„Wir werden um jeden Hektar kämpfen müssen"

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Kleinbauern in Macondo (Kolumbien) erhalten drei Grundstücke zurückErstmals seit Jahren haben die Kleinbauern und -bäuerinnen in Macondo etwas zu feiern: die Rückgabe von drei Grundstücken. Urheber/in: Knut Henkel. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Eine der größten Hürden auf dem Weg zum Frieden in Kolumbien ist die Rückkehr der Bauern auf ihre Felder. In dem kleinen Dorf Macondo in der Bananenregion Urabá haben nun die ersten ihr Land zurückerhalten - 20 Jahre nach ihrer Vertreibung. Ein Hoffnungsschimmer.

Die bunte Folie am Fensterrahmen des Holzhauses von José María Calle ist schon von weitem zu sehen. In einem dunklen Blau, einem hellen Grün und zwei weiteren Signalfarben schimmert die Kunststoffplane, die in einem lauen Luftzug sanft hin und her pendelt. „Strategien der Großgrundbesitzer, um Land von Kleinbauern zu behalten und zu legalisieren“, steht da in grünen Druckbuchstaben auf Spanisch drauf. „Ich wollte Flagge zeige, und nun können sich alle über die Kniffe der Terratenientes informieren“, erklärt der hagere Bauer mit gedämpfter Stimme. In seinem Vorgarten findet gerade das Treffen der Bauernorganisation „Tierra y Paz“, Land und Frieden, statt.

„Wir haben uns organisiert und unterstützten uns gegenseitig dabei unser Land zurückzubekommen. Schließlich wurde es uns fast zeitgleich weggenommen“, wispert der 73-jährige und weist den Weg in die Küche, um ein paar ruhige Sätze mit dem Besucher zu wechseln.

Großgrundbesitzer, Terratenientes, gibt es in Kolumbiens Bananenanbauregion Urabá viele. In dem schmalen - gegenüber von Panama liegenden - Küstenstreifen dreht sich fast alles um Bananen, Palmöl und Rinder. Rund um die Provinzhauptstadt Apartadó dominiert der Bananenanbau. Doch je weiter man sich südlich orientiert, desto mehr Viehweiden kommen hinzu, bis der Abzweiger nach Macondo auftaucht. Das kleine Dorf ist nur über eine Buckelpiste zu erreichen, die immer dann, wenn die beiden Flüsse Rio León und Barranquillito Hochwasser führen, kaum zu passieren ist.

Hintergrund: Am 2. Oktober 2016 stimmte die kolumbianische Bevölkerung in einem Referendum überraschend gegen das zwischen der Regierung und der Rebellengruppe FARC geschlossene Friedensabkommen, das unter anderem umfangreiche Agrarreformen vorsah.
Nach mehr als einem Monat intensiver Beratungen mit Vertreter/innen des „Nein“ haben die Regierung und die Guerilla am 12. November gemeinsam ein neues, überarbeitetes Abkommen vorgestellt. Nach der Unterzeichnung durch den kolumbianischen Präsidenten und den Kommandanten der FARC am 24. November soll die Ratifizierung diesmal in der folgenden Woche durch den Kongress erfolgen.
Die in dem Abkommen enthaltenen Vereinbarungen spalten die kolumbianische Gesellschaft. Angesichts dieser Polarisierung und der großen Herausforderungen bei der Implementierung – insbesondere bei den Landreformen - bleibt abzuwarten, wie erfolgreich der kolumbianische Friedensprozess in der Praxis sein wird. Für die Präsidentschaftswahlen 2018 wird er eine entscheidende Rolle spielen.

„Wir leben ziemlich abgeschieden, aber es ist ein Paradies. Man muss nur wissen, wie es geht“, erklärt José María Calle mit einem stolzen Lächeln. 39 Hektar Ackerland nennt der sehnige Mann sein Eigen und seit dem 3. September ist daran nicht mehr zu rütteln. Da hat die Behörde für Landrückgabe, Unidad de Restitución de Tierra, ihm ganz offiziell zurückgegeben, was ihm seit 1985 gehört: die 39 Hektar Ackerland mit dem einfachen Farmhaus.

Daraus will er wieder ein Schmuckstück machen. Doch dafür braucht der Mann mit dem markanten Strohhut Kapital, und auf die Entschädigungszahlungen von Seiten des Staates wartet er bereits seit dem August 2015.

„Damals hat mich meine Anwältin aus Medellín angerufen und mir mitgeteilt, dass ich eine Entschädigung erhalten würde. Daraufhin habe ich alle nötigen Papiere versandt, aber nie wieder etwas gehört“, erklärt der fünffache Vater.

Kein Einzelfall, bei den Bauern der Region genießt die Justiz nicht den besten Ruf. „Hier werden die Gesetze nicht befolgt. Dafür bin ich ein gutes Beispiel, denn ich habe seit 1985 einen Landtitel, wurde trotzdem gewaltsam vertrieben und brauchte 20 Jahre, um legal zurückzukehren“, schimpft er und schiebt seinen Strohhut in den Nacken.

Mehr als 150.000 Familien sind betroffen

Am 21. September 1996 hat er seine Farm notgedrungen verlassen: „Die Paramilitärs haben mir per Brief mitgeteilt, dass ich die Region bis zu diesem Zeitpunkt lebend verlassen könne“, erinnert er sich und schüttelt den drahtigen Oberkörper vor Empörung. So wie ihm erging es Dutzenden von Kleinbauern in der Region zwischen Apartadó und dem weiter südlich gelegenen Chigorodó, wo die Bauernorganisation „Tierra y Paz“, zu Deutsch „Land und Frieden“, ihren Arbeitsschwerpunkt hat.

Erstmals seit Jahren haben die Kleinbauern und -bäuerinnen, die Grundnahrungsmittel wie Mais und Bohnen produzieren, aber auch Vieh halten und Bananen anbauen, etwas zu feiern: die Rückgabe von drei Fincas in und um Macondo. Das könnte der Auftakt sein für weitere Landrückgaben in der Region. Urabá gilt als eine der Regionen Kolumbiens, wo prozentual am meisten Land mit Waffengewalt umverteilt wurde, so berichtet die in Medellín ansässiges Stiftung „Forjando Futuros“ und das Instituto Popular de Capacitación (IPC). Deren Recherchen zufolge gibt es in 66 der 143 Gemeinden des Verwaltungsbezirks Antioquia Fälle von Landgrabbing und -vertreibung.

Mehr als 150.000 Familien sind davon betroffen und eine davon ist die Familie Calle. Fünf Jahre lebt José María Calle, mit seiner Frau Esilde Lara und den fünf Kindern in einem Armenviertel in der Hafenstadt Cartagena. Dann kehrte er zum ersten Mal zurück und wurde von der Polizei von seinem Land komplementiert. Erst 2013, beim dritten Anlauf, konnten sie bleiben. Da wurde gegen den Großgrundbesitzer José Vicente Cantero endlich ermittelt, sodass die Polizei diesmal nicht aktiv wurde, um José María Calle und seine Familie von ihrem Grund und Boden zu vertreiben. „Seitdem bauen wir mit einfachen Mitteln wieder an“.

Millionen Hektar in falschen Händen

Das geht vielen Kleinbauern und -bäuerinnen in der näheren Umgebung so. Blanquicet und Nuevo Oriente heißen zwei Dörfer auf dem Weg nach Macondo, wo sich eine ganze Reihe von Rückkehrer/innen angesiedelt hat. Da bestellt auch Carlos Paez, der Direktor der Bauernorganisation „Tierra y Paz“, seine drei Hektar Land. Die hat er sich nach dem Militärdienst gekauft, denn auch seine Familie gehört zu den Vertriebenen:

“Ich bin am 10. Mai 1997 als einer der Letzen vor den Paramilitärs geflohen“, erinnert sich der 40-jährige kräftige Afrokolumbianer, der auf Schritt und Tritt von zwei Bodyguards begleitet wird.

200 Hektar hat seine Familie damals aufgeben müssen und Paez weiß genau, was er mit dem Land anstellen wird, wenn er und seine Brüder es zurückbekommen sollten. „Eine kleine Milchfarm würde ich gern aufbauen“, sagt der Familienvater, der wiederholt Morddrohungen erhielt, weil er sich mit der gewaltsamen Umverteilung des Ackerlandes nicht abfinden will.

Gut nachzuvollziehen. Wenn man mit ansehen muss, wie das fruchtbare Land genutzt wird: Auf den weitläufigen Wiesen um Macondo grasen gerade einmal eine Handvoll Zebu-Rinder.

Im Verwaltungsbezirk Antioquia ist das relativ oft zu beobachten, aber noch häufiger im benachbarten Córdoba, wo sich noch mehr Flächen in den Händen von Großgrundbesitzern konzentrieren als in Antioquia. „Farmen mit mehr als 12.000 Hektar gibt es und Einzelne wie Jaime Uribe haben sogar mehrere davon“, erklärt Paez und verzieht sein Gesicht zu einer Grimasse. In Córdoba befand sich lange die Zentrale der Paramilitärs, von hier zogen Carlos Castaño und Salvador Mancuso, die beiden paramilitärischen Anführer, der eine heute verschwunden, der andere in US-Haft, die Fäden und sorgten zwischen Mitte der 1990er Jahren und 2004 durch Terror, Massaker und unzählige Morde für eine gigantische Landumverteilung.

"Uns fehlt eine Strategie gegen die Paramilitärs"

Auf Rückgabe hat auch die Familie Paez geklagt. Gleich als 2005 die ersten Richter/innen und Staatsanwält/innen aus Bogotá nach Urabá kamen, denn die lokale Justiz hatte schon lange die Arbeit eingestellt. Daran hat sich laut Paez nicht viel geändert. Zwar gibt es seit 2011 das Gesetz 1448 für die Opfer des Bürgerkriegs und die Landrückgabe, aber bisher sind nur sehr geringe Flächen zurückgegeben worden. Auf acht Millionen Hektar schätzt Amnesty International die zwangsenteigneten Flächen, weniger als 200.000 Hektar wurden bisher laut der Behörde für Landrückgabe zurückgegeben und Kolumbien gehört zu den Ländern mit der höchsten Landkonzentration in der Region: In den Händen von 0,4 Prozent der Eigentümer/innen befinden sich 62,6 Prozent der Flächen, während sich 86,3 Prozent der Eigentümer/innen mit 8,8 Prozent der Flächen begnügen müssen.

„Die staatlichen Behörden haben wenig Interesse uns zu helfen. Hier gibt es Kinder von Großgrundbesitzern, die als Anwälte bei der Behörde für Landrückgabe arbeiten“, klagt Paez.

Der Vorwurf der Komplizenschaft zwischen staatlichen Stellen und den Landoligarchen ist nicht neu. Die engen Verbindungen zwischen Paramilitärs, Armee und Parlamentariern sind mit dem Parapolitíca-Skandal, in dessen Zuge ab 2006 rund sechzig Parlamentarier wegen ihrer Verbindungen zu den Paramilitärs verurteilt wurden, hinlänglich bekannt.

Umso erfreulicher sind Gerichtsurteile, wo klagende Kleinbauern und -bäuerinnen Recht erhalten wie im November 2015. In 41 Prozessen wurden ihnen in Urabá rund 2000 Hektar Land zugesprochen, so Leonardo Beltrán Ramírez vom kirchlichen Zentrum für Forschung und Bildung CINEP. Nicht viel angesichts von geschätzt rund 100.000 Hektar zwangsenteigneter Flächen allein in Urabá, aber ein Hoffnungsschimmer, so der Jurist. Er vertritt mehrere Familien aus Macondo bei der Durchsetzung ihrer Landtitel:

„Anders als in anderen Regionen Kolumbiens haben hier viele Bauern Landtitel, weil sie die Flächen erst urban gemacht haben. In den 1980er Jahre erhielten sie die Titel von der Landreformbehörde“, erklärt Beltrán Ramírez.

Doch selbst wenn die Gerichte nach langwierigen Verhandlungen, die sich über Jahre hinziehen, den Klein- oder Mittelbauern und -bäuerinnen Recht geben, heißt das noch lange nicht, dass die auf ihre Parzelle oder ihre Farm zurückkehren können.

„Das Problem ist, dass der Staat nicht für unsere Sicherheit garantiert. Es gibt Fälle, wo es ein Landrecht gibt, es praktisch aber nicht durchsetzbar ist“, erklärt Carlos Paez ein wiederkehrendes Problem.

Die Paramilitärs sind in eigenen Regionen des Landes weiterhin aktiv, so belegen Studien. Gleichwohl spricht der kolumbianische Staat grundsätzlich nur von „kriminellen Banden“ und nimmt das Problem laut dem Direktor der kolumbianischen Juristenkommission, Gustavo Gallón, nicht Ernst: „Uns fehlt eine Strategie gegen die Paramilitärs, deren Zahl auf 4.000-6000 geschätzt wird“, kritisiert er.

Diese Präsenz macht die Rückkehr von Kleinbauern und -bäuerinnen, afrokolumbianischen und indigenen Gemeinden auf ihre Flächen oft überaus schwer, so CINEP-Anwalt Beltrán Ramírez. Das Grundproblem der so überaus schleppenden Landrückgabeprozesse sieht Alirio Uribe Muñoz, Kongressabgeordneter des Polo Democrático Alternativo (Alternativer Demokratischer Pol) jedoch ganz woanders:

„Die Landrückgabe hat viele Feinde. Zwar hat Präsident Juan Manuel Santos 2011 angekündigt mindestens zwei Millionen Hektar Land zurückgeben zu wollen. Fast sechs Jahre später ist aber unstrittig, dass es am politischen Willen fehlt“.

Das wissen auch die Bauern und Bäuerinnen in Macondo, die sich keine großen Illusionen machen: „Wir werden um jeden Hektar kämpfen müssen und um jeden Peso Entschädigung, um unsere Farmen wieder aufzubauen“, meint Carlos Paez am Rande des Treffens in Macondo. Er taxiert die Chancen seiner Familie die 200 Hektar-Farm wiederzubekommen auf 50:50.

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