerin Schuman erklärte russische Gesetzgebungsverfahren, die demokratische Wege imitieren und letztlich umgehen. Der Publizist Arkangelski erzählte von der Macht und Problematik der Tradition in Literatur und Gesellschaft, die in der russischen Welt für Kontinuität, Ordnung und das Kaleidoskop des Lebens sorgt. Journalist Volkov stellte anhand von Statistiken gesellschaftliche und politische Trends dar und zeigte, wie Putins Beliebtheitswerte nach der Krim-Annexion von 60 auf etwa 88 Prozent sprangen. Der Soziologe Voronkov verwies kritisch auf willkürliche und stereotype Kriterien der Soziologie wie Geschlecht, Alter und Bildungsgrad und stellte ihre Arbeitsweise grundsätzlich in Frage.

„Wen gibt es besseres als Putin?“

Im Dokumentarfilm „Reise von St. Petersburg nach Moskau“ sahen die Teilnehmenden die täglichen Widersprüche des provinziellen Lebens in Russland. „Wen gibt es besseres als Putin?“, fragt eine Frau im Roadmovie, während sie sich gleichzeitig darüber beschwert, kein fließendes Wasser zu haben. Hinter ihr läuft der Fernseher. Schnitt. Ein Mann führt die Filmemacher durch ein verfallenes Haus: „Hier war unser Ballsaal und dort oben hing der Leuchter“, erzählt er nostalgisch, während die Kamera von Beton zu Bauschutt schwenkt. Schnitt. Eine Frau mittleren Alters über ihre Probleme, einen Partner zu finden: „Alle Männer trinken, niemanden kann man hier noch heiraten.“

Im anschließenden Gespräch sagte Regisseur Loschak: „Russland ist nie arm an Darstellern für Dokumentarfilme. Es war ein unheimlich wichtiges Projekt, Russland zu porträtieren, während die Massenmedien nur noch von der Krise in der Ukraine sprachen.“

Auch die eigene Initiative der Teilnehmenden war während der Veranstaltung gefragt. In drei Projektgruppen entwickelten sie Ideen für Stadtaktionismus.

Die Memorial-Gruppe setzte sich zum Ziel, der stalinistischen Verbrechen zu Zeiten der Sowjetunion mit einem Gedichte-Tag in verschiedenen Städten Russlands zu gedenken. Die Sport-Gruppe entwickelte ein Konzept, junge Menschen beim Laufen mit Recycling, ihrer Nachbarschaft und der Stadt in Berührung zu bringen. Die Stadt-Gruppe entwarf ein Projekt, das öffentlichen Raum in ungewöhnlicher Weise nutzen soll. In allen Städten sollen Orte des Zusammentreffens von Menschen verschiedener Generationen und Lebenswelten entstehen.

„Hört auf, hier Lügen zu verbreiten.“

Darüber hinaus übten sich die Aktivist/innen im Debattieren, erkundeten in einem morgendlichen Lauf das Ufer der Moskwa und betrachteten kritisch die urbane Fläche der VDNkH, des Rummelplatzes für sowjetische Schauarchitektur. Beim Forumtheater im jüdischen Museum konnten die Teilnehmer eine „Romeo und Julia“ Geschichte im zeitgenössischen Moskau durch eigenes Eingreifen verändern. Das Tagesthema „Aktionen im urbanen Raum“ stellte die Teilnehmenden vor Möglichkeiten, ihre Heimatstädte kreativ, dynamisch und gemeinschaftlich zu gestalten. An anderen Tagen diskutierten sie über die Herausforderungen des LGBT-Aktivismus. Russlands Legislative verbot vor zwei Jahren „Propaganda zu Homosexualität“ und stellte internationale Nichtregierungsorganisationen in diesem Jahr mit ausländischen Agenten gleich.

Die Sommerschule fand in den Räumlichkeiten von „Memorial“ statt. Die Bürgerrechtsbewegung entstand während der Perestrojka-Zeit in der früheren Sowjetunion. Sie setzt sich zum Ziel, Auswirkungen der Gewaltherrschaft in Zeiten des Stalinismus aufzuarbeiten und deren Opfer zu gedenken. Häufig leiten Verdrängung, Gleichgültigkeit und Ablehnung die russischen Gesellschaft statt der Wunsch nach Aufklärung. Während einer Stadtführung zu stalinistischen Verbrechen ruft ein Mann im Anzug der Gruppe im Vorbeigehen zu: „Hört auf, hier Lügen zu verbreiten.“ – Der Guide kontert: „Dann kommen Sie her und erzählen uns die Wahrheit.“ Aber zurück kommt nicht er, sondern nur ein böser Blick, bevor er hinter der Ecke verschwindet. Umso überzeugter ist Teilnehmer und Stadtführer Pavel: „Der Verbrechen in Zeiten der Sowjetunion muss in der gesamten Gesellschaft gedacht werden. Wenn wir die Geschichte nicht aufarbeiten, dann leben wir nicht nur einen falschen Staatsmythos, sondern verkennen uns selbst.“

Nuria Fatykhova ist die Projektkoordinatorin der Sommerschule der Heinrich Böll Stiftung Russland. „Das Projekt gibt es nunmehr schon seit 20 Jahren. Früher wurden allerdings nur die jungen Mitarbeitenden unserer Partnerorganisationen eingeladen. Dieses Jahr haben wir es anders gemacht. Wir schrieben die Sommerschule offen aus, um auch neue und ebenso aktive Menschen zu erreichen. Wir wollten engagierten Leuten aus ganz Russland zeigen, wie sie schnell eigene Projekte starten und finanzieren können. Gleichzeitig war es unser Ziel, sie für die Kernthemen unserer Stiftung - Gender, Ökologie und Demokratie - zu sensibilisieren. Die russische Zivilgesellschaft wird gerade durch die neu geknüpften Bande zwischen den Aktivist/inn/en gestärkt. Denn nur durch hartnäckigen Widerstand und eine starke Zusammenarbeit können wir unser Land verändern.“

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