Inwertsetzung und Monetarisierung von Natur – Nein Danke!

Inwertsetzung und Monetarisierung von Natur – Nein Danke!

Wir brauchen keine „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“, sondern ein klares Nein gegen zerstörerische und ausbeuterische Projekte und Politiken – und eine Repolitisierung der ökologischen Debatte.  Ein Kommentar von Barbara Unmüßig.

Röntgenbild eines FischesÖkossysteme müssen geschützt werden – Urheber/in: Thomas Hawk. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Allerorten sprießen wissenschaftliche Beiträge und politische Initiativen aus dem Boden, werden konkrete Instrumente entwickelt, die eines zum Ziel haben: Leistungen von Ökosystemen und Natur zu errechnen und möglichst für den Markt zu quantifizieren.

Ohne Zweifel bringen Ökosysteme große Leistungen für die Gesellschaft und uns Menschen hervor. Aus der Natur beziehen wir Nahrung, Wasser oder Energie. Ökosysteme regulieren das Klima und speichern Wasser, Bienen bestäuben unsere Pflanzen, Riffe und Mangroven sind die Kinderstuben für Fische und andere Meerestiere. Und schließlich sind Ökosysteme Räume, in denen wir Kraft schöpfen und die uns spirituell erneuern. All das wertzuschätzen, ist ein wichtiger Schritt und eine starke Motivation, die Natur und ihre biologische Vielfalt zu erhalten.

Naturschutz vor Wirtschaftsinteressen

Der wirksamste Ansatz wäre, die Haupttreiber ihrer Zerstörung in Schach zu halten. Dazu braucht es zuallererst politischen Willen, der dem Naturschutz Vorrang vor ökomischen Interessen gibt; Interessen, die dazu führen, dass zum Beispiel Savannen in Sojafelder und Viehweiden verwandelt und tropische Wälder für Palmöl und Hölzer kahlgeschlagen, dass die Meere überfischt und Gewässer verschmutzt werden.

Stattdessen wird die monetäre Inwertsetzung der Leistungen der Ökosysteme zur Hoffnungsträgerin im Biodiversitäts- und Naturschutz. Was die Natur an Dienstleistungen produziert und bereitstellt, soll in Marktpreisen ausgedrückt werden. 16 Billionen Euro im Jahr bringen die Wälder global an Ökosystemleistungen, heißt es. Die Korallenriffe schaffen es immerhin auf 8,6 Bio Euro pro Jahr – all das berechnen Wissenschaftler/innen und Institute.

Hat die Natur nur einen Wert, wenn sie ein Preisschild bekommt?

Dieser Sichtweise liegt die Annahme zugrunde, Natur würde besser geschützt, wenn wir endlich diesen Wert sichtbar machen und als Naturkapital im Bruttoinlandsprodukt abbilden. Das soll auch politische Entscheidungen zum Schutz befördern. Zudem sollen einzelne Leistungen der Natur selbst einen monetären Wert bekommen. 

Nicht nur, dass dieser Ansatz grundsätzliche methodische Probleme hat: Ökosysteme sind komplex, nicht statisch und von vielen Einflüssen abhängig. Wie also sollen der Wert und die Preise der Natur bestimmt werden? Können die Vielfalt und die komplexen Prozesse von Ökosystemen überhaupt in metrischen Skalen und Geldwerten korrekt erfasst werden? Es gibt auch ein Demokratie- und Gerechtigkeitsproblem: Wer legt fest, was einen Preis bekommt und wie hoch er ist? Und wem gehören die Erlöse?

Dennoch hat die Quantifizierung von Ökosystem(dienst)leistungen längst Einzug in die Klima- und Naturschutzpolitik gehalten. Die Bemessung und Bepreisung von Kohlendioxid (CO2) ist Vorreiterin und die geradezu idealtypische Umsetzung der Idee des Naturkapitals. Einzelne ökologische Funktionen wie das Speichern von CO2 durch Wälder, Böden oder Moore werden gemessen, quantifiziert, mit einem Preis versehen und durch CO2-Zertifikate zur handelbaren Ware.

Jedes Ökossystem ist einzigartig

Dabei geschieht folgendes: Über CO2- Berechnungen und Preise werden Kompensationsmaßnahmen für die Zerstörung – hier die Emissionen – organisiert, mit anderen Worten: Ich emittiere oder zerstöre hier und gleiche das an einem anderen Ort aus, zum Beispiel durch Aufforstungsprojekte. Das umweltschädliche Produzieren einer Zementfabrik in Westfalen wäre somit potentiell verrechnen- und handelbar mit der waldschützenden Lebensweise einer indigenen Gemeinschaft im Amazonas.

Diese Verrechnung und Kompensation –  sie wird Offsetting genannt – steht zu Recht in der Kritik. Ökosysteme sind lokal, standortgebunden, oft endemisch. Sie sind nicht vergleichbar, sie sind einzigartig, werden aber über so genannte CO2-Äquivalente vergleichbar gemacht. Das ist kein vielversprechender, sondern ein beunruhigender Trend in der Naturschutzpolitik.

Die Ökosystemleistungen, die Natur gehören uns allen, sie sind öffentliche Güter und werden häufig gerade von lokalen Gemeinschaften als Commons betrachtet. Im Namen des Naturschutzes werden diese öffentlichen Güter jetzt vielerorts in private Märkte mit Eigentümern verwandelt. Dabei werden soziale und politische Konflikte häufig ausgeblendet, die durch unser Wirtschaften entstehen. Die Natur wird zu dem zurechtgestutzt wird, was verwertbar für das Kapital und die Wirtschaft ist.  Und nur das wird geschützt. "The nature that capital can see" –  kritisierte der Umweltökonom Morgan Robertson im Jahr 2004 – auch für ihn der absolute falsche Weg.

Gegen ausbeuterische Projekte und Politik

Statt der Inwertsetzung einzelner ökologischer Leistungen brauchen wir eine echte Wertschätzung unserer Natur. Wir brauchen keine „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“, sondern ein klares Nein gegen zerstörerische und ausbeuterische Projekte und Politiken – und eine Repolitisierung der ökologischen Debatte.

Die komplexen Ökosysteme, deren Teil wir sind und unsere Lebensgrundlagen liefern, müssen durch gemeinwohlorientierte politische und regulatorische Maßnahmen geschützt werden.

Dieser Kommentar erschien soeben in unserem Magazin Böll.Thema "Biologische Vielfalt".

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Gast

Die "Monetarisierung" ist momentan die beste Lösung (Geld zieht immer). Ich vermisse einen Gegenvorschlag der Autorin.