Stahl und Eisen: Wie man eine alte Industrie zukunftsfähig macht

Stahl und Eisen: Wie man eine alte Industrie zukunftsfähig macht

Die Stahlbranche hat es seit mehr als 20 Jahren nicht geschafft, ihre CO2-Emissionen zu senken. Doch wenn die Branche einen Platz in einer klimaverträglichen Welt finden will, dann darf die Politik die Branche nicht weiter in Milliardenhöhe bei Steuern und Umlagen entlasten, sondern sollte gezielte Hilfe bei der ökologischen Modernisierung leisten.

Stillgelegtes Stahlwerk wird nachts angeleuchtetDas stillgelegte Stahlwerk im Landschaftspark Duisburg-Nord. Urheber/in: Oliver Wagemann. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Stahl ist ein universeller Werkstoff, der sich in beinahe allen Lebensbereichen findet, vom Kochtopf über die Autokarosserie, bis hin zum Baustahl in unseren Häusern und Wohnungen. Auch Windkraftanlagen bestehen zu 30 bis 35 Prozent aus Stahl.

Stahl ist heute nicht wegzudenken. Aber seine Produktion ist energieintensiv. Die Branche verbraucht allein in Deutschland jährlich etwa 17,5 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten und emittiert - seit Jahren weitgehend konstant - um die 50 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr. Der Rückgang von 19 Prozent gegenüber 1990 war fast ausschließlich eine Folge der Wiedervereinigung und den damit einhergehenden  Anpassungen der Industriekapazitäten. Mit aktivem Klimaschutz hat das jedoch nichts zu tun. Hier hat die Branche noch viel zu wenig vorzuweisen. Aber: Bis 2050 muss die Branche emissionsfrei sein – das folgt aus den völkerrechtsverbindlichen Zusagen, die Deutschland im Klimaabkommen von Paris gemacht hat.

Entwicklung der Treibhausgasemissionen (Abbildung auf Basis der Daten der Wirtschaftsvereinigung Stahl). Urheber/in: Michael Weltzin. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Abbildung: Entwicklung der Treibhausgasemissionen (Abbildung auf Basis der Daten der Wirtschaftsvereinigung Stahl)

Das ist eine große Herausforderung. Denn bis heute beherrscht der klassische Hochofenprozess das Bild der Branche. Und im Hochofen wird nicht nur Energie in Form von Strom verbraucht – die ließe sich grundsätzlich auch mit Erneuerbaren Energien bereitstellen. Bei der Umwandlung von Erz in Eisen wird aber vor allem auch Kohle genutzt und klimaschädliches CO2 frei. Und diese Klimagase machen rund 60 Prozent der Emissionen der Branche aus.

Eine Produktion wie vor 100 Jahren

Stahl wird im Prinzip heute im Hochofen nicht anders produziert als vor hundert Jahren. Beiträge im Klimaschutz erreicht die Stahlbranche in der Regel mit dem Produkt, also dem Werkstoff Stahl selbst. So sparen nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl innovative Stähle sechsmal so viel CO2 ein, wie ihre Produktion verursacht. Netto soll so eine Entlastung an Treibhausgasemissionen in Deutschland von 440 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr entstehen. Diesen Ansatz verfolgen auch andere Branchen: Etwa die Chemieindustrie, die beispielweise die CO2-Einsparungen, die durch die Nutzung von Dämmstoffen anfallen, als eigene Klimaschutzleistung verbucht.

Klar: Windkraftanlagen leisten genauso wie Dämmmaterialien einen maßgeblichen Beitrag zum Klimaschutz. Doch mit solchen Rechenbeispielen ist eine weitgehend dekarbonisierte Gesellschaft bis zur Mitte dieses Jahrhunderts nicht zu erreichen. Denn die relevanten Emissionen aus der Produktion werden so nicht reduziert.

Wege zum CO2-freien Stahl

Die Stahlbranche setzt beim Klimaschutz vor allem auf End-Of-The-Pipe Technologien, die den Prozess selber unverändert lassen und stattdessen versuchen, das klimaschädliche CO2 am Ende des Prozesses einzufangen und zu nutzen. Das Problem wird aber so nicht im Kern angegangen. Mal soll abgeschiedenes CO2 eingelagert (ULCOS – Projekt) oder in chemische Grundstoffe umgewandelt werden (Carbon2Chem). Doch die CO2-Mengen in der weltweiten Stahlproduktion sind dazu viel zu hoch, sie lassen sich in diesem Mengen weder speichern noch finden sie absehbar genügend Nachfrage in der chemischen Industrie. Zusätzlich wären „Carbon Capture and Storage“ sowie „Carbon Capture and Usage“ – so die Fachbegriffe –auf riesige Mengen Strom aus erneuerbaren Quellen angewiesen.

Für einen wirklich „klimafreundlichen Stahl“ kommt es aber darauf an, auf den Einsatz fossilen Kohlenstoffs im Hochofenprozess von Anfang an zu verzichten. Technisch leistet dies etwa das sogenannte „Direktreduktionsverfahren“, bei dem unter Zugabe von Erdgas oder Wasserstoff ein so genannter Eisenschwamm erzeugt und emissionsfrei im Elektrolichtbogenofen zu Stahl weiterverarbeitet werden kann.
Eine andere Möglichkeit bietet die Elektrolyse, wie sie heute bei der Aluminiumherstellung genutzt wird. Bisher wurde Eisen mit elektrolytischen Verfahren jedoch nur im Labormaßstab erzeugt. Andere Stichworte für den Weg in eine klimafreundliche Stahlproduktion lauten „Lasersintern“ (bei dem ähnlich wie im 3-D-Druck Bauteile effizient und ohne Verschnitt hergestellt werden können), die Ablösung von Stahl durch Carbon-Werkstoffe (die längst im Leichtbau Einzug gehalten haben) oder Textilbeton (wo Fasern die Eisenarmierung ablösen).

Subventionen streichen – Hilfe leisten

Es gibt also Wege, wie auch die energieintensive Stahlbranche in einer klimaneutralen Gesellschaft ihren Platz finden kann. Das Potential ist vorhanden. Aber die Branche braucht Druck vom Staat – und Hilfe.

Doch Politik setzt noch die falschen Anreize. Eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag der Grünen Bundestagsfraktion zeigt, dass allein in den Jahren 2014 und 2015 den insgesamt 428 Stahlunternehmen in Deutschland jeweils Entlastungen bei diversen Steuern und Abgaben in Höhe von rund 1,9 bis 2,1 Mrd. Euro gewährt wurden.

 Ausnahmen der Stahlindustrie bei Energiesteuern und Umlagen. Urheber/in: Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft. All rights reserved.Abbildung: Ausnahmen der Stahlindustrie bei Energiesteuern und Umlagen

Die bestehenden umfangreichen Ausnahmen bei den Energiesteuern und die kostenlose Zuteilung von Emissionszertifikaten bieten keinen ausreichenden ökonomischen Anreiz in Klimaschutz zu investieren und bewirken so eine Zementierung des Status Quo.

Statt weiter Ausnahmen bei Steuern und Umlagen in Milliardenhöhe zu gewähren, sollte der Staat umsteuern und die Ausnahmen konsequent abbauen und im Gegenzug die Branche mit entsprechenden Investitionsbeihilfen bei der Umstellung zu unterstützen. Das wäre nicht nur europarechtlich möglich, sondern auch eine wirksame Strategie, um den Standort Europa auch langfristig zu sichern.

Ausführlich: Die vollständige Analyse von Michael Weltzin zur ökologischen Transformation der Stahlindustrie lesen Sie in "Wirtschaft im Zukunftscheck". Das Buch erschien im Ökom-Verlag und ist für 19,95 € in unserem Buchshop zu bestellen.

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