Vom Manding Empire bis nach Warschau: wenn Musik Geschichten trägt

Vom Manding Empire bis nach Warschau: wenn Musik Geschichten trägt

Buba Badjie Kuyateh hält die Hände an seine Schläfen: „Viele Leute haben einfach Scheuklappen vor den Augen.“  Der Musiker stammt aus Gambia und lebt seit 2012 in Warschau. Er ist Koraspieler in Polen, einem Land, in dem Rassismus in der Mitte der Gesellschaft zum guten Ton gehört.

Buba Badjie Kuyateh sitzt mit seinem Instrument am FensterDer Musiker Buba Badjie Kuyateh. Urheber/in: Binta Hübener. All rights reserved.

Dieses Porträt enstand im Rahmen einer Studienreise nach Warschau. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „Medienvielfalt, anders“-Programms erzählen in ihren Geschichten von den verschiedenen Gesichtern Polens.

Der Grund, warum Buba Badjie Kuyateh von Gambia nach Polen kam, war die Liebe. Er hatte damals ein Konzert im Senegal. Im Publikum hörte eine Polin seine Musik. „Sie hat sich in mich verliebt und ich mich in sie“, erzählt Buba.

Daraufhin heirateten die beiden, er zog mit ihr nach Polen und sie bekamen ihren Sohn Filip Kausu. Mittlerweile leben die beiden getrennt, aber sobald der Vater über seinen zweijährigen Sohn spricht, leuchten seine braunen Augen: „Filip sagt allen auf der Straße ‚hallo!‘“, er lacht herzlich. Wenn er lacht und seine Dreads aus dem Zopf fallen lässt, wirkt Buba Badjie Kuyateh lässig und entspannt. Seit fünf Jahren lebt er bereits in Warschau und hat hier seinen Sohn bekommen.

Der Alltag kann für den westafrikanischen Profimusiker manchmal herausfordernd sein. „Die Polen sind sehr verschlossene Leute. Hier sagt dir keiner einfach so ‚Hallo‘. Wenn du in meiner Heimat ein Ausländer bist, wirst du nie alleine gelassen“, sagt Buba und richtet sich für den nächsten Satz auf. „Aber die Musik hilft mir Leute kennenzulernen und mich zuhause zu fühlen. Weißt du, wir Musiker haben Waffen. Sie sind nicht dazu da, um Leute zu bekämpfen, sondern um sie zusammenzubringen.“

Die Kora - die westafrikanische Stegharfe

Wer seine Kora zum ersten Mal sieht, könnte meinen, es sei eine Art schmale Gitarre oder ein übergroßes Banjo. Sie hat einen runden Korpus, der mit Kuhfell bespannt ist, und einen langen Hals, auf dem die 21 Saiten gespannt sind. Die Kora wird auch als westafrikanische Stegharfe bezeichnet, denn sie ist der Vorgänger der Harfe. „Die Europäer haben die Harfe von der Kora kopiert, genau wie das Klavier vom Xylophon. Sie kopieren alles von uns“, sagt Buba Badjie Kuyateh.

Er kommt aus der angesehenen Griot-Familie, die seit Jahrhunderten traditionelle Musiker in Westafrika sind. Auch sein Großvater Alhaji Bai Konte war ein bekannter Koraspieler, der Konzerte in Europa und der USA gab. „Die Kora ist ein traditionelles Instrument. Wenn es dir jemand beibringt, dann immer mit einer Geschichte“, erzählt er.

Als er sieben Jahre alt war, hat sein Stiefvater ihm beigebracht die Kora zu spielen. Jedes Lied trägt eine ganz bestimmte Geschichte, die vom Manding Empire erzählt. Buba Badjie Kuyateh zeichnet einen Umriss in die Luft: vom westafrikanischen Imperium, das lange vor den Zeiten der Kolonisation und der willkürlichen Aufteilung der heutigen afrikanischen Länder existierte.

Während der Epoche des Manding Empires waren die Mitglieder der Griot-Familie die Musiker des Königs. Schon damals haben sie die Kora gespielt. Wenn Buba Badjie Kuyateh heute Kora unterrichtet, gibt auch er seinen Schülern und Schülerinnen mit jedem Lied eine Geschichte über das Manding Empire weiter.

Eine Mischung aus Kora, Funk und Jazz

Die Kora und auch der 35-Jährige Musiker selbst sind außergewöhnlich in der polnischen Musikszene. Dadurch sind schon polnische Jazzgrößen wie Stanisław Soyka auf ihn aufmerksam geworden. Neben Auftritten und Kooperationen in Polen, ist Buba Badjie Kuyateh auch in Indien gefragt, wo er auf dem Ruhaniyat Music Festival als Solokünstler aufgetreten ist.

Sein aktuelles Projekt heißt Bantamba. Die letzten Monate hat er mit seiner Band daran gearbeitet: „Manchmal schlafe ich im Studio, weil nachts der Flow kommt und ich meine Nachbarn nicht stören will.“ Seit Oktober 2017 ist das neue Album fertig, das eine ungewöhnliche Mischung aus Kora-Funk-Jazz bietet.

Das Publikum ist oft überrascht, wenn er seine feinen Finger über die Saiten seines Instruments fliegen lässt. Es erklingen sanfte Töne und Melodien, die den ganzen Raum füllen. „Sie lieben meine Musik!“, sagt er lächelnd und stellt Tee auf den Wohnzimmertisch. Er lebt momentan bei einer polnischen Freundin in Warschau.

Es klingelt an der Tür. Buba Badjie Kuyateh schaut erst einmal durch den Spion und macht dann vorsichtig auf. Vor der Tür steht eine Nachbarin, die ihm einen farbenfrohen Schlüsselbund vor die Nase hält. Er nimmt den Schlüssel, grinst und bedankt sich auf Polnisch. Als er die Tür wieder schließt, lacht er: „Das passiert mir immer. Ich lasse ihn in der Tür stecken und dann bringen ihn die Nachbarn vorbei.“

 

Buba Badjie Kuyateh spielt "Cina". Das Lied handelt vom Respekt gegenüber allen Menschen verschiendener Generationen.

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