"Die Ökonomisierung der Natur ist ein Fehler"

"Die Ökonomisierung der Natur ist ein Fehler"

Frau zeigt Garnelen, die in ihrer Farm in Khulna, Bangladesh, gefangen wurdenMassenproduktion von Garnelen führt zur Zerstörung von Natur und Lebensräumen. Urheber/in: WorldFish. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Barbara Unmüßig spricht im Interview mit Sebastian Puschner von der Wochenzeitung der Freitag über die Grüne Ökonomie und stellt klar, dass sie nicht viel von den Versprechungen des grünen Kapitalismus hält.

Wenn in Brasilien Kohle verbrannt wird, um Stahl zu schmelzen, dann werden dabei pro einer Tonne Roheisen 1,9 Tonnen CO2 ausgestoßen. Jetzt ist die Industrie teils auf „grünen Stahl“ umgestiegen – denn der zieht angeblich sogar 1,1 Tonnen CO2 aus der Atmosphäre. Klingt gut, hat aber einen Haken: Für grünen Stahl wird teure Kokskohle durch billigeres Holz ersetzt, das aus schnell wachsenden Eukalyptusplantagen stammt. Warum das ein Problem und nicht „grün“ ist, erklärt Barbara Unmüßig im 2015 erschienenen Buch Kritik der Grünen Ökonomie. Unmüßig, seit 2002 im Vorstand der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung, analysiert dort die Strategie, den Kapitalismus grün und nachhaltig zu gestalten, um so die riesigen ökologischen wie sozialen Krisen unserer Zeit zu lösen.

der Freitag: Frau Unmüßig, essen Sie gerne Garnelen?

Barbara Unmüßig: Ja, Garnelen schmecken mir. Aber ich bin mir bewusst, dass ihre industrielle Produktion und ihr massenhafter Konsum zerstörerisch sind, vor allem hinsichtlich der Mangrovenwälder, in denen sie leben.

Dazu kommen Überfischung und die Versklavung von Arbeitern in dieser Branche, gerade in Asien. Aber jetzt gibt es da ein Start-up in Kalifornien, das künstliche Garnelen herstellt. Die sollen so schmecken wie echte.

Dahinter steckt die Logik, dass wir mit technologischer Innovation so weiterleben, wachsen, produzieren und konsumieren können wie bisher. Aber woraus entstehen diese künstlichen Garnelen denn?

Aus Algen.

Die kann man inzwischen zwar im Bottich produzieren, aber auch Algen brauchen Nahrung. Das ist meist Zucker. Der wiederum stammt von Pflanzen, für die man Anbaufläche braucht. Heute werden schon 33 Prozent der Ackerfläche für die Futtermittelproduktion genutzt. Und der Anbau von Soja, Zuckerrohr und Raps, für Agrotreibstoffe oder für die Viehtröge der Massentierhaltung, steigt und steigt – und damit der Druck auf Land insgesamt. Es wird immer teurer und Landressourcen werden immer mehr in Anbauflächen verwandelt. Auch biotechnologische Produktionsverfahren können diesen Druck erhöhen. Wissen Sie, was der Flugzeugkonzern Airbus in München macht?

Sagen Sie es mir.

Er forscht an der Algenproduktion, um Flugkerosin aus Biomasse zu gewinnen. Ein Drittel des Kerosinbedarfs der EU soll irgendwann mal aus Algen stammen. Gezüchtet werden solche, die gut in salzhaltigem Wasser gedeihen, sie brauchen Sonnenlicht, damit sie schneller wachsen. Deshalb werden die Küstenabschnitte Spaniens, Portugals, Albaniens oder Griechenlands als Produktionsstandorte ins Visier genommen. Ob und welche neuen Konflikte hier für die Küstenbewohner entstehen, ist noch gar nicht untersucht. Ob synthetische Garnelen oder Kerosin aus Algen: den beiden sogenannten Innovationen ist gemein, dass sie so tun, als ob wir weiter immer mehr Garnelen essen können, auch wenn wir nicht an der Küste wohnen. Dass wir ohne Bedenken fliegen können. Essgewohnheiten ändern, weniger fliegen – das taucht in solchen Szenarien gar nicht auf.

UNO, Weltbank, Großkonzerne: Viele glauben, mit grünem Wachstum sowie mehr Effizienz und Innovationen könnten wir alle Krisen überwinden. Warum ist dieses Leitbild so mächtig?

Nicht zuletzt die Unternehmen selbst wissen, dass ihre Produktion gefährdet ist, wenn wichtige Produktionsfaktoren wie Wasser, Luft, Ressourcen oder Biodiversität immer knapper oder verschmutzt werden. Da verbreitet die grüne Ökonomie Optimismus. Klar, das ist erstmal sehr sympathisch. Aber es ist ein Ausblendungsprogramm, weil so getan wird als bräuchten wir keine Obergrenzen für Emissionen und Ressourcenverbrauch, als müssten wir nicht weniger produzieren und konsumieren.

Immerhin gibt es inzwischen ein Abkommen zum Klimaschutz, China und die USA haben schon dessen Ratifizierung verkündet. Und im ersten Halbjahr 2016 ist die Kapazität weltweit geplanter Kohleanlagen um 158 Gigawatt gesunken – das entspricht der ganzen Kohlekraftwerkskapazität der EU von heute!

Ja, und außerdem übersteigen die Investitionen in erneuerbare zum ersten Mal die in fossile Energien. Positive Nachrichten, in der Tat. Und ein Erfolg der Divestment-Kampagnen, die Investoren unter Druck setzen, damit sie ihr Kapital aus Kohle und Öl abziehen. Aber wir dürfen uns nichts vormachen.

Was meinen Sie?

Wir sind längst nicht auf Kurs, um die Erderwärmung auf 1,5 bis 2 Grad zu begrenzen. Auch mit dem Klimavertrag von Paris ist kein Land der Erde gezwungen, bis 2050 in planbaren Schritten das nötige Minus von 90 Prozent bei den CO2-Emissionen zu organisieren. Das Ganze beruht im Wesentlichen auf Freiwilligkeit. Umweltministerin Barbara Hendricks ...

... hat konkrete Maßnahmen für den deutschen Klimaschutzplan vorgelegt.

Und sie ist dabei Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium glatt unterlegen. Ihr Vorstoß, endlich die Rolle der agroindustriellen Landwirtschaft für den Klimawandel zu adressieren, hat sie wieder zurückgezogen. Der Kohleausstiegsplan hat seine Konkretheit verloren. Stattdessen erleben wir, wie vielerorts wahnwitzige Großtechnologien diskutiert werden, zum Beispiel Geoengineering.

Mit riesigen Spiegeln im Weltall die Sonnenstrahlen beeinflussen, um CO2 zu reduzieren – wäre doch toll.

Das ist genauso ein Irrweg wie die Abscheidung und Verpressung von CO2 unter die Erde. Aber in solche Sachen fließen viele Forschungsgelder. Wir bräuchten vielmehr Mittel für den ökologischen Landbau oder um herauszufinden, wie eine wachstumsbefriedete Gesellschaft und Wirtschaft aussehen kann. Es liegt eindeutig zu viel Gewicht auf technologischen denn auf sozialen und kulturellen Veränderungen.

Nach Jahren der Sparpolitik hier in Europa ist das Sympathische an einem New Green Deal ja, dass er überhaupt Investitionen und Mut für die Zukunft verspricht.

In Griechenland etwa Erneuerbare zu fördern, da bin ich ja auch dafür. Grüne Investitionen, die Jobs schaffen, sind nötig, keine Frage. Keine Transformation kommt ohne Nachdenken darüber aus, welche sinnstiftenden und existenzsichernden Aufgaben es für die Menschen gibt. Aber wenn so getan wird, als würde solch eine Ergrünung reichen, um die große Transformation zu schaffen, die wir brauchen, ist das eine Illusion.

Sie schreiben in Ihrem Buch über Umweltpolitik in neoliberalen Zeiten. Wie neoliberal ist denn das Bundesumweltministerium?

Wie das Entwicklungsministerium wird es ja gern als Sprachrohr des globalen Südens und der Umwelt betrachtet, gegenüber den harten Politikfeldern wie Wirtschaft und Finanzen. Ich nehme das Umweltministerium als derartige Lobby am Kabinettstisch nicht mehr so stark wie früher wahr, der Klimaschutzplan ist dafür ein Beispiel, das sehr leise Auftreten beim Abgasskandal ein anderes. Aber es gibt da auch eine globale Entwicklung, die mich stark beunruhigt.

Welche?

Unsere Stiftung hat 33 Büros in der ganzen Welt. Wir erleben, dass viele Schwellen- und Entwicklungsländer auf sehr traditionelle nachholende Industrialisierung setzen und dazu Investitionen fördern. Umwelt- und Sozialstandards werden da als Investitionshemmnisse erachtet. Wir beobachten eher eine Deregulierung dieser Standards als andersherum. Auch die Weltbank hat gerade im August ihre ehemals hohen Standards für Beteiligungsrechte der Bevölkerung sehr stark verwässert.

In Ihrem Buch steht, die Zahl der Tiere auf unserem Planeten habe sich seit 1970 um etwa 52 Prozent verringert.

Ja, aber ob es um den Schutz der biologischen Vielfalt oder den des Klimas geht – immer populärer werden sogenannte Kompensationsgeschäfte: Unternehmen dürfen hier in Deutschland emittieren oder Biodiversität zerstören und das dann anderswo kompensieren, etwa indem Bäume im globalen Süden gepflanzt werden.

Was soll daran falsch sein?

Ein solcher Mechanismus basiert zunächst auf Zerstörung oder Verschmutzung. Dann soll „geheilt“ werden, indem wir an einem anderen Ort vermeintlich Gutes tun. Aber es gibt bereits viele Beispiele dafür, dass dann vor Ort neue Nutzungskonflikte entstehen, wodurch Indigene und Kleinbauern im globalen Süden ihre Lebensgrundlagen verlieren und die Leidtragenden sind. Besonders gravierend ist es bei der biologischen Vielfalt.

Inwiefern?

Biodiversität ist in der Regel sehr ortsgebunden. Hier leben und wachsen bestimmte Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen. Das ist oft einzigartig. Wenn ich es zerstöre, ist es weg. 10.000 sehr alte Eichen, für neue Wohngebiete abgeholzt, mit einer Million junger Bäume anderswo zu verrechnen, das kann nur machen, wer ausschließlich in Äquivalenten denkt und dabei alles andere ausklammert.

Aus Gabun in Zentralafrika ist von einem Gesetz zu lesen, das den Verlust biologischer Vielfalt mit dem Bau einer Schule kompensieren lassen soll.

Ja, das Land besitzt die mithin größten Eisenerzvorkommen der Welt, Berge werden abgetragen, Wälder abgeholzt. Jetzt sollen alle Schätze des Landes – kulturelle, ökologische wie soziale – inventarisiert werden, um sie in einem großen Topf miteinander zu verrühren und so Schäden zu neutralisieren. Das ist der wohl größte Fehler der Grünen Ökonomie: Dinge, die nie ökonomisiert waren, zu messen, zu berechnen, zu ökonomisieren. Die Monetarisierung der Natur.

Was ist die Alternative?

Druck von unten. Debatten über Fragen von Reduktion. Nicht nur technologische Innovationen, sondern auch gerade kulturelle und soziale, wie solidarische Ökonomie oder Postwachstumstheorien.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Ausgabe 39/16 der Wochenzeitung Der Freitag und danach online auf freitag.de.

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