Eine Totenrede auf meinen Bruder: „Das ist aus unseren Leben geworden“

Eine Totenrede auf meinen Bruder: „Das ist aus unseren Leben geworden“

Vorbemerkung der Redaktion: Der folgende Artikel ist ein sehr persönlicher Beitrag von Haid Haid, unserem ehemaligen Kollegen aus dem Büro Beirut der Heinrich-Böll-Stiftung.

Ich werfe mich aufs Sofa. Mein ganzer Körper zittert unkontrollierbar. Ich schließe die Augen – ein verzweifelter Versuch, die Spannung in mir zu lösen. Ein Gefühl der Ohnmacht überwältigt mich, und ich versuche erst gar nicht, ihm zu widerstehen; ich lasse meine Stimme aufheulen. Gibt man dem nach, stellt sich meist ein seltsames Gefühl ein von Geborgenheit. Erst Stunden später kann ich mich wieder bewegen. Ich zerstreue meinen Schmerz und lese eine Nachricht meiner Schwester, in der sie mir mitteilt, ich könne nun bei ihr anrufen. Ich weiß, ich werde nicht sprechen können; dennoch nehme ich das Telefon und wähle. Wieder weine ich – es ist das erste Mal seit über zwei Jahrzehnten, dass ich diese eigenartigen Geräusche mache. Die Stimme meiner Mutter nimmt mir die Fähigkeit, mich mit Worten auszudrücken. „Weine nicht,“ tröstet mich meine Mutter mit Worten, die ich nicht höre, denn mein Schluchzen überdeckt sie. Nach mehreren Anläufen gelingt es mir, das Gespräch zu beenden. „Reden wir später. Jetzt kann ich nicht reden.“ Ich versuche mich wieder zu flüchten, indem ich meine Augen schließe. Nach einigen Minuten gelingt es, und ich zittere nicht mehr, nicht für den Augenblick.

Der Wecker klingelt morgens um acht Uhr dreißig. Ich nehme mein Telefon, schalte es stumm, ganz wie gewohnt. Träge schaue ich auf das Display. Jemand, den ich nicht wirklich gut kenne, hat mir eine Nachricht geschickt: „Mein herzliches Beileid. Möge die Seele deines Bruders Ahmad in Frieden ruhen.“ Meine Brust hebt sich, senkt sich in rascher Folge. Ich lese die Nachricht noch einmal. Ich kann nicht glauben, was ich lese. Mit zittrigen Händen tippe ich den Namen meines Bruders in mein Telefon, um für diese Nachricht eine Bestätigung zu finden. Mehrere Leute haben die Nachricht auf ihrer Facebook-Seite, daneben ein Foto meines Bruders; er lächelt. Mein Bruder ist tot.

Für gewöhnlich versuche ich zu schlafen, oder ich schließe die Augen, um einer Depression zu entkommen oder der Trauer oder, wie jetzt, dem Tod. Man sagt, Weinen hilft einzuschlafen. Unsere Nachbarin schlug ihre Kinder, damit die besser schliefen. Ich habe viel geweint, aber ich konnte nicht schlafen. Vielleicht hat die Nachbarskinder die Angst einschlafen lassen, die Mutter werde sie weiter schlagen. Ich sollte die Angst suchen, dann könnte ich schlafen.

Ich sehe mir einige Bilder an, die meine Schwester geschickt hat. Die Augen meines Bruders sind geschlossen. In seinem Gesicht sind deutlich die Granatsplitter zu erkennen. Auf seiner rechten Wange sehe ich eine größere Wunde. Vielleicht hat sie ein größerer Granatsplitter verursacht. Ich weiß nicht, ob der Splitter noch in ihm steckt. Seine Lippen sind blau, obwohl er erst seit einigen Stunden tot ist. Ich weiß zu wenig über den Tod – ich weiß nicht, warum seine Lippen blau angelaufen sind.

„Sofort, als ich den Krankenwagen hörte“, sagte meine Mutter am Telefon, „wusste ich tief in meinem Herzen, das war Ahmad. Ich bin neben ihn hingetreten und habe meine Wange auf seine Wange gelegt. Oh, meine Augen! Sein ganzer Körper war voller Granatsplitter. Aber die anderen habe ich das nicht sehen lassen.“ Später sagte mir meine Mutter, eine Artilleriegranate oder vielleicht ein Panzer habe ihn getötet. Ich versuche, mir den Vorgang vorzustellen, um zu begreifen, welche Trauer alle Mitglieder meiner Familie erfasst haben muss, besonders meine Mutter, meinen Vater, die Frau meines Bruders. Wie den Tod, kann man sich Trauer vorstellen; ermessen kann man sie nicht.

Ich suche auf meinem Telefon andere Bilder meines Bruders. Viele finde ich nicht. Ich speichere Fotos meist nicht ab. Ich finde ein sehr kurzes Video, das mir mein Bruder vor seinem Tod geschickt hatte. Es zeigt ihn und seine Tochter Zeina, nicht älter als vier Jahre, wie sie spielen, wer von ihnen eine Süßigkeit am schnellsten verputzen kann. Mein Bruder gewinnt bei diesem Spiel. Er lacht und sagt zu seiner Tochter, bekomme ich einen Kuss, da rechts? Dann dreht er ihr die linke Wange hin und sagt, da auch. Ich spiele das Video ein zweites Mal ab. Ich will meinen Bruder lachen hören. Lieber lache ich mit meinem Bruder, als um ihn zu weinen. Aber die Trauer, so scheint es, ist wie das Böse, und meist gewinnt sie.

Mein Bruder und ich ähneln uns – wir sind keine Plauderer. In den vergangenen Jahren, bei meinen gelegentlichen Besuchen in Syrien, lernte ich aber auch andere Seiten von ihm kennen. Einmal, erinnere ich mich, geriet er in einen Hinterhalt der Armee, einer ganzen Kolonne, und er schoss auf den Panzer an der Spitze der Kolonne. Der Panzer erwiderte das Feuer und zielte nun in seine Richtung. Das Geschoss verfehlte ihn zum Glück, und es wirbelte nur viel Staub auf. Kurz darauf bemerkte er, dass der Panzer nicht allein war, dass er die Spitze einer Kolonne bildete von Panzern und Panzerwagen. Er griff nach seinem Maschinengewehr und eröffnete das Feuer auf sie. Glücklicherweise scherte die Kolonne sich nicht um einen einzelnen Verrückten, der versuchte, mit Gewehrkugeln ihre gepanzerten Fahrzeuge zu durchsieben. Ich weiß nicht viel über Waffen, außer dass sie den Tod bringen, aber ich freute mich, dass mein Bruder an diesem Tag überlebte.

Für längere Zeit zog sich mein Bruder von den Kämpfen zurück, da er von den bewaffneten Gruppen der Opposition enttäuscht war. Dennoch, jedes Mal wenn es nötig war, kämpfte er gemeinsam mit einer Gruppe von Freunden. Seine letzte Schlacht war „die große Schlacht um Aleppo“, in der der Belagerungsring um die Stadt, in der meine Schwester lebt, durchbrochen werden sollte. Mein anderer Bruder tröstete mich. Er sagte, Ahmad sei so gestorben, wie er es selbst gewollt habe – im Kampf für seinen Traum. Er sagte, das sei ein geringeres Leid, ein größerer Trost, als wenn er durch eine Faßbombe ums Leben gekommen wäre, zuhause auf dem Sofa. Mein Bruder ist gestorben, weil er Träume hatte. Wie einen Kehrreim wiederholte ich diese Zeile, hunderte Male, in Gedanken. Nur ändert der Tod, ändern Träumer nichts daran, wie wirklich, wie groß der Schmerz ist. Tod und Schmerz scheren sich nicht um Logik.

Im Laufe der letzten Jahre kamen viele Anrufe, die mir berichteten, mein Cousin sei entführt worden, über drei Jahre ist das her, und andere Anrufe, in denen mir mitgeteilt wurde, mein Bruder sei tot, der jüngste Sohn meiner Schwester, dem ich nie begegnet bin, sei tot, viele Freunde und Verwandte seien tot. Deshalb überkommt mich jedes Mal, wenn meine Familie sich unvermittelt bei mir meldet, ein gewisses Maß an Furcht, so lange, bis ich erfahre, weshalb sie mich anrufen. Diese Beklemmung schwindet nicht im Lauf der Zeit, wird nicht geringer, je öfter sie auftritt. Wie an den Tod kann man sich an diese Beklemmung nicht gewöhnen.

Manchmal werde ich gefragt, wie ich das empfinde, die Gefahr, in der meine Familie lebt, in Teilen Aleppos, die nicht unter Kontrolle der Regierung stehen. Systematisch beschießt das Regime Zivilisten, die in diesen Gebieten leben, mit jeder Art von Waffe, die ihm zur Verfügung steht, wodurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Familienangehörige, dass meine gesamte Familie augenblicklich stirbt. Für gewöhnlich schweige ich dann eine Weile, und dann sage ich, die Lage macht mir Angst. Es gibt keine Antworten, mit denen ich die Gefühle ausdrücken kann, die ich habe, während ich darauf warte, dass die Todesstrafe, die über meine Familie verhängt ist, ausgeführt wird – ohne dass ich im Einzelnen wüsste, wann und wie. Die Todesursache kenne ich nicht, nicht wer sterben wird, nicht wie viele. Ich weiß nur, jedes Mal, wenn ich mit meiner Familie spreche, könnte dies das letzte Mal gewesen sein. Es ist nicht möglich, diesen Umstand hinzunehmen; es ist nicht möglich, sich diesem Umstand zu verweigern. So leben wir heute.

Haid Haid ist Syrer. Er schreibt Kolumnen, forscht und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Londoner Thinktank Chatham House, wo er sich mit Sicherheitspolitik, Konfliktforschung sowie kurdischen und islamistischen Bewegungen auseinandersetzt. Er twittert unter @HaidHaid22

Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Herrmann.

 

Verwandte Inhalte

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben