Myanmars religiöse und ethnische Konflikte: kein Ende in Sicht

Myanmars religiöse und ethnische Konflikte: kein Ende in Sicht

Hintergrundbericht (Archiv)

Vor dem Hintergrund anhaltender ethnischer Spannungen begannen  am 24. Mai in Myanmar die zweite Runde der Friedenskonferenz von burmesischer Regierung, Armee (Tatmadaw) und ethnischen Minderheiten. Der Konflikt zwischen der moslemischen Rohingya Minderheit und buddhistischen Rakhine im Nordwesten sowie eskalierende bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Tatmadaw und ethnischen bewaffneten Organisationen im Norden und Nordosten Myanmars belasten das politische Binnenklima und das Verhältnis von Aung San Suu Kyi zur internationalen Gemeinschaft. Und sie werfen einen Schatten auf die demokratische Transition im seit Jahrzehnten von Konflikten zerrütteten Land.

Karen National Union Army (KNU) on security duty, 2015 an der Grenze von Myanmar zu Thailand. Urheber/in: Hong Sar. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die großen Hoffnungen nach dem überwältigen Wahlsieg der National League for Democracy (NLD) von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi (ASSK) in November 2015 scheinen unerreichbar. Es macht sich zunehmend Skepsis breit, ob die „Lady“ in der Lage ist, das seit Jahrzehnten von Konflikten zerrüttete Land befrieden zu können. Seit August 2016 sind vor allem im Norden und Osten des Landes die alten Konflikte mit neuer Vehemenz ausgebrochen. Was steckt hinter diesen Neuauflagen der ethnischen Spannungen und bewaffneten Auseinandersetzungen?

Die Rohingya-Tragödie

Der ethno-religiöse Konflikt zwischen der buddhistischen Mehrheitsethnie und der moslemischen Minderheit der Rohingya im Rakhine Staat im Nordwesten Myanmars, auch Arakan genannt, hat sich 2016 zugespitzt und vergiftet das politische Klima. Nachdem im Oktober neun Polizisten einer Grenzstation zu Bangladesch ermordet wurden (laut Angaben der Regierung von „islamistischen Terroristen“[1]), kam es zu Vergeltungsmaßnahmen, in deren Zuge nach Medienberichten rd. 130 Menschen starben[2]. Laut Human Rights Watch, das sich auf die Analyse von Satellitenbildern beruft, wurden ca. 1.500 Gebäude niedergebrannt[3]. Die UN zählen über 70.000 staatenlose Rohingya, die aufgrund der Kämpfe nach Bangladesch geflohen sind und dort nun festsitzen[4]. Nachforschungen der UN weisen darauf hin, dass Gräueltaten auf Seiten der Myanmarischen Kräfte wahllose Morde, auch von Kindern, erzwungenes Verschwinden, Gruppenvergewaltigungen und andere Formen von sexueller Gewalt, Folter sowie die Zerstörung von Besitz, auch Nahrungsmitteln, beinhalten.[5] Diese Verbrechen werden zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit gezählt.[6]

Solche Vorwürfe gegen die Sicherheitsapparate wurden von Seite der Regierung heftig bestritten und als Propaganda abgetan.[7] Kurz vor Weihnachten hat die Regierung eine Gruppe lokaler Journalistinnen und Journalisten für drei Tage in die Region gelassen, die jedoch ein vom Informationsministerium und den Sicherheitsorganen geführtes Programm vorgesetzt bekamen[8] – eine wirklich unabhängige Berichterstattung gab es bislang nicht. Die Regierung hat eine Untersuchungskommission eingesetzt, allerdings unter dem Vorsitz des vom Militär berufenen Vizepräsidenten Myint Swe, Generalleutnant, früherer Chef des Militärgeheimdienstes und ehemaliger Chief Minister von Yangon[9].

Ein wesentliches Problem ist, dass bislang nichts unabhängig untersucht und bestätigt werden konnte, u.a. weil weder birmanische noch ausländische Beobachter/innen für eine unabhängige Berichterstattung in die Region vorgelassen werden. Die UN Menschenrechtsbeauftragte für Myanmar, Yanghee Lee, sparte im Bericht zu ihrer Myanmar-Mission vom Januar 2017 nicht an Kritik.[10] Sie zweifelte u.a. die Glaubwürdigkeit der Regierungslinie an, dass die Rohingya ihre Häuser selbst niedergebrannt hätten, um von der internationalen Gemeinschaft neue gebaut zu bekommen: „I find it quite incredible that these desperate people burn down their own houses … to be without home, potentially displaced, for more than five years like those in Sittwe, just to give the Government a bad name.“[11] Während im Internet kursierende Handyvideos, in denen Polizisten moslemische Dorfbewohner zusammenferchen und misshandeln, von der Regierung als singulärer Fall dargestellt werden, misstraut Lee dieser Aussage. Für sie sei dies einen Hinweis auf die Möglichkeit, dass diese Art Behandlung übliche Praxis sein könnte.[12] Sie stellt der Regierung ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: „The government’s response to all of these problems seems to currently be to defend, dismiss and deny.”[13]

Noch dramatischer klingen Passagen in Lees End of Mission Report der Reise, die sie im Februar auf die andere Seite der Grenze nach Bangladesch unternahm. Dort traf Lee auf Rohingya Flüchtlinge: „The magnitude of violence that these families witnessed and experienced was far more extensive than I had originally speculated.”[14] Sie beschreibt schlimmste Menschenrechtsverletzungen und Gräueltaten, die ihr von den Flüchtlingen berichtet wurden. Diese Taten konnten bislang nicht von unabhängiger Quelle und vor Ort bestätigt werden; für die Regierung ist dies größtenteils Propaganda der Rohingya und Lee wird Einseitigkeit vorgeworfen – ein Vorwurf den sie selbst vor dem UN Menschenrechtsrat von sich gewiesen hat. Die Aussagen decken sich hingegen mit einer Reihe Berichte, die zivilgesellschaftliche Organisationen von Flüchtlingen in Bangladesch aufnahmen.[15]

Ein kürzlich geplanter Ausflug für die Presse zeigt die komplexen Realitäten in Rakhine, die weiter zur Schwierigkeit beitragen, akkurate Informationen zu erhalten und einzuordnen. Anwohner/innen griffen zu Selbstzensur oder machten aus Angst vor Vergeltungsschlägen, nicht nur vom Militär, sondern auch von militanten Gruppen der Gegend, falsche Angaben.[16] Diese Angst ist nicht unbegründet; während des Besuchs berichteten Medien vom Mord an einem Bewohner, der Informationen bezüglich militanter Aktionen weitergab.[17] Die Sicherheit der Menschen in Rakhine, die Informationen weitergeben, muss gewährleistet werden, damit Untersuchungen zu Menschenrechtsverletzungen, sowohl von Seitens des Militärs als auch der Milizen, unabhängig sein können.

Das Verhältnis zwischen Regierung und internationaler Gemeinschaft steht in der Rakhine-Frage insgesamt nicht zum Besten. ASSK hatte als eine der ersten Amtshandlungen eine internationale Beraterkommission zu Rakhine unter Vorsitz von Kofi Annan eingeführt, die Lösungswege aus diesem Konflikt aufzeigen soll. Dies wurde allgemein als ein positives Zeichen wahrgenommen. Jedoch stieß die Kommission bislang auf starke Widerstände der buddhistischen Mehrheitsethnie in Rakhine (den „Arakan“), die sich eine solche Einmischung von außen verbittet.[18] Hingegen hat ASSK die internationale Gemeinschaft früh vor den Kopf gestoßen, als sie den amerikanischen Botschafter (und damit alle internationalen Akteure) dazu aufrief, nicht mehr den Begriff Rohingya zu benutzen.[19]

Eine kurze Kontextualisierung [20]

Im Mai 2015 etzte ein Politiker die Massen bei einer öffentlichen Kundgebung zu Ausrufen wie „tötet und vergrabt“ alle Rohingyas auf: Eine Aussage, der applaudiert und die von den Massen wiederholt wurde[21]. Diese Gefühlsregungen und offene Diskriminierung gegenüber der Rohingya beruht auf einer langen Geschichte von ethno-religiöse Spannungen und Gewalt in Rakhine. Während des Zweiten Weltkriegs war Rakhine eine Frontlinie, an der die moslemischen Rohingya mit den Britischen Kräften kämpften, während die Buddhisten aus Seiten der japanischen Kräfte standen. Somit attackierten sich moslemische und buddhistische Kräfte und verursachten zwischen 1942 und 1943 Massaker auf beiden Seiten.[22] Ebenso kam es im Zuge der Rückeroberung Burmas von Japan durch die britische Kolonialmacht zu Gewalttaten und Zerstörungen von Dörfern und Pagoden der Arakan sowie Zerstörung von Buddhistischen Klöstern, durch die Rohingya.[23]

Nach der Unabhängigkeit priorisierte die Regierung Myanmars die buddhistische vor der moslemischen Bevölkerung in Rakhine. Obwohl die Regierung in den 50er Jahren die Moslems und Musliminnen in Rakhine immer mehr als Menschen Birmas akzeptierte, waren darauffolgende Regierungen nicht bereit, sie als anzuerkennen.[24] So etablierte sich eine Unabhängigkeitsbewegung, die für einen autonomen moslemischen Staat eintrat.[25]

Der ehemalige Diktator Ne Win startete im Jahr 1978 eine Operation, um illegale Migrant/innen und Flüchtlinge aus dem Land zu werfen. Schätzungsweise 200.000 Menschen flohen im März jenes Jahres über die Grenze nach Bangladesch.[26] Auch die Rohingya flohen unter der Angst, als illegale Migrant/innen klassifiziert zu werden.[27] Auch wenn die meisten in der folgenden Zeit wieder in Myanmar eingebürgert wurden, nach dem das „1978 Repatriation Agreement“ zwischen Myanmar und Bangladesch unterschrieben wurde, setzte sich der Exodus nach Bangladesch fort, nach dem 1982 das Staatsbürgerrecht adaptiert wurde und 1991 militärische Aktionen vermehrt auftraten. Es wird geschätzt, dass ca. 250.000 Rohingyas bis Anfang 1992 nach Bangladesch geflohen waren, wovon 200.00 wiederum repatriiert wurden, nachdem ein zweites Repatriation Agreement zwischen Myanmar und Bangladesch unter internationaler Vermittlung unterzeichnet wurde.[28]

Den Rohingya zufolge nutzte Ne Win eine „Teile und herrsche“-Strategie, in der er buddhistische und moslemische Kräfte in Rakhine gegeneinander ausspielte, um Autonomiebestrebungen kleinzuhalten.[29] Die Zurückweisung des moslemischen Vorschlags für einen autonomen Staat und die darauffolgende Leugnung ihrer Staatsbürgerschaft verursachten Aufstände, denen mit militärischen Offensiven begegnet wurden. Dies intensivierte umso mehr die Befreiungsbewegung in Arakan und bestärkte Spannungen zwischen moslemischen und buddhistischen Bevölkerungsgruppen. Ethnische und religiöse Spannungen führten 2012 zu Gewaltausbrüchen, nachdem eine Arakanin vergewaltigt worden war – Berichten zu Folge von moslemischen Männern.[30] Die daraus resultierenden Zusammenstöße fanden ihren tragischen Höhepunkt im Tod von 200 Menschen und in der Vertreibung von 140.00 Personen, die meisten davon moslemisch.[31] Diese Gewalt steigerte anti-moslemische Stimmungen und „Buddhistische nationalistische Hasssprache“ verbreitete die Gewalt gegen Muslime im Land.[32]

Für die Arakan und den weit überwiegenden Teil der buddhistischen Mehrheit Myanmars sind die Rohingya schlicht keine Burmesen. Sie werden als „Bengali“ bezeichnet, um klarzustellen, dass es sich um postkoloniale Einwanderer aus dem benachbarten Bangladesch handelt, insbesondere aus der Zeit nach dem bengalischen Unabhängigkeitskrieg von 1971. Eine Urangst der Arakan um Verlust der „buddhistischen Leitkultur“ durch demographische Faktoren ist ein Grund des Konflikts, ökonomische Faktoren und der Kampf um Ressourcen spielen aber sicherlich eine Rolle. Obwohl der Terminus „Rohingya“ sich erst in dern 50er Jahren verbreitete,[33] sehen die Rohigya selbst den Ursprung des Begriffs „Rohingya“ und damit ihrer Ethnie in Rakhine (früher Arakan) bereits im 14. Jahrhundert, spätestens jedoch zu Ende des 18. Jahrhunderts.[34] Der moslemische Einfluss auf die Region reicht bis weit vor das 18. Jahrhundert zurück und es zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es bereits einen signifikanten Anteil Moslems. Die eigentliche Tragödie begann für die Rohingya jedoch erst zu Mitte des letzten Jahrhunderts in Form eines schleichenden Entzugs der Staatsangehörigkeit und der dazugehörigen Rechte.

Angehörige der moslemischen Minderheit in Rakhine wurden nach der Unabhängigkeit Burmas mit National Registration Cards (NRC) ausgestattet. Später wurden die NRC jedoch mit dem Vermerk versehen: „Holding this certificate shall not be considered as a conclusive proof as of to citizenship“. Ab den 1970er Jahren wurden dann keine NRC mehr an Rohingya ausgegeben und alte NRC zudem einkassiert.[35] Das Gesetz zu Nationalität von 1982, das mehrfach von der UN kritisiert wurde,[36] brachte mit sich, dass Menschen in Birma sich neu um die Staatsbürgerschaft bewerben mussten. Das Staatsbürgergesetz von 1982, das zur Einführung von farbkodierten Staatsbürgerausweisen führte, unterschied zwischen Staatsbürgern (rosa Karte), assoziierten Staatsbürgern (blaue Karte) und Eingebürgerten (grüne Karte); Ausländer/innen mit Wohnsitz in Birma erhielten weiße Ausweise.

Um einen pinken Ausweis zu erhalten, musste der Stammbaum bis vor 1823 nachgewiesen werden, für Ahnen nach 1823 gab es einen blauen Ausweis, so lange man sich auch unter dem Staatsbürgergesetz von 1948 qualifizierte; und für den grünen Ausweis mussten Vorfahren schon vor 1948 in Birma gelebt haben. Die schwere Last des Nachweises dessen könnte erklären, warum der Arakanstaat bis 1992 die höchste Anzahl an abgelehnten Anträgen vorwies.[37] 1995 wurde den Rohingya auf Druck des UNHCR weiße Ausweise gegeben, so genannte „Temporäre Registrierungsausweise“. Nichts desto trotz, beinhalten diese keine Staatsbürgerrechte und somit wurden die Rohingya effektiv von Rechten der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen und  ausgebürgert. Auf Grundlage dieses Gesetzes war es den Rohingya nicht länger möglich, sich für pinke Ausweise und damit volle Staatsbürgerrechte zu bewerben – damit war die Basis geschaffen, die moslemische Minderheit von Bürger/innen zweiter Klasse zu Staatenlosen zu degradieren.[38]

Im Osten nichts Neues: ethnischer Konflikt

Das zweite Drama spielt sich aktuell im Kachin State im Norden Myanmars sowie im nördlichen Shan State in Myanmars Osten ab. ASSK hatte kurz nach Übernahme der Regierungsgeschäfte das Aushandeln eines dauerhaften Friedens zur obersten Priorität erklärt. Sie versprach auch, dass der Friedensprozess das Land in die Lage versetze, eine föderale und demokratische Union aufzubauen[39]. Im August 2016 lud sie die Ethnic Armed Organizations (EAO) und deren politischen Vertreter/innen zu einer ersten Friedenskonferenz ein. Wichtige Gruppen wurden jedoch auf Druck des Militärs (Tatmadaw) nicht inkludiert. In den Monaten nach der Konferenz kam es insbesondere im Kachin State und im Norden des Shan State erneut zu heftigen Kämpfen zwischen Armee und EAO. Die Frage der Nutzung natürlicher Ressourcen in den ethnischen Gebieten ist ein wichtiger Teilaspekt der Konflikte.

Die Intensität der Kämpfe zwischen Tatmadaw und EAO hat zuletzt deutlich zugenommen und war so heftig wie seit Jahren nicht mehr. So eskalierte beispielsweise die Spannung im Kachin State zwischen der KIO (Kachin Independent Organization) und Tatmadaw im August letzten Jahres nach Angriffen seitens der KIO auf einen Polizeikonvoi entlang des Moekaung-Hpakant Highways[40]. Die seitdem anhaltenden Angriffe und Gegenangriffe der beiden Parteien in der Region führen zu tausenden von Menschen “[being] stranded in no man’s land on the Myanmar-China border, trapped by fighting between the ethnic armed groups and the Tatmadaw on one side, and barred from seeking refuge on the other [(China)][41]. Gerade für die zahlreichen IDPs ist die Lage kritisch, denn der Zugang zu Nothilfe bleibt weit hinter den Grundbedürfnissen zurück, während die Kämpfe weitergehen und immer mehr Menschen ihre momentanen Unterkünfte verlassen müssen.[42];

Auch in Kokang, der Grenzregion zu China im nördlichen Shan State, kam es erst kürzlich zu einem Wideraufflammen der Konflikte. Anfang März kam es in Folge eines Angriffs auf Sicherheitskräfte zu heftigen Kämpfen zwischen Tatmadaw und der Myanmar National Democratic Alliance Army (MNDAA)[43]. Tausende Zivilistinnen und Zivilisten, welche in Folge der Gefechte fliehen mussten, summieren sich nun zu den geschätzten 27.000 „forgotten refugees[44] vorhergegangener Kämpfe auf.

Derweil geht die Tatmadaw insbesondere gegen die sogenannte Nordallianz vor, die vor allem von der KIO angeführt wird.[45] UN Menschenrechtsbeauftragte für Myanmar Lee sprach von einer extrem besorgniserregenden Situation und dass „die Situation [in Kachin] nun schlimmer als seit Jahren“ sei.[46] Ihr selbst sei „aus Sicherheitsgründen“ die Reise in die Abbauregion von Jade (Hpakant) verweigert worden. Und der UN und anderen internationalen Organisationen werde systematisch der Zugang zu rd. 40.000 Binnenflüchtigen in der Region verweigert und damit deren Versorgung mit lebensnotwendigen Hilfsgütern.

Der Weg zum Frieden

Der Friedensprozess in Myanmar wurde von Verhandlungen zwischen der Armee Myanmars (der Tatmadaw), der Regierung und verschieden ethnischen bewaffneten Gruppen (EAOs) charakterisiert. Obwohl die Unterzeichnung des Nationalen Waffenstillstandabkommens (NCA) 2015 einen Fortschritt im Friedensprozess signalisierte, passierte danach nicht viel. Unser Interview mit Dr. Sai Oo vom Pyiadaungsu Institut in Yangon zeigt, dass der Weg zum Frieden kein leichter wird. Einige bewaffneten Gruppen, vor allem Mitglieder des Federal Council der Vereinten Nationen, haben das NCA nicht unterschrieben. Manche, die Arakan Armee, Ta´ang Nationale Befreiungsfront, und die Myanmar Nationale Demokratische Allianz, wurden vom Friedensprozess ausgeschlossen. Tatmadaw und Regierung sind über den weiteren Friedensprozess gespalten. Die ersteren versuchen weiter, bewaffnete Organisationen militärisch zu stellen, so dass sich schwere Kämpfe fortsetzen. Wie Sai Oo anmerkt, hat die Tatmadaw möglicherweise das Ziel, ihre strategische Position zu sichern, militärisch wie politisch. EAOs sind auch entschlossen, eine strategische Position am Verhandlungstisch zu gewinnen.

Es gibt eine generelle Übereinstimmung zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, dass der Erfolg von Friedenherstellungsinstrumenten wie Mediation an den Kosten für den Konflikt der beteiligten Parteien hängt.[47] Am erfolgreichsten wird er, wenn die Parteien kein Lösung mehr durch Gewalt sehen und/oder die Kosten davon nicht tragbar sind. Momentan scheint die Situation eines schmerzvollen Stillstands noch nicht erreicht zu sein, da die Tatmadaw und die EAO weiter an ihren starken Positionen festhalten. Um Frieden zu erreichen müssen beide Seiten gewillt sein, von ihrem Status Quo abzuweichen und wirklich eine Lösung zu verhandeln.

ASSK hatte eigentlich für Ende Februar den zweiten Teil der Friedenskonferenz beabsichtigt, die jedoch nun auf unbestimmte Zeit vertagt wurde. Der Friedensprozess scheint tot, die ethnischen Minderheiten sind weitgehend desillusioniert und machen Tatmadaw und ASSK große Vorwürfe, obwohl die nächste Runde der Konferenz im Mai 2017 stattfinden soll.. Die „Lady“ selbst schweigt größtenteils. Eine Lesart ist, dass sie gute Miene zum bösen Spiel macht, weil sie kaum öffentlich eingestehen kann, dass die Tatmadaw ein Eigenleben führt. Es ist unklar, wie viele Freiheitsgrade sie tatsächlich hat, auf die Situation Einfluss zu nehmen. Möglich ist aber auch, dass es stillschweigende Übereinkünfte oder sogar Unterstützung der harten Linie der Tatmadaw von ihrer Seite gibt.

Für die Tatmadaw ist die Situation hingegen ideal: sie kann sich erneut im Volk als die Verteidigerin der nationalen Einheit und Stabilitätsanker profilieren. Ein köcheln des Konflikts auf kleiner bis mittlerer Flamme spielt der Tatmadaw durchaus in die Hände.

Mirco Kreibich ist Biologe und Umweltökonom. Bevor er 2015 die Leitung des Myanmar Büros der hbs übernahm arbeitete er 15 Jahre für die Bundesregierung (BMZ) und die Weltbank, u.a. in Afghanistan, Peru und Mali.

Johanna Goetz hat in Leipzig und Yogjakarta (Indonesien) Geographie studiert undabsolviert derzeit einen M.Sc. in Geographie an der Universität Bonn. Zwischen Januar und April 2017 arbeitete sie als Praktikantin im Büro der hbs in Yangon.

Alice Muthoni Murage hat in Maseno (Kenya) International Relations studiert und in Erfurt einen Masters in Public Policy and Conflict Analysis absolviert. Seit April 2017 arbeitet sie als Praktikantin in Büro der hbs in Yangon.

 

[1] RFA (2016): Myanmar Says Islamic Terrorist Organization Behind Deadly Border Raids in Rakhine State http://www.rfa.org/english/news/myanmar/myanmar-says-islamic-terrorist-organization-behind-deadly-border-raids-in-rakhine-state-10142016164041.html

[2] BBC News: Hundreds of Rohingya try to escape Myanmar crackdown. 16. November 2016, http://www.bbc.com/news/world-asia-38008151

[3] Human Rights Watch (2016): Burma: Military Burned Villages in Rakhine State. Witnesses and Satellite Imagery Reveal Pattern of Burnings. https://www.hrw.org/news/2016/12/13/burma-military-burned-villages-rakhi...

[4] Tan, V. (UNHCR) (2017): UNHCR seeks equal treatment for all Rohingya in Bangladesh. http://www.unhcr.org/news/latest/2017/3/58cfac434/unhcr-seeks-equal-trea...

[5] See, OHCHR (2017): Report of OHCHR mission to Bangladesh. Interviews with Rohingyas fleeing from Myanmar since 9 October 2016. Flash Report

[6] United Nations, General Assembly. Written statement submitted by the Organization for Defending Victims of Violence, a non-governmental organization in special consultative status. A/HRC/34/NGO/126 (20 February 2017) Retrieved from https://documents-dds-ny.un.org/doc/UNDOC/GEN/G17/035/84/PDF/G1703584.pdf?OpenElement

[7] Siehe z.B.: Independent, 4. Januar 2017: Burmese government denies ongoing genocide of Rohingya Muslims; http://www.independent.co.uk/news/world/asia/burma-government-rohingya-m...

[9] Vergleichbar Ministerpräsident/in eines deutschen Bundeslandes

[10] Die Berichte und andere Dokumente sind unter folgender URL zu finden: http://www.ohchr.org/en/NewsEvents/Pages/NewsSearch.aspx?MID=SR_Myanmar

[11] End of Mission Statement vom 20. Januar 2017

[12] Ibid.

[13] Ibid.

[14] End of Mission Statement vom 24. Februar 2017

[15] Siehe z.B.: Amnesty International (2016): Bangladesh pushes back Rohingya refugees amid collective punishment in Myanmar.

[16] Frontier Myanmar. 4 May 2017. Maungdaw: Violence and Fear. Vol. 2, Issue 45, pp. 14-19.

[17] Ibid.

[20] Bitte Beachten Sie, dass dies keine vollständige Darstellung des komplexen Kontext ist und die Geschichtsschreibung umstritten ist.

[21] United Nations, General Assembly. Communications report of Special Procedures. A/HRC/31/79 (19 February 2016)

[22] International Crisis Group. (2016). Myanmar: A New Muslim Insurgency in Rakhine State. Asia Report N. 283. Brussels. p.3

[23] Chan, A. (2005). The development of a Muslim enclave in Arakan (Rakhine) state of Burma (Myanmar). SOAS Bulletin of Burma Research, 3,2, p.406

[24] In 1954, U Nu, the first elected Prime Minister of Burma, recognized the Rohingyas as “national brethren”, a political gesture that has been denied by consequent governments. Source: Radio speech by Prime Minister U Nu, 25 September 1954 at 8:00pm. Also see: International Federation of Human Rights League. (2000). Burmese: Repression, discrimination, and ethnic cleaning in Arakan. International Mission of Inquiry p.6; and Human Rights Watch. (1996). The Rohingya Muslims: Ending a cycle of exodus? Vol.8, No. 8 (c) p.8

[25] Siehe Fussnoten 19 und 20.

[26] Klaus Fleischmann (1981). Arakan konfliktregion zwischen Birma und Bangladesh. Mitteilungen Des Institute für Asienkunde. Hamburg. P. 114. Referencing: Asia 1979 Yearbook. (1979). Far Eastern Economic Review. Hongkong. p.128

[27] Moshe Yegar (2002). Between integration and secession: The Muslim communities of the southern Philippines, Southern Thailand, and western Burma/Myanmar. p. 55

[28] International Crisis Group. (2013). The dark side of transition: Violence against Muslims in Myanmar. Report No. 251, p. 5. Brussels

[29] Mayyu Education and Development Foundation (2016): Unveröffentlichte Studie: “A glimpse into the history and culture of Rohingyas”.

[30] International Crisis Group. June 12, 2012. Myanmar conflict alert: Preventing communal bloodshed and building better relations.

[31] International Crisis Group. (2013). The dark side of transition: Violence against Muslims in Myanmar. Report No. 251, p. i. Brussels

[32] International Crisis Group. (2016). Myanmar: A New Muslim Insurgency in Rakhine State. Asia Report N. 283. Brussels. p.5

[33] Aye Chan (2005). The development of a Muslim enclave in Arakan (Rakhine) state of Burma (Myanmar). SOAS Bulletin of Burma Research, Vol.3, No.2, 397

[34] Mayyu Education and Development Foundation (2016): Unveröffentlichte Studie: “A glimpse into the history and culture of Rohingyas”.

[35] Mayyu Education and Development Foundation (2016): Unveröffentlichte Studie: “A glimpse into the history and culture of Rohingyas”.

[36] See: United Nations High Commissioner of Human Rights. (June 28, 2016) Situation of human rights of Rohingya Muslims and other minorities in Myanmar. A/HRC/32/18 pp.7-8

[37] Human Rights Watch. (1996). Burma: The Rohingya Muslims: Ending a cycle of exodus? Vol. 8, No. 9 (c)

[38] Also see: Human Rights Watch. (2000). Burmese refugees in Bangladesh: Still no durable solution, Vol. 12, No. 3 p.9

[39] Siehe u.a.: „The split in the UNFC”, Frontier, Vol. 2, Issue 40 of 30 March 2017.

[44] Ann Wang (Frontier): 8. März 2016: The forgotten refugees of Kokang, http://frontiermyanmar.net/en/the-forgotten-refugees-kokang,

[45] “The Northern Alliance, which includes the Kachin Independence Army (KIA), Arakan Army, Myanmar National Democratic Alliance Army (MNDAA), and Ta’ang National Liberation Army (TNLA), teamed up last November to carry out coordinated attacks on government and military targets in northern Shan state.” (Quelle: http://www.rfa.org/english/news/myanmar/northern-alliance-sets-sights-on-next-myanmar-peace-conference-01242017153631.html)

[46] Siehe Statement vor dem UN Menschenrechtsrat vom 13. März 2017

[47] See, Greig, J.M. (2005). Stepping into the Fray: When do mediators mediate? American Journal of Political Science, 49, 2, p.249-266.

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