Einführung: Der Ungarn-Aufstand 1956

Demonstration in Budapest, 1956
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Demonstration in Budapest, 1956

Im Oktober 1956 protestierten ungarische Bürgerinnen und Bürger in einem Volksaufstand gegen die repressive Politik der kommunistischen „Partei der Ungarischen Werktätigen“ und gegen die Okkupation des Landes durch die Sowjetarmee.

Die Ungarische Revolution dauerte vom 23. Oktober bis zum 11. November 1956, als die sowjetischen Streitkräfte den letzten bewaffneten Widerstand in der ungarischen Hauptstadt unterdrückten. Die Kämpfe zwischen den Revolutionären und der Sowjetarmee kosteten ungefähr 2.500 Aufständische und 700 Sowjetsoldaten das Leben, weitere rund 20.000 ungarische Zivilisten und 1.500 Sowjetsoldaten wurden verletzt.

Die meisten Opfer hatte Budapest zu beklagen, etwa die Hälfte von ihnen war jünger als 30 Jahre. In der Folge des Aufstands wurden an die 22.000 Menschen von den Gerichten des von Moskau installierten Kádár-Regimes verurteilt. 13.000 von ihnen kamen ins Gefängnis, mindestens 200 wurden hingerichtet. Ungefähr 200.000 Menschen flohen aus Ungarn. [1]

Die Revolution, die Ungarns vorübergehenden Rückzug aus dem Warschauer Pakt zur Folge hatte, stellte die erste größere Bedrohung der sowjetischen Vorherrschaft in Osteuropa in der Nachkriegszeit dar. Trotz seines Scheiterns trug der Volksaufstand maßgeblich dazu bei, dass der Stalinismus auf beiden Seiten des Vorhangs delegitimiert wurde.

Im Osten ebnete der Aufstand den Weg für Widerstände gegen die sowjetische Vorherrschaft, vor allem in der Tschechoslowakei und Polen; diese Ereignisse spielten später eine wichtige Rolle für den Zusammenbruch des Staatssozialismus in der Region im Jahr 1989. Im Westen drängte der Aufstand den Stalinismus in die Defensive und ebnete so einen Weg für die Entstehung links-progressiver Strömungen, die sich nicht mehr an der Sowjetunion orientierten, sondern bewusst auf eine demokratische Gestaltung der westlichen Gesellschaften setzten. Der Aufstand von 1956 spielte außerdem eine wichtige Rolle für den Übergang hin zu einem weniger repressiven politischen System und einem erfolgreicheren Wirtschaftsmodell in Ungarn.

Es gibt keine einheitliche Interpretation für 1956 im heutigen Ungarn. Während konservative Intellektuelle und Politikerinnen und Politiker des rechten Lagers nationale Elemente des Aufstands betonten (und diese als Graswurzel-Revolte gegen die sowjetische Vorherrschaft darstellen), haben Liberale das demokratische Engagement der Revolutionäre hervorgehoben und Linke wiederum das Streben des Volkes nach einer humaneren Form des Sozialismus unterstrichen.

Den Bemühungen von Politikerinnen und Politikern unterschiedlicher Couleur zum Trotz, die von ihnen bevorzugte Lesart in den Vordergrund zu stellen, ist es keiner der politischen Fraktionen bislang gelungen, ihre Deutung dieses vielschichtigen Ereignisses durchzusetzen. Die politischen Interpretationen haben sich verschoben – und verschieben sich weiter – in Verbindung mit der komplexen Dynamik der ungarischen Politik.

Das Hauptziel dieses Dossiers ist es, die offizielle Darstellung (in Form von staatlichen Ritualen und vom Staat herausgegebenen Lehrbüchern) sowie alternative Interpretationen des Aufstandes (von Wissenschaftlern, Zeugen/Teilnehmern des Aufstandes sowie Studenten) kritisch zu untersuchen. Dadurch hoffen wir Lesern und Leserinnen quer durch Europa einen Einblick in den Kampf um historische Erinnerung und Symbole zu gewähren, der in der ungarischen Politik nach 1989 eine so dominante Rolle gespielt hat.

[1] Quelle: 1956 Institute - Oral History Archive

 

Dieser Beitrag ist die Einführung zu unserem Dossier "Der Ungarn-Aufstand 1956 aus heutiger Sicht".