Energiewende: Jetzt müssen auch die Emissionen sinken

Energiewende: Jetzt müssen auch die Emissionen sinken

Die Kosten der Erneuerbaren fallen rapide, der Ökostromanteil steigt. Technisch und ökonomisch ist längst klar, dass die Erneuerbaren das Rennen um den günstigsten Strom machen werden. Aber die deutschen Klimaemissionen bleiben hoch, weil zu viel dreckige Braunkohle verstromt wird. Der nächste politische Schritt ist es deshalb, im gesellschaftlichen Konsens aus der Kohle auszusteigen.  

Kohlekraftwerk und Raps -  Industrielandschaft in Mehrum, DeutschlandKohlekraftwerk und Raps. Industrielandschaft in Mehrum, Deutschland. Urheber/in: x1klima. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Das Problem der Energiewende: Trotz der beeindruckenden Erfolge beim Ausbau der Erneuerbaren sind die Emissionen im Stromsektor seit der Jahrtausendwende kaum gesunken; die Kohleverstromung verharrt auf konstant hohem Niveau, die deutschen Klimaziele für 2020 werden ziemlich sicher deutlich verfehlt. Klar ist: Deutschland kann nicht Energiewendeland sein und gleichzeitig Kohleland bleiben.

Denn mittelfristig heißt Klimaschutz, schrittweise aus den fossilen Energieträgern auszusteigen. Kohle im Stromsektor, aber auch Öl und Gas im Verkehr und in der Wärmeversorgung müssen ersetzt werden. Die Perspektive lautet Elektromobilität und mehr Wärmepumpen, beides betrieben mit Strom aus Erneuerbaren Energien. Technisch ist das unbestritten möglich. Aber um die fossilen Energien zu ersetzen, müssen auch mehr Wind- und Sonnenstromanlagen gebaut und Braunkohlegruben geschlossen werden. Das stößt in manchen Regionen an die Grenzen der Akzeptanz.

Die Kosten von Wind- und Sonnenstrom sinken laufend

Immerhin: Die Sorge um die Kosten der Energiewende ist immer mehr Schnee von gestern. Die EEG-Umlage auf der Stromrechnung liegt zwar derzeit bei rund 7 Cent je Kilowattstunde, aber das liegt am starken und damals noch teuren Ausbau der Solarenergie in den Jahren 2008 bis 2012, den wir bis heute bezahlen. Jetzt sind neu gebaute Wind- und Sonnenstromanlagen auch hierzulande schon fast die preisgünstigste Form der Stromerzeugung. Die Erzeugungskosten für Strom aus (neuen) Windanlagen in Deutschland sinken stetig: In Ausschreibungen für Onshore-Wind werden bereits heute 4,3 Cent erreicht und bei Offshore wollen die ersten Betreiber ganz ohne staatliche Förderung auskommen. Sonnenstrom-Anlagen werden heute sogar im sonnenarmen Deutschland schon für weniger als sechs Cent je Kilowattstunde gebaut (Grafik). Der Trend ist klar: Weltweit fließt seit 2013 jedes Jahr mehr Investitionskapital in Erneuerbare als in fossile oder nukleare Kraftwerke. Für die energieintensive Industrie ist der Strom dabei eher günstiger geworden, die Greentech-Industrie boomt und der Industriestandort Deutschland ist alles andere als gefährdet durch die Energiewende.

Kostenentwicklung der Solarenergie von 2015 bis Juni 2017.. Urheber/in: BMWI. All rights reserved.Kostenentwicklung der Solarenergie von 2015 bis Juni 2017. Quelle: BMWI


Ein neues Massenphänomen sind zudem Batteriespeicher in Kombination mit Solaranlagen. Bis vor kurzem galten die Batterien noch als viel zu teuer. Doch mittlerweile ändert sich das Bild auch hier. Denn bei jeder Verdopplung der weltweit produzierten Batterieleistung fielen deren Preise in der Vergangenheit um sechs bis neun Prozent. Dieser Trend dürfte anhalten. Auch die Kombination von Photovoltaik-Anlagen auf Hausdächern mit dezentralen Batteriespeichern könnte so schon bald zum Geschäftsmodell werden. Szenarien mit 150 oder 200 Gigawatt an Photovoltaik in Deutschland, kombiniert mit 40 Gigawatt an dezentralen Batteriespeichern, wurden bis vor kurzem oft noch für vollkommen unrealistisch gehalten. Wenn die Kosten der Batterien und der Photovoltaik aber weiter so sinken wie in jüngster Zeit, wird ein solcher Ausbau viel schneller als erwartet möglich sein - technisch und ökonomisch. Der Ausbau der Solar-Batterie-Anlagen auf den Dächern ist zugleich ein Teil der Antwort auf die Frage, wo denn der viele Erneuerbare Strom für den Wärme- und Verkehrsbereich herkommen soll.

Hilfe für die wenigen verbliebenen Braunkohle-Kumpel

Obwohl viele ökonomische und technische Fragen der Energiewende gelöst sind, rückt immer mehr die Akzeptanz in der Bevölkerung in den Fokus. Denn tatsächlich verändert der Ausbau von Windenergie und Photovoltaik das Landschaftsbild und das Gesicht von Ortschaften und Regionen. Viele Orte kennen harte Auseinandersetzungen, wenn es um den Bau neuer Anlagen geht. Die Lösung können Beteiligungsmodelle sein – wer Windräder und Solaranlagen sehen muss, dem sollte auch ein Teil dieser Anlagen gehören. Aber trotz der lokalen Proteste darf man nicht übersehen, dass die Zustimmung der Bevölkerung insgesamt nicht gesunken ist – im Gegenteil. Der ideologisch unverdächtige Bundesverband der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft BDEW lässt jedes Jahr ein Meinungsbild erstellen und jedes Jahr zeigt der BDEW-Energiewendemonitor die gleiche oder sogar eine wachsende Zustimmung zu diesem Generationenprojekt. Im Jahre 2016 war die Energiewende für 93 Prozent der Befragten wichtig oder sehr wichtig – trotz der Kosten für jeden Einzelnen.  

Eine politische Herausforderung liegt darum darin, bei der Energiewende die Kohle-Regionen nicht zu vergessen. Der unvermeidbare Ausstieg aus der Verstromung von Braunkohle trifft das Rheinische Revier und die Lausitz. Klare industrie- und regionalpolitische Konzepte für diese Regionen sind dringend gefragt. Gerade in der Lausitz, wie in den vielen dünnbesiedelten Regionen Ostdeutschlands, bietet es sich dabei an, die neuen Energien als Baustein einer regionalen Zukunftsperspektive zu entwickeln. Die Wirtschaftsinitiative Lausitz hat das erkannt und engagiert sich als Anlaufstelle für bestehende Unternehmen und Existenzgründer. Technologie- und Industrieparks sollen in enger Anbindung an Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen entstehen. So könnten aus alten Energieregionen innovationsorientierte Wirtschaftsstandorte werden – und zugleich neue Energieregionen. Die Daten vom Arbeitsmarkt sind ohnehin eindeutig: In der Lausitz arbeiten heute noch 8000 Menschen in der Braunkohle. Aber allein in Brandenburg sind 17.000 Arbeitnehmer bei den Erneuerbaren beschäftigt.

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