Niedersachsen: Im Heimatland der Mastbetriebe

Niedersachsen: Im Heimatland der Mastbetriebe

Fortschritte in der niedersächsischen Landwirtschaftsproduktion – Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung, BUND. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Ernährungsindustrie verlangt große Betriebe – und bekommt sie auch. Nicht nur große Stallanlagen, sondern auch die Produktion von Kartoffeln, Zuckerrüben und Mais prägt die Landschaft. Ein Kapitel aus unserem Fleischatlas Regional.

In Niedersachsen liegen nur 15,5 Prozent der Flächen, die in Deutschland landwirtschaftlich genutzt werden. Und doch gilt Niedersachsen als Agrarland Nummer eins. Die Ausbeute macht’s, und dies vor allem bei der Erzeugung tierischer Produkte. Zwei Drittel aller Masthühner und -hähne, fast 40 Prozent der Legehennen, aber auch mehr als 45 Prozent aller in Deutschland erzeugten Kartoffeln kommen aus Niedersachsen.

Die Produktionsleistung hat in den letzten 20 Jahren fast zu einer Vervierfachung der Ausfuhr von Gütern der Ernährungsindustrie aus Niedersachsen geführt. Die Landwirtschaft ist breit aufgestellt und hat sich je nach Region auf verschiedene Produkte spezialisiert. Der Süden um Hannover, Hildesheim und Göttingen verfügt über Böden, die gut für den Anbau von Getreide, Raps und Zuckerrüben geeignet sind. Im Heidegebiet mit seinen leichten Böden wachsen die sogenannten Heidekartoffeln. In den an Grünland reichen küstennahen Gebieten wie Wesermarsch und Ostfriesland wird vor allem Milch erzeugt.

In der Weser-Ems-Region liegt das Zentrum der niedersächsischen Fleischproduktion. Hier werden die meisten der fast 65 Millionen Masthühner und 9 Millionen Schweine gehalten. Für den Arbeitsmarkt ist die Tierhaltung besonders in den Kreisen Cloppenburg, Oldenburg und Emsland von erheblicher Bedeutung. Die Arbeitslosenquote von unter fünf Prozent im Landkreis Vechta geht auch auf die dortige Ernährungsindustrie zurück.

Unter fünf Prozent Arbeitslose im Kreis Vechta - die Fleischindustrie expandiert – Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung, BUND. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe ist derweil stark zurückgegangen. Von rund 210.000 Höfen im Jahr 1960 werden heute nur noch ungefähr 38.000 bewirtschaftet. Aktuell schrumpft die Zahl der Betriebe, die weniger als hundert Hektar bewirtschaften; nur darüber steigt sie. Immer weniger Landwirte und Landwirtinnen halten Tiere, doch steigt die Anzahl der Tiere pro Betrieb. Ursachen dieser Entwicklung sind die betriebswirtschaftlichen Größenvorteile.

Die Agrarunternehmen können zum Beispiel Betriebsmittel billiger einkaufen, und die Bodenbearbeitung großer, zusammenhängender Flächen ist effizienter. Verstärkt werden diese allgemeinen Trends durch die aktiven Forderungen der Ernährungsindustrie nach Uniformität und Mindestmengen bei der Anlieferung. Das führt zu höheren Mindestmengen bei den Mastbeständen. Die Förderung der EU durch ihre Flächenprämien begünstigt diesen Prozess noch. Denn wer viele Flächen bewirtschaftet, erhält deswegen auch viel Geld.

Das Ergebnis: In Ackerbauregionen wie Südniedersachsen wachsen die Betriebsgrößen, in Regionen mit Fleischproduktion die Tierbestände – und die Ställe werden immer größer. Die niedersächsische Schweinefleischproduktion übersteigt bereits seit 2005 den heimischen Verbrauch. Inzwischen werden Fleisch und Fleischwaren in rund 125 Länder weltweit exportiert. Es entstehen neue Verarbeitungsanlagen, etwa die der Celler Land Frischgeflügel GmbH. Sie gehört zur im Emsland ansässigen Rothkötter Unternehmensgruppe. An ihrem Standort Wietze ging 2011 der größte Geflügelschlachthof Europas in Betrieb – mit einer genehmigten Schlachtkapazität von über 400.000 Tieren täglich und mit Zulieferern, die über Hunderte von Quadratkilometern verstreut sind.

Entwicklung der Anbauflächen für Mais – Urheber/in: Heinrich-Böll-Stiftung, BUND. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Tiere brauchen Nahrung. Die Maispflanze ist wegen ihres hohen Flächenertrags bei Futtermittelbetrieben beliebt. Zusätzlich verträgt sie eine großzügige Düngung mit Gülle, die es im Masttierland Niedersachsen im Überfluss gibt: Im Weser-Ems-Raum und insbesondere in den Landkreisen Cloppenburg, Emsland und Vechta fehlen nach dem Nährstoffbericht 2014 allein 65.000 Hektar, um den Phosphorüberschuss in Gülle und Gärresten fachgerecht auszubringen.

Zeitgleich zur steigenden Nachfrage nach Futtermitteln wird Mais vielfach als Biomasse für die Energiegewinnung eingesetzt. So wurden bislang jährlich große Flächen für den Maisanbau genutzt, oft durch Flächenumwandlung von Grünland. Seit 2015 ist dies zwar offiziell stark eingeschränkt, aber es gibt Schlupflöcher.

Nicht die Pflanze Mais ist dabei das Problem, sondern ihr Anbau in Monokultur. Die starke Düngung mit Gülle belastet Böden und Gewässer. Monokulturen verringern die landschaftliche Vielfalt und damit auch den Lebensraum für Wildtiere. Der heimische Anbau von Futtermitteln reicht dabei nicht aus, um die rund 360 Millionen Masttiere – Rinder, Schweine, Geflügel – satt zu machen.

Brake, ein kleiner Ort an der Weser, beherbergt Europas führenden Importhafen für Futtermittel – weiteres Wachstum ist geplant. Der größte Teil der fast sieben Millionen Tonnen Sojaprodukte, die jährlich nach Deutschland importiert werden, gelangt über Brake in die Futtertröge der Massentierhaltung in der Weser-Ems-Region. Auch Sojabohnen werden in Monokultur angebaut. Der Hunger der niedersächsischen Tiere belastet daher nicht nur die eigene Natur, sondern auch die in den anderen Ländern, aus denen ihr Futter kommt.

 

Quellen:

 

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