Gene drives: Wer entscheidet für Hawaii und darüber hinaus?

Gene drives: Wer entscheidet für Hawaii und darüber hinaus?

Ein Forscher untersucht Zellen.
Biotechnologie im Labor — Bildnachweise

Auf dem diesjährigen Kongress der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) wurden ethische und soziale Bedenken an einer kontroversen Technologie der synthetischen Biologie laut: Genantrieb. Eine gentechnische Methode mit der Fähigkeit, die Welt zu verändern.

Man stelle sich vor, eine Mückenart dadurch zu vernichten, indem eine einzige andersartige Mücke in die Population eingeschleust wird, oder dass eine bestimmte Mäusespezies auf einer Insel ein für alle Mal ausgerottet wird, wenn dort genetisch modifizierte Mäuse ausgesetzt werden. Einige sehen in dem Konzept der „genetischen Auslöschung“ eine Wunderwaffe für den Naturschutz. Viele führende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie Naturschutzorganisationen dagegen haben Bedenken, dass der noch ungeregelte Einsatz dieser neuen, nicht ausreichend erforschten, gefährlichen Technologie, die unter dem Namen „Gene Drives“ bekannt ist, sich nicht für den Schutz der Natur oder anderer Umweltbereiche eignet und mehr schaden als nützen könnte.

Am Vortag des Weltnaturschutzkongresses der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) in Hawaii veröffentlichten Friends of the Earth und die ETC Group einen offenen Brief, den 30 international führende Natur- und Umweltschützer/innen unterzeichneten, darunter Dr. Jane Goodall, der Genetik-Professor und Wissenschaftsmoderator Dr. David Suzuki, Dr. Fritjof Capra, die Insektenforscherin Dr. Angelika Hilbeck, die indische Umweltaktivistin Dr. Vandana Shiva, die Biologin Nell Newman und Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. In dem Brief heißt es, dass „Gene Drives, bei denen weder die unerwünschten Langzeitfolgen ausreichend erforscht noch die ethischen und sozialen Auswirkungen umfassend abzuschätzen sind, nicht als Instrumente für den Naturschutz gefördert werden sollten“.

Zufälligerweise wurde dieser offene Brief zur selben Zeit vorgelegt, als die IUCN in einem De-facto-Moratorium ankündigte, die Forschung der Gene Drives erst zu unterstützen oder zu billigen, wenn die IUCN die Auswirkungen endgültig beurteilen könne. Diese Meldung wurde von vielen Medien aufgegriffen, einschließlich der Agence France Press, der Washington Post, dem Christian Science Monitor, der Technology Review und dem Project Syndicate.

Gene drives besitzen die Fähigkeit, ganze Ökosysteme zu verändern

Auf dem Weltnaturschutzkongress in Oahu, Hawaii, hatten Friends of the Earth U.S., die ETC Group, Mitglieder von Hawai’i SEED und anderen Organisationen die Gelegenheit, ihre Bedenken über Gene Drives ausführlicher darzulegen: Die umstrittene neue Technologie aus der synthetischen Biologie könnte dazu eingesetzt werden, bewusst und gezielt Spezies auszurotten. Letztendlich könnte diese gentechnische Methode Biotech-Unternehmen dazu befähigen, direkt in die Evolution einzugreifen, ganze Ökosysteme drastisch und permanent zu verändern und Arten vollständig auszulöschen.

Am 5. September führten Friends of the Earth und ihre Verbündeten eine IUCN-Veranstaltung durch, um das Bewusstsein für diese und andere Gefahren von Gene Drives zu schärfen. Die Meinungen der Teilnehmenden lagen weit auseinander. Während viele nicht so sicher waren, ob Gene Drives wirklich mehr schaden als nützen, herrschte Übereinstimmung in dem Punkt, dass Gene-Drive-Projekte transparent und nur in Absprache mit den betroffenen Gemeinschaften durchgeführt werden sollten. Leider mussten wir feststellen, dass eine Gruppe von Gene-Drive-Befürwortern nur einen Tag später eine Sitzung hinter verschlossenen Türen abhielt, um Gene-Drive-Vorschläge für Hawaii zu diskutieren.

Öffentlicher Dialog ist erforderlich

Am Tag darauf lud das lokale Bündnis Hawai’i SEED zu einer Sitzung mit führenden Aktivisten und Aktivistinnen aus den indigenen, Nahrungsmittelsicherheits- und lokalen Naturschutzbewegungen ein. Bei dieser Sitzung ging es nicht nur um Bedenken zu den Gene-Drive-Vorschlägen für Hawaii, sondern es stand auch die Frage im Mittelpunkt, „wer für Hawaii entscheidet“. Dabei wurde vor allem darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass ein öffentlicher Dialog stattfindet und sich die betroffenen Gemeinschaften selbst für Lösungen entscheiden.

Die Journalistin und Anwältin Claire Hope Cummings und Walter Ritte, ein führender Aktivist der indigenen Hawaiianer eröffneten die Podiumsdiskussion mit dem ortsansässigen indigenen Anwalt Hokolei Lindsay, Jim Thomas von der ETC Group und mir selbst, Dana Perls, von Friends of the Earth U.S. Dieses Treffen setzte eine lebhafte Diskussion in Gang, mit welchen Maßnahmen die in Bürgerbewegungen organisierten Menschen Hawaiis Artenvielfalt schützen und mit welchen Aktionen sie das Recht Hawaiis durchsetzen könnten, selbst über die richtigen Methoden zu entscheiden.

Das Narrativ rund um Gene Drives und synthetische Biologie wird nach wie vor von dem Hype um die Biotech-Industrie bestimmt, aber die Diskussion und Tonart ändern sich. Nicht nur die Bedenken über den Einsatz wirkungsmächtiger genetischer Ausrottungstechnologien wie Gene Drives werden immer lauter, sondern auch die Hinweise auf die Bedeutung der Mitspracherechte, die den Bürgern und Bürgerinnen bei der Wahl geeigneter Methoden zum Erhalt der Biodiversität zustehen.

Diese Diskussion wird sich an vielen Fronten fortsetzen, unter anderem auf der im Dezember im mexikanischen Cancun stattfindenden nächsten Verhandlungsrunde zum UN-Übereinkommen über die Biologische Vielfalt. Von international führenden Personen im Umweltschutz bis hin zu lokalen indigenen Aktivisten und Aktivistinnen werden die Bürgerbewegungen immer stärker: Neben verantwortlichen, transparenten und gerechten Lösungen fordern sie auch, den Schutz des Wohls der Menschen und der Umwelt über das Profitstreben einer Handvoll biotechnischer Unternehmen zu stellen.

Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers "Synthetische Biologie".

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