Divestment – Keine Kohle für die Kohle

Divestment – Keine Kohle für die Kohle

Proteste an der Univerität Wisconsin, Beteiligungen an Energieunternehmen mit fossiler Energie als Geschäftsbereich eich aufzugebenAuch die Universität Wisconsin wird zum De-Investieren aufgefordert – Urheber/in: Joe Brusky. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Neuer Schwung, ungewöhnliche Allianzen, handfeste Erfolge – ist die Divestment-Bewegung ein entscheidender Faktor gegen den Klimawandel? Diese Frage stellt sich Reinhard Bütikofer, Vorsitzender der Europäischen Grünen Partei und Mitglied des Europäischen Parlaments.

Die Klimabewegung hatte viele Jahre ein gravierendes Problem: Sie war zu abstrakt. Während an wissenschaftlichen Befunden für die Dramatik des Klimawandels, an Warnungen von Nichtregierungsorganisationen und an Konferenzen zu dem Thema wahrlich kein Mangel bestand – eine kraftvolle gesellschaftliche Dynamik konnte sich für lange Zeit nicht entwickeln. Es fehlte ein fassbares Ziel, gefühlt lag die Verantwortung auf einer nicht greifbaren internationalen Ebene, zudem vermochten Zahlen und Fakten allein noch selten eine wirkliche gesellschaftliche Bewegung in Gang zu setzen.

Hier hat sich in den letzten Jahren etwas grundlegend geändert. Die „divest from fossil fuels“-Kampagnen haben genau das geschaffen, was zuvor fehlte: Klare Gegner, klare Ziele und nachvollziehbare Wege, diese Ziele zu erreichen. Denn worum geht es? Wie frühere Divestment-Kampagnen, etwa gegen die Apartheid in Südafrika oder gegen Tabakkonzerne, zielt auch diese auf eine politische Delegitimierung und soziale Ächtung – in diesem Fall der Unternehmen, die ihr Geld damit verdienen, die Klimakatastrophe zu verschärfen. Und bei allen Abgrenzungsschwierigkeiten, die es in einem Graubereich geben mag: Die großen Player der fossilen Energieindustrie können wir klar beim Namen nennen, in Deutschland steht hier beispielsweise RWE ganz an der Spitze.

Erst einige Jahre alt, gewinnt die Divestment-Bewegung überall auf der Welt rasant an Zulauf und nimmt mittlerweile eine unüberschaubare Zahl an Institutionen wie Kommunen, Universitäten, Banken oder Pensionsfonds ins Visier – mit dem Ziel, dass diese ihr Geld nicht (länger) in Firmen investieren, die ihr Geld mit der Förderung oder Nutzung von Kohle, Öl und Gas verdienen. Gerade in Deutschland ist es eine der wenigen Bewegungen, die derzeit wächst und Durchschlagskraft entfaltet.

Städte, Hochschulen, Konzerne und sogar Kirchen de-investieren

Die Erfolge in ganz Europa können sich bereits sehen lassen: Dutzende Städte, darunter Münster, Olso, Kopenhagen, Oxford oder Uppsala, haben divested. Gleiches gilt für eine Reihe an Hochschulen wie der in Glasgow oder der Stockholmer Universität. Viele Pensionsfonds sind dabei, darunter der des deutschen Presseversorgungswerks sowie der staatliche norwegische Pensionsfonds, einer der größten der Welt. Auch private Firmen haben sich zu einem teilweisen Divestment bekannt, etwa die Allianz AG, die Nordea Bank oder der Versicherungskonzern Axa. Hinzu kommen Glaubensgemeinschaften wie die schwedische Kirche oder der Lutherische Weltbund bis hin zu Berufsorganisationen wie der British Medical Association.

Indem eine solche Vielzahl an Institutionen ihr Kapital ganz oder teilweise aus Firmen der fossilen Energiewirtschaft abzieht, werden sie diese in aller Regel nicht ruinieren – doch das ist auch nicht das Kalkül. Vielmehr setzt jede einzelne De-Investitionsentscheidung ein politisch-moralisches Zeichen, dass fossile Energien nicht länger gesellschaftlich akzeptabel sind.

Und das aus gutem Grund: Schon die heute bekannten Kohle-, Öl- und Gas-Reserven der Energiekonzerne enthalten fünfmal so viel CO2 wie die Menge, die maximal noch ausgestoßen werden kann, soll die Erderwärmung auf unter zwei Grad begrenzt werden. Der Klimavertrag von Paris, der sogar das Ziel einer Begrenzung auf 1,5 Grad C enthält, verschärft dieses Missverhältnis noch weiter. Mindestens 80 Prozent der fossilen Energieträger, die heute schon im Besitz großer Firmen ist, dürfen also nicht genutzt werden, sie müssen schlicht im Boden bleiben, wenn der Klimawandel nicht katastrophal werden soll.

Ethische und ökonomische Argumente sprechen für Divestment

Dies ist das ethische Hauptargument für Divestment. Aber es gibt noch ein zweites, eines über Investitionsrisiken, das insbesondere Finanzmarktakteur/innen immer stärker überzeugt: Wenn die globalen Klimaziele durchgesetzt werden und die Firmen der fossilen Energie auf vier Fünfteln ihrer Reserven sitzen bleiben, werden Anteile an diesen Konzernen drastisch an Wert verlieren – Studien haben berechnet, dass dieser Wertverlust bis zu 40 Prozent betragen wird, wenn diese Unternehmen ihre Reserven tatsächlich nicht verbrennen oder verkaufen können. Entsprechende Anlagen sind also heute überbewertet, es sind „stranded assets“.

Nur ein Beispiel: Energieversorger E.on musste 2015 seinen größten Verlust in der Unternehmensgeschichte bekanntgeben – fast sieben Milliarden Euro. Der Hauptgrund dafür waren dramatische Wertberichtigungen in der Unternehmenssparte der Kohle- und Gaskraftwerke. Auf der Ebene des Finanzmarkts insgesamt spricht man in diesem Zusammenhang von einer „carbon bubble“, die irgendwann platzen wird. Denn gegenwärtig ist diese Wertkorrektur noch selten eingepreist, offenbar spekulieren Anleger in ihrer Zukunftserwartung darauf, dass die Nutzung klimaschädlicher Energieträger weiter steigen, jedenfalls nicht sinken wird.

Umso entscheidender ist eine konsequente politische Implementierung der Klimaziele aus Paris. Und umso entscheidender ist es, den zivilgesellschaftlichen Druck aufrecht zu erhalten, damit genau das passiert. Das Besondere an der Divestment-Bewegung ist nicht nur ihr neuer Ansatz der Verbindung ethischer und finanzieller Argumente mit konkreten Handlungsmöglichkeiten und einer stärkeren Emotionalisierung des Themas, sie ist auch eine genuin europäische und internationale Bewegung. Hier vernetzen sich nicht nationale Einheiten, vielmehr wird eine globale Einheit auf die ganze Vielfalt regionaler gesellschaftlicher Akteurinnen und Akteure heruntergebrochen.

So sind in der sogenannten „Break Free Week“ im Mai dieses Jahres Tausende Menschen auf der ganzen Welt für ein Ende der fossilen Energien auf die Straße gegangen. In 13 Ländern auf allen Kontinenten dieser Erde – etwa den USA, Brasilien, Indonesien, Südafrika oder der Türkei – fanden koordinierte Aktionen gegen Symbole der fossilen Energiewirtschaft statt. In Deutschland sind rund 5.000 Menschen aus ganz Europa in die Lausitz gekommen, um dort gegen den Braunkohleabbau zu protestieren. Nach den bereits erfolgreichen „Global Divestment Days“ der vergangenen Jahre war dies noch einmal eine deutliche Steigerung der Aktionsfähigkeit dieser rasant wachsenden Bewegung.

Und immer stärker kommt das Thema auch in Politik und Finanzwirtschaft an: Im April hatten die Wirtschafts- und Finanzminister/innen der EU die „carbon bubble“ auf der Tagesordnung ihrer informellen Sitzung. Auf der anschließenden Pressekonferenz wurden zwar noch keine konkreten Konsequenzen angekündigt, doch das Signal war klar: Die Finanzmärkte müssen sich darauf einstellen, dass CO2-Risiken in Zukunft transparenter gemacht und in die Preisbildung eingerechnet werden müssen. Damit wird der Anreiz, sich aus CO2-Risiken zu verabschieden, gestärkt. Zudem haben die Finanzminister/innen erkennen lassen, dass sie von der Europäischen Kommission mehr Anstrengungen beim Thema Green Finance erwarten.

Finanzmärkte sehen CO2 als Unternehmensrisiko

Zwei Monate zuvor hatte bereits das European Systemic Risk Board, ein Beratungsgremium der Europäischen Zentralbank in Fragen der Finanzmarktstabilität, eine Studie veröffentlicht, die zu unmittelbarem Handeln auffordert: Wird der Übergang zu einem Wirtschafts- und Finanzsystem, das sich an die Pariser Klimaziele anpasst, weiter verschleppt und stattdessen schließlich abrupt vollzogen, drohe eine “harte Landung” mit erheblichen Stabilitätsrisiken für das Finanzsystem sowie unsere Gesellschaften insgesamt. Die Expertenrunde fordert daher CO2-Stresstests für Finanzinstitute, um langfristige Klimarisiken angemessen managen zu können. Diesen Vorschlag haben auch die EU-Finanzminister aufgegriffen. Die Divestment-Bewegung hat also die Politik erreicht – auch wenn hier noch dicke Bretter gebohrt werden müssen.

Immer mehr Finanzinvestor/innen aber sehen die Risiken schon jetzt und ziehen Investitionen aus fossilen Energien ab: Mitten in der “Break Free Week” kündigte die Bill and Melinda Gates-Stiftung an, all ihr Kapital aus der Firma BP abzuziehen und damit ihre Anlagen in Kohle-, Öl- und Gasunternehmen von 1,4 Milliarden Dollar in 2014 auf nunmehr nur noch 200 Millionen Euro heute weiter zu reduzieren. Zuvor hatte bereits die Rockefeller-Familie angekündigt, ihre Anteile an Firmen zu veräußern, die ihr Geld mit fossilen Energien verdienen, ebenso wie die Bank JPMorgan Chase, die zumindest keine neuen Kohleinvestitionen tätigen wird. Interessanterweise begründet die Bank dies nicht nur im Rahmen ihrer Corporate Responsibility-Strategie, sondern auch mit der Notwendigkeit eines verantwortungsvollen Risikomanagements. Mit anderen Worten: Investitionen in fossile Brennstoffe werden zunehmend als finanzielles Risiko gesehen. Gleichzeitig werden Kapitalanlagen in erneuerbare Energien immer rentabler.

Mittlerweile haben Institutionen mit einem Wert von rund 3,5 Billionen Dollar divested oder angekündigt, dies zu tun. Das ist eine enorme Summe – und dennoch nicht annähernd ausreichend, um das Ruder tatsächlich rumzureißen. Dafür muss die schon jetzt ungewöhnliche und spannende Allianz von Klimaaktivist/innen, verantwortlichen Investor/innen und langfristig denkenden Politiker/innen erweitert und vertieft werden. Daran sollten wir als Grüne politische Familie arbeiten – in den Parlamenten, auf der Straße, in der Stiftung und auf den verschiedenen Ebenen. Für die Europäische Grüne Partei ist daher Divestment das Schwerpunktthema in diesem Jahr, mit einer eigenen Kampagne und vielen Aktivitäten, die wir gemeinsam mit den Mitgliedsparteien durchführen.

Auch in Deutschland sind viele Grüne bereits aktiv – sei es ganz konkret auf kommunaler Ebene, um Städte und Gemeinden zu divesten, oder über parlamentarische Anfragen und Diskussionsveranstaltungen. Und die Erfolge sind sichtbar: Wie bereits erwähnt, hat die Stadt Münster auf grünen Druck hin beschlossen, ihre Investitionen aus fossilen Energien abzuziehen. Auch in den Koalitionsvereinbarungen der neuen Regierungen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist das Bekenntnis zum Divestment enthalten.

Eine erstarkende Bewegung, offene Ohren bei immer mehr Investor/innen und erste konkrete Schritte auf politischer Ebene – es passiert etwas Neues in der Klimabewegung. Und wenn wir die Pariser Klimaziele erreichen wollen, ist genau das notwendig. Was für eine Chance, nutzen wir sie!

 

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2 Kommentare

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StrengerKorrektor

"Mittlerweile haben Institutionen mit einem Wert von rund 3,5 Milliarden Dollar divested oder angekündigt, dies zu tun." -- Diese Zahl muss um ganze Größenordnungen zu klein sein (sonst wäre das ganze Thema nicht der Rede wert). Sind hier vielleicht 3,5 Billionen US-Doller gemeint?

Internetredaktion

Vielen Dank für Ihren Hinweis. Sie haben völlig recht, es handelt sich dabei um einen redaktionellen Fehler. Wir haben diesen mittlerweile korrigiert.