Anne-Klein-Frauenpreis 2018: Laudatio von Tom Koenigs

Anne-Klein-Frauenpreis 2018: Laudatio von Tom Koenigs

Rede

„Das Wort kann eine Waffe sein, aber auch eine heilende, versöhnende Kraft.“ In seiner Laudatio würdigt Tom Koenigs den Einsatz für den Frieden der Preisträgerinnen Jineth Bedoya und Mayerlis Angarita.

Tom KoenigsTom Koenigs während seiner Laudatio beim Anne-Klein-Frauenpreis 2018 in der Heinrich-Böll-Stiftung – Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Liebe Freundinnen und Freunde, verehrte Frau Botschafterin und vor allem: liebe Preisträgerinnen!

„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein.“ – Ein Zitat von Heinrich Böll. Die Sprache finden, Worte finden, um das Grauen, das Erlebte und Erlittene, das eigene Leid und das Leid der anderen auszudrücken ist das Thema, das die beiden Preisträgerinnen miteinander verbindet. Es sind die Wahlsprüche der Beiden: Mayerlis mit „Narrar para Vivir“ (Erzählen, um zu Leben) und Jineth mit „No es hora de callar“ (Jetzt ist nicht die Zeit zu schweigen). Das Wort kann eine Waffe sein, aber auch eine heilende, versöhnende Kraft.

Patricia Ariza, Gründerin des Teatro „La Candelaria“ und des Frauenfestivals für den Frieden „Festival de Mujeres en Escena por la Paz“ in Bogotá sagte: „Ein Frieden muss gelebt werden, erzählt und besungen.“

Haben wir jetzt Frieden in Kolumbien, den wir besingen können? Ein Jahr nach der Unterzeichnung der Vereinbarungen zwischen FARC und Regierung? Ein Jahr nachdem die größte Guerilla des Landes die Waffen niedergelegt hat? Ein Jahr nach dem Ende des bewaffneten Kampfes und der Fortsetzung des politischen Kampfes mit friedlichen Mitteln, mit Worten statt mit Schüssen? Nein. Es ist wie im Roman von Augusto Monterroso, dem kürzesten Roman der Welt. Er besteht nur aus acht Worten, ich lese ihn ganz vor: „Cuando despertó, el dinosaurio todavía estaba allí.“ Als sie aufwachte, war der Dinosaurier noch da.

Der Dinosaurier ist noch da. Die brutale Gewalt, die physische Gewalt, auch die sexualisierte Gewalt und die tägliche Bedrohung sind noch da. Das geht auch unseren beiden Preisträgerinnen so. In Kolumbien müssen sie bewacht werden mit Leibwächtern und gepanzerten Autos. Man braucht Mut als Menschenrechtsverteidigerin in Kolumbien. Seit dem Friedensschluss sind mehr als 170 Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger ermordet worden. All die Opfer waren Kämpfer und Kämpferinnen für den Frieden, für das „Sí“ im Referendum. Dann für die Umsetzung der Verträge, für die Landwirtschaftsreform, für die Rückgabe des Landes, für die Mitsprache und gegen die Diskriminierung. Der Kampf für Frieden geht weiter – und währt schon über fünfzig Jahre. Der Krieg hatte viele Opfer zur Folge: Es gibt mehr als sechs Millionen Vertriebene, also Binnenflüchtlinge; Menschen, die ihr Land und ihre Heimat verloren haben. Es gab mehr als 340.000 Tote in dem Krieg, mehr als 85.000 Verschwundene. Es gab mehr als 30.000 Entführungen – und natürlich unzählige Hinterbliebene, traumatisierte, überlebende Opfer.

Denen und vor allem den Frauen unter ihnen eine Sprache gegeben zu haben, das ist die große Leistung der Preisträgerinnen. Jineth Bedoja, die vielbewunderte Journalistin, hat das Schweigen über ihr eigenes Leiden und die Verbrechen an ihr nach Jahren durchbrochen: „No es hora de cajar.“ 2009 weiß sie, es ist nicht der Moment um weiter zu schweigen. Mit diesem Schritt gibt sie vielen Opfern den Mut, auch über ihr eigenes Leid zu sprechen. Und Mayerlis Angarita, wie Jineth selbst Opfer von Gewalt und Bedrohung und selbst Hinterbliebene, hat mit 840 anderen Frauen in ihrer Region die Organisation „Narrar para Vivir“ (Erzählen, um zu leben), aufgebaut. Beide Frauen setzen auf die Kraft der Sprache. Sie nutzen Worte als Waffe, um zu ihrem Recht zu kommen, aber auch als heilende Kraft. Das Wort, der Bericht, die Erzählung im Ringen um Wahrheit, für Gerechtigkeit, für Wiedergutmachung und als Erinnerung, damit die Verbrechen sich nicht mehr wiederholen.

Es gibt ein großes deutsches Interesse am kolumbianischen Friedensprozess und somit eine Sympathie, die auch die Preisträgerinnen bei ihrem Besuch hier in Berlin finden werden. Die Unterstützung des Staates und der Zivilgesellschaft, der NGOs und der Kirchen für den kolumbianischen Kampf um Frieden, Erinnerung und Wiedergutmachung hat sehr viel mit Sprache zu tun, auch mit Literatur. Wir alle haben García Márquez gelesen, seine Romane, seine Chroniken und seine Berichte. Der Titel seiner Memoiren „Vivir para contarla“ klingt wie „Narrar para Vivir“ – nur umgekehrt. Zur Ehrenrettung von Mayerlis: Sie war zwei Jahre vorher.

Das deutsche Interesse heute ist verbunden mit dem Wiederfinden der Sprache der Opfer und damit auch mit unserer eigenen Geschichte. Nach den Verbrechen der Nazis, dem Holocaust und dem Krieg haben alle erstmal geschwiegen. Die Täter haben sowieso geschwiegen, aber eben auch die Opfer. So wie Ignaz Bubis, Jude und Opfer, Lagerinsasse, der vierzig Jahre über das Lager nicht gesprochen hat, auch nicht mit seiner Frau oder seiner Tochter. Kein Wort.

Es hat gedauert bis die Opfer eine Sprache gefunden haben. Auch bis sie gehört wurden. Das ist ein schwieriger Prozess. Natürlich, die Täter haben geschwiegen. Bis in den letzten Prozess haben sie geschwiegen, kein Einziger hat geredet. Erst langsam nach Jahrzehnten haben wir heute schließlich gelernt, dass das Schweigen, das Beschweigen und Verschweigen, keine Alternative ist, kein Weg zur Versöhnung, zur Reparatur des sozialen Netzes. Das, was bei uns lange umstritten war, ist es plötzlich nicht mehr. Darum wird weiter gestritten. In Europa ist es keineswegs selbstverständlich, wenn man zum Beispiel an Spanien denkt. Und in Lateinamerika auch nicht. In El Salvador wurde amnestiert und geschwiegen bis heute mit fatalen Konsequenzen für das soziale Netz.

Wir begleiten diese Debatte im kolumbianischen Friedensprozess, auch die Opferverbände, darunter Jineth. Sie haben sich einen Weg nach Havanna erkämpft in die Verhandlungen. Sie haben sich hereingedrängt und haben sich in den Vordergrund gerückt, um die Täter zu konfrontieren. Es gibt da berührende Schilderungen. Das ist eine ungeheure Leistung! Und aus diesen Verhandlungen heraus sind drei Institutionen geschaffen worden, die diesen Friedensprozess stabilisieren und weiterentwickeln sollen. Eine ist die Friedens-Sonderjustiz. Die Richter und Staatsanwälte sind übrigens quotiert, das ist ganz ungewöhnlich – es wäre bei uns fast völlig unmöglich. Außerdem eine Wahrheitskommission und die Stelle zur Suche nach den Verschwundenen, da es, wie bereits gesagt, mehr als 85.000 Verschwundene gibt. Die wenigsten werden noch leben – aber wo sind ihre Gräber? Das ist etwas, was wir auch aus dem Zweiten Weltkrieg kennen. 

Die Sonderjustiz soll eine milde Justiz sein. Allerdings hat sie eine Voraussetzung: Die Wahrheit und das Geständnis der Täter stehen am Anfang. Nicht nur Zusammenarbeit mit den Ermittlungskräften, wie es in den Strafprozessen bei uns ist, sondern die Erzählung der Täter im Angesicht der Opfer und das Hören der Täter des Berichts der Opfer. Das hat es bei den Verhandlungen in Havanna bereits in einzelnen Fällen gegeben. Das hat zu sehr bewegenden Szenen geführt. Hoffen wir, dass die kolumbianische Sonderjustiz die Kraft zur Versöhnung hat. Denn aus diesem Austausch entsteht der Frieden.

Die Opfer haben den Diskurs bestimmt, es bleibt aber weiterhin ein Kampf. Die Opfer müssen weiter dafür kämpfen, dass sie nicht marginalisiert werden und nicht plötzlich in der Ecke sitzen bei den Nebenklägern. Wir wissen, wie schwierig das ist, dass die Opfer in die Verfahren hereinkommen. Beim NSU-Prozess haben wir das gesehen. Ich glaube, Deutschland kann da viel lernen. Deshalb begleitet Deutschland, die Europäische Gemeinschaft und die internationale Gemeinschaft, vor allem durch die Vereinten Nationen, diesen Prozess.

Die Sprache, die eigene Geschichte und die Wahrheit als Waffe gegen Gewalt und Diskriminierung, aber auch als heilende Kraft zur Wiedererlangung der Würde zu nutzen, das ist der Beitrag der Preisträgerinnen zum internationalen Kampf für die Menschenrechte. Ich gratuliere Jineth Bedoya und Mayerlis Angarita zum Anne-Klein-Frauenpreis 2018 und wünsche ihnen für ihre Arbeit für den Frieden weiter Erfolg. Wir brauchen Euch!

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