„Ein Beweis, dass sich die Geschichte ändern kann“

„Ein Beweis, dass sich die Geschichte ändern kann“

Interview

Die russische Bürgerrechtlerin, Historikerin und Germanistin Irina Scherbakowa setzt sich seit Jahrzehnten für die Aufarbeitung der sowjetischen Repressionen ein. Am 28. August 2017 wird sie mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet.

Irina ScherbakowaUrheber/in: Körber Stiftung. All rights reserved.

Irina Scherbakowa wurde 1949 geboren. Sie ist Bürgerrechtlerin, Historikerin und Germanistin und war 1988 Gründungsmitglied der ersten sowjetischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“.

Mit ihr sprach Simone Brunner:

Frau Scherbakowa, vor zwei Jahren wurde ein Gespräch zwischen Ihnen und dem deutschen Historiker Karl Schlögel veröffentlicht: „Der Russland-Reflex. Einsichten in eine Beziehungskrise.“ Wo stehen die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland denn heute?

Sie haben sich leider nicht verbessert. Wir können schon länger beobachten, dass sich Russland nicht demokratisch entwickelt: der Druck auf die Zivilgesellschaft, das brutale Vorgehen gegen die Demonstrant_innen im Winter 2011/12. Diese Situation hat sich mit der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine noch weiter verschärft. Es gibt kein Vertrauen zwischen Russland und Deutschland. Und wenn das Vertrauen fehlt, können wir natürlich nicht von guten Beziehungen sprechen.

Gerade in Deutschland gibt es immer wieder Stimmen, die mehr Dialog mit Russland fordern.

Dialog ist aber immer etwas Gegenseitiges. Selbst dann, wenn man grundlegend anderer Meinung ist, muss es eine gewisse Vertrauensbasis geben. Die Gewissheit, dass der_die andere die Wahrheit sagt und nicht lügt. Im Umgang mit der russischen Seite kann davon aber leider keine Rede sein. Einen aufrichtigen Dialog gibt es nur auf zivilgesellschaftlicher Ebene, aber auf politischer Ebene ist das derzeit nicht möglich.  

Sie selbst beschäftigen sich ja schon seit Jahrzehnten mit Menschenrechtsverletzungen in Ihrem Land, zuerst in der Sowjetunion, dann in Russland. Wie sind Sie denn selbst zu diesem Thema gekommen?

Aber das ist doch das Hauptthema der sowjetischen Geschichte! Darüber wurde allerdings nicht öffentlich gesprochen oder berichtet, die Archive waren nicht öffentlich zugänglich. Aber dieses Thema hat uns alle betroffen, es gab ja Millionen von Opfern. Es war klar, dass sich die Gesellschaft nicht entwickeln kann, wenn die Repressionen nicht aufgearbeitet werden.

Mit der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ machen Sie sich ja auch heute noch für die Aufarbeitung der Verbrechen, etwa aus der Stalinzeit, stark. Warum halten Sie das immer noch für so wichtig?

Ohne diese Aufarbeitung ist es schlichtweg nicht möglich, eine Demokratie aufzubauen. Außerdem müssen wir die Opfer würdigen. Das waren die Parolen der Perestroika. Dieser Prozess ist aber leider unterbrochen, wenn nicht sogar rückgängig gemacht worden: Heute werden die Opfer vergessen, die Verbrechen verdrängt. Es entsteht wieder ein positives Bild von Stalin, für ihn werden Denkmäler errichtet. Unter Präsident Wladimir Putin ist eine Machtvertikale aufgebaut worden. Um das ideologisch zu untermauern, brauchte man diese Figuren der Vergangenheit, diese starke Staatsmacht, die das symbolisiert.

Sie koordinieren unter anderem den Memorial-Geschichtswettbewerb, einen jährlichen Wettbewerb, bei dem Schüler ihre Familiengeschichte aufarbeiten. Memorial wurde zuletzt vom russischen Justizministerium auf die Liste der „ausländischen Agenten“ gesetzt. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Wir werden als „Staatsfeinde“, als feindliche Agent_innen, diffamiert. Im Staatsfernsehen wird gegen uns Stimmung gemacht. Es ist außerdem schwer für uns geworden, Projektgelder zu bekommen oder mit staatlichen Stellen, wie Museen oder Theatern, zu kooperieren. Und nicht zuletzt erschwert das die Arbeit mit den Lehrer_innen und Schüler_innen selbst: Auch auf sie wird Druck ausgeübt, dass es unpatriotisch sei, mit uns zusammenzuarbeiten.

Am 28. August werden Sie mit der Goethe-Medaille für Verdienste und Pflege an der deutschen Sprache sowie für den internationalen Kulturaustausch ausgezeichnet. Was bedeutet das denn für Sie?

Das ist eine sehr große, aber auch unerwartete Ehre. Vor genau 74 Jahren, am 28. August 1943, ist mein Vater in der Ukraine bei schweren Kämpfen gegen die deutsche Wehrmacht verletzt worden. Er war damals 19 Jahre alt. Er hätte sich natürlich nie vorstellen können, dass wir eines Tages wieder solche Beziehungen zu Deutschland haben werden und dass seine Tochter gar eine derartige Auszeichnung bekommen wird! Insofern ist das ein schöner Beweis dafür, dass sich die Geschichte auch ändern kann.

Zugleich haben Sie ja ein besonderes Interesse für den deutschen Kulturraum, für die deutsche Sprache entwickelt. Was hat Sie denn daran interessiert?

Ich sehe hier zwei Aspekte: Einerseits war die deutsche Kultur, die deutsche Literatur immer sehr wichtig für Russland. Trotz des Krieges. Und zum anderen war das natürlich die Geschichte des Nationalsozialismus. Der Krieg, der meinen Vater und auch seine Freunde geprägt hat. Ich bin in einer Atmosphäre aufgewachsen, in der dieser Krieg immer eine wichtige Rolle gespielt hat. Es ist wohl kein Zufall, dass wir mit Memorial besonders enge Beziehungen zu Deutschland haben. Ich denke, das liegt auch an unserer gemeinsamen Geschichte. Und natürlich auch am positiven Beispiel, wie Deutschland mit der eigenen Vergangenheit umgegangen ist.

Sie haben auch Heinrich Böll getroffen, als Sie für Ihren Vater, der auch Literaturwissenschaftler war, gedolmetscht haben. Wie war denn diese Begegnung?

Ach, da war ich ja noch eine junge Studentin! (lacht) Es gab viele deutsche Autoren, die eine große Wirkung auf mich hatten, wie etwa Franz Fühmann. Ich habe gesehen, wie sie versucht haben, mit der Vergangenheit umzugehen und mit ihren eigenen Traumata fertig zu werden. Böll war ja auch deswegen interessant, weil er einer der beliebtesten Autor_innen in der Sowjetunion war. Er hat uns etwas erzählt, was man auch von der anderen Seite wissen wollte. Ich denke, es war wichtig für die Nachkriegsgesellschaft in der Sowjetunion, auch auf der anderen Seite das Menschliche zu entdecken.

Sie haben davon gesprochen, dass der Druck auf die russische Zivilgesellschaft wächst. Welchen Tipp haben Sie denn heute für junge Bürgerrechtler_innen?

Was die nahe Zukunft in Russland angeht, bin ich leider sehr pessimistisch. Ich glaube nicht, dass schon bald die schöne Zukunft anbrechen wird. Im Gegenteil: Ich habe Angst, dass sich der Druck in Aggression entlädt. Wir sehen mittlerweile ein Russland, in dem sich niemand sicher fühlen kann und nichts vor Verfolgung schützt – weder das Alter, noch die Autorität, nicht einmal ein berühmter Regisseur ist sicher (der russische Theatermacher Kirill Serebrennikow wurde dieser Tage verhaftet, Anm.). Aber ich hoffe, dass die Zeit der Aufklärung wieder anbrechen wird. Wir müssen weiter daran arbeiten.

 

Irina Scherbakowa wurde 1949 geboren. Sie ist Bürgerrechtlerin, Historikerin und Germanistin und war 1988 Gründungsmitglied der ersten sowjetischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“.

 

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