Das andere Sachsen – angstfrei und hilfsbereit

Das andere Sachsen – angstfrei und hilfsbereit

Sie prägen leider nicht die überregionale Wahrnehmung des Landes, aber es gibt auch in Sachsen zahlreiche ehrenamtliche Helfer/innen. Urheber/in: Franz Ferdinand Photography. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Sie prägen leider nicht die überregionale Wahrnehmung des Landes, aber es gibt auch in Sachsen zahlreiche ehrenamtliche Helfer/innen. Die Hilfsbereitschaft wachse, wollen Integrationsministerin und Ausländerbeauftragter beobachtet haben.

„So viele Beamte könnten wir für die anstehenden Aufgaben überhaupt nicht abstellen“, bemerkt Sebastian Vogel nüchtern. Der langjährige Vorsitzende des Dresdner Ausländerrates ist jetzt die rechte Hand von Gleichstellungs- und Integrationsministerin Petra Köpping (SPD). Als Beispiel einer originär staatlichen Aufgabe, die ohne Ehrenamtler nicht zu bewältigen wäre, nennt er die Sprachkurse für Asylbewerber. In der Turnhalle der TU Dresden beispielsweise, einer Erstaufnahmeeinrichtung, sind es Student*innen, die mit Hilfe von Piktogrammen und Zeichensprache Grundfertigkeiten vermitteln. Uwe Kuhr, in der DDR sechs Jahre ADN-Korrespondent in Damaskus gewesen und nun bei der „Freien Presse“ Chemnitz, hilft mit seinen Arabischkenntnissen in jeder freien Minute aus (siehe Interview).

Förderprogramm 10fach überzeichnet

Wie groß das Engagement, aber auch der Unterstützungsbedarf für Ehrenamtler sind, zeigt die Resonanz auf ein erstmals aufgelegtes Förderprogramm „Integrative Maßnahmen“ der Staatsregierung. Mit den knapp vier Millionen Euro sollen vor allem Verbände und Vereine unterstützt werden, die Freiwilligenarbeit koordinieren. Das von der Sächsischen Aufbaubank verwaltete Programm ist mit 450 Anträgen in der ersten Runde etwa zehnfach überzeichnet. Dass es überhaupt zustande kam, ist dem Einfluss der SPD in der Regierungskoalition zu danken. Sie besetzt nicht nur das Schlüsselministerium. Vize-Regierungschef und Wirtschaftsminister Martin Dulig hat sich zwar auch für eine Begrenzung des Flüchtlingsstromes ausgesprochen, gegenüber allen rassistischen und fremdenfeindlichen Äußerungen und Aktionen stets klar Position bezogen.

Es könnte nach Selbstlob klingen, wenn SPD-Integrationsministerin Köpping im positiven Sinne davon spricht, dass „die Stimmung kippt“. Sie konstatiert wachsendes Engagement für bedürftige Flüchtlinge und führt zum Beleg unter anderem die Flüchtlingspatenschaften an, von denen allein in Leipzig 1.600 bekannt geworden sind. Aber der Ausländerbeauftragte Geert Mackenroth von der CDU pflichtet ihr bei und sieht auch Anzeichen für mehr Hilfsbereitschaft gerade angesichts des üblen Rufs Sachsens. „Ich bin da optimistischer als noch vor einem Vierteljahr“, sagt Mackenroth. Die Anzahl solcher Helfer ist aber schlechterdings nicht erfassbar.

Mit Preisen wie dem Sächsischen Integrationspreis wird das Engagement für Migrant*innen stimuliert. Auch die Sächsische Jugendstiftung zeichnete jüngst sieben Gruppen und Initiativen aus. Integrationsministerium und Ausländerbeauftragter geben gemeinsam eine „Orientierungshilfe für Asylsuchende“ in mittlerweile neun Sprachen heraus. Ähnlich breit adressiert ist das vom DRK herausgegebene „Refugee guide book“. Das Finanzministerium hat 50 Beamte aus Finanzämtern und Staatsbetrieben abgeordnet, um in der Zentralen Ausländerbehörde oder in Erstaufnahmeeinrichtungen die Asylverfahren zu beschleunigen. Weniger hilfsbereit zeigt sich die Landesregierung hinsichtlich einer möglichen Gesundheitskarte für Flüchtlinge. Sowohl Ministerpräsident Tillich als auch die CDU-Landräte lehnen deren Einführung ab und begründen dies mit möglichen „Anreizwirkungen“ und ungeklärten Kostenfragen.

Angriffe auf Helfer/innen

Spendenläufe wie „Run and roll“ in Dresden mit 3.200 Teilnehmern brachten 75.000 Euro für Flüchtlinge ein. Museen bieten Flüchtlingstage, Bildungsinstitute kostenlose Deutschkurse an. Das Engagement der Vereine, Verbände oder Kirchen lässt sich nur pauschal würdigen.

Die sächsischen Grünen wollen auch nicht nur die abfällig oft so bezeichneten Schönredner in einer „Quatschbude“ sein. Wahlkreisbüros sind zu Begegnungsstätten geworden, im erzgebirgischen Schwarzenberg beispielsweise wird dort Deutschunterricht erteilt. Flüchtlingsexpertin Petra Zais aus der Landtagsfraktion muss sich persönlich schon gar keine Vorwürfe wegen mangelnden praktischen Einsatzes machen. Als nach Dresden auch in Chemnitz Ende Juli Flüchtlinge mit einem Protestcamp selber ihr Schicksal in die Hand nahmen, verzichtete sie auf neun Tage Urlaub, weil sie spontan gebraucht wurde. Fluchtgeschichten und positive Beispiele zählt auch die Dezemberbeilage „Flucht, Asyl, Hoffnung“ zur Fraktionszeitung auf.

Das Ausmaß fremdenfeindlicher Einstellungen in Sachsen bekommen freiwillige Helfer allerdings auch zu spüren. Das Netzwerk „Gesicht zeigen“ aus dem mittelsächsischen Lunzenau, diesjähriger sächsischer Demokratiepreisträger, wird von Bürgern, aber auch Kommunalpolitikern als Nestbeschmutzer angesehen, wenn es sich gegen rechte Umtriebe organisiert. Im Raum Chemnitz berichten ehrenamtliche Deutschlehrer und Flüchtlingshelfer von Tätlichkeiten und demolierten Autos, nachdem ihre Aktivitäten bekannt wurden. „Sogar sonntags in der Kirche müssen Diakonie-Mitarbeiter manchmal ihren Einsatz rechtfertigen“, räumt der sächsische Diakonie-Vorsitzende Christian Schönfeld ein.

Der Landeselternrat wendet sich zwar gegen die Belegung von schulischen Turnhallen, ruft aber gleichzeitig zur Suche nach dezentralen Unterkünften und zur Integration auf. Vernunft und guten Willen sucht man also auch in Sachsen nicht vergeblich.

Uwe Kuhr, Redakteur der Chemnitzer „Freien Presse“: „Das ist ein Geben und Nehmen"

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Uwe Kuhr (62) studierte Arabistik und kennt Syrien und den Nahen Osten gut. Seit fast einem Jahr helfen seine Frau und er gemeinsam Flüchtlingen in Erstaufnahmeeinrichtungen beim Erlernen der deutschen Sprache sowie bei Behördengängen und der Wohnungssuche im sächsischen Freiberg.

Manche Bürger wussten offenbar schon beim sich abzeichnenden Anstieg der Flüchtlingszahlen, was sie zu tun haben. Wie war das bei Ihnen?

Meiner Frau und mir war Ende des vergangenen Jahres klar, dass nicht weniger Flüchtlinge zu uns kommen würden. Da haben wir uns entschieden, ab Januar 2015 in der Freizeit ehrenamtlich Deutschkurse zu geben. Sie sollten auch eine Orientierungshilfe bieten. So kam später die Begleitung zu Behörden wie Ausländerbehörde, Jobcenter und Rathaus hinzu. Dort sollten „unsere“ Flüchtlinge sich zurechtfinden lernen. Es kommt gut an, wenn ein Asylbewerber höflich auftreten, seinen persönlichen Angaben selbst machen und sogar etwas Deutsch verstehen kann. Das haben wir richtig durchgespielt.

Dabei ist es aber nicht geblieben?

Mittlerweile geben wir nahezu jeden Sonnabend Deutschkurse. Mit einigen Asylbewerbern sind wir auf Wohnungssuche gegangen. Aus engagierten Syrern und deutschen Mitstreitern hat sich dabei eine kleine „Task Force“ gebildet. Sie hilft anderen Flüchtlingen beim Umzug in dezentrale Unterkünfte sowie beim Erwerb und Aufbau von Möbeln.

Wie bringt man Ehrenamt und Beruf in Einklang?

Das ist nicht leicht. Priorität hat der Beruf, Abstriche gibt es bei der Freizeit. Das geht nur, weil meine Frau und ich uns einig sind. Sie übernimmt überwiegend die Behördengänge, ich mehr den Deutschkurs. Das führt nicht selten zu einer 7-Tage-Arbeitswoche. Wir haben auch viele gute Stunden mit den Geflüchteten. Wir waren beim Fastenbrechen dabei, wir feiern miteinander, man integriert auch uns. Das ist beiderseits ein Geben und Nehmen.

Erwarten Sie dafür mehr staatliche Anerkennung?

Darum geht es nicht. Mir würde schon reichen, wenn der Staat endlich zur Integrationsarbeit überginge. Und das schon in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Wir reden zu viel von Leitkultur sowie von Werten und Normen, aber beim Vorleben hapert es.

Wenn alle so dächten und handelten, würden wir die Integrationsaufgabe für so viele Flüchtlinge tatsächlich „schaffen“?

Es kann bei einer großen Mehrzahl, aber nicht bei allen gelingen. Unter „Zwang“ muss Integration scheitern. Sie braucht Sinn und Ziel und zwar nicht als Selbstzweck. Die Anschläge von Paris haben gezeigt, was passiert, wenn man Flüchtlinge sich selbst überlässt, sie als Menschen zweiter Klasse behandelt und nicht in die Gesellschaft aufnimmt.

Weitere Beiträge zur Flüchtlingspolitik in Sachsen finden Sie auf der Länderseite unseres Dossiers "Wie schaffen die das? Die Flüchtlingspolitik der Länder" (zur Startseite).

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