„Migrant/innen sind keine Flüchtlinge“

„Migrant/innen sind keine Flüchtlinge“

Myroslava Keryk ist die Leiterin des Ukrainischen Hauses in Warschau. Als NGO setzt man sich hier für die Interessen der größten Zuwanderergruppe in Polen ein. Denn die polnische Regierung interessiert sich nicht besonders für die Migrantinnen und Migranten im eigenen Land.

Myroslava Keryk öffnet die Tür zum Ukrainischen Hauses in Warschau
In Myroslava Keryks Einrichtung sind nicht nur ukrainisch-sprachige Migranten willkommen. „Wir sind ein offenes Haus“ — Bildnachweise

Dieses Porträt enstand im Rahmen einer Studienreise nach Warschau. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „Medienvielfalt, anders“-Programms erzählen in ihren Geschichten von den verschiedenen Gesichtern Polens.

Ein Mann bittet einsilbig, ihm eine knarzende Holztreppe hinauf zu folgen. Auf seinem Tisch liegen Magazine aus. Unter ukrainischen Titeln zeigen sie Kinder und Erwachsene, die sich lächelnd die Hand geben. „Bitte geduldet Euch kurz, Frau Keryk ist gleich da“, erklärt der Mann. Schnell stellt sich heraus, dass er nicht nur Ukrainisch, Englisch und Polnisch, sondern auch Russisch spricht.

Das muss im Ukrainischen Haus von Warschau auch so sein, denn hier kommen Menschen her, die nach Polen immigriert sind und Hilfe bei der Integration brauchen.

In einem Besprechungsraum, in den nur spärliches Tageslicht dringt, gibt es Kaffee und Tee. Dass hier persönliche Gespräche stattfinden, kann man sich noch nicht so recht vorstellen. Die mit unzähligen Zetteln beklebten Räume im Korridor, ein über und über mit Kinderspielzeug bedeckter Fußboden, konzentriertes Stimmengewirr, durch das dann und wann eine Frau auflacht – all dies lässt erahnen, dass die Gäste des Ukrainischen Hauses ihm tatsächlich ukrainisches Leben einhauchen.

Eine Miniatur-Gesellschaft

Schließlich eilt die Vorsitzende des Hauses, Myroslava Keryk, hektisch zur Tür herein. Kurz atmet sie durch, dann setzt sie unbeirrt an: „Meine Muttersprache ist Ukrainisch.“

In dennoch fließendem Russisch beginnt sie zu erzählen: wie sie über ihr Geschichtsstudium, das sie in der Westukraine nahe Lviv beendet hat, in Polen schließlich zur Soziologie kam; wie ihr kürzlich auffiel, dass sie schon über fünfzehn Jahre hier in Warschau lebt, weil alle ihre Freundinnen und Freunde ihre ‚Jahreszahl’ bei Facebook geteilt hatten. Und dass es schon damals in Warschau eine ukrainische Community gab.

„Meine Universität hat jedes Jahr rund zehn Stipendien vergeben. Wir wollten so eine Chance natürlich nutzen, unseren Horizont erweitern. Es gab einfach viel mehr Möglichkeiten als zuhause – allein schon, was die Lehre anging. Die wissenschaftliche Arbeitsweise war in Polen deutlich vielfältiger und analytischer, in der Ukraine hat man uns noch ganz sowjetisch Fakten beigebracht.

Mit dem Gedächtnis einer Analytikerin erinnert sich Keryk auch an die Gesellschaftsstrukturen von damals. „In jedem polnischen Haushalt arbeiteten Ukrainer: Reinigungskräfte, Altenpfleger, Tagesmütter. Es war wie eine Miniatur der ukrainischen Gesellschaft, reduziert auf Dienstleistungen.“

„Wir wollen keine Spaltung“

Die Landessprache ist die Voraussetzung dafür, in der polnischen Gesellschaft seinen Platz zu finden. Myroslava Keryk sprach sie bereits, als sie hier ankam. „Wir empfingen zuhause polnisches Fernsehen und Radio.“ Schnell merkte sie, dass es anderen Ukrainern jedoch weniger leicht fiel, in Polen zurechtzukommen – es herrschte allgemein Misstrauen gegen die Migrantinnen und Migranten.

„Als wir einmal eine Veranstaltung auf Russisch durchführten, hielt ein polnischer Mitbürger das Ukrainische Haus für eine russische Interessensvertretung unter dem Deckmantel der Ukraine“, erinnert sich Keryk. „Die Pluralität der Menschen im Ukrainischen Haus sorgt immer noch manchmal für Verwirrung.“

Die Sprachen hier sind gleichermaßen Ukrainisch und Polnisch, für Russisch werden allerdings keine Sprachkurse angeboten. Russischsprachige Menschen haben dennoch die Möglichkeit, Veranstaltungen in ihrer Muttersprache durchzuführen. „Wir sind ein offenes Haus. Nur politische Gruppierungen, welche die Ukraine zu spalten versuchen, unterstützen wir nicht“, ergänzt die 52-Jährige.

Gewissheit ist ihr Lohn

Der Krieg im Donbass, die kriselnde Wirtschaft und hohe Arbeitslosigkeit zwingen viele Ukrainerinnen und Ukrainer dazu, ihr Glück andernorts zu suchen. Das Ukrainische Haus unterstützt sie dabei, unter der Leitung von Keryk. Die lebhafte Dame mit blondem Pagenschnitt hatte selbst nie echtes Heimweh. Andere Ukrainerinnen und Ukrainer konnte sie allerdings nur in orthodoxen Kirche treffen. Dort gab es nach den Gottesdiensten noch Kaffee und Tee zu langen Gesprächen.

Viele von denen, die heute zum Arbeiten nach Warschau kommen, finden für ein Treffen außerhalb von Baustelle und Uber-Taxen im Alltag allerdings kaum Zeit. Ihre Arbeitsplätze müssen sie sich häufig über Mittler teuer erkaufen.

Der erste Monatslohn besteht in vielen Niedriglohnjobs aus nichts als der Gewissheit, überhaupt eine Anstellung zu haben. Echte Integration gelingt den Arbeitern und Arbeiterinnen durch lange Arbeitstage, isolierte Arbeitsplätze und soziale Hürden kaum.

„Die polnische Regierung rühmt sich damit, ach so viele ‚Flüchtlinge’ aus der Ukraine aufgenommen zu haben. Eigentlich sind diese Menschen Arbeitsmigranten. Sie nehmen Stellen an, die polnische Bürger nicht mehr machen wollen, weil sie zu schlecht bezahlt sind.“, kritisiert Keryk. „Von staatlicher Seite gibt es für die ukrainischen Migranten so gut wie keine Unterstützung.“

„Wir sind Improvisation gewohnt“

Diese versucht Myroslava Keryk daher in Form des Ukrainischen Hauses bereitzustellen. Früher trafen sich einige Ukrainer zu informellen Gesprächskreisen, dann bildeten sich erste Projektgruppen. 2009 eröffnete schließlich in bescheidenen Räumlichkeiten das Ukrainische Haus. „Wir existieren nur dank des Engagements der eingesessenen Ukrainer und des Bedarfs von Neuankömmlingen.“

Hier finden sie Anschluss, ob in einem Chor, bei Themenabenden oder bei Veranstaltungen für Kinder und erhalten eine Zeitung, die Ukrainerinnen und Ukrainer über ihre Rechte informiert und ihre Lebenswirklichkeit in Polen abzubilden versucht.

Das Haus organisiert darüber hinaus Orientierungstreffen mit der Einwanderungsbehörde und anderen bürokratischen Institutionen. „Wir versuchen, die Ukrainer mitzunehmen und ihnen zu zeigen, wie sie ihren Alltag in Einklang mit der polnischen Kultur gestalten können.“

Ob das Ukrainische Haus auch in Zukunft fortbestehen kann, bleibt allerdings unklar. Eigentlich stehen Finanzierungsmittel aus einem EU-Fonds bereit, um eine zivilgesellschaftliche Unterstützung für Migranten und Migrantinnen zu gewährleisten. Die aktuelle Regierung hat diese Mittel allerdings eingefroren. So geht nicht nur dem Ukrainischen Haus, sondern nahezu allen Organisationen, die Migrantinnen und Migranten betreuen, langsam, aber sicher das Geld aus.

Doch Keryk kämpft an anderer Front weiter. „Wir können uns auf kleinere Ausschreibungen hin bewerben. Das ist viel aufwändiger und es gibt am Ende weniger Geld, aber es ist ein Weg.“ Sie lächelt hoffnungsvoll. „Wir sind alle Migranten. Wir sind es gewohnt, zu improvisieren. Wir geben nicht auf. Was wir uns schon aufgebaut haben, kann uns sowieso keiner mehr nehmen.“

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